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Jüdische Rundschau · 1935-11-22 · Heft 94 (22.11.1935) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 94 (22.11.1935)
Date
1935-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÖDIS-CHE RUNDSCHAU Nr. 94, 22. XI. 1935 Unsere Dichtung in diesen Tagen Von Jakob Picard Vor einer Reihe von Wochen rührte an dieser Stelle ein einsichtiger Kritiker bei der Besprechung mehrerer Versbüch er, obwohl er es nur mit Einzelfällen m tun hatte, damit doch an ein Thema, das brennend ist schon lange, schon seit der beginnenden Neugestaltung unseres Lebens. ״Vers b i! c h e r?“ wird inan fragen, ״was gehen die uns an in dieser Zeit, da Not uns bedrückt wie nie zuvor, Lebensnot?“ Aber vergessen wir gerade heute nicht, daß die geistige Not gegenüber der rohen Notdurft des Körpers nicht übersehen werden darf, vor der sie keineswegs zurücksteht. Trost der Seele brauchen wir durch Gestaltung der ewigen Gefühle, die nie ihre Wirkung verliert. Er ist so wichtig wie Sättigung des Magens; diesen banalen Satz auszusprechen, wollen wir uns nicht scheuen, da Zahllose unter uns vor Verlassenheit nicht aus noch ein wissen. Das Ziel kann neben der Religion nur durch die Kunst erfüllt werden. Und eben Lyrik' war immer der Urmund jeder seelischen Bewegung, sei es zu Kampf, Tröstung oder Klage. Auch gilt, was für diese reinste Form der Kunst zutrifft, die sicfi der Sprache als Ausdrucksmittel bedient, für alle and ereil gl e icherw eise. Die Gründe, die später eine junge Autorin gegen den oben erwähnten Kritiker hier vorbrachte, führten mitten in den Fragenkomplex hinein, bewiesen aber, wie uns scheint, das Gegenteil von dem, was sic wollte. Worum geht es in unserer allgemeinen Situation? F.s geht darum, eine 'Gefahr zu beseitigen, die sehr drangern! ist, nämlich die, daß unser künstlerisches Schaffen durch die Zc!!Verhältnisse aus stofflichen und persönlichen Gründen an Niveau verliere und banalisiert werde, weil einerscits die Schaffenden fehlen, die den rechten Mallstab vertragen, und weil oft die persönliche Umgebung derer, die sich für berufen halten, sie mir darum bejaht, weil sie ihresgleichen siml und uhcrhaiipt etwas von sich geben. Auf diese Gefahr hiu/uweisen, heißt schon, sie zu bannen. Und es gilt, ic-.t/iilvgcn, was dazu 11t11ig ist, das heißt, zu bestimmen versuchen, was das ist; Dichtung. Vom Schaf lenden aus gesehen ist sie Beschwörung und < 1 11 a d e und gibt ein Sinnbild des Leben' in großer Vereiuf.'H luiitg; und der Dichter ist der, dem das Schicksal aufcriimt ist, Leid und Schwere und Lust der Lrdenmenschheit 111 s!J1 yu erleben, um es für sie durch Gestaltung zu bannen. Dichtung ist (jelieimiiis von den Untergründen des Lehens; sie l.ilit sieh im (inmde nicht genau umschreiben, cs sei denn mit den Kategorien des philosophischen Appa-!־,״des; alier damit w ire nicht viel getan. Und sie kommt aus demselben 1,U1cli wie es der ist, dem religiöse Erhebung entspringt. I).!1t1!n aber soll sie gefeit sein gegen Eitelkeit und /weckst; dien des Tages, Vom Dm! ieku mleii, vom Atifnehmenden aus gesehen abet darf sie niemals zur 1 hiierhaltuiig dienen oder der Zerstreuung, Wie ein gerade in unseren Kreisen, sagen wir es offen, sehr Verbreit! ter irrtum es will. Und nie!