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Jüdische Rundschau · 1935-11-29 · Heft 96 (29.11.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 96 (29.11.1935)
Date
1935-11-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Setfa 2 JODISCHE RUNDSCHAÖ Nr. 96, 29. XI. 1935 Zu den Nürnberger Gesetzen die im Jüdischen verankert war und deren Lebensinhalt das Judesein bildete. Gewiß wurde aus dem Geist dieses Judentums heraus jüdische Arbeit geleistet — in den Gemeinden, bei sozialer Fürsorge, in jüdisch-politischen Verbänden, aber es war eine Arbeit, die am Rande des Lebens stand, ohne daß sie in das Zentrum von Geist und Gesellschaft eindrang. So kam es, daß gerade aus den Kreisen, die es besonders kultivierten, schon sehr früh der Ruf erging, man müsse das Judentum ״verinnerlichen“ und sich ganz in seinen Dienst stellen, wenn man es für lebensgestaltend halte. Die Hinwendung zum nationalen Judentum, zum Zionismus, wurde sehr bald die Konsequenz solcher Forderung. Heute müssen wir in der Welt als Juden bestehen, als sonst nichts! Die Welt betrachtet uns in allen unseren Lebensäußerungen als Juden, und wir müssen uns bewähren. Solche Probe aber kann nur gelingen, wenn sie von Menschen erfüllt wird, die nicht allein durch Abstammung und Willen mit dem Judentum verknüpft sind, sondern die wirklich im Jüdischen zu Hause sind, von ihm durchpulst werden und zugleich sein lebendiger Träger sind. So entsteht erneut die Frage: Ja-Sagen zum Judentum — was bedeutet es für u n s? — Wir glauben, daß die Antwort eine cin'ache ist, wenn auch erst nach dieser Antwort die ganze Vielfalt eines Lebens mit seinen Schwierigkeiten und die Verschlungenheit seiner Wege sich offenbart. Fs geht um das Ja- Sagen zum jüdischen Volke, um d ie Frage, wie wir, ein versprengtes Glied dieses Volkes, wieder zu ihm finden können, wie in uns und durch uns das Volk wieder lebendig sein kann. Wir haben vor kurzem Ausführungen von Hugo Bergmann, dem Rektor der Hebräischen l'niversität in Jerusalem, veröffentlicht, in denen unter dem speziellen Gesichtswinkel Palästinas die Frage erörtert wurde, wie das jüdisehe Volk wieder ein einheitliches Gesicht hei seinem Zusammeiiströmen von den Enden der Welt erhalten könne, Hier soll das Problem anders gestellt werden, nämlich vom Einzelnen aus und unabhängig von der Frage, wo wir leben, wo wir Träger jüdischen Volkstums sein wollen. Wir erstreben zweierlei: Die Verbundenheit mit dem jüdischen Volke, seinen geistigen Inhalten und seinen m a t e r i e U c n Regungen ist eines der Ziele, die vor jedem einzelnen Juden stehen, und zugleich erstrebt er, Träger dieses Volkes zu sein und durch sein Leben die Existenz des Volkes zu garantieren. Rückkehr zum Volke ist daher ebenso sehr eine Angelegenheit unseres geistigen Lebens, von Verstand, Wissen und Phantasie, unseres Be- 1 wußtseins, wie es eine Tatsache unserer ‘ realen Existenz, unseres Daseins ist- Jeher diese beiden Bezirke gilt es zu sprechen, um den Weg zu klären. Es scheint, daß im Bezirke des Geistigen, des Be- »vußtseins die Dinge einfacher liegen. Wir können lernen, was das jüdische Volk ist, wir können uns durch Studium seine nationalen Werte, seine geistigen Schöpfungen aneignen und zu unserem Besitze machen. Wir können seine Geschichte naeherleben und auf all diesen Wegen unser nationales Gefühl lebendig werden lassen, auch zu dem heute lebenden jüdischen Volke inneren Kontakt gewinnen, Und damit ist mehr erreicht, als nur eine Stärkung unseres geistigen Besitzes: Die Ausfüllung unseres Bewußtseins mit jüdischen Inhalten ist ,zugleich die Schaffung einer jüd i s c 11 e n W irklichkcit, eine l hngestaltung unseres Seins, da das jüdische V״lk>ünn zu einem Teil itn Geistigen begründet ist. Es teilt diese Eigenschaft gewiß mit aller! anderen