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Jüdische Rundschau · 1935-11-08 · Heft 90 (8.11.1935) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 90 (8.11.1935)
Date
1935-11-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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JODISCHfRUNDSCHAU Nr. 90, 8. XI. 1935 Hebräische Bücher Aus Stammes-, Gesetzes- und Literaturgeschichte Eine Monographie über die Samaritaner J. Ben Zwi, Sefer ha-Schomrwtim, Verlag A. J. Stybel, Tel-Awiw 1035. 266 S., 10 Bildtafeln. Ein palästinensischer Forscher, der mit den Samaritanern von heute seit über 23 Jahren persönlich •umgeht, legt jetzt das erste wissenschaftliche Werk in hebräischer Sprache über diesen Gegenstand vor: eine Arbeit, mit der er gleichzeitig dem hebräischen Leser eine Einführung in das Verständnis dieser Sekte vermitteln, wie einen Sammelpunkt für seine eigenen, teilweise recht detaillierten Studien auf diesem Gebiete geben will. Das Werk enthält einen Abriß der sama- Titanischen Geschichte und Geographie, des Brauchtums und der Literatur. Im historischen Teil wird eingehender die arabische Periode geschildert. Geradezu enzyklopädischen CI1Arakter trägt der topographische Teil, in dem der Verfasser allen Spuren samaritanischer Siedlung, auch außerhalb des eigentlichen Samariens, in Galiläa, Judäa, Transjordanien, Syrien und Aegypten nachgegangen ist. Was der Autor bereits früher an samaritanischen Inschriften und Literatur- Fragmenten veröffentlicht hat, ist in einem Anhang vereinigt und um ein bisher unbekanntes Stück aus einer Chronik vermehrt. Auch da, wo Ben Zwi bereits erschlossene Dinge wieder referiert, kommt ihm die lebendige Tradition zustatten, in die er sich hat einschalten lassen. Wie ein Wunder mutet es an, dab die ethnische Krise des samaritanischen Stammes, der seit Jahrhunderten stagnierte, und von dessen baldigem Aussterben man sprach, gerade in der Gegenwart ihren Tiefpunkt überwunden hat und das seltsame Völklein von wenig über 200 Seelen, das am Fuße des Garizim zu Nablus lebt, kräftig ist wie nur je. Aber demgegenüber besteht die begründete Besorgnis, daß das mündlich überlieferte Wissen um die eigene Vergangenheit im Kreise der Samaritaner selbst zu versiegen drohe, und das hat den Autor zur Beschleunigung seines gelehrten Vorhabens getrieben. Die älteste Geschichte der Samarier und ebenso ihre Halncha sind in der hier etwas summarischen Darstellung ein wenig zu kurz genommen; manches, wie die Erscheinung des Dositheos und seiner Sekte, wird als bekannt vorausgesetzt und nicht erläutert. Eindrucksvoll ist der Moment herauscarbeitet, wo die Samaritaner, im Beginn des arabischen eitraums ihrer Geschichte, aufhören, eine Nation zu sein, und zur Sekte werden. Hier ist auch der Ort, wo der Verfasser von den Zwangsübertritten vieler Samaritaner zum Is-!am spricht, an die ihn heute noch lebendige Spuren erinnern: sarnaritanische Namen arabischer Familien zu Nablus und Umgegend. Aufschlußreich sind die Ausführungen zur samaritanischen Gegenwart: Bevölkerungsbewegung, Berufs- Schichtung, Bildungswesen, Verhältnis zur modernen hebräisehen Kultur. Das Literaturkapitel macht die durchgängige Parallelität der samaritanischen Entwicklung zur jüdischen deutlich: von einer hellenistischen zu einer aramäischen und arabischen Schicht, an deren Stelle eine hebräische freilich noch kaum getreten ist, Der Darstellung sind Tendenzlosigkeit und Liebe zur Sache nachzurühmen, keine Spur des latenten religiösen Streites zwischen Juden tmd Samaritanern trübt sie, und so wird sie geeignet sein, weitere Kreise zur Beschäftigung mit dem Phänomen dieses wahrscheinlich ältesten historischen Restes des biblischen Israel zu veranlassen, dessen Erkenntnis zugleich die Einsicht in die Ur- Sprünge der jüdischen Religion selbst fördern wird. Geschichte der Halacha Chain! Tschemowltz (Raw Zalr), Toledot ha-Halacha. Erster Teil, erster Band. New York 1034. 