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Jüdische Rundschau · 1935-11-08 · Heft 90 (8.11.1935) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 90 (8.11.1935)
Date
1935-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 3 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 90, 8. XI. 1935 Palästina-Amts - Tagung Aufgabe und Planung Am vergangenen Sonntag fand im Berliner Logenhaus eine Tagung des Palästina-Amtes statt, die der Fühlungnähme zwischen den Vertretern der Berliner Zentrale und den Mitarbeitern und Zweigsteilenlcitern des Palästina-Amtes in der Provinz diente. Die Tagung war außerordentlich stark Iwsucht. Es nahmen an ihr Vertreter ans etwa 123 Orlen des Reiches neben den in der zentralen Berliner Arbeit stehenden Mitarbeitern des Palästina-Amtes teil. Schon dieser /;!"]!reiche Besuch war ein Zeichen fiir das a 11 11 e r o r d c 1111 i c 1! c I n - teresse, das alle Teilnehmer den aktuellen Problemen entgegenbrachten, die mit der Lenkung und Regulierung der Palästina-Wanderung von Deutschland verbunden sind. Die Tagung stand unter Leitung von Laudgerielitsrat Arthur Rau. Er cröffnete sie mit einem Rückblick auf die Arbeit und wies dabei darauf hin, daß allein in Berlin seit dem Frühjahr 1935 57 000 Personen vom Palästina-Amt beraten worden sind, wahrend eine gleiche Anzahl von Beratungen von den Zweigstellen im Reiche durchgeführt wurden. Er zeigte den Sinn der Tagung auf und betonte besonders die menschliche Aufgäbe, die in der Arbeit des Palästina-Amtes eine entscheidende Rolle spielt. Hierauf erfolgte die Wahl des Präsidiums der Tagung, das sich aus I )r. Franz Meyer, Berlin, Landgerichtsdirektor Dr. A 11 h e r 111 m, Leipzig, IDr. Bamberg er, Nürnberg, Amtsgerichtsrat Otto May, Köln, und Dr. Pomeranz, Frankfurt ׳Main zusammensetzte. Als erster Referent nahm Dr. Franz Meyer das Wort zu einem einleitenden Referat über ״Die Pian u!1 g d er P a 1 ä s t i n a - A m t s ,1 r b e i t“. Er gab eine Anahse der gegenwärtigen weltpolitischen Situation und erörterte ihre möglichen Auswirkungen auf die Entwicklung des Aufbauwerks in Palästina, wobei der abessinischc Konflikt besonders eingehend behandelt wurde. Die durch diese Ereignisse aufgelöste Vertrauenskrise schied er mit Recht in zwei voneinander zu trennende Krisenerscheinungen: die erste, hervorgeruten durch die übereilte Annahme, Palästina könne unmittelbar in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt werden, und die zweite, eine Finanzkrise, verbunden mit einer naturgemäß sielt daran knüpfenden Krise des Bauzarich Touring Hotel ßarni'Sü“ I CI. 250 m *am Hauptbahnhof °• Spiess Teleion in «ämtllch, Zimmer« I markts, die wiederum eine Storung des Arbeitsniarktes nach sich zog, welche zum Teil auf Befürchtungen über die Auswirkung der Sanktionen beruht. Er sprach weiterhin von dem damit zu Unrecht in Zusammenhang gebrachten Komplex des japanischen Du nti n g, das trotz des Austrittes Japans aus dem Völker- und durch den englisch-japanischen Handelsvertrag auch für das Mandatsland Palästina rechtlich ermöglicht wird, von der noch ganz ungeklärten Situation auf dein (jebiete der Zertiukats-Poiitik, insbesondere ihrer Auswirkung fiir die Auswanderung aus Deutschland, von den Plänen auf den! Gebiet der Mittel.stands-W ändert! n g, die immer mehr zu einer brennenden Frage für die große .Masse der Juden in Deutschland werde. Er streifte dabei die Möglichkeit der Wiederbelebung einer bisher praktisch wenig ausgewerteten Zertifikats-Kategorie für Kapitalisten mit £P 500 Vcrmögen, wobei als Ausgleich für die als Siedlungskapital nicht ausreichenden .CP 590 eine Siedhingsgesellschaft eingeschaltet werden müsse. Die Verhandlungen mit den zuständigen lnstanzen in Deutschland