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Jüdische Rundschau · 1935-11-08 · Heft 90 (8.11.1935) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 90 (8.11.1935)
Date
1935-11-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 90, 8. XI. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit» 15 Zur religiösen Lage Gesetzestreues und liberales Judentum Von Dr. Siegfried Brätln, Köln Die Auseinandersetzung zwischen den religiösen Richtun• gen findet jetzt wieder in weiteren Kreisen Interesse. Wenn wir einer Einsendung von gesetzeslrcuer Seite, die sich kritisch mit der neuen Entwicklung des jüdischen Liberalismus beschäftigt, Raum geben, so tun wir es in der Annahme, daß eine Klärung der Begriffe und Abgrenzung der gegenseitigen Positionen vielen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, willkommen sein wird. (Red.) Im Anschluß an die letzte Tagung der ״Vereinigung für das religiös-liberale Judentum“ wurde vielfach von einem ״Ruck nach rechts“ geredet; das Zeitalter des Individualisraus in religiosicis stehe vor seinem Abschluß, und man sei im Begriff, den Gedanken der Gemeinschaft wieder den ihm gebührenden Raum zu geben. Es sei hier versucht, an der Hand der von Dr. Dienemann aufgestellten Thesen diese Entwicklung kritisch zu betrachten. These 1 im Dicnemannschen Vortrag lautet: Der jüdischreligiöse Liberalismus geht aus von der Offenbarung Gottes, und er wertet sie als ein dem Menschen übergebenes Gut, das er mit der Kraft seines Gefühls und seines Verstandes verwalten und in die Welt einbauen soll. Der zentrale Begriff dieses Satzes ist der zentrale Begriff auch des alten Judentums und — wenn man will — jedes Bekenntnisses überhaupt. Ohne Setzung des Faktums Offenba r u n g gibt cs keine Religion. Nicht die Tatsache, daß dieser Begriff Offenbarung Ausgangspunkt aller Rcligionssysteme ist, schafft den Streit der Meinungen, sondern die Auffassung vom Inhalt des Begriffes, liier scheiden sich die Geister. Das traditionelle Judentum fußt aut der Anerkennung des Dogmas*) von der einmaligen Offenbarung Gattes am Sinai. Der religiöse Liberalismus erachtet diese Anerkennung nicht als notwendige Voraussetzung zu jüdischer Religion. Dienemann drückt das etwa so aus: Das liberale Judentum bekennt sich grundsätzlich zur Offenbarung. Aber es begreift sie nicht »Is einen einmaligen geschichtlichen Vorgang. Offenbarung ist die stete Sclbstmitteilung Gottes in Geschichte, Natur und Leben. Es ist klar, daß dem Sinaiereignis so die überragende Bedeutung genommen wird, die ihm als dem konstitutiven Akt zukoinnit. Der Glaube an seine Sendung, Jisrael zu einem Goj kadosch zusammenzuschweißen, hat grundsätzlich kein grüßeres Gewicht als das Ahnen der Gottheit im Rauschen des Waldes. Klar ist nun aber auch, daß diese Art Offenbarung nicht nur dem jüdischen Menschen widerfährt. Und Dienemann spricht in seiner These vom Menschen schlechthin. Damit aber ist nicht einsichtig geworden, wie Gemeinschaft solle entstehen können und insbesondere jüdisehe Gemeinschaft. — Mit der Forderung, das Gut der Offenbarung mit der