Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 89 (5.11.1935)
- Date
- 1935-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 89, 5 XI 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Marc Chagall heute Von Rahe! Wischnitzer Bern stein Wir kannten ihn in seinem Sturm und Drang, als Entdecker des jüdischen Städtchens. Es lebte noch, als Chagall es darzustellen begann. Erst der Graphiker Judowin, ein Meister des Holzschnitts, den man noch zu wenig in Westeuropa kennt, zeigte es in seinen letzten Zuckungen, ein Opfer der Industrialisierung, der Sachlichkeit. Es lebte noch, als Chagall begann, es in seinen Visionen zu zerlegen. Er malte die Synagoge, die windschiefen Holzzäune, einen jüdischen Fiedler, womöglich auf dem Dache fiedelnd, den Juden mit dem Packen, womöglich über die Häuser schreitend, die Kirche. Schon fiel ihm alles auseinander in diesem zum Sterben bereiten jüdischen Städtchen, das Lebendigste war da noch die stumme Kreatur: die Ziege, das Kalb, das Huhn, das karge Inventar einer jüdischen Wirtschaft. Jahre sind vergangen. Chagall lebt lange schon (seit 1923) fern von der Heimat in Paris. Vollard, der Entdecker Cezanne’s, umhegt sein Schaffen, stellt ihm die Aufgaben, hütet das sich häufende Werk. Für ihn sind die Radierungen zu den Fabeln von Lafontaine geschaffen worden, für ihn die Illustrationen zum ״Revisor“ von Gogol. Für ihn reift in stiller Arbeit die Bibelillustration. Chagall haßt das Wort ״Illustration“, weil ihm jede Bezogenheit auf die Literatur, alles Anekdotenhafte, Sujetmäßige ein Greuel ist. Am stärksten äußert sich diese seine Illustrationsfeindlichkeit in den Gogolbildern. Es sind das in der Tat alles andere als Genrebilder. Die bekannten Typen der Gogolschen Menschenkomödie führen nicht bestimmte i!n Revisor geschilderte Szenen vor, sie sind einfach da, jeder ein Stück authentischen Rußlands. In der Lafontaine-Bilderfolge ist die Darstellungsweise weniger überzeugend, und zwar deshalb wohl, weil mit dem Verzicht auf die physiognomische Typisierung der Tiere die Moral der Fabel verloren geht, und auf diese kommt es hier nun wirklich an. Die Illustrationen zu den Lafontainefabeln sind so weit entfernt von dem, was wir unter französischem ״esprit“ verstehen, daß uns die Ablehnung des Werkes durch manche Franzosen nicht zu überraschen braucht. Man beklagte, daß der Auftrag nicht einem französischen Künstler übertragen wurde. Vollard argumentierte damit, daß Lafontaine sich seine Stoffe bei Aesop geholt hatte, der bekanntlich kein Franzose war. Ihn, Vollard, habe die Aufgäbe gereizt, den orientalischen Schatz zu heben, der in dem alten Fabelgut der Griechen ruhte. Jedoch muß Vollard den Bedarf der Franzosen an Exotentum überschätzt haben, es sei denn, daß ihnen der Orient, den Chagall repräsentiert, schon zu stark europäisiert erschien. Erschaffung des Menschen (Radierung) Als Vollard den Plan faßte, eine französische Bibel mit Chagallbiidern zu schaffen, verstummten die Kritiker, denn niemand wagte, die Berufung Chagalls für diese Aufgabe anzuzweifeln. Hier ist anerkanntermaßen seine Domäne. Es ist sehr bemerkenswert, daß manche katholiselien Kreise Chagall als den einzigen wahren und starken religiösen Maler der Gegenwart betrachten. Der Ruf war an ihn ergangen, eine Kirche auszumalen, irgendwo in Belgien, glaube ich. Aber Chagall wollte einen derartigen Auftrag nicht übernehmen. Es ist tatsächlich so: gewisse ältere Kompositionen Chagalls haben etwas von der kraftvollen Primitivität, von dem apokalyptischen Pathos, von der überwirkliehen Beziehung von Mensch und Tier, sogar dem farblichen Zusammenklang rot-gelb-grün mancher frühmittelalterlichen christlichen Malereien. Chagall ging an die Bibelillustration unbeschwert durch Ueberlieferung und Konvention heran. Er glaubte sich jedenfalls frei davon. Er wollte sich einzig und allein auf seine