Kulturvölkern, wenn cs sie auch in besonders eigenartiger und prägnanter Form entwickelt hat. Allerdings seien wir uns über eines klar: Die Schwierigkeiten dieses Weges dürfen nicht unterschätzt werden. Es ist nichts damit getan, sich ein paar Schlagvnrte anzueignen, ein paar Vokabeln zu lernen und einige Grundwahrheiten der jüdischen Gegenwart*• künde 711 kennen, sondern die Bemühung um dieses geistige Erbgut des Judentums ist für die meisten von uns ein außerordentlich schwerer Weg, der mit Opfern verbunden ist. Dennoch kann er beschritten werden, und zwar zunächst ohne Rücksicht darauf, wie weit der Einzelne gelangt. Anfängen bedeutet hier schon sehr viel und stärkt bei dem, der sich einmal dazu entschlossen hat, die Kraft zum Vorwärtsschreiten. Viel schwieriger liegen die Dinge auf dem Gebiete der materiellen Wirklichkeit, in der wir selbst Träger des jüdischen Volkstums sein, als Juden von Fleisch und Blut leben wollen. Es ist die Grunderkenntnis des Zionismus, daß dies nur in Erez Israel möglich ist. Nur im Lande unseres Aufbntis können die alltäglichen Lehensäußerungen des Menschen zugleich jüdisch betont sein, nur dort kann Hebräisch den Charakter der Umgangssprache haben, nur dort kann Wirtschaft und Gesellschaft zugleich eine vollkommene, natürlich gegliederte und normal funktionierende jüdische sein. Was hier, in der Galuth auf Ein Interview mit dem Reichskanzler Die Tagesprcsae veröffentlichte am 28. November den Bericht über ein Interview, das der Reichskanzler dem Präsidenten der United Press, dem amerikanischen Journalisfen Mr. Baillie, gewährt hat. Im Rahmen dieses Interviews kam unter anderem die Frage nach den Gründen der Judengesetzgebung von Nürnberg zur Sprache. Der Reichskanzler betonte in diesem Zusammenhänge, daß ״d i e s e G e s e t z g e b u n g n i c h t a n t i j ü d i 8 c h, 8 o ndern prodeutsc 11“ ist. Am Schluß des Berichtes über den Teil der Unterredung, der sich mit der Judengesetzgebung beschäftigte, heißt es sodann: ״Auf die Frage Mr. Baillies, ob weitere gesetzgebe־ rische Maßnahmen in dieser Frage zu erwarten seien, diesen Gebieten geschieht, ist und bleibt Stückwerk, gewiß nicht ohne Wert, aber doch nur sehr eingeschränkt als jüdische Realität zu bezeichnen. So bleibt außerhalb Palästinas zunächst die Anknüpfung an die geistigen Bezirke des Judentums, durch deren Eroberung in gewissem Umfange auch eine jüdische Realität von uns und in uns geschaffen wird. Und hier nun entsteht die Frage, wie wir zu dem eigentlichen Wesen dieses Volkstums stehen. Wir werden es nicht als eine Gegebenheit hinnehmen können, der wir uns kritiklos anschließcn — dazu sind wir zum größten Teil zu weit von ihm fortgeführt gewesen. Aber wir werden ebensowenig den Charakter dieser Kultur, des geistigen Bereiches, den das jüdische Volk geschaffen hat, aus den Augen verlieren dürfen, Und dabei ergibt sich: Wie jedes Kulturgut eines Volkes ist das Judentum nicht ein Gebilde, das mit den Kräften des Verstandes ausgeschöpft werden kann» das in seinen Teilen ausrechenbar ist, sondern es ist mit den tiefsten Gefühlskräften des Volk e s verbunden — des Volkes, dessen Begabung in einem besonders hohen Grade auf den Bezirk des Glaubens gerichtet war. Wenn wir durch die weiten Gefilde des jüdischen Geistesgutes hindurchgehen und sie nicht als Folklore betrachten, sondern zu unserem eigensten Besitz und uns zum Träger ihrer lebendigen Fortentwicklung machen wollen, dann können wir an diesen Zusammenhängen nicht vorüber. Sie stellen uns — ob wir wollen oder nicht —־ vor die ernsteste Frage, die dem Menschen überhaupt entgegentreten k^nn. Für den Juden unserer Zeit, der selbst ein gl au - bensfähiger Mensch ist, wird es nicht schwierig sein, die Beziehungen zu diesen nationalen Kräften zu gewinnen. In ihm werden Töne