336 S. Chaim Tschcrnowitz, seit Jahren Professor am ״Jewish Institute of Religion“ in New York und ehemals Begründer der modernen Jeschiwa zu Odessa, der eine Reihe von tJntersuchungen zu Talmud und Dezisoren in hebräischer Sprache, die Studie über die Entstehung des ״Schulchan Arucli“ auf deutsch veröffentlicht hat, legt jetzt den ersten Band seines Lebenswerkes vor, einer Geschichte der Halacha, die zunächst von den biblischen Anfängen des Gesetzes bis zum Abschluß des Talmud reichen, dann aber noch weitergeführt werden soll. Der veröffentlichte erste Teil enthält die Einleitung und Grundlegung sowie die Aufstellungen des Verfassers über das gegenseitige Verhältnis zwischen _ schriftlieber und mündlicher Lehre; die Geschichte des biblischen Gesetzes seihst ist nur begonnen und soll in einen! zweiten Bande abpeschlassen werden. Das Buch fängt mit einer Analyse Her Termini an, die gegeneinander abgegrenzt werden; die Belege werden aus den Quellen im Wortlaut angeführt, dazu kommen die Aeußertingen der mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Erklärer, die Meinungen der Modernen und die Kontroverse mit diesen. Es folgt, ebenfalls aus den Anschauungen der Rabbinen wie der Gelehrten entwickelt, das Material über Ausdehnung und Begrenzung des Begriffs ״mündlicher Lehre“. Danach wendet sich die Darstellung den juridischen Grundlagen der Halacha zu, wobei zur Kläriinp des verpflichtenden Charakters geschriebener und ungeschriebener Satzung auch Parallelen aus dem klassischen Recht herangezogen sind. Erst nach diesen drei Einleitungen beginnt das eigentliche Werk: zunächst mit einer Ersehneßung und Aufzählung der ältesten Gesetzestraditionen, 80zusagen einer ungeschriebenen Ueberlteferung, die noch der geschriebenen voranpeht und unmittelbare Vorgängerin 80־ wohl des schriftlichen wie des mündlichen Gesetzes ist; und dann mit dem Versuch, eine geradlinige historische Entwicklting von der Thora rum Talmud, von den Propheten zu den Schriftgelehrten — immer im Hinblick auf den Faktor Gesetz im Rehgionsgcsetz — unter Auseinandersetzung hauptsächlich mit der christlichen Bibeilorsclmng neu zu begründen. Die Fachkritik wird zu dem Werk Stellung nehmen, wenn cs abgeschlossen vorliegt und alle Intentionen des Verfassers deutlich hervortreten; aber, das erkennt auch der Nicht- Spezialist, und erkennt es an, wenn er sogar der Tradition weniger gebunden gegenübersteht als der Autor! hier ist eines der Standardwerke für diesen Sektor jüdischer Wissenschaft im Werden, ein Buch, das, wie jede wahrhaft gelehrte Arbeit, zugleich ein Lehrbuch ist, sich selber erklärt, und, unberührt selbst von den scheinbar gesicherten Ergebnissen der Wissenschaft, die Quelle befragt, um danach den gewonneuen Standort durch die vorhandenen Lehrmeiiutnygen zu bestätigen oder gegen sie zu verteidigen. Rein vom Literarischen her ist die dichterische Kraft und ursprüngliche Lebendigkeit des Ausdrucks hervorzuhpben, die gerade geiehrten Werken so selten eignet, bei Tschcrnowitz freilich ein nicht mehr überraschendes Charakteristikum ist. Literarische Essays P, Lachower, Riscltonim we-Acharonim, Essays und Aufeltze. Zweiter Band. Verlag ״Dwir“, Tel-Awiw 1935. 