Eingebung verlassen. Er las die Bibel, aber merkwürdig genug: die Szenen, die ihn zur Darstellung reizten, waren die gleichen, die in jahrtausendealter Tradition von Juden und Christen gestaltet werden. Ein einziges Bildmotiv kann als von Chagall ״erfunden“ gelten, es ist das die Szene, die er als ״Abraham, nach Sodom gehend“ bezeichnet. Ich konnte sie in der Bibel nicht finden, und das ist so charakteristisch für Chagall: er liest die Bibel auf eigene Art. Ob es in Genesis 18, 16 und 18, 22 heißt, daß Abraham die Engel ein Stück Weges nach Sodom begleitete, um dann selbst als Fürsprecher für Sodom vor Gott zu treten, Chagall empfindet die Handlung eindeutig und elementar; er sieht Abrahams Sorge um die Stadt kreisen, sieht die Engel ihr zustreben, alles Denken, Bangen, Handeln ist auf Sodom gerichtet. Dorthin begeben sich die Engel, dorthin begibt sich nun auch Abraham, von den Engeln geleitet. Ganz sachte und zart fassen sic es unter, das alte Manneben in polnisch-jüdischer Tracht, das bekümmert und beschwörend die Hände incinanderlegt, den Blick nach oben gerichtet. Sie führen cs in der Obhut ihrer Flügel den steilen Berg hinunter, der Tiefe zu, wo fern und klein das Häusermeer von Sodom flimmert. Es ist ein kleines Gouaehebild, die Formen wirken groß im Rhythmus der absteigenden Bewegung der sich wiederholenden gewaltigen Engelsflügel. Die Gestalten haben den Ernst Barlachscher Schöpfungen, nicht ihre Schwere, sie haben die Inbrunst Meidnerscher Prophefenfiguren, ohne deren ekstatischen Krampf, es geht von ihnen eine gelassene Ruhe aus und etwas, was wir bei dem früheren Chagall nicht gekannt haben: eine tiefe Traurigkeit. Auch die Ruhe ist neu bei Chagall. Wir erinnern uns lebhaft an den Chagallschen Uebermut, an das ChagalIsche tolle Gelächter aus der russischen Zeit. Wie ist doch in der ״Erschaffung des Menschen“ der Flug des Schöpfers mit dem weit nach rechts Vortragenden Körper des Adam schön ausbalanciert durch die Rückwärtsdrehmig des Kopfes und die sich links ballenden Massen der Flügel und der Sonne mit ihrem gewaltigen Lichtschweif. Eigenartig äst di« Konzeption eines durch den Wcltenraum schwebend schreitenden Gottes, die so stark von den konventionellen Engeldarstellungen abweicht. Chagall empfindet seine Entwicklung, insbesondere in der Radierung, als eine Befreiung von der Linie, jedoch ist sein ״Noah, der die Taube entsendet", ohne Verzicht aut Link und stoffliche Faktur von großer Ausdruckskraft, eine Vision von patriarchalischer Schlichtheit und Volkstümlichkeit, ein echter, alter Chagall. Wenn man die beseelten Tiere sieht, die Chagall formt, versteht man so recht die Worte im Buche Jona, in die das Prophetenbuch ausklingt. ״Und mir sollte nicht leid sein um Niniveh, die große Stadt, in welcher mehr als zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht rechts von links zu unterscheiden wissen, und dazu das viele Vieh?“ In einem großen Gemälde, an dem Chagall 1933—35 arbeitete, faßte er noch einmal all die Motive zusammen, die sein Schaffen einst erfüllten, den Mann mit der Thorarolle, die Geige, die Dorfstadt, das Haustier. Ein Engel fliegt durch die Landschaft, es ist alles beinahe wie früher, aber man fühlt den Riß, der durch diese Gestalten gegangen ist; nicht umsonst nannte Chagall dieses Bild, als ich ihn danacji fragte: ״Zores“. ״Nein“, sagte er dann lachend, ״nennen wir es: Komposition.