und Palästina versprächen für nahe Zukunft einen günstigen Abschluß, lni Zusammenhang mit den Fragen der Finanzierung des Palästinn-Aufbau« kam Dr. Meyer auf die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Fonds und dem Palästina-Amt zu sprechen, wobei er unterstrich, daß die Beteiligung an den Fonds kein Fntreebillett für Palästina darstelien dürfe, sondern daß sie gleichzeitig zu einer Gewinnung der Menschen für unsere Sache fuhren müsse. Als Ergebnis der jüngsten Verhandlungen auf zionistischer Seite über die Frage der Beteiligung der Nichtzionisteil am Aufbauwerk stellte er grundsätzlich fest: Der Zionismus erstrebt Palästina für das g a ת z e jüdische Volk. Deshalb ist Palästina nicht etwa nur für Zionisten reserviert. Wohl aber ist die seelische Einstellung ZU Palästina, also das Bekenntnis zum Zionismus, ein entscheidender Faktor bei der Frage der Eignung des Zertifikatbewerbers. Bei < ileichheit aller sonstigen Qualifikationen gäbe der zionistische Faktor den Ausschlag. Dr. Meyer besprach dam! kurz das angebliche A 11 k o m m e ח zwischen dem R.J.F, und der Agudas J i s r 0 e 1. Er stellte dabei klar, daß die Aguda eine große Anzahl von Bewerbern Vorschlägen könne, die nach den gleichen Gesichtspunkten geprüft würden, die das Palästina-Amt bei allen anderen Bewerbern an wenden wird. Eine Bevorzugung von Bewerbern aus den Reihen des R.J.F,, die in Verkennung der Sachlage sieh durch die Agnida Vorschlägen lassen wollten, sei weder auf Grund dieses Abkommens noch ohne es möglich. Fr schloß mit dem Hinweis, daß mir die Zusammenfassung der vier Aufbauelemente: Boden, nationales Kapital, privates Kapital und Arbeiterschaft der Tätigkeit des Palästina-Amtes ihren großen und zionistischen .Sinn verleihen könne. Es folgte das Referat von Schalom Wurm (Beth Alpha) über ״Die Wi rt s c 11 a f t s p ro b 1 e m e des Palästina- Aufbaus“. Wurm gab einen sachlich gut fundierten, alle wichtigen Probleme berührenden Ueberhlick über die wirtschaftliche Situation Palästinas. Besonders ausführlich behandelte er die Zollschwierigkeiten der Industrie, die mangelnde Brach hing des Sektors der öffentlichen Arbeiten aul dem allgemeinen Arbeitsmarkt, die Ungerechtigkeit der steuerlichen Belastung der jüdischen Be» völkemng und der ihrem Steileranteii nicht entsprechenden staatlichen Dotierung der jüdischen Einrichtungen. Er ging weiterhin ein auf die sehr aktuelle Frage der jüdischen Schiffahrt und Hochseefischerei und die Anomalie der wirtschaftlichen und soziologischen Struktur Palästinas, die durch die jüngste Vertrauenskrise erneut beleuchtet worden sei. Er warnte vor übertriebenen Exporthoffnung«! der Industrie und unterstrich wiederholt die zentrale Bedeutung der Landwirtschaft für den Aufbau Palästinas. Zur Bekämpfung der spekulativen Tendenzen im Pflauzungsbau forderte er einen zentralen Bodentrust und eine Intensivierung der Beratung auf seiten der zionistischen Instanzen. Ueber ״Die Fragen der Zertifikats-Vertei- 1 u n g״ sprach Alexander Adler Er betonte die Notwendigkeit einer strengeren Prüfung der Zertifikats-Bewerber und gab einen Ueberb ick über die dafür auf7!1ste!lenden Richtlinien. Zertifikate für Notfälle dürften nur in den alleräußersten Situationen gewährt werden. Er hob die fast unlösbare Frage der über 35jährigen hervor, sprach kurz über die Zertifikate für alte Zionisten und arbeitete in klaren und menschlich überzeugenden Worten die unverrückbaren Grundsätze einer zionistisch gerechtfertigten Zertifikats-Politik heraus. In einer anschließenden Diskussion wurden die in den Referaten anfgctauchtcn Fragen durch die auswärtigen Teilnehmer diskutiert. Neben wertvollen Bemerkungen zu den grundsätzlichen Fragen gab die Diskussion auch Anregungen