Kraft des Gefühls und des Verstandes (warum nicht auch des Willens?) zu verwalten und in die )Veit einzubauen, ist nichts rechtes anzufangen. In jedem Menschen manifestiert sich diese Kundgabe Gottes in andcrer Weise, und cs kommt im besten Falle ein tauscndfläcliiges Mosaik heraus, in dessen Gefüge jene grandiose Einheit und Unbedingtheil fehlt, die allein der am Anfang thronende göttliehe Ordner menschlichen Seins sichcrzuslellcn vermag. These 2: Der jüdisch-religiöse Liberalismus hält sieh frei von dogmatischer Festlegung, er gibt der Gemeinschaft ihr überindividuelles Recht und erkennt dem Individuum nicht das Recht zu, sich ohne Zusammenhang mit der Gemeinschaft die Formen des religiösen Lebens zu prägen. — Wodurch — so fragen wir — wird das religiöse Bekenntnis konstituiert? Die Antwort kann sinnvoll nur so lauten, wie es bereits oben angedeutet wurde: durch Setzung des Dogmas. Die Dogmen werden zwar von Dienemann nicht «xpressis verbis abgelehnt; es bleibt dem Liberalismus aber zur freien Entscheidung Vorbehalten, wie er sich zu ihnen stellen will. Das war auch in der Vergangenheit so. Nur w ird von Dienemann der Schwerpunkt vom Individuum weg auf eine — nach unserer Meinung ~ nicht ungrenzbare Gemeinschaft verlegt. Denn es gehören zu ihr doch sicher auch die Mensche ngruppen, die sieh dessen bewußt sind, Träger eines verbindlichen Gesetzes zu sein. Hätte Dienemann bei seinen Untersuchungen beachtet, daß eben dieses geoffenbarte Gesetz die Gemeinschaft geformt und erhalten hat, so wäre er gehalten *) Man nehme diesen terminus nicht in streng theologischein Sinne. gewesen, ihm eine entscheidende Stelle im religiösen Leben der Judenheit einzuräumen. Da er es unterließ, mußte er nach einer anderen Iristanz Ausschau halten, und das ist ihm die Gemeinschaft. Sie, dies» unfaßbare Größe, erhält von ihm die Befugnis, überindividuelles Recht zu setzen, und nur als ein Glied in ihr mag das Individuum sich die religiöse Form prägen. Dazu gehört die 3. These: De? jüdisch-religiöse Liberalismus hält eine alle verbindende Ordnung und Regel des religiösen Lebens für unentbehrlich. — Damit hat sieh Dienemann einen Grundsatz zu eigen gemacht, der allen Bekenntnissen fundamental ist: Keine Religion ohne Form und Regel. Die Frage ist nur, woher sie stammen und inwieweit sie fordernd an eine Gemeinschaft herantreten dürfen. Nach der Auffassung des traditionell gebundenen Judentums hat Gott Form und Regel gegeben. Wer das anerkennt, der hat festen Boden unter den Füßen, und keiner Macht der Erde kann es gelingen, ihn je zu untergraben. Form und Regel sind weit hinausgehoben über jeden menschlichen Zugriff, und ihr Gesamt lagert in erhabener Ruhe über der Menschheit, unbekümmert darum, ob sie sich unterwerte oder nicht, Das ist ihre unbezwinglicho Stärke. Es gibt keinen Ersatz, der Aussicht hatte, von gleichem Wert und gleicher Dauer und •— wenn man will — von gleicher Starrheit zu sein. Wer sich einem Ersatz dennoch verschreibt, der muß gewärtig sein, dem schwankenden Zeitgeist zu unterliegen und einem Individualismus