194 S. Von den gesammelten literarischen Porträts aus der Feder F. Lachowers, des Historikers der neiihebräischen Literatur — der erste Band wurde liier seinerzeit kurz an gezeigt — ist in diesem Frühjahr eine neue Folge erschienen, die einzelne Vertreter der nahen Vergangenheit und der Gegenwart umtaßt. Dadurch, daß die klassischen Autoren des modernen hebräischen Schrifttums so hart an der Grenze unserer Zeit gewirkt haben, sind Literatur und Literaturgeschichte hier zwangsläufig kein Nach-, sondern ein Nebeneinander geworden und bedingen sich wechselseitig. Lach©- wers erster Aufsatz über Ach ad H a a m reicht noch in die Zeit der Auseinandersetzungen mit dem umstrittenen Geiste zurück und gehört damit selbst sozusagen in eine geschiehtliehe Zeit; der zweite, unter dem Eindruck des Todes geschrieben, hat den Abstand zu dem längst historisch gewordenen Mann und zugleich die Unmittelbarkeit der Empfindüng, wie sie der jüngere Kämpfer auf dem Felde des Schrifttums, das hier noch längst nicht aufgehört hat, kämpferisch zu sein und der Kämpfer zu bedürfen, dem älteren entgegenbringt, mit dessen Weltanschauung die Diskussion abgeschlossen ist, und dessen Person gegenüber sieb zugleich der heute Lebende wie ein Schüler fühlt. Eine eigene Note zeigt sich auch in der literarischen Kritik Lachowers und in seiner persönlichen Art den Dichtern gegenüber; die meisten sind oder waten seine Freunde, und doch ist das Llrteii über sie nur von dem Gefühl der Verantwortung vor dem Schrifttum als solchem geleitet. Sehr deutlich sehen wir dies in seiner Charakteristik Brenners. Brenner, der Held und Märtyrer, der Freund der Armen und Getretenen, dessen Name im heutigen Palästina fast mythisehen Klang hat — als Dichter genießt er kein Vorrecht und wird der reinen, nur sachliche Maßstäbe kennenden Kritik unterzogen: ״Brenner stellt nicht über seinen Helden, sondern ist ihnen, man kann es fast sagen, hörig; hörig selbst denen, die er verneint und hassenswert findet,.. Dieses Gefühl der Solidarität jedem Menschen gegenüber hat ihn vermutlich dazu geführt, daß er für seine Gestalten keinen anderen Rahmen kennt als den der menschlichen Umgebung und der menschlichen Verhältnisse. Wenn man Brenner liest, möchte man glauben, daß cs keinen Himmel und keine Gestirne gebe, und auch auf Erden keinen Sonnenstrahl und keinen Freudenstrahl: nur der Mensch wandelt dahin, angetan mit Schmerz und Trauer, dem eigenen Leide und dem Leide der Welt...“ Und es bleibt nicht bei der bloßen Charakteristik des Dichters — die Ausführungen über ihn rühren immer wieder an das Geheimnis des schöpferischen Prozesses sowohl wie an das der Volksseele: ״Ebenso geht durch Brenners gesamtes Werk noch ein anderer Zug, die Sehnsucht nach Freiheit und Erlösung; ein unstillbares Verlangen, von Verzweiflung überschattet: jenes schwarze Feuer, von dem so viel in der jüdischen Mystik die Rede ist, ein Feuer, das wohl wärmt, aber kein Licht spendet...“ Emanuel bin G orioa Der junge Hofmannsthal Anläßlidt des Bandes ״Briefe 1890 -1901"*) Am Pfingstsonntag 18% weiß der damals 22jährige Hugo von Hofmannsthal aus dem ostgalizischen Garnisonstädtchen Tlumacz, in dem er eine Reserveübung als Kavallerieoffizier abdirnt, seinem Vater, dem Wiener Bankdirektor, etwas höchst Komisches zu berichten. Es hatte sich nämlich ״durch zufälliges Btisammensitzen in dem halbdunklen Zimmer eines Leutnants eine arge Sauferei entwickelt“, und auch der junge Briefschreiber hatte, wie man zu sagen pflegt, einen sitzen und torkelte am Abend nach Hause. Er fährt fort: ״Obwohl ich bei jedem zweiter! Schritt an eine Mauer oder einen Zaun angefallen bin..., habe ich doch die halb unbewußte Energie gehabt, midi vielleicht noch zwei Stunden lang in der frischen Luft herumzuschleppen, wobei ich, da alle Türen offen sind, in eine Menge, mit den rituellen Kerzen erleuchtete, jüdische Interieurs hineingestolpert bin.