Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 96 (29.11.1935)
- Date
- 1935-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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312.1235־ J Jir.A / Jahrgang 40 Preis 25 KpL JÜDISCHE RDNDSCHÄU Sd1rlfHtltaa1|,VarUg «»AnnifeBVirwaltuigt B*rllnWI5,BÄ®l11«k*»tr. 1® F«mrul: Samniel-Nr. fl Bismarck 3181/82, 7*65/70, 7240/42. — Bertxgspreis einsdhL Rc»tellf;eld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. hai Abholung RM 1,88 brw. RM 539. — Postscheck Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groft - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bertigsgebühren. - Erscheint Jad•■ Dienstag and Freitag• BERLIN ג׳ כסלו תרצ״ו FREITAG, 29. NOVEMBER 1935 GBlUgt Aaxelg.npr.I.IUta Nr. 4. Di. J2 g.»p.l<en. mm - Zm'1« 20 Rpf, tö, Familiennachrichten 15 Rpf. Auln.hme von An/eip.n an beatimmten Taten oder Stellen und in bealimmte Amöben kann nicht jewähtleiatet weiden. Gelecenheii». anzeigen nur bei Vorauazahlung auf Poeischeck - Konto Berlin 71618 od«r b»r Montae bla Donnen»»* 9-18 Uhr, Freitag 9 — 1« Uhr. AnnahmeachluK fitr die Dienet.g - Auagabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - An»- gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am Tag tot Encheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina« (Baseler Programm) Ein Volk geht zum Leben Geist und Routine Diese Zeit ist eine Epoche der Riickwendung zu uns selbst. Wir Juden haben den Weg zu unserer eigenen Art wiedergefunden, die verloren zu gehen drohte. Tausende und Zehntausende mühen sich um die Quellen ihres Judeseins und wollen sie wieder lebendig fließen lassen. Viele haken die Notwendigkeit dazu erst begriffen, als die Umwelt sie darauf hinwies, andere aber spürten den Atem der Zeit schon damals, als die Welt sich ihnen noch bereitwillig öffnete, und gingen als ein Vortrupp den Weg zu sich selbst, den in vergangenen Jahrzehnten so schweren und von vielen — Juden und Nichtjuden — nur zu gern belächelten Pfad der jüdischen Renaissance. Heute scheint cs, daß der Umbruch zu neuem Willen, zu neuen Zukunftshoffnungen und zu neuen geistigen Bestrebungen sich bei uns beinahe vollkommen durchgesetzt hat. Es scheint so. Der ״Anruf“, der durch die Wucht der Ereignisse uns Juden traf, war in der Tat sehr stark. Das Echo, das er bei vielen unseres eigenen Kreises erzeugte, war seiner würdig. Und so manches Wort und manche Tat, die aus unseren Bezirken hervorgegangen sind, bezeugen die lebendige Kraft, die unter den Juden Deutschlands auch in unserer Generation noch wach ist. Dennoch wäre es verfehlt, die Antwort, die auf das Wort der Umwelt kam, als sie sagte: ״Ihr seid J uden“, und die lautete: ״Wir wollen es stolz und in Verbundenheit miteinander und mit unserer Geschichte sein“, in ihrer Realisierung im Leben der jüdischen Gesamtheit und des einzelnen Juden zu überschätzen. Auch diese Antwort droht dem zu erliegen, was die Gefahr jedes Geistigen in der Welt überhaupt ist: der Routine. Das jüdische Leben in den Gemeinden Deutschlands ist heute so lebendig wie vielleicht noch nie, und jeder Einzelne von uns ist in eine Fülle von Beziehungen hineingestellt, die ihm die Möglichkeit der Betätigung und der Anteilnahme geben. Dennoch ist die Kraft jüdischer Verwirklichung, die Realisierung echten jüdischen Lebens und die Vertiefung der geistigen Basis des Judentums im einzelnen Juden als dem Träger dieses Volkstums bei weitem nicht so stark, wie der äußere Rahmen der Betriebsamkeit zunächst schließen läßt. Und darauf gilt es heute mehr denn je hinzuweisen! Vor uns steht eine Aufgabe der Erziehung — der Sclbsterziehung einer Generation, die das Zentrum ihres Lebens zu einem neuen Schwerpunkt hin verlagern will. Nun gehört gewiß zu jeder Erziehung auch ein Maß an Routine, an ״technischen“ Voraussetzungen, an iiußeren Formen, die nicht entbehrt werden können. Aber wer glaubt, daß mit diesen Behelfsmitteln wirklich Mensehen gewandelt werden können, daß man mit ihnen zum Herzen sprechen und cs zum Tönen bringen kann, der irrt! Im Geistigen versagen Technik und Routine, die möglichst glatt abläuft, im Geistigen kommt es vielmehr immer wieder auf die Auseinander- Setzung und auf die Bindung an, die den Mensehen mit den Ideen verknüpft, diese in sein Wesen als unverlierbaren Besitz einfügt. Erziehung des Menschen, Selbsterziehung einer Generation ist zugleich die Erweckung einer Kraft, die den