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Jüdische Rundschau · 1935-11-08 · Heft 90 (8.11.1935) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 90 (8.11.1935)
Date
1935-11-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 90, 8. XI, 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 9 Zur Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie in der Neuzeit 1. Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie in der Neuzeit, Bd. I. Von Hans Joachim Schoeps. Vortrupp-Verlag, Berlin 1935. 2. Vom Bleibenden und Vergänglichen im Judentum. Von Salomon Ludwig S t e i n h e i m, mit einem Vorwort von Hans Joachim Schoeps. Vortrupp- Verlag, Berlin 1935. Hans Joachim Schoeps ist vor 31/3 Jalircn mit einer religionssystematischen Arbeit ״Jüdischer Glaube in dieser Zeit“ hervorgetreten, die viele heftige Gegner fand. Schoeps wollte darin nicht mehr und weniger als eine Grundlegung zu einer systematischen Theologie des Judentums bieten. Der Verfasser fühlt sich durch die Kritik, die er ln der jüdischen Presse fand, nicht angemessen behandelt. Der neuen religionsgescliichtlichen Fundierung seiner früheren nicht ganz zureichenden Bemühungen stellt er ein Vorwort voran, worin er an seine jüdischen Kritiker ״die leider nötig gewordene Mahnung zu intellektueller Redlichkeit״ richtet, ״nicht die eigenen Haßaffekte sachlich zu drapieren, sondern lieher zu schweigen, als unangemessen zu urteilen“. Die für das Judentum leitenden Begriffe ״Gesetz", ״Offenbarung“ und ״Volkstum“ haben die moderne idealistisehe Begründung der jüdischen Religion von Anfang an fragwürdig gemacht. Eine ״systematische Theologie“ war überdies an und für sich von jeher dem jüdischen• Bewußt• sein fremd. Dies kam vor allem daher, daß der Prozeß der Verkirchlichung im Judentum schon frühzeitig jäh abgeschnitten wurde; für eine eigentliche ״Theologie“, eine sich unablässig überprüfende und ausgebildete Glaubens- Wissenschaft fehlten die historischen Voraussetzungen. Die Weitergabe der Lehre von Geschlecht zu Geschlecht geschall in den Formen des ״Lernens“ und Haltens der üebote, nicht mittels einer Theologie, wie sie eine herrschende machterfüllte Kirche mit sakraler Autorität schuf. Eine innerjüdische Dogmatik als eine in sich zusammenhängende erschöpfende Darstellung der jüdischen Glaubensgedanken vnd als Mittelpunkt einer autoritativ geltenden Gcsamtanschammg von Gott und Welt hat sich im Judentum über die bekannten Ansätze hinaus nicht entwickelt. Wir stellten schon vor drei Jahren fest, daß die Stärke des ersten Versuches von Schoeps in dein Katalog des dritten Kapitels seines neuen ״Jüdischen Glaubens“ lag; hier hat der Verfasser in der Tat eine große verstaubte Bibliothek deutsch-jüdischer ״Glaubenslehren“ in Ordnung gebracht. Und hier ist denn auch der Ausgangspunkt seiner neuen Arbeit, die jenes dritte Kapitel durch die Darstellung der Systeme der einzelnen d e u tsc h - j i'td i sc h e n Denker des 19. Jahrhunderts fortführt. Diese Systeme, ganz im Fahrwasser der damaligen deutschen Philosophie, blieben schon in ihrer Zeit so gut wie unbeachtet und verfielen bald der allgemeinen Vergessenheit. Heberriift man heute aus Anlaß der neuen Schoepsschen Publiationen, ob namentlich die umfangreichen Systeme von Salomon F o r 111 s t e c h e r, Samuel Hirse 11 und Salomon Ludwig S t e i n 11 e i in einer ״Wiederentdeckung“ bedürfen und einer ״Wiedererweckung“ fähig sind, so kann dies mit gutem Gewissen, bei voller Anerkennung der Wissenschaftliehen Arbeiten von Schoeps in den letzten Jahren, ohne Einschränkung verneint werden. Nicht weniger als vier sorgfältige, wissenschaftlich verantvvortungsbewulit abgefaßte