“ Diese harmlose Episode wirkt, von heute aus gesehen, wie eine gespenstische Parodie, die das Leben selbst gedichtet hat. Der von Juden a bst am me 11 de genialische Jüngling Hofmannsthal betrinkt sich (er war das genaue Gegenteil eines Trunkenholds, aber trunken oft von der Fülle seiner Visionen) in einer kleinen ostgaluisclien Garnison, u!n dann in jüdische Interieurs ״hineinzustolpern“. Er hat sich darüber weiter keine Gedanken gemacht, denn er war ja Offizier, Oesterreichcr, Christ, aber um so mehr fühlen wir Heutigen uns von seinem Erlebnis als von einer kulturhistorischen Miniatur angerührt, die der junge ״Loris“, wie sich der Dichterknabe Hofmannstlial nannte, hätte erfunden haben können. Aber nein, er war allem Jüdischen hoffnungslos fremd und fern, denn schon sein Großvater war getauft und geadelt. Das Vorkommen von Juden konstatiert er, der Wiener, nur, wenn ihn der Militärdienst in den fernen Osten der Monarchie führt, nach Galizien und Podolien. L)a wohnt, trinkt oder ißt er, wie er öfters berichtet, ״beim Juden“. Die Juden sind dort aber so zahlreich, daß er manchmal sogar berichten zu müssen glaubt, er habe ״heim Christen“ gegessen oder getrunken! Zu mehr als zu diesen lakonischen Meldungen, die einfach ethnographischer Natur sind, findet er keinen Anlaß. Ls wäre natürlich völlig abwegig, wenn man heute daraus dem wundervollen Dicht er und Menschen 1 lofmannsthal einen Vorwurf machen wollte. Wer dachte, fühlte mul war damals anders als er? Wer unter den in der llocbkuliur des finde-sifcle wie unter einem Fettpolster lebenden Westjuden? Ein einziger mit einer kleinen Garde: Theodor Herz 1, über die gerade damals das grolle jüdische Erwachen kam, von dem erst der Weckruf an die andern ausging. Trotzdem bleibt die Distanz I lofmaimsllmls /11m Volk seiner Vfiter, die sich in seinen Briefen aussprielit, bizarr genug, denn unter den Adressaten dieser Briefe befinden sich an hervorragender Steile wiederum ... Juden, und zwar nicht die nächstbesten, sondern: Richard licei-l lofniami, Arthur Schnitzler, Felix Salten, Otto Bralim 11. a. Aber alle Uiexe ebenfalls zum Judentum zu rechnen, das fiel »len; verträumten Loris nicht einmal im Traum ein. Es kann keine bitterere Satire auf das Leben der Juden im letzten Halbjahrlmmfert geben als diese, die ungewollt ist. Und sie trifft uns fast alle, die Juden selbst noch härter als Hofmannstlial, den Sohn von Getauften. Dieser Band seiner Briefe aus den Jahren 1890—1901, also aus seinem 16.—27. Lebensjahr, erneuert das Bild des so früh werdenden Dichters in der ganzen Fülle seiner einzigartigen Farben und Formen. Ls triumphiert darin jener bei ihm mehr gebundene als entbundene Subjektivismus eines halben Knaben und frühreifen Jünglings, in dem bereits die starke Ahnung des ihm aufgetragenen Werkes als Verpflichtung gegen sich und andere lebt. Zuchtvoller und von einer, sich von selbst verstehenden, Werkrnoral getriebener kann sich kein junger Dichter ausspreehen, als es Hofmannsthai in diesen Briefen tut. Aber gerade deshalb hinwiederum wird uns der weitenweite Unterschied bewußt, der jene so gesegnete Jugend von der heutigen trennt. Schon der Sechzehnjährige schreibt: ״Jedes Kinderlachen, jeder verhallende Ton, jedes Plätschern der Wellen scheint mir wie der Ausgangspunkt einer Welt von Empfindungen, wie der Akkord zu einem Märchen.