für die Zertifikats-Politik des Palästina-Amtes. Sodann wandte sich die Tagung der Behandlung von Spezialproblemen zu. Eva Stern die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft für Jugend-Alijah, sprach über die Voraussetzungen der Einwanderung, — Ausbildung und Einordnung von Jugendlichen in Palästina. Sie berichtet: Die Jugendlichen werden nicht nur auf ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sondern auch auf das wichtige Moment der Eignung für ein Gemeinschaftsleben geprüft. Die Selektion der Kandidaten findet in einem etwa vierwöchigen Vorbcreitungslager in Deutschland statt. Den Jugendlichen kann von vornherein keine Fachausbildung vermittelt werden. Die erste Betätigung in Palästina besteht in landwirtschaftlicher, handwcrklicher oder hauswirtschaltlicher Arbeit. Die Jugendlichen werden meist in geschlossenen Gruppen unter der Leitung eines Gruppenführers aus Deutschland zusammengefaßt und in ländlichen Genossenschafts-Siedlungen untergebracht. Die Schwierigkeiten der Durchführung der Jugend-Alijah liegen in erster Linie in der Finanzierung. Die Palästina-Regierung fordert, daß die für die zweijährige Ausbildung notwendigen finanziellen Mittel von vornherein sichergcstellt werden. Die Aufbringung der Mittel wird durch die Arbeitsemeinschaft fiir Kinder- und Jugend-Alijah, in der die jtiische Jugendhilfe, das Waisenhaus Ahawah und das Kinderdorf Ben Schemen zusammengeschlossen sind, durchgeführt. Bei der sehr hohen Zahl von Anmeldungen muß mit einer mindestens halbjährigen Wartezeit gerechnet werden. In der Regel können nur Jugendliche im Alter von 15—17 Jahren zur Jugend-Alijah zugelassen werden. Ueber Gesundheitsfragen der Palästina- Wanderung sprach Dr. Herbert Neamann der Obmann der Vertrauensärzte des Palästina-Amtes. Mehr als allgemein angenommen wird, hängt eine erfolgreiche Ein- Ordnung in das palästinensische Leben davon ab, ob der Ein- Wanderer den klimatischen und körperlichen Anforderungen seiner künftigen Arbeit gewachsen ist. Das Palästina-Amt ist deswegen gezwungen, in besonders starkem Maße auf die gesundheitsärztiiehe Kontrolle zu achten. Da das soziale Fürsorgewesen Palästinas noch sehr wenig ausgebaut ist, könnten Fälle, in denen Menschen aus gesundheitlichen Gründen dauernd arbeitsunfähig werden, zum unlösbaren Problem werden. Das Palästina-Amt kontrolliert die Bewerber nicht nur unmittelbar vor ihrer Alijah, sondern läßt in regelmäßigen Zeitabsfänden alle auf Hachscharah befindlichen Chaluzim ärztlich untersuchen, um in Fällen, in denen die gesundheitliche Eignung durch ein Heilverfahren hergestellt werden kann, rechtzeitig einzugreifen. Die Nachmiltagssitzung wurde durch ein groß angelegtes Referat von Waller Tempel über die ,,Organisation der Palästina-Amts- Arbeit“ eingelcitet. Die besondere Stellung, die das Pakistina-Anit einnimmt, stellt besondere Anforderungen ari seine Mitarbeiter. Einerseits darf niemals vergessen werden, daß die Konzeption des Palästina-Aufbaus stets die Schaffung einer Heimstätte für die Juden (und nicht nur fiir die Zionisten) Schenken Sie Ihren Freunden den Palästina-Kalender 5696 vorsah. andererseits aber muß klar erkannt werden, daß eine wirkliche Einordnung nur dann stattfinden kann, wenn die Einwanderer nicht nur beruflich und sprachlich vorbereitet sind, sondern mit den Problemen des Palästina-Aufbaus, mit der besonderen Struktur des jüdischen Volkes 1:nd — was daraus resultiert — mit den zionistischen Erkenntnissen genügend vertrant sind. Die erfolgreiche Palästina-Beratnng kann nur gewährleistet werden, wenn sie mit fundiertem Sachwissen um die Realitäten des Landes und mit zionistischer Erfassung der Probleme unterbaut ist. Nach der Darstellung der Struktur und