anheimzufallen, der, völlig gerechtfertigt vom Entwicklungsprinzip, am Ende zum Nihilismus hinführt. Heute stellen die führenden Menschen im liberalen Lager unter dem Eindruck der Ereignisse und der soziologischen Wandlungen der Umwelt, und da die Geneigtheit, sich inmitten der schützenden Gemeinschaft zu bergen, weite Kreise außerhalb der Orthodoxie erlaßt hat, so ist mehr als sonst der Wunsch lebendig, den Individualismus auch im religiösen Freisinn zu überwinden. Da stellt sieh ein Dilemma vor die Führer hin, aus dem es keinen Ausweg gibt. Das Faktum der einmaligen Offenbarung mit der endgültigen Regelung des jüdischen Leben» vermag der Liberalismus nicht anzuerkennen, weil er sich sonst aufgehen müßte. Andererseits darf er aber auch dein seine religiöse Auffassung konstituierenden Entwicklungsprinzip nicht uneingeschränkte Geltung belassen, weil es kein rechtmäßiges Mittel gibt, ihm an irgendeiner Stelle Hall zu gebieten. So bleibt nur übrig, den Weg des Kompromisses zu beschreiten. Dienemann versucht es durch eine neuartige Konstruktion. Er beläßt dem Inaividuum nur noch unter gewissen Voraussetzungen des Recht, sich die Form des religiösen Lebens zu prägen. Diese Voraussetzungen sind gegeben, wenn das Individuum sieh der Gemeinschaft im Augenblick der Formsclml'fung verhaftet weiß, d. 11. wenn es annehmen darf, den Intentionen der Gemeinschaft durch die Prägung bestimmter Formen zu entsprechen. Es bedarf kaum des Hinweises, daß hier eine Psychologie gelehrt wird, die keine Entsprechung in der gelebten Wirklichkeit hat, und daß der Liberalismus sieh einer Auffassung verschreibt, die noch unhaltbarer wird durch die Wiedereinsetzung des Individualismus in seine alten Rechte. Dieneman« erklärt nämlich in seinem Referat: ״Wir können aber nur die Form anerkennen, die aus Ucbcrzcugung geübt w׳erden kann.“ Ueberzeugtsein ist nun zweifellos eine ganz persönliche Angelegenheit. Es läßt sich als eia conscnsus omnium nicht erzwingen, auch nicht durch den Hinweis, religiöse Formen hätten in Uebereinstimmung zu sein mit der ״inneren Haltung einer Zeit“ (Dienemann). Denn persönliehe Uebcrzeugung und innere Haltung der Zeit sind verschiedene Dinge, wie es denn eine überaus problematische Angelegenheit ist, von der inneren Haltung einer Zeit als von einer absehätzbaren Größe zu sprechen, der man im religiosen Leben eine regulierende Funktion zuerkennen dürfe. Wir sehen: wohin wir greifen, türmen sich die Schwierigkeiten und W'idcrsprüche in der Ideologie des liberalen Judentums. Es wird sic nicht eher überwinden können, als bis es dem Dogma Raum gibt und damit eine Position gewinnt, die schlechthin unangreifbar ist. Das Dogma des Judentums aber kann nicht sein ohne den Aufblick zum Sinai und ohne den Anschluß an die mit übermenschlicher Kraft gefügte jüdische Tradition. Hier aber findet das I’riuzip sein Ende, das umfaßt ward von den Begriffen Liberalismus und Entwicklung. Der Preis von Leo Hirsch: ״Praktische Judentumskünde“ ist gemäß Mitteilung des Vortrupp-Verlags au! 2,60 RM. herabgesetzt worden. Schach Bearbeitet von J. Mieses Neunte Partie des Wettkampfes um die Meisterschaft der Welt, gespielt zu Amsterdam ain 22. Oktober. Französische Alechin Euwe Weiß Schwarz 1. c2—c4 ei—1 2. d2—d4 117—d5 3 . S bl- 03 Df 8.b4 Mit dieser Kröffnunc hat der holla ndisrhe Meister in diesem Wen kämpfe kein Glück gei aabt. Von den bisher so grspi! eiten vier Partien hat er drei ver; loren und eine remis gemacht. 