“ Das könnte beinahe in der Wertherzeit geschrieben sein und von einem, dem bestimmt ist, etwa zu Wetzlar zu leben und zu sterben und stammt doch von einem, der schon jene ersten Gedichte gemacht hat, die den Ton für das nahende 20. Jahrhundert mit,angegeben haben. Es wäre eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, wenn wir Juden unseni Anteil und Anspruch vor dieser tiherwältineml reellen Erscheinung einer gesammelten Traum-, Gcstalttings- und Ih-nkkraft nicht geltend machen wollten. Wie eine zwingende Yi-toi! steigt uns heute aus der so spiilerischen wie straff gehaltenen Sprache dieser Briefe der schöne sephardisch bestimmte Kopf des Dichters als eines der Unsrigen auf, und wie katholisch m■!ו I lofmanndhal auch entwickelt und empfunden haben mag, wir Heutigen dürfen und müssen ihn seihst als einen glanzvollen Exponenten unserer Art empfin• den. Er hat, wie die Briefe zeigen, nur selten unter der Diskrepanz zwischen l.eben und Kunst gelitten, er kaut aus einem reichen Schoß und wuchs in eine entsprechend reiche Fruchtbarkeit hinein. Hier schuf einmal ein« dichterische Kindheit und Jugend einen wahren Dichter, wenn nicht einen großen, so doch einen vmi Größe. Ihn bi endete nicht der eigene Ur-beriluß um! nicht der Ueberlluli der Umwelt, er sah ihn mit klarem Blick, er sammelte ihn mit festen Händen, er machte aus dein Ueherflul! einen Fluß, der ihn, den Dichier, bewegte und forftrtig zum Werk, zu starken Werken, Darin beruht das nicht ausgeschriebene, aber oft genug angedeutete Ethos dieser Briefe, daß sie die Verantwortlichkeit eines Dichters für das ihm ziigcwiescne Talent erkennen lassen, ein zähes Festhalten und Haushalten von Anbeginn an, ein zugleich Erbe- und Frblassersein, ein Empfangen und Geben nach der vor! höheren Mächten gefügten Tradition, In alledem aber spricht sich ein jüdischer Anteil aus, der in Hofmannstlial beschlossen lag, so wie er auch in der gedämpften, aber immer wirkungsbereiten Feierlichkeit sowohl dieser Briefe wie der Dichtungen des Briefschreibers sich zu erkennen gibt. Menschlich am schönsten wirken die Briefe, wo sie den zärtlichen und gehorsamen Sohn «ier aber den Freund zeigen, Kaum sechzehnjährig, kommt Hofmannsth.nl in das berühmte Wiener Kaffee Griensteidl, zuerst mit seinem Vater, dann allein, und trifft dort — er, der Knabe — die jungen Männer, die dort die neue Kunst und Literatur in endlosen, aber fruchtbaren Gesprächen vorbereiten: Beer-Hofmann, Schnitzler, Bahr, Salten. Wie er, über den Altersunterschied hinweg, in die Freundschaft mit ihnen hinelnwäclist, das schon lassen die Briefe, trotz oder gerade wegen ihrer bescheidenen Zurückhaltung, als eine lebendige Leistung der Seele und des Ver- Standes erkennen. Rührend, wie der rasch mm Erfolg und za äußerem Ansehen kommende blutjunge Dichter an diesen seinen Wegbereitern und Weggenossen hängt! Besonders an Reer-Hof mann und Schnitzler! 1899 schreibt er an Schnitzler: ״Wie froh bin ich, solche Menschen zu haben wie Sie und Richard“ (Reer-Hofmann). Und von diesem schreibt er ein Jahr später an einen anderen Freund: ״Es ist das der Mensch, an dessen Gesellschaft ich immer die stärkste und sicherste Freude finde: die höchsten, wichtigsten Begriffe sind sein wahres Eigentum und alle so erfüllt mit Erfahrung, *) S. Fischer, Verlag. in einem solchen Reichtum der Gefühlsfarben, 80 voller Gesichte, daß ich mir nur immer wieder, und nicht aus Eigensinn, sondern aus Ueberzeugung, von seiner Produktion das Höchste versprechen muß — in dem Kreis, den ich überblicken kann, in der Gegenwart, die uns gegeben ist.