׳!,als erhält Kund allgemein durch neue Stoffe neue F o r itt g e s e t / e; immer sind es dieselben seit je, was auch AUiwriirn in den Zeilen erlebten. Und es ist auch nicht so, daß ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Zeit an gewisse Stoffe gebunden sei. Keineswegs kommt es zum Beispiel darauf an, nur jüdische Stoffe, seien es solche aus!lern heiligen Buch oder aus unserer späteren Geschichte zu wählen und sieh zu diesem Zweck damit vertraut zu machen. .Schnell ein wenig Dubiiow, ein wenig Grätz oder gar Kastein 'gefällig, nicht wahr, in flott gereimten Versen dargeboten! Nein, so geht es nicht, so leicht ist cs nicht. Es geht überhaupt nicht von beute auf morgen, wie schnell fertige und tiefenlos Bewegte in den letzten zwei Jahren wohl geglaubt haben und wie ein genügsames Publikum da und dort ans wohl verständlicher Nachsicht sie hinge-!Kimmen hat. Seibstver.-tändlich werden uns spezifisch jüdische Schicksale doppelt bewegen. Voraussetzung aber ist immer, daß» sie uns als niveauhaftc Kunst geboten werden, die Gestalt erhalt ans echtem Gefühl und ursprünglichem, einmaligem Lornigcsd/, das dem einzelnen Schaffenden ein- Wohnen muß. Käme es lediglich darauf an, nun eilten spezifisch jüdbcheii Stoff, im anekdotischen Stirn, zu wählen, so waren Hebbel, wie Otto Ludwig und Wilhelm von Scholz — der das Drama des mittelalterlichen Juden geschaffen hat -. oder, um einen Lyriker zu nennen: Börries von Münchliaiisin, der ein ganzes Buch ״jüdischer Balladen'‘, das noch dazu von J. Al. Lilien illudrivrt war, geschrieben hat, zum Beispiel al' ״jüdische“ Ilichter anzusprechen, um es paradox aus/udri'u k! n. Aber es braucht auch keineswegs einer tragischen Zeit, wie wir sie jetzt durchleben, nun zwangsläufig ein Dichter geboren zu werden, der gerade sie gestaltet und gerade ihren Menschen Erhebung und Trost geben kann; Gnade des Schicksals wäre es. ln einer ereignislosen, gelassenen Zeit könnte einer ebenso gut, nein, viel eher kommen, der die große Tragik der Jahrhunderte gestaltet, weil durch die Ferne Verklärung des Geschehenen uns wird, und Kunst auch dieses bedeutet; während andererseits in Zeiten, da das Grauen über die Erde geht, schon die Distanzlosigkeit des Erlebnisses den Zeitgenossen hemmt, es zu gestalten. Und es muß weiter bemerkt werden, daß es kein Volk gibt, von dem man sagen könnte, ihm wohne die besondere Fähigkeit zu einer bestimmten Kunstform in ne, für das Drama etwa oder für Epos oder Lyrik; so daß wir etwa verlangen könnten, es möge uns eben heute der Lyriker entstehen, den wir brauchen, oder der Erzähler, weif eine weit verbreitete Meinung besteht, wir luden seien keine Dramatiker, weil uns aus religiösen Gründen oder nach unserem volkhaften Wesen der Sinn für das Tragische an sich mangle. Nie aber ist bewiesen worden, daß diese Voraussetzung richtig ist; weil die Kulturgeschichte der Menschheit, also auch die unsere, noch nicht zu Ende und es noch keineswegs ausgemacht ist, daß nicht eines Tages auch uns ein Shakespeare geboren werde. Weder sind um seinetwillen die Engländer ein dramatisches Volk, noch uni Balzacs oder Stendhals willen die Franzosen ein episches; so wenig wie die Juden ein lyrisches wären, wenn sie unvermischt ein Gebiet für sich bewohnten, und die Behauptung stimmte, daß wir im Wesen zur Lyrik neigten. Darüber hat Leo Hirsch im Mai-Heft der ״Monatsblättcr“ des Kulturbundes Berlin Gutes gesagt. Doch noch ist es so, daß wir unter den Völkern wolmen und ihre Sprache sprechen, die die Form ihrer Wortkunstwerke abgint, wenn auch ein Neues nun begonnen werden H A N D S C H II H ־־ L R D R R in .flirn 'Sp.vrtfii Bacharach, Berlin..?,?