Menschen und die Gesamtheit neu bindet, sie ineinander verankert und so einen zentralen Punkt ihres Lebens schafft. Dies gilt für alle Situationen äußerer Art, in denen wir leben, und darum gibt es keinen grundsiitzliehen Unterschied zwischen den Aufgaben einer nationalen Erziehung des Volkes in der üaiuth und in Palästina; überall gilt es vielmehr, die Bindung des Menschen an die Werte, an die großen Inhalte und Ziele der jüdischen Nation zu vollziehen (mag auch der Weg dazu unter den Bedingungen der Galutli ein etwas anderer sein als der in Palästina gegebene). Der Zionistnus als der organisierte Versuch einer neuen Verlebendig»1ng des jüdischen Volkes durch eine große Aufgabe, die dieser und den folgenden Generationen gestellt ist, kann nur als Bindung dieser Art wirklich verstanden werden. Er ist mehr als eine biologische Erneuerung, mehr als nur Sicherung der materiellen Lebensgrundlagen und Kräfte des Volkes, sondern der Versuch, der geistigen Anarchie in unseren Köpfen, die wir nicht nur physisch über die Welt versprengt sind, sondern ebenso sehr im Geistigen in alle Windrichtungen der Seele und des Verstandes anseinandergerissen wurden, wieder eine verbindliche Basis entgegenzusetzen. Diese Erkenntnisse gilt es in unserer Arbeit, die wir an uns selbst zur leisten haben, in den Vordergrund zu rücken. Hieraus erst ergibt sich eine kritische Einstellung zu den Fragen etwa unserer innerjüdischcn Propaganda, die zugleich eine Werbung für den Zionismus ist, und die nicht Propaganda irn Sinne der Uebcrredung, sondern mit dem Ziele der totalen Erfassung des Menschen, d, h, seiner erzieherischen Umgestaltung bedeutet. Hieraus folgt weiter unsere Bewertung der sprachlichen E r z i e 11 u n g, die nicht die Aneignung irgendeines ״Volapük“ in Gestalt des Hebräischen als der für alle Juden verbindlichen Sprache sein kann, sondern die mit der Erfassung der Sprache eine Hin- Wendung zu der in ihren Worten, in ihrer Phraseologie und in ihren geistigen Schätzen niedergelegten Volkseigenart erstrebt. Nicht weniger bedeutsam ist diese kritische Einstellung auf dem zentralen Gebiete jeder Erziehung, der Methodik und dem Gehalt unseres jüdisehen Schulwesens und seiner heute in den Vordergrund des öffentlichen Ingresses rückenden Voraus- Setzung, nämlich der jüJkschcn Lehrerbildung. Auch hier gilt es, von den Gefahren der Routine abzukommen. Wir brauchen gewiß Lehrer, die jüdisch gebildet sind; das sind aber nicht Menschen, die ein gewisses Maß an Wissen sich angeeignet haben, sondern die auf der Basis dieses Wissens, das selbstverständliche Voraussetzung ist, die tiefe Gebundenheit ans Judentum empfinden, die notwendig ist, um es einer jungen Generation zu übermitteln. Wir brauchen dafür Menschen, die unter allen Umständen, mögen die äußcreit Bedingungen des Lebens und der Weit um uns sein wie immer, zu uns gehören und ihre Wirksamkeit sich nur im innerjüdischcn Bezirk vorstellen können! Wir dürfen aber auch nicht vergessen, diese Maßstäbe auf ganz anderen Gebieten unserer Arbeit anzulegen, etwa auf die berufliche Hachse har ah für Palästina, die ebenfalls nicht allein danach bewertet werden kann, daß Menschen hier körperlich und fachlich für ein Arbeitcrlcben in Erez Israel sich bereit machen, sondern daß sie eine gewisse Zeit dazu benutzen sollen, um den Anschluß an das Volk, sein Leben und seine Geschichte von innen her zu finden. Ueberwindurig der Routine, Wendung zum Geist als dem gestaltenden Faktor jeder Erziehung und — wie wir glauben — dem formenden Element des nationalen Lebens des jüdischen Volkes in allen seinen Perioden, in Vergangenheit und Zukunft, sind somit die Postulate auch unserer Gegenwart. Vergessen wir dabei eines nicht: Mag auch uns Juden in Deutschland die Ausgliederung aus den Bezirken des Umweltlcbens heute sehr scharf erscheinen — eine Ausgliederung aus dem Bereich des europäischen Lebens und des europäischen Geistes als Ganzem findet auch heute nicht statt und wird in aller Zukunft nicht möglich sein. Der Wettkampf mit den geistigen Gütern Europas und der anderen Völker wird uns auch in Zukunft nicht erspart bleiben. Ein jüdisches Volk, das auf diesem Gebiete nicht besteht, das nicht den Weg zu sich selbst gefunden hat, das einen Nationalismus der Phrase und des reinen Bekenntnisses vertritt, ohne daß sein Wesen im Tiefsten berührt worden ist, wird diesen Wettkampf niemals bestehen können. Es wird in Palästina zu einem