“ Schließlich sei aus dem reichen Band noch ein Zitat hierhergesetzt, in dem der Fünfundzwanzigjährige das Programm seines eigenen Dichterlebens festlegt — so erstaunlich richtig und sicher, wie es kein zweiter Dichter unserer Zeit für sich vorher erkannt hat: ״Was ich im Leben erfahren, gesehen, erraten oder geträumt habe, und was mir davon besonders merkwürdig und für den inneren Sinn schön vorgekommen ist: Einsamkeitsgefühle und Liebesgefiihle und Trotzgefühle verbunden mit Erlebnissen und Situationen, aus denen Gefühle reichlich und vermischt hervorgehen, verwebt mit Landschaften, bestimmten Gesichtern und anderen Aeußerlichkeiten, die wieder den Situationen im Kopf den besonderen Reiz, den Geruch bestimmter Wesenj bestimmter Erlebnisse geben — das, aneinandergereiht, durcheinandergeschlungen, sind meine Arbeiten.“ Nur eines konnte der Jüngling damals noch nicht sagen: nämlich, welcher Reichtum und welche Reife sich dereinst mit dem früh ‘erkannten geistigen Programm verbinden würde —• und vor allem auch welche Reichweite der Wirkung! Von alledem aber gibt dieser schöne, starke Band von bald ergreifenden und bald packenden Briefen bereits eine Ahnung und einen Begriff. Hermann Sinsheimer Der Briefwechsel Hofmannstlial — Wildgans, herausgegeben von Joseph A. Bradish (Veröffentlichungen des Ver- Bandes deutscher Schriftsteller und Literaturfreunde in New York), The Franklin Press, Zürich — München — Paris, 1935. Dieser ursprünglich im Jahre 1934 in dem führenden Neuphilologenblatt Amerikas erschienene und mit Anmerkungen versehene Briefwechsel, der jetzt einer größeren Oeffentfichkeit zugänglich gemacht wird, wirkt wie ein Gedenkblatt aut eine Zeit, die uns nahe und doch schon fern ist, in der Oesterreich noch eine lebendige Realität und Idee war. Der Gedanke ״Oesterreich“ ist cs, um den ein großer Teil dieses Briefwechsels besonders aus den Kriegsjahren kreist, Oesterreich, für das beide Dichter damals auch literarisch arbeiteten, in Wildgans׳ ahnungsvoller Vision aus dem ersten Kriegsjahr, in der er voraussah, wie wenig aussichtsvoll für Oesterreich dieser Krieg war, ist ein Dokument von historischer Größe gegeben. Auch für die Erkenntnis Hofmannsthalscher Haltung und seiner objektiven und zugleich subjektiven Einwurzelung im österreichischen Kulturkreis hielen diese Briefe, die von 1914—1929 reichen, wertvolles Material. oc. Jahrbuch für die Jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte 1935/36, herausgegeben von dem Verbande der Jüdischen Gemeinde Schleswig-Holsteina und der Hansestädte e. V. Dieses Jahrbuch bringt neben den Angaben von örtlichem Interesse eine Reihe von Beiträgen allgemeiner Natur, die es fiir den Benutzer wertvoll machen. Neben Nachrufen für eine Reihe aus dem Kreise der Gemeinden Verstorbener finden wir einen Aufsatz über die Synagoge in Farm eines kleinen ״Schulchan Aruch“, Arbeiten über Synagoge und Friedhof in Rendsburg, über den jüdischen Friedhof in Moisling und Lübeck, einen alten Briefwechsel zwischen den Gemeinden Hamburg und Frankfurt a. M. und anderes historisches Material, das auch außerhalb des engeren Kreises der Gemeinden von Interesse ist.

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