4 . I) dl -g4. fei« 'r dies c Variante hat die The! »ric da s letzte Wort noch rm׳ht . go.-pre nheiL Jedenfalls inhrt MC sotort zu scharfem Ko unbinot i< .Spiel'׳!!! Ks ergibt sich eine Partie, in d< er, unter Ausscha: Innig des strategi!■־eben Teils, von Anlang an die Taktik z u r Del t 11 n g kommt. Und da s ist es j a gern de, was Alechin bezwo! kt, den n auf taktischem. und nii hl 1 aut stravgix'hcin Ge ■biete nililt er sich seinem Dcgncr überlegen. 4. .... . S g8--f6 Sicherer ist wohl K. cB 1'8. Eröffnung 16. S j!6Xc7 I. b4Xe7 17.112—114! D [6—[7 18. 1) h7—h8t D f7—18 19. I) 118x18t K c8Xf8 20. Lei —5״ e6—c5 21. 12—13! . Die Kraft des schwarzen Bauernzemrums isl nicht zu unterschlitzen. Weib muH daher rechtzeitig einen Sprcngiingsversuch machen. 21 . e4X'f3 22. g2Xf3 . Hier komm: sieh Alechin durrh 1. g5Xc7t den weiteren Kamp{ etwas erleichtern. 22 . 1. c"—.13׳! Sehr put;pielt. 23. t'3. -{4! . . . « * Dies ge. -ebiei I!t bereit .s in der .4 li-ietit, die ( hmlifät zuriiekzugeben. A ut h 23. T :11■ -dl. d5— (14, 24. T hl —112 ist eine gute P'ort xet zu 1 llg. 23. . . I. r8- -fs 24. ]4Xe5 D s5> 2׳>> 25. 0ot K!8 - -r8 Shilling nach dem 25. . Zuge von 5. 1) g4Xg7 T!18 8״ 6. I ) 116- 7״ Tg8 g6 Stark in Bilnirh!. komm! statt de-sen e 7.(5. 7. 11)116- <■3 K fexc4 8. I. 11 113! f7 15 8. . . ., S C4X03. 9. 1. (13 ■ g6, S c3Xa2t. 10. .'2 13־ whlagt zugnn-ten von Weiß am. 9. Sgl 02 0:7c5! 10. 1. (13X14־ . Falk 10. 12 f3־. so 10. . . , I.) (18 114f. 11. 2״~g3. S 04Vg3. 12.1) 03 12, ( 5y ,14• 13. S c2 <114, 1)114 •115 zum Vorteil von Schwarz. 10 . 15X04 Da. Richtig(‘ ist hier r5;-014. I >er Textzng wild durch den weiteren \ ei lauf der Partie widerlegt. 11. D c3 113! . .N ,1!!ei iege 1h1 und doch überrasolumd. 11 . S!>0■.06 Hierbei hat Schwarz das naelifolgende Oiiiililätsopler im Auge. Der Bauer 117 labt sich zwar durch 11. I) d8— e7, 12. S 02 —14, T g<5—g5 (falls mm 13. S 14X06•', so Tg5—06) zur Not noch (locken, aber mit unbehaglicher Stellung für Schwarz. 12. D h3Xb7 Dd8-16 13. S c2—f4 c5Xd4 Auf 13.T g6 g7?, sowohl wie auf T g6—116? hat Weiß die vernichtende Antwort. 14. S 14 — 115. 14. S f4Xfi6! . Auf 14. D h7X!g6t> D 16Xg6. 15. S 14Xg6was Euwe v.־r>hl erwart et hatte, würde Schwarz mit 15. . . ., d4X< 3. 16. b2-!>3. K 08 f7. 17. S g0- 14.S c6 (14, 18. K el—dl, c6—05 nebst L c8— g4׳f gute <;egenrhancen erlangen. 14. (14X03 15. b2—b3 S c6 — c7 Schwarz. 2 6. 1׳' al- <-1! 1, a3:. <(T 27. T 11'■ 31 1, c2 ......!5 26. r a.;< 3 T;18 ■ c8 Dm 1 1.1011 dem Tmisn :.m-rh sich ■11.Ir; ן diri'e trotz der e ingiDH 1־111,111 g r n Lauter tu 1־ Weil'. gww׳ ׳!men ein־! . Die von ADeh in <. :cwalil te en V lO.rDc; zung vndie nt al »er d orzug. 29. T <3 13 T c8 8)־- X.K-h 29. י• י I, £5.