anklingen, die er intuitiv versteht, und er wird mit einer Art von nachtwandlerischer Sicherheit seinen Weg ins Judentum hinein gehen können. Wie aber steht es mit den nicht wenigen andereu, den Entwurzelten, aus dem Zusammenhänge des Volkslebens und seinen Gefühlssphären weit Hinausgeführten? Sollen sie vor der Aufgabe resignieren, wieder volle Juden zu werden, den Besitz ihres Erbes anzutreten und es in eine neue Zukunft hinüberzutragen? Sollen sie den Weg des tragischen Verzichtes gehen, indem sie sich bewußt sind, nur mit einem Teil ihres Wesens Jude werden zu können, die Angliedcrung an das historisch gewordene Volk nur unvollkommen zu finden und vieles von dem, was auch heute — bewußt oder unbewußt — Ausdruck seines Wesens ist, nicht mitcrleben zu können? — Wir glauben, daß diese Möglichkeiten nicht befriedigen können. Und in der Tat sind sie auch nur selten und nur von wenigen so verwirklicht worden. Viel größer ist schon die Zahl derer aus diesem Lager, die den Weg des Kampfes beschritten haben, die in sich die Hoffnung tragen, daß die Zeit der Säkularisierung angebrochen sei, daß die Gläubigkeit des jüdischen Volkes neuen Ideen Platz machen müsse, und daß die Durchsetzung ihrer Meinung ihre spezielle Aufgabe sei, wenn sie sich dem jüdischen Volke wieder eingliedern. ״Umwertung der jüdischen Werte“ ist ihre Parole, mit der sie den Weg zum Volke beschritten haben. Man übersieht dabei allerdings zumeist, daß der Kampf nicht so sehr gegen die Glaubenskräfte im Volke geführt wird, als gegen die Richtung diesW Glaubens, nämlich gegen die transzendentale Bindung des Judentums, und daß man an die Stelle der alten Glaubenssätze neue — Glaubenshoffnungen setzt, die manchen vielleicht stärker Zusagen, die aber doch spontan beweisen: Ein Volk lebt nicht allein aus dem Boden und von dem Werk seiner Hände, es ist nicht allein aus den Produkten seines Verstandes zu verstehen, sondern es bezieht seine stärksten Lebenskräfte aus den Bezirken des Irrationalen. Noch ein letzter Weg ist für diesen Kreis gegeben, der vielleicht den Einzelnen auch nicht voll befriedigt, aber doch die Möglichkeit gibt, daß das Volk als Ganzes von solchen Konflikten verschont wird. Es ist der Weg, den man als den der ״nationalen Disziplin“ antwortete der Führer, daß die Reichsregierung von dem Bestreben geleitet sei, der Selbsthilfe des Volke*, die »ich unter Umständen in gefährlichen Explosionen entladen könnte, durch gesetzgeberische Maßnahmen vorzubeugen, um auf diese Weise, wie bisher, Ruhe undFrtoden in Deutschland zu wahren. Auf dem Kurfürstendamm ln Berlin seien ebenso viele jüdische Geschäfte wie in New York und den anderen Hauptstädten, und der Augenschein lehre, daß der Betrieb dieser Geschäfte absolut ungestört vor sich gehe. Er glaube, daß durch dieNürnbcrgerGesctzeneue Spannungen vielleicht verhindert würden. Sollten diese allerdings kommen, so würden unter Umständen weitere gesetzliche Maßnahmen notwendig werden.“ bezeichnen könnte; ein Versuch also, alle geistigen Elemente des Judentums für sich zu erobern und in ihnen zu leben, soweit man es kann, aber zugleich in dem Bewußtsein, daß es notwendig ist, die persön* liehen Reservate, die wir Heutigen uns machen mögen, einst wieder aufzuheben. Das bedeutet, daß mancher Jude von heute gewiß nicht imstande ist, die Totalität des Judentums in seinem Leben zu verwirklichen, daß aber als Ziel vor der Arbeit der jüdischen Gesamtheit diese Verwirklichung steht; daß die Hoffnung lebendig ist, die Generation der Kinder werde im Geistigen, dessen Umgrenzung״ und Inhalt sie selbst zu bestimmen haben wird, ebenso stark, ebenso tief gefühlsverbunden Jude sein, wie sie es — so hoffen wir — im materiellen, gesellschaftlichen und physischen Sinne wieder sein wird. Der Zionismus ist in der Periode seiner