Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 88 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, I. XI. i935 Landwirtschaftliche Kolonisation Von Dr. A. R u p p in Der Keren Hajessod steht im 15. Jahr seines Bestehens Vor der Aufgabe, dort wieder zu beginnen, wo seine Tätigkeit vor 7 Jahren infolge der Weltwirtschaftskrise unterbrochen wurde, bei der landwirtschaftlichen Kolonisation in Erez Israel. In diesen sieben Jahren hat selbstverständlich der Aufbau unserer Landwirtschaft nicht vollkommen geruht, es erfolgten nur keine neuen Gründungen mit Hilfe des Keren Hajessod. Indessen sind die bestellenden I>örfer weiter ausgebaut worden, sie können heute von ihrer Arbeit leben und versorgen die jüdische Bevölkerung mit ihren Produkten. Auch neue Punkte, die besiedelt wurden, verdat!- ken mittelbar unseren Dörfern ihre Entstehung. Die neuen Siedler erhielten ihre landwirtschaftliche Vorbildung in den Kolonien des Keren Haiess-od und gingen mit unseren Erfahrungen an ihr eigenes Werk. Die Entwicklung des heimischen Marktes mögen folgende Zahlen veranschaulichen. Unsere Wirtschaften brachten aut den heimischen Markt mach Abzug der Selbstversorgung (in Pal. Pfunden): ir*1 Jahre 5692 Milch und Milchprodukte für 112,351.056 Eier, Geflügel» Gemus• für - 176,727.056 ian Jahre 5693 Mild! und Milchprodukte für 132,989.181 Eier, Geflüg-d, Gemüse für 68.879.5j2 201,868.693 im Jahre 5694 Milch und Milchprodukte für 188,022.283 Eier, Geflügel, Gemüse für 9M.428.879 286.451.162 Dabei ist nicht zu vergessen, daß die Wirtschaften im Jahre 560-1 keine weiteren Subventionen zur Vergrößerung ihrer Produktionsmöglichkeit erhalten haben. Die Weiterentwicklung geschah einzig und allein aus den Mitteln der Siedler selbst. Die Prinzipien u n s e r e r W i r t s c 11 a f t sind folgende: 1. Selbstversorgung der produzierenden Familien und Versorgung des Viehs und (icflügcls; 2. Finne litung von solchen Wirtschaftszweigen, die einen Produktion.siiberscliuß ergeben, der auf dem Markt gegen bar verkauft werden kann; 3. Gelderträge aus Mitchiiberschuß, Gemüse, Obst und Eiern: 4. Finrichtuiig von Bewao-ernng auf geeigneten Böden, uni die Einnahmequellen und die Besiediungsdichte zu vergroßem. Die Wirtschaftsformen sind Kwuzah und Mosch aw. An der K w u / a h wurde heftige Kritik geübt. Man prophezeite f'chbchl.igc und Defizite. Dennoch gebührt der Kwuzah der erste Platz, wenn es sich um Trockenlegung von Sumpfgebiet oder um die Aufnahme von weniger geeigneten und landwirtschaftlicji nicht vorgebildeten Einwanderern handelt. Was nun de befürchteten ,,Defizite“ der Kwuzoth betiiift, so können die folgenden Ziffern der U e h e r Schüsse der Kwu/oth int J ahre höht diese Frage beant- Worten: Kwuzah Gifjesrar ־ schloß 5694 ah * Anawim ״ ״ ״ * Ciev« ״ ״ ״ . Hasrharoo _ ״ Cievat ״ ״ , . Merfhav/iah ״ ״ H ״ Ajanoth ״ ״ , r>f?»Bniah A ״ ״ ״ .. D»cr*niah B ״ ״ ״ ״ Jajrur ״ ״ ״ ״ Gar! Schrnuel ״ Sand ״ ״ Miftf» ״ M . .. 1%| •lossef •י « H ״ Ohisfziha ״ ״ ״ * Klar Nathan Laski ״ E׳n Charod ״ mit einem Ueberschuß von LP 1150 «י . . . . . 805 . . . . . 2700 . ״ 2210 . . . . . 2500 . . . . 1100 . ״ ״ .... 1050 ... ... 580 ״ . (•200* ״ . ״ .. 1003 ״ ״ . ״ . (X* . ״ . . 800 ... ״ . « 300 .. 20<t .. t'«, .. . .. . M50 ... . ״ . Keine Kwuzah hat also ihre Jahresbilanz ohne Ueberschuß abgeschlossen, oltgleich in der Jordan-Ebene und im östlichen Entek Jcsreel das Jahr für Pale ha (Getreidebau) wenig ertragreich war. Und ferner: diese Ueberschüsse wurden erzielt, obschon die Stabilisierung der Wirtschaften noch nicht abgeschlossen war und bei einem beträchtlichen Teil der Wirtschäften die zu einer Vermehrung der Finna 11 mm erforderliehen Bewässerungsanlagen 11 <>1׳h nicht eingerichtet sind. Unsere Wirtschaften haben sich ferner hei der Aufnähme neuer Ei n w and c r 1111 g bewahrt. Zweitausend Einwanderer aus