Forscherarbeiten, in deufscher Sprache, in den Jahren 1933—1935 veröffentlicht, be- I handeln das gleiche schwierige Gebiet der nachmendelssohrtlschen, aber noch vormärzlichen geistigen Strömungen im Judentum, insbesondere die jüdische Religionsphilosophie um die Mitte des 19. Jahrhunderts; jedes der vier Werke hat sein eigenes Forschungs/iel und wertet unabhängig voneinander die Gedankensystemc dieser Epoche über die jüdische Religion. Denn außer Schoeps haben Max Wiener (״Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation“, Berlin 1933), ferner Julius Guttmamn (״Die Philo- Sophie des Judentums“, München 1933; namentlich S. 317 bis 342) und Albert Lcwkowitz (״Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts“, Breslau 1935; vgl. vor allem S. 385—41(1) die Hauptidcen der Systematiker Formstecher, Hirsch, Steinheim im Zusammenhang mit den zeitlich vorangehenden und folgenden Religionsphilosophen dargestellt. Man kann die sehr weitläufigen von Kant, Fichte, Hegel, Schölling gespeisten Idcengebämie dieser Manner natürlich wiederuni in einer neu geordneten ״Geistesgeschichte“ des modernen Judentums nachzeichnen, aber was Wiener, Quttmann, Lcwkowitz bieten, ist vollkommen genügend und ersetzt durchaus das Studium! der umstandliehen Originalwerke, in denen der Geist Jener deutschen idealistischen und romantischen Philosophen den richtig aus seinen eigenen Gesetzen verstandenen ״Geist des Judentums“ überwiegt. Die spekulative Verkoppelung des Jüdisehen mit der deutschen Philosophie von Mendelssohn bis Franz Rosenzweig hat ihre Reize, die Hauptprinzipien aller dieser Harmonisierungen und Vereinerleiungen müßten sicher auch einmal von einem überlegenen Standort aus, in einer Art Wissenssoziologie, gezeigt werden. Aber man spreche nicht von Wicdercntdcckungen oder Wiedererweckungen! Die’Tatsache der Verwandlung einer religiös-gesetzlichen Lebensordmmg, die als echte geschlossene Einlieitskultur schlechthin alle Juden umldammert hielt, in religionssystematische Reflexionen nachdenklicher Einzelgänger, die mit ihrem Judentum nicht fertig wurden, ist in der jüdischen Geschichte ein Vorgang von größter Tragweite, aber der Inhalt der philosophischen Spekulaüonen im einzelnen bleibt in der privaten Sphäre. Diese jüdisch-theologischen Kantianer oder Hegelianer cxler Scliellingianer wollten ״die Wahrheit des Judentums philosophisch prüfen und seinen religiös-geistigen Gehalt in seinem Verhältnis zur Weltanschauung der Gegenwart bestimmen״, in Wahrheit dokumentierte sieh in diesen Philosophen das Auscinanderbrechen einer geschlossenen jüdischen Gesell- Schaft, der noch eine verbindende Idee und eine verbindliehe l.cbcnsordnung eigen war. Jetzt mühten sich ehrlich ringende jüdische Finzelpersönlichkeiten, oft in lang ausgesponnenen Systemen damit ab, die Gründe ihres persünliehen Verbleibens im Judentum sich zurecht zu legen; sie glaubten die Uebereinstimmung des jüdischen Glaubenskerns mit den Lehren von Kant oder Hegel oder Schilling nachweisen zu können, wahrend sie in Wahrheit das Judentum willkürlichen Spekulationen auslieferten. Der alte Vorwurt Frankels gegen Steinheim (Lcwkowitz a. a.O. S. 389), daß ״er unter der Form des innigsten Festhaltens an der Offenbarung diese völlig unterminiert und sie der Willkür preisgibt“, besieht ohne Einschränkung zu Recht. Schoeps gerät mit seiner neuen ״Geschichte der jüdisehen Religionsphilosophie in der Neuzeit“ forschungsiniißig aut die richtige Ebene: er überprüft in einer streng gclehrten Monographie nochmals die neueren religionssystematisehen Versuche im Judentum, für uns, allerdings mit dem für die praktische jüdische Lebensgcstaltung einzigen ahsolut evidenten