der Arbeitsweise des Palästina- Amtes Berlin wandte sich Walter Tempel der Zusammenarbeit zwischen der Zentrale und den Zweig- und Vertrauenssteilen im Reiche zu. Die Betreuung der 22 vom Reichsinneriministerium als gemeinniitzige Auswandererberatungsstellen anerkannten Zweigstellen sowie der zirka 400 Vertrauensstellen erfordert gründliehe organisatorische Vorbereitung. Daher hat das Palästina- Amt eine besondere Organisations-Abteilung geschaffen, der die Betreuung und der Besuch der Zweig- und Vertrauensstellen obliegt. Durch Zentraltagungen in Berlin, besondere Bezirkstagnngen und Ausbau des Informationsdienstes soll ein noch engerer Konnex zwischen der Zentrale und den Mitarbeitern im Reiche hergestellt werden. Um das schwierige Problem der Finanzierung dieser Arbeit (sämtliche Zweig- und Vertraucnsstellen arbeiten grundsätzlitfn ehrenamtlich), zu lösen, müssen die zentralen Mittel der Reichsvertretung sowie die lokalen Leistungen der Gemeinden herangezogen werden. Durch die Tatsache, daß in! Laufe der letzten 2'4 Jahre die Beratungen des Palästina-Amtes und seiner Vertraucnsstellen zirka 100 OOOmal in Anspruch genommen worden sind, ist die Notwendigkeit der Intensivierung und des Ausbaus dieser Tätigkeit unumgänglich. Den Abschluß des Referats bildete die Darstellung einiger wichtiger Punkte aus der Planung der Arbeit für das kommende halbe Jahr. — In einer ausführlichen Diskussion, die sich dem Referat anschloß, konnten die praktischen Erfahrungen der Mitarbeiter aus dem Reiche ausgetauscht werden. In einem Spez.ialreferat behandelte Assessor Wallbach die Steuer- und d e v i s e!1 r c c h 11 i c h c n Fragen der Palästina-Wanderung. 111 seinen Ausführungen begnügte er sich nicht mit der Darstellung der oft recht komplizierten gesetzliehen Vorschriften, sondern gab darüber hinaus einen intercss,inten Ueberblick über die Entwicklung des Kapitaltransfers seit Einführung der Devisenbeschränkung in Deutschland. Auf Einladung des Palästina-Amtes referierte zum Schluß Dr. Werner Feilchenield Geschäftsführer der Haavara, über die zukünftige Gestaltu ng des Transfers, ln seinen fesselnden Ausfiihrungen verstand es der Referent, die großen Gesichtspunkte und die entscheidende Bedeutung des Transfers für die Aus- Wanderung von Juden aus Deutschland nach Palästina zu schildern. Da die Fragen des Transfers viele Auswanderungswillige besonders interessieren und oft mißverstanden werden, wird die ״J. R.“ eine ausführliche Darstellung von Dr. Feilchenfcld noch veröffentlichen. Zusammenfassend kann festgestcllt werden, daß die Tagl mg, die die größte der bisher »!)gehaltenen Arbeitstagungen des Palästina-Amtes war, von vollem Erfolg gekrönt war. Selbstverständlich werden die zutage getretenen Anregungen erst im Laufe des kommenden Winters im einzelnen durchgearbeitet und ausgewertet werden können. Neubesetzung des Palästina - Amtes I. Die P a I ä s t i n a - A m t s - K 0 m m i s s i o n ist gemäß den Kongreßbcsehlüssen neu zusammengesetzt und besteht nunmehr aus folgenden Herren: Alex. Adler, S. Adler-Rudel, Dr. E. Ascher, Ben Aharorr, I. Eisner, Dr. A. Kupfcrberg, Paul Lewi'insolin, Dr. Hans Lipschitz, Adolf Michaelis, Dr. Arthur Stein, Naftali Unger. II. Das aus der Palästina-Amts-Kommission gewählte Präsidium des Palästina-Amtes besteht aus den Herren: Adler, Dr. Ascher, Dr. Stein. III. Die ״Kleine Zertifikats-Kommission“ besteht aus den Herren Adler, Dr. Lipschitz, Unger. IV. Die Leitung des Palästina-Amtes ist mit den Herren Dr. Meyer und Rau kollegial besetzt, die die Arbeit folgendermallen unter sich verteilt haben: 1. Die Vertretung des Palästina-Amtes nach außen, insbesondere gegenüber den staatliehen Behörden, und die allgemeine Planung der