״r־VhÄÄi ' soll. Und wenn wir das oben Ausgeführte fortsetzen, so müssen wir betonen, daß es heute eine ureigene Form für uns noch nicht gibt, trotz aller Bestrebungen, die wir kennen, weder in der Diaspora, noch in Palästina selbst; denn ob es sie in der heiligen Sprache, die jetzt zu der des Alltags gemacht wird, schon gibt, ist zum mindesten zweifelhaft. Die Worte der heiligen Bücher, von denen im Hebräischen ausgegangen werden muß, hatten bis vor kurzem nur eine Bedeutung, die sakrale; es fehlen ihnen die tausendfältigen Beziehungen ztiin heutigen Leben, die uns aus unserer Heimatspräche, der des Galnth, ja, rühren. Und dieses ist das Wichtige für die Beurteilung unserer Frage: dem dichterischen Wort an sich entströmen Kräfte; so wie das Radium unsichtbare Strahlen ausseliickt, so sendet der rhythmische Laut sie in unsere Seele unabhängig von den Begriffen und Stoffen. Es ist der Zauber, die Verzauberung durch das Geheimnis neuer Sinn — Bildhaftigkeit, wobei Lauf und Bild eins geworden sind; das aber ist nur möglich aus dem mythischen ewigen Melos der Sprache einer lebendigen Gemeinschaft. Hier im Melos vereinen sicli Form 11 n d Stoff. Und die stärkere oder mindere Ergriffenheit eines bestimmten Dichters vor dem Ewigen ist es, die seiner Sprache gerade sein Melos gibt; wie jede seiner Eigenschaften, gute wie niedrige, aus diesem, seinem Sprachklang erkannt werden kann. Er ist das untrügliche Merkmal des wahren Wesens eines dichterischen Menschen. Bialik seihst, der gewiß unverdächtig und vor allem wie keiner berufen ist, hat mit dem tiefen Wissen des wahrhaft und ursprünglich Schöpferischen, der es an sich selbst erlebt hat, die für ihn vielleicht schmerzliche Erkenntnis in seinem jüngst deutsch veröffentlichten Essay ״Zur Erneuerung der hebräischen Sprache“ den ״Leichtmachern“, wie er sie nennt, klar und deutlich dieses gesagt: ״Es wird noch die Zeit von Generationen darüber hinweggehen müssen, ehe es uns geglückt sein wird, unsern Sprachstoff in seiner ganzen Fülle zu beleben und ihn dem Volk in den Mund zu legen, ehe das Volk seine Sprache im Blute fühlen, ehe die lebendige Sprachempfindung in ihm von innen erweckt sein wird.“ Ja, dies ist es. Wenn wir also noch keine gemeinsame Sprache haben, und es überhaupt fraglich ist, ob uns die von diesem Meister für notwendig erachtete Zeit der Generationen von der Geschichte gewährt wird, so müssen wir einstweilen noch in der Sprache uns dichterisch ausdriieken, die die Heines ist und Börnes, Rosenzweigs und Beer-Hofmanns und die unserer Mütter und Väter. Ihr Melos muß unseren Gebilden anhaften, ihren Gesetzen sind wir verpflichtet, wie den unerschöpflichen Beziehungen der Worte zu dem Leben, das die vielen Hunderte von Jahren in uns wachsen ließen. Und diese Gebilde können ״jüdisch“ sein um ihres Ethos willen, unseres eigenen; also doch eines ,,Stoffes“; selbst wenn sie anekdotisch nichts mit unserer Geschichte zu tun haben. Man braucht dazu heute nur auf den einen Franz Kafka hinzuweisen. Aber sie müssen auch den a 11 gemeinen ästhetisehen Forderungen unserer Sprache Genüge tun. So kommen wir auf den Schluß zu der Frage, ob das, was im Laufe der erst kurzen, doch schweren neuen Zeit erschienen ist, den Anforderungen