«4, 30. T 13 fö ( ln >ht das Vorriicke.n des c -Haue rn 30. 1. g5 -.-16 £, f5- — c4 31. T (3- -R3f Kg8 ---37 32. 114 — 1 :15 T 18- -c8 X je! 1t etwa T £8wegen 33. c5 0 Cf us W, 33. k3 ז¬ ■K7t K f7—06 34. 115 -!! 16־ . . . . . Der s;chnellste Weg : zum Siege. 34. d5 — (14 (!der 34. . . T c8 .elf. 35. K gl- ,2־1- T el-*• -hl, 36. T gf— e-7t n eilst. 116-117. 35. 116- 1 117 T c8- .elf 36. K gl -!2 T fl- .c2f 37. K 12 .g3 I. c:4; :<117 38. T g7; 117>׳ 1' 1'2.;<;12 39. K g3 --14 117- - 1)5 40. K 1'4- -04 Seiiw ■arz g i b t a 11 f Kino auß duidc ,ntlirl; 1 leb hafte Part ir». Aus dem Hebräischen von Dr. Max Mayer, Jerusalem &70er^(xx& 20 . Fortsetsuag Nachdruck verboten Als die Gluthitze des Tages überhand nahm, richtete sich der breitschultrige Leiwik auf und sagte: ״Heiß!“ In der Tat erhitzte die Sonne Beton und Eisen, und diese strahlten ihre Glut In die Gesichter der Arbeitenden zurück. Im Munde war die Bitterheit eines unstillbaren Durstes und der fade Geschmack des unreinen Wassers, das i!1 einem Tonkrug von einem der am Abhang gespannten Zelte gebracht worden war. ״Ich bin sicher, daß Nassem heute nicht mehr kommen wird“ — sagte Leiwik. ״Es war vereinbart, daß sie mittags kommen sollen, und sic sind noch nicht, da.“ ״Er müßte auch verrückt sein, sich an einem so heißen Tag vom Auto durcItschUlteln zu lassen“ — sagte Abner gelassen, indem er sich mit einem Lumpen das Oel und die Eiscnschwärzo von den Ilanden wischte. ״Wenn ich nur die Hälfte seines Vermögens hatte» würde ich zu Hause sitzen, die Jalousien lierabLissen, kaltes Wasser trinken, mich in den Lehnstuhl setzen und auf die ganze Well pfeifen.“ ״Er wird kommen“ — versicherte der rothaarige Sachverständige — ״er muß mit eigenen Augen sehen, ob es Wasser gibt oder keines. Dieser .skeptische Alte glaubt nieman dem.“ In der Tal hupte in diesem Augenblick ein Auto, eine Staubwolke wirbelte hinter dem Hügel em|K>r. Vor den Augen der Arbeiter blinkte der grüne Lacküberzug, und die Maschine kam an den kleinen Betonbau heran, schaukelte auf ihren Federn und stand still. Von dem Polstersitz her funkeilen goldumrandete Brillengläser, und sogleich stiegen Nasson, Lisa und Awiwi aus. ״Sclialom, ist alles bereit?“ fragte Nassau, während Awiwi Abtier begrüßte. ״Vollkommen hereil. Wir warten schon lange auf Sie“ — sagte diensteifrig der rothaarige Sachverständige, während Nassen ihn zweifelnd ansah. ״Werden wir diesmal wirklich Wasser sehen?“ — fragte er skeptisch. ״Welche Frage!“ sagte der Rötliche eilfertig und nervös. Er nahm eine 1 landvoll weißen, feinen Sandes von dem kleinen, neben dem l'umphaus aufgejchütteten Haufen und hielt ihn vor die goldumrandeten Brillengläser. ״Weißer Sand“ •—• lächelte der Alte und zuckte mit der! Achseln. ״Eine W asserschicht!“ sagte der Fachmann erregt —• ״ich übernehme die volle Garantie für fünfzig Kubikmeter in der Stunde.“ ״Na, na“ — sagte Nassen skeptisch und erwartungsvoll zugleich. Abner und seine. Burschen schalteten den Strom ein, bewogten den Hebel dos Automaten, blickten auf den Ampere- Messer und horchten einen Augenblick auf das dumpfe Gerausch, das von der Tiefe des Bohrlochs aufslieg. ״Geht schnell an das Wasserrohr!