Deutschland wurden in unseren Wirtschaften aufgcnommen, er hi eiten dort landwirtschaftliche Ausbildung und fanden ein Heim, in dem sie sielt wohlfiihlen. Hunderten von Eltern und Verwandten der Siedler bereiten unsere Dörfer ein ruhiges und sorgenfreies Leben nach Jahren der Bedrückung und Not. Die wichtigste Präge ist heute die des Programms für künftige landwirtschaftliche Siedlung. Anwärter auf Ausleihung haben wir genug. Etwa 1S00 Familien leben bereits auf dem Lande, dazu kommen noch ungefähr I2‘K1 Arbeiter m den Hach.scharah-Kihbu/im und 5000 Lohnarbeiter in der Landwirtschaft, die noch keinen eigenen Boden haben. Insgesamt sind das also ungefähr SÖ00 Familien, und wir müssen zimliclist die Mittci aulhringeti, um die 1800 .Anwärter an/u-icdel 11. die schon auf dem Lande sind, um dann Land für die aini.-rcn Tausende von Anwärtern bereitzustcllen, die hierauf warten. Die Finanzierung hängt vom W i 11 e!1 des jüdischen Volkes ab, davon, wieviel der Keren Hajessod uns in den nächsten Jahren zur Verfügung stellen kann. Das wird uns die .Möglichkeit zur Vergrößerung und Erweiterung unseres Werkes geben, bei dem privates Kapital und eine Reihe von Institutionen zweifellos miiarbeiten werden. Wir müssen die innere Kolonisation durch Vergrößerung der bewässerbaren Böden irt unseren Wirtschaften stärken, Heute haben wir in den jüdischen Wirtschaften nur etwa 200 000 Dun am bewässerbaren Boden, davon sind 150 000 Zitruspflanzungen. Gelingt es uns, dies« Fläche um mindestens noch 200 000 Dunam zu vergrößern, so hätten wir im Laufe der Zeit die Möglichkeit, auf der gleichen Bodenfläche noch 10 000 Familien anzusiedeln, ohne neuen Boden zu erwerben. Die Vergrößerung der landwirtschaftlichen Siedlung wird davon abhängen, ob wir den Anwärtern die Kredite geben können, •die sie zu ihrer Ansicdlung brauchen. Nur ein starker und gefestigter Keren Hajessod kann den Siedlern billige Kredite Zusagen. Bet dieser Gelegenheit soll kurz aut das Institut zur Ansiedlung hingewiesen werden, das wir zur Zeit begründen. Bei der Ansiedlung mit Hilfe dieses neuen Instituts werden die Siedler auch Ohre eigenen Mittel investieren müssen. Man wird ihnen nicht mehr lies zur Verfügung steilen, sondern nur einen Teil dessen, was sie brauchen. Wir haben den Weg gebahnt, jetzt müssen sich die Siedler auch selbst beteiligen, ln alten Ländern unterstützt die Regierung ihr Siedlungswerk. W i r sind auf unsern Keren Hajessod angewiesen, der unseren Siedlern durch langfristige und tragbare Kredite helfen muß. Die Kraft des Ansieolungsinstituts wird mit den Mitteln wachsen, die ihm der Keren Hajessod zur Verfügung stellen kann. *) Dabei ist auch die Einnahme aus Außenarbeit eingeschlossen. An das jüdische Volk Der Keren Hajessod, das Finanzinstrument der Jewish Agency, beschließt das 15. Jahr seines Bestehens und tritt in eine neue Epoche seiner Tätigkeit eiji. Das Werk des Keren Hajessod liegt offen vor den Augen des j&dischcn Volkes da, mit seiner dynamischen, wegbereitenden Kraft, mit seinen Erfolgen in der landwirtschaftlichen Ansiedlung, auf den Gebieten der Erziehung, der Einwanderung und der Förderung der industriellen Entwicklung des Landes. Nicht nur in Erez Israel selbst, sondern im ganzen über die Erde zerstreuten jüdischen Volk hat der Keren Hajessod segensreiche erzieherische und organisatorische Leistungen vollbracht. Klar wie kaum je zuvor steht jetzt die Bedeutung des nationalen Kapitals für unsere Aufbauarbeit fest. Eine neue an Aufgaben und Möglichkeiten reiche Epoche liegt vor dem Keren Hajessod. Die Massen des jüdischen Volkes drängen nach Erez Israel. Zehntausende jüdischer Familien harren sehnsüchtig ihrer Einwanderung ins Land und viele tausende Familien im Lande warten ungeduldig auf den Tag ihrer Ansiedlung. Was wir heute im Lande erleben, beweist noch klarer als alle unsere früheren Erkenntnisse, daß