entspreche, die nacti dem Ausgcfiihrfen gestellt werden müssen. Es ist betrüblich, sagen zu müssen, daß es sich erwiesen hat, daß neue Dichter nicht an den Tag kamen, von denen es, nach den ernsten früheren Maßstäben, und im Vergleich zur äußer-jüdischen bedeutsamen Produktion, darum zu reden lohnte, weil sie vermöge ihrer Form und seelischen Haltung Dauer haben; auf keinem Gebiete des Dichterischen. Es hat sich erstaunlicherweise ergehen, daß cs im Sprachgebiet des Reiches nur wenige jüdische Dichter gibt. Aber im Grunde ist das nicht verwunderlich; denn, rechnen wir irgendeine deutsche Stadt von der Einwohnerzahl der gesamten jüdischen Bevölkerung Deutschlands, so werden wir oft nicht einen bodenständigen Dichter in ihr finden. Strengem künstlerischem Urteil gemigen nur die neuen Gedichtbücher von Karl Wolfs kehl, Ludwig Strauß und Manfred Sturmann, vielleicht noch das nachgelassene von G 0 1 d s c h 1 a g, obwohl auch er noch zu viel modische Abhängigkeit zeigt, und wenige Prosaseiten von anderen. Fast alles übrige ist Epigonen- oder Tendenzwerk, zum Teil aus dritter Hand und nicht ״aus dem Grund“ gewachsen, sondern aus gelesenem Papier, manchmal sogar Holzpapier, und es wäre in normalen Zeiten wohl niemals gedruckt worden, es sei denn von Selbstkostenverlegern; eschwcige denn, daß ernste Schriftleitungen es hätten einer esprechung für wert gehalten. Das muß einmal deutlich gesagt werden gegenüber der ״verschliffenen Begriffssprache“ dieser Produktion im Zeitalter der Buber-Rosenzvvcigschcn Nachdichtung des heiligen Buches, wie des hehren und opfervollen Schaffens von Beer-Hofmann. Denn bloße Verse sind noch keine Gedichte. Kunst kommt von Können und nicht vom Wollen. Dieser banale Satz darf gerade in unserer Lage nicht vergessen werden, weil das ein immer tieferes Herabsinken zur Folge hätte; selbst wenn sich ergäbe, daß wir überhaupt der Schöpferischen uns bar erklären müßten in unserem Notstand. Aber wir brauchen Heilung unserer seelischen Not; sie kann nur kommen aus echtem Kunstwerk in einer einmaligen unmittelbaren Form, denn mir sie bewegt uns. Warum sollte es nicht auch unter uns nationalen, vom engeren oder weiteren Bekanntenkreis liebenswürdiger Autoren gepflegten Kitsch geben, der bekämpft werden muß! Und selbst durch die schwerste Judengesetzgebung wird einer nicht zum Dichter, wenn er es nicht zuvor schon gewesen ist Wir können vom Schicksal den Dichter nicht fordern, der uns not tut, sondern müssen geduldig warten, daß die Vorsehung uns einen schicke, der das künde, was wir fühlen, der unser Mund sei, zugleich mit unserer Klage und Ausspräche und unserem Trost. Selbst-Anzeige Felix A. ThelThaber: Geschichte des jüdischen Volkes in zwei Bänden. 1. Band: ״Kampf um Gott, Volk und Land“. Erscheint Anfang Dezember. Verlag Kcdcm, Berlin. Vor fast 25 Jahren erregte mein Buch ״Untergang der deutschen Juden“ die deutsche Judenheit, als ich damals ein Bild entwarf, das in der großen Konzeption, in der Vorschau des bevorstehenden Schicksals alle bewußten Juden erschlitterte. Noch heute ist dieses Buch der Vergessenheit nicht anlieimgcfallen. Habe ich damals die Einzelheiten zusammengefaßf, um einen großzügigen Blick in die Zukunft zu tun, so habe ich jetzt eine ebenso aufriittclndc Rückschau aut die Vergangenheit der Juden verfaßt, die ebenso unerbittlich mitreißend die aneinandergereihten interessanten