Resultat, daß hier vergebens die lebendigen Quellen des Jüdischen gesucht werden. Hätte er diese Monographie vo r seinem ״Jüdischen Glauben in dieser Zeit“ geschrieben, so wäre es vermutlich nie zu der falsch angelegten neuen ״Theologie des Judentums“ des Jahres 1932 gekommen. Steinheim bedeutet im Judentum nicht mehr als eine interessante Einzelgestalt; an ihm eine gültige systematische jüdische Theologie zu orientieren, bleibt absurd. Einen schlüssigen Beweis der absoluten Niditeignung der supranaturalen Offenbarungslehre Steinheims für unsere jüdische ״Orientierung“ bringt Schoeps mit seiner Vcroffentlichung von typischen Stücken Steinheimscher Ideen und seiner eigenen Einführung dazu. Mit einer ״kleinen“ K-orrektur glaubt Schoeps den "edlen voriuärzlichen jüdischen Arzt wieder aktuell zu machen: ״Um zeitgemäß und dennoch unmittelbar an Stein heim anzuknüpfen, ist es im Grunde nur nötig, die erkenntnistheoretische Dialektik Steint!cims in eine existenzielle zu verwandeln, seine Antinomienlehre von Offenbarung und Vernunft eine Schicht tiefer zu verwurzeln als in der theoretischen Erkenntnis, nämlich im Sein des Abralis, daß der Mensch je schon immer von Gott und somit auch von seinem Ursprung abgefallen, darum aber seine Vernunft trügerisch geworden ist und ihres inneren Widerspruches wegen Belehrung von außen braucht.“ Der Stcitilieimschcn Lehre, der schon Andorn in der ״Monatsschrift“ im Jahre 1930. eine neuere Darstellung gcwidmet hat, wird heute am besten ■das ■oben zitierte Werk von Max Wiener (״Jüdische Religion im Zeitalter der Einunzipation“, S. 147—165) gerecht. Gewiß, Steinheim ist derjenige, der sich mit deri stärksten Worten gegen die Religion als ״frommes Gefühl“ wendet und die Vernunft als das wahre Organ für die Fortstellung des Glaubensinhalts anerkennt, aber (wie Wiener mit Recht hervorhebt a. a.O. Seite 161) ohne eigentliche Beziehung zu den wirklich in den Offenbarungsurkuiwjcn überlieferten Glanbensgedanken. Schoeps fiat nach seinem neuen Beitrag zur Geschichte der jüdischen Rcligionsphilosophie in der Neuzeit das Recht, in einem philosophischen Fachblatt rein wissenschaftlich beurteilt zu werden. In diesen Blättern konnte nur angedeutet werden, warum die Forscnuiigeu und Exzerpte von Schoeps kein aktueller geistiger Motor des heutigen Judentums, warum sie vor allem nicht p r a k t is c h für das Selbstvcrständnis der jüdischen Existenz oder deren praktische Gestaltung sein können. Ludwig Fcuchtwangcr Der Verlag Kedem teilt uns mit, daß in der Reihe seiner Jugendbücher das Buch von Bernhard Gelbart: Die Jungen vom ״Guscli“ erscheinen wird. Ein hebräisches Standardwerk משה אבן עזרא ישידי החול. Mosche Ihn Esra: Weltliche Dich-! tungen. Herausgegeben von Dr. Heinrich (Cliaim) Hrody; 430 Seiten in Halbpergament, Schocken-Verlag Berlin 1935 (28 RM.). Das dem Schocken-Verlag ungegliederte ״Forschungsinsti* tut für hebräische Dichtung“, das jetzt in Jerusalem seinen Sitz hat, legt hier die erste große Frucht seiner Arbeit vor. Es ist eine von dem Leiter des Instituts Dr. Heinrich Brody (trüberer Oberrabbiner von Frag), einem der besten Kenner der hebräischen Dichtung dir spanischen Epoche, besorgte! Gesamtausgabe der Werke des Dichters Mosche lbn Esra; (1055-1138; aus Granada, der mit seinen Zeitgenossen Jeliuda Halcvy und Schlomo lbn Ojliiroi das berühmte Dreigestirn der hebräischen Dichtung bildet, von dem Heine in seinem Gedicht ״Jehuda Halevy“ spricht. Mosche Ihn Esra hat neben seinen religiösen Dichtungen, die zum Teil in die Liturgie eingegangen sind (insbesondere Slichot), eine große Zahl weltlicher Gedichte geschrieben, zum Teil Liebesgedichte und Dichtungen der