levantini sehen Bevölkerungsteil werden, haltlos irn Geistigen, skrupellos im Moralischen, frei von Bindungen überhanpt, die den Menschen und ein Volk existenzwürdig machen, und es wird in den Ländern Europas dort, wo es nicht den Weg der Assimilation geht, ein Gliettoleben führen, ausgeschlossen von der eigentliehen Anteilnahme an den Bestrebungen der Umwelt und nicht fähig, sich selbst etwas zu sein und sich im Eigenen zu finden. Diese Verkümmerung in einem unsichtbaren Ghetto steht besonders eindringlich als Gefahr vor uns Juden in Deutschland, weil viele von uns sich heute gewiß als Juden bekennen, sich aber damit begnügen, weil viele das Jüdische wir eine fremde Wissenschaft erlernen, Hebräisch wie eine Sprache unter Sprachen, unsere Geschichte wie irgendeine Historie — aber weil ihnen noch nicht der eigentliche Sinn ihres Tuns .׳.!in Bewußtsein gekommen ist. Darum gilt es heute, die Kräfte zu sammeln, die im jüdischen Volk Bausteine Zusammentragen können, die die Bindung des Volkes an sein Wesen 11 nd seine Ideen fundiere n. Der ״Kinus“, von dem man bei uns gesprochen hat, die Sammlung der zerstreuten Elemente der nationalen Kultur, ist nicht allein eine Sammlung von sachlichen Faktoren, die geeignet sind, diese Kultur zu stützen, sondern ebenso sehr eine Sammlung von Menschen, die in ihrem Wirken miteinander — wenn auch unsichtbar — dadurch verbunden sind, daß sie über das mechanische Erlernen von Dingen oder über das so leichte Annehmen von Pro״:;:.amen hinaus den Weg zum Judesein gehen wollen. Diese Bindung an das Jüdische in einem umfassenden nationalen Sinn bedeutet naturgemäß zugleich, den Ansatzpunkt zu seiner Fixierung im Inhaltlichen zu suchen. Diese kann in unserer Zeit gewiß keine vollständige sein, da die Sammlung der sachlichen Fak* toren, die Judentum ausmachen, noch unvollständig ist, aber die Ansatzpunkte eines solchen Weges werden in dieser Zeit gefunden wenden müssen. Teile des jüdischen Volkes, besonders des Westjudentums, sind heute in der Gefahr der ״Vaterlosigkeit“. Das Vaterland versagt sich ihnen. Sie streben heim nach Erez Israel oder nach neuen Siedlungspunkten. Die Kultur, mit der sie sich verbunden glaubten, erweist sich als nicht mit ihnen untrennbar verschmolzen. Die Rückkehr zum jüdischen Volke, zur großen Mutter ihrer Vergangenheit, muß eine wirkliche Rückkehr in ihren Schoß sein und nicht eine äußerliche Anlehmnig, die durch den nächsten Sturm der Geschichte wieder zerrissen werden kann. Ja - Sagen zum Judentum ־־־־• und was dann? Mit verschwindenden Ausnahmen stehen heute alle Juden Deutschlands zu sich selbst, zum Judentum. Das zündende Wort vom ״J a - S a g e n zu m J u d e n t u tu“, das an dieser Stelle geprägt wurde, hat seine Kraft bewiesen und ist im Leben fast aller Juden zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Mancher, der seinem jüdischen Wesen vor nicht allzu langer Zeit noch fernstand, kann dies kaum mehr begreifen, so stark ist die Bejahung des Judentums bei ihm geworden. Die Forderung ist in ihrer einfachen Klarheit zwingend und richtig. Sie bedeutet einen entscheidenden Wendepunkt für all diejenigen Juden, die ihr Judentum früher zu verbergen trachteten, weil es ihnen als das Uebcrbleibsel einer Vergangenheit erschien, an die sie sich nicht gern erinnerten, und sie ist wichtig für die große Zahl der anderen Juden, die zavar ihr Judesein gelegentlich bekannten, es itn täglichen Leben aber kaum beachteten. Und dennoch birgt dieses Wort eine große Gefahr in sich: Es kann — überflüssig zu sagen, daß es so nicht gemeint war — zu einem neuen ״Trotz- Judentum“ führen, das sich nur aus dem Gegensatz zur Umwelt legitimiert, gewiß den Charakter einer edlen Regung an sich trägt, aber nicht genügt, um L e b e n zu gestalten und eine Gemeinschaft zu bilden —heute noch viel weniger als in der Vergangenheit. Denn wir kennen dieses Trotz-Judentum, das sich mit einem gewissen Stolz zur Gemeinschaft der Väter bekannte, aus den Jahrzehnten vor dem Kriege, aus jener Zeit, als die bürgerliche Emanzipation der Juden zum ersten Male bedroht schien, als große jüdische Verbände aus seinem Geist heraus geschaffen wurden und eine jüdischakademische Jugend, der man Idealismus gewiß nicht absprechen konnte, sich mit Begeisterung zu ihm bekannte. Dieses Trotz-Judentum war in den vergangenen zwei Generationen ein Judentum des Ersatzes. Es war nicht fähig, eine neue Generation heranzubilden,