Begebenheiten zu einer großen Sieht vereint. Das Soziologische, Wirtschaftliche, Kulturelle steht im Vordergrund der Untersuchung. Ich wende mich hier an den gebildeten Leser, der in diesem Buche eine farbenreiche Einführung in die wildbewegte Zeit linden soll. Die Schilderung der Auflösung der jüdischen Siedlungen in Palästina ist neu; das neue Palästina kann hier interessante Ausblicke finden. Felix A. T11 eil 11 aber .,liurl inii'h an, Ji/rliak, l>aar und ihr andern hier Vers.uiinii'Ili'iiI" — q>!ach Agar laiig'.'im —- ,,und sagt es dem!,;!;׳■•r, das cni'li /! 1 mir gesandt hat: Als die Idee des Werks sieh zmn er-!(•״ Male dem ( Udlaiiil ur<‘_׳)׳nüf>rr<ah, war di (.'S eine erene׳() I< >-(> |die, ohne Anfang und Ende. Sie sandte Be- Wuhne!• ein Sli'iiiliaiecni auf einen atisuedörrten, steinigen Boden. Da< »ar der Traum einer AnfiTStehiin״, der nüchterne Arlu il'ini1- 11 ׳ dien zu Kiiuf-rn machte um! sie bewegte, auf Felsen zu -at׳n. Ihr Arheifdenfe, und ich mit euch, strebt rille danach, diese Idee [ן! *in IDlt /;! Di(!•!!, so י!\ D wir dem Oedlandsfluß «•inen neuen MV׳»״ ׳״« ie-e»! haben. Bestimmt ist <>s leichter, der Strölniing eines Flii'-es eine neue Hichtiimr zu geizen als dem Strom des I.eliens. Aber auch dieses LoImui kann nicht nach links <nler rechts ausweiehen. sondern muß seinen Weg ins üedland, den Weg der Arbeitslager, wie wir sie errichtet haben, forl'clzon, solange es noch Heimatlose auf der Welt gibt und solang!' das Oedland nach Arheitshänden dürstet. ihr, die ihr euch jetzt atiflehnt, die ihr den Beton knetet, ihr seid die Frlö-rr des Oedlands. Und wenn die Arbeit der neue Glaube des .Menschen ist, die Grundlage und der Stolz der mcnsclilirlien Gesellschaft, so bauen wir diesem Glauben hier iiri {)(•«Hand einen Tempel. AVir, die wir zu Beginn un- *eres Wegi's die ,Station Müde1 errichtet haben, werden nunmehr die ,Station Arteit‘ errichten. Ihr wollen wir jetzt den Weg ebnen. Wir können nicht stehenbleiben, denn das!,eben treibt uns mit mächtiger Gewalt dazu, in das Oedland einzudringen. Jeder vom Lager wird seinen Weg finden, ein Stück Himmel üImt seinem Haupte, und soviel Boden, tim darin Wurzel schlagen zu können. Geht und sagt dem Lager, daß wir zur ,Station Arbeit‘ ausziehen. Ir» seinem Bück, den er gerade auf Jizchak, Issar und ihre Kameraden richtete, lag Vertrauen zur Tat 20. KAPITEL Der Übergang Als Ru Ui am Morgen ihr Zimmer reisefertig verließ, ihr kleines Bündel auf der Schulter, stand auch Uri, mit dem Rucksack auf dem Rücken und dem Hirten- Stab in der Hand vor ihr. ״Auch ich gehe nach Tiara“ — sagte er zu ihr — ״ich will meine Kameraden vom ,Hügel der Ruhe‘ suchen und auch unsere Herde. Denn ich solle, daß die Zeit gekommen ist, nach dem ,Hügel der Ruhe' zurückzukehren.“ ״Ich freue mich sehr über einen Begleiter wie dich, Uri“ — sagte Ruth, und sie machten sich mit frohen Schritten auf den Weg. ״Ist das wirklich all dein Hab und Gut?“ — deutete Uri auf «las kleine Ründel auf ihren Schultern. ״Ja, Uri“ — antwortete Ruth fröhlich — ,,und mit diesen wenigen Ilabs-cligkeiten muH ich mir einen ganzen Hausstand ein rieh len.“ ״Das wird nicht leicht sein.“ Uri und Ruth lachten herzlich. In der Morgenkälte zu gehen, war angenehm. Die Schafherden waren bereits zur Weide geführt, und die Frauen der Zelle schon dabei zu buttem. Die beiden fühlten nicht mehr die drückende Last des Vergangenen auf sich. Ruth und Uri waren inzwischen ganz andere geworden. ״Erinnerst du dich noch, Ruth, wie ich dich in den Fluß gestoßen 11,ihr?