Weltfreude. Bis heute, fast tausend Jahre nach seiner Geburt, mangelte es an einer vollständigen Ge-, samtausgabe. Die Renaissance der hebräischen Sprache in den letzten 50 Jahren hat zur Folge gehabt, daß sich das Interesse auch wieder den Dichtern der spanischen Epoche zuwandte, mit denen sieh übrigens schon im 19. Jahrhundert eine ganze: Reihe von Wissenschaftlern und auch Uehcrsetzern beschäftigt haben; wir erinnern nur an Michael Sachs oder an Seligmann Heller, dessen Uebersetzung der ״Echten hebräischen Melodien“ (der spanischen Dichterschule) in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 81/82 in dem Beitrag ״Ahasver und die Kaiserin“ erwähnt war. Aber erst in den letzten Jahren haben ernsthafte wissenschaftliche Bemühungen größeren Stils eingesetzt. Die Wiederbelebung dieser Dichter und. ihre Fruchtbarmachung fi!r das moderne Hebräisch und für die Bereicherung der Sprache xvar eine der Lieblingsideen von Bialik, der auch daranging, in seinem Verlag ״!)wir“ die Werke der wichtigsten dieser Dichter lieraiiszugebeii. Dies entsprach seiner Parole des ״Kinns“, der Sammlung alles Wertvollen der hebräischen Produktion. Das ״Eorschimgsinstitut Ihr hebräische Dichtung“ konnte diese Arbeit mit weit größeren Mitteln und Möglichkeiten in Angriff nehmen. Der Herausgeber Brody halte die Möglichkeit, zwei nahezu vollständige Handschriften des Divan aus dim Besitze des Selioeken-instituts zu seiner Ausgabe zu verwenden. Außerdem haben ihm Genisa-Blätter und Handschriften Vorgelegen, in denen einzelne Stücke enthalten sind, und vom Scfer Haanak halle er zwölf vollständige Handschriften zur Vertilgung. So konnte Brody in dem Buch sämtliche (jcdiclne des Divan, die Giirlclgcdielite und den Sefer Ha-anak (den man früher unrichtigerweise ״Tarschisch“ genannt hat; eine in zehn Abschnitte zerfallende Dichtung, die 121•) aui gleichlautende Worte ausgehende Verse entlud:) zusammen fassen und noch die zwei einzelnen Briefe, die von Ihn Esra geblieben sind, hinzufügen, die gleichfalls in rhythmischer Form ahgefnßt sind. 111 einem kurzen Vorwort teilt Brody mit, daß er über die Methode und den Plan der Arbeit in allen ihren Einzelheiten in dem in Vorbereitung befindlichen zweiten [fand Rechenschaft ablegcn wird; dieser zweite Hand wird auch Erklärungen und Anmerkungen zum ersten Band, sowie vollständigen Quellennachweis enthalten. Bei der Vcroffent* lichung der Gedichte ist bei jeder einzelnen Strophe das V ersmaß, das bekanntlich sich vorwiegend au arabische Vorbilder anlehnt, angegeben. Das Sachregister ist so!!!geordnet, daß sämtliche Gedichte nach ihren Anfangszeilen verzeichnet werden, sowie in einem zweiten Register nach dem Metrum geordnet, so daß bei jedem einzelnen Metrum verzeichnet ist, welche Gedichte in die betreffende Kategorie fallen. Mit diesem Buch hat das Forschungsinstitut des Verlags Schocken der modernen hebräischen Welt und darüber hinaus der interessierten wissenschaftlichen Welt ein großartiges Geschenk gemacht. Eine ausführliche Würdigung wird erst angebracht sein, wenn der angekündigtc zweite Band vorliegt. Es ist aber an zu nehmen, daß inzwischen, ganz abgesehen von der wissenschaftlichen Durcharbeitung und Weiterforschung, eine ganze Reihe dieser bisher schwer Zugangliehen Gedichte, darunter auch viele kurze von epigrammatischein Charakter, größere Popularität erlange 11 werden: durch die Schaffung einer hebräisch sprechenden Gemeinschaft in Palästina ist zum ersten Male seit tausend Jahren wieder die natürliche Voraussetzung für eine solche Popularität gegeben. Aut der einen Seite wird der fast verscholleiii Dichter wieder eine Gemeinde bekommen, auf der anderen Seile wird der durch die Verwilderung des Alltags bedrohten hebräischen Sprache ein Rückhalt aus der Sprachkultur vergangener Jahrhunderte zuteil. Einer besonderen Erwähnung bedarf die künstlerische Gestaltung des Buches in Druck und Einhand. Der Verlag Schocken hat hier auch in der äußeren Ausstattung Vorbildliches geschaffen. r. Das jüdische Schiff und einige andere Phantastereien Erinnerungen von Dr. Ahron Eliasberg, Jerusalem ״Der XIX. Zianittenk0Dgr«3 entbietet leinen Gruß dea Pionieren der!