“ Es ist eine Enzyklopädie des Chagallschen Schaffens und doch wirkt es Fragmentarisch, wie der Ausschnitt aus einem Bilderzyklus. Eine Biographie Lord Plumers Im Verlag von John Murray, London, ist unter dem Titel ״PI um er of Mess in es“ eine Beschreibung des Lebenslaufs des Feldmarschalls Viscount PI um er erschienen, der in den Jahren 1925—1928 High Commissioner von Palästina war. Der Verfasser, General Sir Charles Harrington, schildert eingehend die Leistungen Lord Plumers, mit dem er persönlich durch enge Freundschaft verbunden ist, auf militärischem und verwaltungstechnischem Gebiet. Ein großer Teil des Buches ist der Amtszeit Lord Plumers als Gouverneur von Malta und High Commissioner von Palästina gewidmet. Wie Plumer Palästina verwaltet, das Gleichgewicht zwischen Arabern und Juden hergestellt und das Vertrauen aller Kreise gewonnen habe, sei dem Feldmarschall als höchstes Verdienst anzurechnen, schreibt General Harrington. Obwohl Lord Plumer fast 70 Jahre alt war, als er diese schwierige Aufgabe auf sich nahm, habe er sich bei ihrer Durchführung keinerlei Schonung auferlegt. Wenn auch die Amtszeit Lora Plumers keine dramatischen Ereignisse und auffallenden neuen Wendungen zeige, so sei doch festzustellen, daß in sie die Festlegung der Bürgerschaftsgesetze Palästinas und Transjordaniens fällt, daß damals wichtige Maßnahmen auf dem Gebiet des Postwesens und Münzwesens getroffen wurden, daß die öffentliche Sicherheit in beiden Territorien aufrechterhalten, die Politik der Errichtung des Jüdischen Nationalheims ununterbrochen fortgesetzt, die Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen, insbesondere der Nnah entsendet die Taube (Gouache und Oelj Foto; Maro Vaux, Pari* Chagall braucht Wände, um ihnen seine Visionen anzuvertrauen, Wände in einem jüdischen Raum. Der Künstler hat in den letzten Jahren starke, neue Eindrücke empfangen, er war in Palästina und hat von dort Studien jemenitischer Synagogen mitgebracht; ganz anders wirken diese Bethäuser als die ostjüdischen, die wir aus seinen Darstellungen kennen. Hier ist der Raum in blaues Tageslicht getaucht, belebt durch das tiefe Rot der Fußteppiclie und der Thoravorhänge, Orientalische Farbengebung vermählt sich hier bei Chagall in glücklicher Mischung mit französischem Sinn für Maß und aufgelockerte Form. Er war kürzlich in Wilna und hat dort die Hauptsynagoge und das Bethaus des Gaon gemalt. Diese Studien nach der Natur betrachtet Chagall als Vorarbeiten, denn es drängt ihn, über die unmittelbare, einmalige Beobachtung hinaus Allgemeingültigeres zu gestalten. Abraham geht nach Sodom (Gouache) 'iö,■-':־' "־ägä illiSii Landschaft, gefördert, die Schaffung einer lokalen Selbst- Verwaltung ermutigt, eine Reform des Steuersystems durchgeführt und schließlich engere Verbindungen zwischen den Territorien von Palästina und Transjordanien und zwischen diesen Territorien und dem Britischen Reich hergestcllt wurden. Im besonderen weist General Harrington auf die Rcorganisation des Sicherheitswesens unter der Verwaltung von Lord Plumer hin. Die Ereignisse in dem Jahre nach dem Ausscheiden Lord Plumers aus dem Amte (1929) hätten zwar gezeigt, daß die Verminderung der Garnison eine verfrühte Maßnahme war, aber es sei zu wenig bekannt, daß der High Commissioner von oben her zu Schritten gezwungen wurde, die er selbst nicht durchaus gebilligt hat. Als Lord Plumer ein sparsameres System der Landesverteidigung durchsetzte, habe er klargemacht, daß militärische Verstärkungen notwendig werden würden, wenn politische Unruhen eintreten sollten. Auf Wunsch des Verfassers hat sich in dem Buche auch der damalige Minister für die Kolonien, L. S. Amcry, über die Tätigkeit Lord Plumers geäußert. Er betont, daß die verhängnisvollen Ereignisse, die bald nach Lord Plumers Rücktritt eintraten, nicht solchen Umfang angenommen hätten, wenn Lord Plumers Wunsch, ״einen festen Kern rein englischer und unparteiischer Macht“ zu schaffen, verwirklicht worden wäre. In den zahlreichen Berichten über die Tätigkeit Lord Plumers, die in den! Buche enthalten sind, wird immer wieder die Einfachheit und Gradheit des High Commissioners in der Erfüllung seiner Pflicht hervorgehoben. Der Erzbischof von Canterbury hat zu dem Buch ein Vorwort geschrieben. Komposition (Oelmalerei) Foto: J«m Coli״, i'.ri! Foto: Maro Saux, Paris