Grundstein und Grundelement unseres Aufbaus die Landwirtschaft ist. Fünfzehnjährige Erfahrung hat unserer landwirtschaftlichen Siedlung neue Wege erschlossen. Mannhafte Arbeit und letzte Anstrengung werden von nns und unserem Werk gefordert. Der hinter uns liegende Kongreß, der im Zeichen des inneren Friedens, der Verantwortung und des Willens zur Arbeit stand, hat uns schwere Pflichten aufcrlcgt. Die gegenwärtige Stunde fordert von «ns Entschi1::־ r.heit. An uns wird es sein, ob sie eine Stunde gefahrvoller Verstrickung oder eine Stunde schöpferischer Möglichkeiten ist. Nur die geeinte Kraft des Volkes, das sich durch den Willen zur Selbsterhaltung über ein Schicksal erhebt, kann die Möglichkeiten der Stunde nützen. Wir rufen das jüdische Volk auf zur Hilfe für die, die sich für diese Arbeit verantwortlich fühlen. Der Keren Hajessod muß wachsen, um die Aufgaben zu erfüllen, die seinen Schöpfern vorgeschwebt haben. Dem jüdischen Volk ist es gegeben, die neue Epoche, in die der Keren Hajessod eintritt, zu einer für den Aufbau unseres Landes und die Erlösung unseres Volkes segensreichen zu gestalten! Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency of Palestine. Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency for Palestine: D. Ben Gurion — S. Brodetsky — J. Grünbaum — M. B. Mexter — W. Senator — J. L. Fisehmann — El. Kaplan — M. Karpf — F. Rottenstrcicli — M. Sehcrtok. Mitglieder des Direktoriums des Keren Hajessod: Nahum Sokolow, Ehrenpräsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Präsident des Keren Hajessod. M. Burton (London) — A. Barth (Haifa) — D. Brcßler (New York) — G. Ilalpern (Jerusalem) — A. liantke (Jerusalem) — L. A. Visser (Haag) — I. Sieff (London) — L. Jaffc (Jerusalem) — S. Löwenstein (New York) — Melchett (London) —- J. A. Najditsch (Paris) — B. Fehvcl (Jerusalem) — B. Kahn (Paris) — Sch. Kaplansky (Haifa) — J. Sprinzak (Tei-Awiw). Roosevelts Botschaft Weißes Haus. Washington Mein lieber Mr.Lipskyf In Beantwortung Ihres Briefes vom 9. Mai 1935 ergreife ioh gern die (Je 1egenheit, um Ihnen zur Feier des fünfzehnten Jahrestages des Palästina-Grundfonds, der Organisation, die von den Juden der Welt ins Leben gerufen wurde, damit sie an der Schaffung eines Nationalheims in Palästina für das jiidisohe Volk mitwirke, meinen Glückwunsch zu senden. Ohne die Hilfe, die dieser Ford*? geleistet hat, hätten die Jewish Agency und das jüdische Volk gewiß nioht die Erfolge erzielen können,wie sie im Heiligen Lande erreicht worden sind. Sie können in der Tat stolz sein auf den Anteil, den die amerikanischen Juden an diesem Werke haben, wie auf ihre finanzielle Beteiligung an Ihrem Fonds. loh wünsohe Ihnen und Ihren Mitarbeitern für Ihre bevorstehende Feier den besten Erfolg. Ihr ergebener Franklin D. Roosevelt Mr. Louis Lipsky, National Chairman American Palestina Campaign der Jewish Agenoy for Palestine Siedeln und Lernen Der Glückwunsch der Universität Der Keren Hajessod und die Hebräische Universität wurden fast zu gleicher Zeit gegründet. Sie beide verkörpern zwei alte Ströme im jüdischen Leben, die vom Beginn der jüdischen Geschichte an niemals aufgehört haben zu fließen. Die Universität vertritt die Tradition des Geistes, der Keren Hajessod vertritt die Tradition der Siedlung im Heiligen Land. ״Siedlung“ von Juden ist nirgends denkbar ohne den Geist des ״Lernens“, um so weniger in dem jüdischen Zentrum — Palästina. Jüdischer Geist braucht Wiedereinwurzelung in der alten Erde, um erfrischt und vertieft zu werden. So gehen Keren Hajessod und Universität Hand in Hand: junge Schöpfungen, aber alte Schwestern der alten Mutter. ■׳ Die Universität entbietet dem Keren Hajessod all ihre guten Wünsche: möge es dem Jüdischen Volk durch Kraft und Einsicht gelingen, seine Wurzeln itt die altncue Erde zu schlagen. Jerusalem, Mount Skopus. J. L. Magnes