üdieeben Schiifabrt . . . “ Es war auf dem X. Kongreß in Basel, August 1911, mitten in der Generaldebatte. Auf der Rednertribüne stand S. Rabinersolm (Kiew). Die älteren russischen Zionisten werden sich seiner erinnern. Ein guter Typus. Begeisterungsfähig, treu aktiv, m. W. auch gebefreudig. Kein tiefer Denker, noch Politiker; aber sein Idealismus, seine echte Romantik ließen ihn manche Dinge sehen, die phantasieloseren Praktikern oft verborgen bleiben. Einer von der Gemeinde der ״Real- Phantasten“, um Theodor Zlocistis Wort zu zitieren, geprägt aut den interessantesten Vertreter der Gattung bei uns: aui Davis Trietsch. — Auch wer Verständnis für sie hat, kann zuweilen ein Lächeln der Rührung nicht zurückhalten. So muß ich hier des Rahinersohnschen Antrags (während desselben Kongresses) auf Veranstaltung hebräischer Festspiele in Palästina gedenken. Es sei bekannt, lautete die Begründung, d4.ll man in Eton griechische Dramen aufführe. ״Kein Mensch versteht Altgriechisch, aber alle Leute gehen hin“ (ich zitiere nach dem Kongreßprotokoll). Er projektiere nun ״in ähnlicher Weise“, daß man zwei Theaterstücke einer Kommission von Literaten übergebe, ״und zwar patriotisch-jüdische Stücke“, die man ins Hebräische übersetzen läßt. Die Aufführungen sollen die Schüler des Jaffaer Gymnasiums — so hieß es noch, obwohl cs seit zwei Jahren schon im neuerrichteten Tel-Awiw stand — übernehmen. ״Wir haben zwei vorzügliche Künstler unter uns, die Herren Struck und Pilichowsky. Dein einen steht das Museum von Berlin, dem anderen der Louvre zur Verfügung. Diese können, wenn in den Stücken Szenen althistorisdren Charakters aus Babylon usw. Vorkommen, genaue Zefchnungen nach dem Original machen.“ Besser fundiert, weil an Bestehendes an knöpfend, war der Antrag, der den Ausbau der Abarbanel-Bibliothek in Jerusalem betraf. Dann ging er zu den ״wirtschaftlichen Fragen“ über. Der Jewish Colonial Trust (damals das wichtigste Finanz- Instrument der Organisation) möge 10 000 Pfund für den Bau eines modernen Hotels mit Sanatorium in Tiberias auswerfen. Es wäre der Anfang einer ökonomischen Wiedergebürt der Ufer des Tiberiassees. Es kommt nun der letzte der vier Anträge, den er — mit Recht! — für den bedeutungsvollsten hielt. ״Das Projekt, welches ich Ihnen Vorbringen will, wird manchem vielleicht phantastisch Vorkommen, aber so manches, was jetzt schon verwirklicht ist und blühend gedeiht, kam einst auch vielen phantastisch vor.... Ich schlage vor: Daß der Jewish Colonial Trust oder Nationalfonds 20 000 Pfund Sterling, sogar 30 000 Pfund Sterling assigniere, für Ankauf eines Dampfers von 2000 bis 3000 t, mit Einrichtung von Kabinen für Passagiere I. und III. Klasse und Warentransport für eine regelmäßige Route Jaffa Alexandrien—Konstant!- nopel—Odessa, von Zeit zu Zeit auch Triest, unter dem Namen ״Zion“ oder ״Theodor Herz!“ (lebhafter Beifall), welcher unter der englischen und der weiß-blauen Flagge des J. C. T, diese Linie befahren würde, und ich denke, daß nach Abzug aller Ausgaben, Amortisation, voller Versicherung, es doch miniinum netto 4 0/B dem J. C. T. einbringen muß! Es ist also keine Spekulation, kein Risikogeschäft, sondern ein rein kaufmännischer Betrieb und eine sichere Geldanlage. Mit der Zeit könnte man auch einen jüdischen Kapitän und jüdische Mannschaft haben. Für die erste Zeit könnte man die jemenitischen Juden, die an schwere Arbeit gewöhnt sind, dreist engagieren.... Dieses Schiffes Bord wäre ein zwar schwimmendes, aber doch echt jüdisches Territorium.