“ mahnt der Rothaarige die Herankommenden zur Eile. Während die Gruppe der Oeffnung des Wasserrohrs gegenüberstand und noch auf das aus einer Tiefe von fünfzig Metern immer höhersteigende Gurgeln horchte, da plötzlich — tsss ... ein spritzender Strahl von Luft, Sand und Wasser schlug den Dastehenden mit Wucht ins Gesicht und slioß sie nach 11 inten. ״Sand!“ ״Wasser 1“ Nassen putzte seine Brille. Der Fachmann lächelte mit Siegermienc. Ein Wasserstrahl, so weiß wie Sand, ergoß sich von Hot Anhöhe in den TaleinsehniU nach unten. Noch ein wenig, und ein fröhliches Wasserbau(! lief zwischen den Binsen, leuchtete in der Sonne und hauchte Lehensodem: das Bohr isl voll —- sechzig Kubikmeter in der Stunde! ״Man muß sich in acht nehmen“ — belächelte Nassau liebevoll die, Wasserlrupfen, die auf seinem Ueherziclier hängen geblieben waren. Wasser! Diese Hügel werden nun keine Oetlnis, kein ärmlicher Weideplatz mehr sein: kein Sandboden mehr, der nur für Lupine und Melonenfelder gut isl : der Hegen wird hier nicht mehr willkürlich Gruben höhlen, mul der W ind nicht mehr die ober(' Saixheliiehl verwehen: die Binse wird nicht mehr an jedem fruchtbaren Flecken Wurzel schlagen können; das Kamel wird liier nicht mein■ lagern, und der Oedlandssolm wird nichl mehr willkürlich sein Zell von Ort zu Ort verrücken können. Wasser! Aus den am Abhang gespannten Zelten kric* dien kleine Wilde mit struppigem Haar heran. Die Erwachsenen ordnen gravitätisch ihre Oborkleider und den Kopfhnnd, kommen näher, grüßen, beglückwünschen und schauen ebenfalls auf den Wassersimin, Auch die [•’rauen der Zelte, in schwarzen Kleidern und niederen rollodernm Stiefeln, stehen gegenüber und wispern sieh zu: ״Von nun an brauchen wir nicht mehr mit Wassersehliiuehen auf den Eseln und mit Tonkrügen auf den Köpfen zu den triihen Quellen am Fuß der Berge zu gehen.“ Ueher die tätowierten braunen und schwarzen, stolzen und mißtrauischen Gesichter flogen wie Schatten dumpfe Gedanken. In den Augen flackerten argwöhnische Funken, jetzt in verhaltener Feindschaft cinporziiiigelnd, dann wieder in schmeichlerischer Verstellung erlöschend: ״Chawadja wird sicher für die Vorüherziehondcn einen Wasserhahn öffnen.“ ״Chawadja wird nun einer! großen Pardeß pflanzen; möge Segen und Fülle auf der Arbeit seiner Hände ruhen!“ ״Chawadja wird sicher befehlen, die Zelte von liier fortzuverlegen .. Die Wassersträhnc sprudelt weiter silbern aus der Bohr- Öffnung, die Punipmasehine dröhnt wie das Summen der Biene in der Tiefe. Die Burschen des ״Stabs“ stehen enggedrängt beieinander: gebt acht, ihr Jungen, daß alles in Ordnung geht., daß nicht etwa ein sonderbares Geräusch von der Piimpmasehiiie hörbar wird, die mit der Geschwindigkeit von einhwsend fünfhundert Umdrehungen in der .Minute arbeitet. Geht acht, ihr Burschen, aut die elektrische Tafel, auf den Amperezeiger, denn die Arbeit erfordert Geistesgegenwart und geschwindes Eingreifen!

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