Palästina- Amis-Arbeit, insbesondere auf dem Gebiete des Transfer- und Zertifikatswesens, obliegt Dr. Meyer; jedoch zeichnet Herr Rau auf dem Gebiete des Zertifikatswesens mit. 2. Die Beaufsichtigung des Innenbetriebes und des Verkehrs mit der* Zweig- und Vertraucnsstellen sowie mit dem Publikum obliegt Herrn Rau. V ermögensliquidati on und Palästinawanderung Die wirtschaftliche Situation des!irdischen Mittelstandes und die in der Ocffcntlichkeit bereits mehrfach behandelte Häufung der jüdischen Geschäftsverkiiufc und sonstigen Vermögensliquidaiionen haben zu einem starken Andrang von Ratsuchenden bei den Beratungsstellen des Palästina-Amtes geführt. Die Auswanderung dieser Menschen und ihre wirtschaftliche Eingliederung in Palästina setzt eine planmäßige Lösung des Liquidationsproblems voraus. Zut Bewältigung dieser Aufgaben haben die Zionistische Vereinigung für Deutschland und das Palästina-Amt die Schaffung eines Fachressorts beschlossen. Die Vorarbeiten zum Aufbau dieser Einrichtung sind bereits im Gange. Für die nächste Woche ist die Einberufung einer Konferenz, von auf diesem Gebiet sachkundigen Persönlichkeiten vorgesehen. Zwei Rabbiner. Aus München wird uns geschrieben: In diesem Monat feiern wir den 100. Geburtstag von zwei Rabbinern der vorigen Generation. Beide stammen aus Ungarn, welches Land im vorigen Jahrhundert dem Judentum Deutschlands so viele rabbinische Führer gegeben hat. Beide haben in bayerischen Gemeinden amtiert. Der eine ist der Münchener Rabbiner Josef Perl es, der andere der Atigs-, burger Rabbiner Heinrich Groß. Sie beide, obwohl grund* verschiedene Naturen, sind Typen für den fachgelehrteil Fleiß vieler deutscher Rabbiner in jener ruhigeren Zeit. Josef Perles hat sich als Sprachforscher und Archäologe einen Namen gemacht. Sein Hauptgebiet war die rabbinische Sprach- und Altertumskunde, die er durch zahlreiche Veröffentlichungen gefördert hat. Die von Perles ausgestreuten Anregungen haben in jüngeren Forschern bis zum heutigen Tage nachgewirkt. Seine Predigten wurden von seinem Sohn, dem Königsberger Rabbiner Felix Pcrles, herausgegeben. Den Namen von Heinrich Groß kennen die jüdischen Mittelschüler aus Bayern aus seiner populären, kurz gefaßten Glaubenslehre, die erst in den letzten Jahren durch die ״Israelitische Religionslehre“ des gegenwärtig amtierenden Augsburger Rabbiners Dr. Jacob ersetzt worden ist. Aba־ sehr wenige werden wissen, daß Groß einer der besten Kenner des mittel alterliehen jüdischen Schrifttums war, über das er eine Reihe von wertvollen Aufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht hat. Sein Hauptwerk ist die in Paris 1897 erschienene Gallia Judaica, eine alphabetisch nach Orten geordnete Darstellung der Geschichte der Juden in Frankreich. W. Ca. Psalmen und Politik. Anläßlich der bevorstehenden englischen Parlamentswalilen weist ein Parlaments-Kandidat in der Londoner ״Times“ darauf hin, daß die Psalmen manche Gedanken enthalten, die man jedem Kandidaten ans Herz legen sollte. Der Schreiber zitiert dann eine Reihe von Versen, insbesondere aus den Wallfahrts-Psalmen 126, 127, 129, 131. Gladstone, der berühmte englische Staatsmann, habe am 9. Mai 1854 notiert: ״Bei vielen Gelegenheiten in besonders schwerer Lage haben mir Worte der Schrift geholfen. . . . Die Psalmen sind dafür die beste Vorratskammer“. Besonders sei ihm im Winter 1837 in einer wunderbaren Weise der Psalm 128 zu Hilfe gekommen. Zum Schluß empfiehlt der Briefschreiber allen Kandidaten, des Verses des Psalms 74 eingedenk zu sein: ״Blickt auf den Bund, denn voll sind die Schlupfwinkel der Erde von finsteren Gewalttaten.“ IfolKaufhaus im H.n»avieru>1»risaa. Max Giesen Breayjg 1 #|

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