“ Nur zwei Schwierigkeiten sah der Antragsteller, nämlich, daß der Plan nicht mit den Statuten des J. C. T. und J. N. F. vereinbar sein könnte, oder sie ״nicht die genügenden Mittel zum Ankauf von Schiffen“ besitzen. Für diese Fälle hatte er einen Eventualantrag bereit: ״eine Sammlung sofort zwischen uns und unseren (?) kapitalkräftigen Juden m veranstalten, uin dieses Schiff, dieses ״Zion“ oder ״Theodor Herzl“, dem Nationalfonds als Geschenk zu übergeben.“ Ich muß es mir versagen, die erregte Atmosphäre jenes historischen Kongresses zu schildern — eine wirksame Folie für Rabinersohns Anträge: die nahende Entscheidung in jabrelangem Kampf zwischen den ״Politischen“ und den ״Praktischen“, Wolffsohns moralisches Heldentum, vor dem sich Ussischkin mit ritterlichem Abschiedswort verneigte, und manches mehr. Wolffsohn, der jedem Redner antwortete, ging auch auf Rabinersolms Flottenmitrag ein (dieser hatte nämlich noch die Anschaffung von zwei Küstenfahrern gewünscht). Diese Ausführungen sind einer der reizvollsten Teile der Rede, die mir eine unauslöschliche Erinnerung ist. Woltfxohn sagte: ״I )ie Rede des Herrn Rabiiiersohn hat mir w i! kl ich Freude gemacht; es war so ein Zug darin, wie aus der allen Zeit, wie vor zehn, zwölf Jahren.... Audi Herzl halte dieselbe Absicht, und es ist auch mein innigster Wunsch, daII wir einmal auf einem eigenen großen Dampfer, vielleicht init dem gan/eil Kongreß nach Palästina limtiberfuhren (Beifall).... Herr Rab inersolm ist sogar soweit gekommen, dem Schiff einen zionistischen Kapitän und zionistische Mannschaft zu geben! Ich glaube, das wird so rasch nicht gehen. Es könnte eine große Landsmannschaft kommen und verlangen ein Kollegium für den Kapitän (stürmische Heiterkeit) - meine Herren, Sie haben ja noch nicht zu Ende gehört: ein Kollegium mit dem Sitz in Berlin (erneute Heiterkeit).“ — Diese Bemerkung war eine Anspielung auf die damaligen Kämpfe um die Leitung der Zionistischen Organisation, da die russische Landsmann- Schaft an Stelle des Präsidenten (Wolffsolm) ein Kollegium, und zwar mit dem Sitz in Berlin, vorschlug;, das auch dann wirklich gewählt wurde. * Die Phantasien Rabinersohns sind sämtlich Realitäten geworden. Es ist gelungen, die von der Jerusalemer UOBB- Loge in Obhut genommene Schöpfung des prächtigen Monoinanen Chasäliowitsch, die Abarbanel-Bibliothek, ״auf feste und sichere Basis zu stellen“, auf dem Skopus steht ״ein eigenes, speziell zu diesem Zweck gebautes Haus“, Es existiert die Gesellschaft ,jChame Tvverinh“ zum Ausbau der Barlestadt Tiberias, und Tausende von Kranken und Erholungsbedürftigen kommen schon jetzt hin. Das hebräische Theaterleben blüht. Sogar das große Festspiel hat es heuer gegeben, und mancher Zuschauer, dem die hier niitgctcillcn Dinge neu sind, mag die eine oder andere von Rabinersolms Inszcnieriingsidccn nachträglich wiedererkennen. Endlich haben wir auch verheißungsvolle Anfänge der jüdischen Handelsmarine. Der XIX. Zionistenkongreß in Luzern hat einen Appell an die jüdische Oeffentlichkeit in Erez Israel und in der Galuth g<s richtet, diese Errungenschaft zu unterstützen. An uns liegt es also, daß die jüdischen Mannschaften mit ihren jüdischen Kapitänen sich nicht in alle Welt zerstreuen, daß diese ״jüdischen Territorien“ uns erhalten bleiben.

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