ideelichen Konzipierung diesem Problem dadurch begegnet, daß er die religiöse Frage als Privatsache bezeichnete. Er entsprach mit dieser Formulierung in der Tat dem Zustande, in dem die zionistische Idee ein abstraktes Ideal war. Heute, in der Zeit der Verwirklichung gewinnt die alte Formulierung einen neuen Sinn: Der Bezirk des Glaubens bleibt gewiß auf die private Sphäre des Einzelnen beschränkt, der aber vor Entscheidungen gestellt ist, die in ihrer Auswirkung das nationale Leben als solches gestalten. * Ja-Sagen zum Judentum — Rückkehr zum Volkstum — Erneuerung des Volkes — Auseinandersetzung mit den Kräften unseres Volkes sind die großen Etappen eines W§ges, der vor uns allen liegt. Die eigentlichen Entscheidungen beginnen erst dort, wo dieser Weg ins Konkrete hineirlführt, wo es um die wirkliche Gestaltung des Lebens geht Die Probleme, die jeder von uns zu beantworten hat, werden mit dem Fortschreiten auf diesem Wege immer ernster. Je stärker wir ja-sagen, je mehr wir nationales Judentum, Zionismus verwirklichen wollen, je enger wir an das Zentrum jüdischen Lebens, an Palästina uns anschließen, desto drohender werden die Fragen, die vor uns stehen und Antwort heischen. Diese Antworten werden nicht immer eindeutig sein und für den, der sie gibt, nicht immer leicht; aber sie werden, wenn sie ebenso ernsthaft gegeben werden, wie sie uns gestellt sind, eine Generation zwischen den Zeiten und zwischen den Ländern befähigen, vor der Geschichte zu bestehen. Nur so werden wir unsere Existenz als Juden vor uns und vor der Welt rechtfertigen und unser Leben — den äußeren Bedingungen nach wahrlich nicht leicht! ־— zu einer Stufe erheben, die über diesen Voraussetzungen liegt, K. L Exzesse in Posen Warschau, 27. November. (JTA.) Nationaldemokratische Studenten der Universität Posen haben das Chaluzheim in Posen überfallen und zerstört. Der IJ eberfall auf das Haus erfolgte, während die Chaluzim auf Landarbeit waren und nur die mit der Besorgung der Küche betrauten Cha* luzoth sich im Hause befanden. Die den Eindringlingen sich entgegenstellcnden Mädchen wurden von diesen angegriffen und mißhandelt. Unter Beteiligung von 30 Delegierten wurde in Kattowitz die Konferenz der jüdischen Gemeinden Pol n isch-Ober- Schlesiens eröffnet. Es wurde über die Lage der jüdisehen Bevölkerung im Zusammenhang mit der verstärkten antisemitischen Propaganda beraten. Auf Anregung des Vereins Jüdischer Kaiifleute fand in Warschau eine Konferenz der jüdischen kaufmännischen Organisationen in den größeren Provinzstädten und der Vereinigungen der Kleinhändler zwecks Schaffung eines Zentralrats der jüdischen Kaufmannschaft Polens statt. Nach mehrstündigen Verhandlungen wurde die Bildung des Rates beschlossen. Hauptschriftleiter: Dr. Robert Welt sch, Berlin - Ctiarloltcnburg 9 (nu!'.. verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Lo e w e n s t e i n, Berlin W 15. Atizcigenleiter 11. verantwortlich Mr den Inhalt der Anreigen! Hermann F i n n. Berlin-Tempelhof. Gültig: Anzeigen-Prehliate 4 vom 15. Oktober 1935. Verlag und An- «igenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Mcinckestr. 10, D.-A. Oktober 37 237. — Druck: Siegfried Scholem, P’n -Srhöneberg. Sachgemäße ״. sditeunige Durdüflhrung Ihrer AUSWANDER UNO nach Palästina und anderen Ländern G < n eralreprascntanz in HAIFA Dipl.-Kaufmann Dr. Paul Schnurmacher HOUSE 1EW1S11 CHAMBER OF COMMERCE Half«, I-, O. B. 2m . Telefon!97 VESNOQINS-IIOUI» Amtsger,-Rat a. D. Dr. Aschner Oberreg.-Rat a. D. R. Kempner Berlin WIS, Melnekastr. •. 1 ן Bismarck 2856 <9 ,/a—13 u. 16V»~l9Ut1r) ATI O MIN ♦ TRANSPIR-PROIIKTI ♦!Eigenes Büro ln T E i - A V I V mit Dr. Jur. W. Marx, Tal-Aviv 1* Schalem Alelchem Sir. Ecke Ben Jehuda Read ANIAAIBIRATUNG

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