“ — sagte Uri, so wie ein Erwachsener Erinnerungen aus der Kindheit wachruft. ״Und ich bin gar nicht erschrocken. Ich habe gelacht“ — antwortete Ruth. ״M ir waren Kinder.“ ״Jetzt werde ich bald Mutter sein, Uri. Muß mit ‘dem Herd umgehen. Das Kind wird schreien und die ,Tochter des Lagers‘ wird wie alle Mütter in der Welt sein“ — sagte Ruth, und der Wind schlug ihr das kurze Haar ins Gesicht ״Und ich werde mit den Leuten zum ,Hügel der Ruhe* zurückkehren, werde die Herde weiden, den Boden pflügen, bis die Haut der Hände faltig und die Augen trübe werden.“ — Uri zog den Kopf zwischen den Schultern ein, beugte sich vornüber, stützte sich auf den Stab und zeigte Ruth, wie er im Greisenalter einmal gehen werde. Beide lachten und waren zugleich schmerzlich berührt Sie machte« an einer Quelle halt, die ans einer Felswand hervorsprudel te. Als sie sich umsahen, erblickten sie in der Nähe kleine, hübsche Beete, die terassenförmig an der Bergflanke aiiMiegen. Auf der Anhöhe des Berges stand eine Gruppe wG.'.gekalkter Lehmhäuser. Die Beete warn! mit Zwiebeln, Mangold, Reben und Aprikosenbäumen bepflanzt Wer hat die fette Erde hierhergebracht, wer die Steinmauern als Schutz gegen die reißenden Regengüsse bis zun! Berggipfel geschichtet? Wer hat die Bergquelle kunstvoll durch die Beete von Stufe zu Stufe geleitet? In einem der nahen Beete stand ein alter Fellache, dessen Brust bei jeder Bewegung der Hand und des Körpers vor Alter keuchte. Seine Augen sahen wohl nicht mehr deutlich die Pflanzen und das Gemüse, und nur die geübte Hand tastete sich von Pflanze zu Pflanze, von Frucht zu Frucht und jätete das Unkraut Als der Alte merkte, daß die beiden slehengebUeben waren, richtete er sich ein wenig auf und wischte sich den Schweiß ab. Er nahm ein kunstvoll geflochtenes Körbeben, trat an einen Feigenbaum und pflückt« das Körbchen voll. Dann ging er auf Ruth und Uri zu und setzte sich an den Rand des Zaunes. ״Fßt, Wanderer“ — streckte er ihnen das volle Körbchen entgegen. Aach der Alte wischte eine Feige mit seiner runzligen Hand ab, nahm sie zwischen die vertrockneten Finger und kaute langsam daran. ״Wohin wollt ihr, Wanderer?“ — fragte der alte Fellache. ״AVir wollen ins Oedland“ •— antwortete Uri leichthin. ״Und woher kommt ihr?“ ״AA'ir kommen ans dem Oedland.“ ״Oedland.. Oedland.. murmelte der Alte. ,,Seht, ich wohne hier schon, seitdem ich aus dem Mutterleib gekrochen bin, aber das Oedland habe ich noch nicht gesehen. Vorüberziehende haben mir davon erzählt, aber soweit mein Gedachtnis reicht, kenne ich nichts als diesen Borg, diese Terrassen, die Beete und den Pfad, der von hier nach «ben zum Dorf führt. Es gibt kein Oedland...“ Nach kurzem Schweigen fragte der Fellache wieder: ״Ihr seid gewiß Jungverlobte?“ ״Ja“ — antworteten die beiden leichthin. ״Da werdet auch ihr von nun an das Oedland vergessen“ — blickte der alte Fellache sie mit freundlichen» Lächeln an — ״ihr werdet das Wandern von Ort zu Ort vergessen, werdet an euern Ort komm«! und Gottes Segen wird auf eurer Hände Arbeit ruhen.“ Er hatte mittlerweile die Feige zu Ende gekaut, nahm »eine Hacke und Stand langsam von der Steinmauer auf, um za seinem Beet zurückzukehren. fP«tKtaa1g folgt!

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