Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 88 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dem Keren Hajessod Zum 15. Geburisiag Leistung und Forderung Dr. Siegfried Moses, der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, würdigt in einer der Keren• HajessodL'eier gewidmeten Botschaft die moralische Bedeutung der Keren-Hajessod-Idee wie folgt: Was der Keren Hajessod als Instrument des Aufbaus in Erez Israel geleistet hat, das liegt offen vor der zionistischen, vor der jüdischen Welt. Im Rahmen der Zionistischen Organisation, als Element der zionistischen Arbeit ist ebenso wichtig wie die Leistung des Keren Hajessod die Kercn־Hajessod*Forderung, die sich an den Zionisten und an den nichtzionistischen Palästina-l'reund richtet, die Forderung, daß jeder nach Maßgabe seiner Kräfte zum Aufbau Palästinas beizusteuern hat. Die Anerkennung dieser Forderung bedeutete subjektiv einen Teil der Verwirkliehung des Zionismus schon in einer Periode, in der objektiv der Keren Hajessod erst die Grundlagen für den Aufhau vorbereiten konnte. Und seitdem der Zionismus in das Stadium der Verwirklichung getreten ist, bildet die Erfüllung der Kcren-Ha jcssod-Pf liehl für diejenigen, die noch in der Golah verweilen, die realste Verknüpfung mit dem Aufbau des Landes, eine der wichtigsten gedanklichen und seelischen Brücken nach Erez Israel. Die Geburtsstundc des Keren Hajessod schuf für den Aufbau des Landes eine Chance, die immer realer und ertragreicher wurde. Die Gedankenwelt des Zionismus aber wurde bereits durch die Geburt des Kercn-Hajcssod-Gcdankcns in der entscheidenden Hichlung, um ein fortan unentbehrliches Elc•*:ent bereichert; die Kcren-Hajcssod-Forderung hat den Zionismus reicher gemacht, schon bevor die Kercn-Hajcssod-Leistung im Aufbau wirksam werden konnte. ( 1 A /׳—— < ״*/ ׳ 1n111111111111a11!1111m11n11M1111111111111M11m1111111n11n1111111111111nM111!11111m11a111111111111111111111aH11M1n11111111111111111!11MMn1n1n11111111!1111M1a1m11111!11nn1t11111!11111111111H11!M1<1:1111!1Msu11111M111a!!111111111111!11111111M1111111111!1!11a1111111111111!111111M11M1w Der Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Leo Baeek, schreibt: Lieber dem sichtbaren, greifbaren Werke, von dem die fünfzehn Jahre des Keren Hajessod zeugen, sollte die geistige Leistung auch nicht vergessen werden, die darin vollbracht worden ist. Schon die Arbeit für das Geben bedeutete hier eine Erziehung zum Gehen und damit ein Seclisch es auch. Aber das Wesentlichere noch ist, daß zu der äußeren, in der Sßendc bewiesenen Teilnahme am Aufbau Palästinas immer sehr bald die innere Teilnahme kam, so daß immer wieder neue Menschen innerlich von der Größe der Aufgabe erfaßt und fest gehalten wurden. Der Geist, dem der Keren Hajessod so die Bahn bereitet hat, ist ein Entscheidendes und Geschichtliches. Er hat, wie aller Geist, Menschen zusammengcführt und verbunden. Schon ehe die Jewish Agency ins Dasein trat, war die Idee, von der sie bestimmt ist, hier verwirklicht. Eine Einheit aller für eine Einheit der Pflicht ist hier erstrebt und auch geschaffen worden. mmmmmtmmmmttmtmmttmtmmiimmtmttimtttmtmmmimimmimiimitmmitmiiimmmimmtmmmmtnmmiimitmtmwnitmitmmtmtimmimmnitiimmitnmimmHmmmimtiiniiiimiMiHt Rückschau Von Leo Herrmann, Generalsekretär des Keren Hajessod Rückschau ist uns erlaubt, Vorschau ist uns auferlegt. Bericht, ja Rechenschaft sollen wir denen geben, die vor 15 Jahren nicht dabei gewesen sind, die damals abseits oder gar entgegen standen, und ebenso der neuen Generation, die seither in und für Erez Israel, im und für den Keren Hajessod zu arbeiten gelernt hat. Ihnen allen sollen wir erzählen, daß es vor fünfzehn Jahren eine geschichtsschaffende Tat war, als wir in London den Keren Hajessod schufen. Es war ein oder zwei Jahre, nachdem der letzte Schuß des Weltkrieges gefallen war, der Piilvergcruch schwebte noch über den Schlachtfeldern von Europa und Asien. Aber doch begann schon, wie Wei/mann zu sagen pflegte, die Baltische See zuzufrieren, es begann der Stahilisieriingsprozeß; die revolutionäre Kraft der neuen geschichtsschaffenden Idee der ״Selbstbestimmung der Nationen“ war schon eingefangen in das Spiel der Kräfte und Mächte, die in neuem Chauvinismus und Nationalismus nicht mehr um «inen Platz an der Sonne, sondern um Machtpositionen handelten und kämpften, uni anderen ihren Willen und ihre Art auf/uzwingen. Was sollten wir tun, wir, das jüdische Volk? Wir waren in zweifacher Gefährdung. Noch waren wir schwach wie je zuvor. Ja, die neue Teilung der Macht mit ihren Folgen von Zersplitterung und Pogrom hatte uns noch mehr geschwächt, als wir bis nun gewesen waren. Das russische Judentum, früher der Kraftborn des Aufbaus von Erez Israel, war durch den Bolschewismus wie ein operiertes Glied von uns abgetrennt. Osteuropa lag im Fieber des neuen Nationalismus, und die Delegierten aus dem Osten, die zu unseren Konferenzen kamen, teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen der Sorge um den schnell zu schaffenden Judenstaat und eile Verteidigung ihrer Positionen zu Hause. In Rumänien und auf dem Balkan, im Baltikum und in Ungarn, wo immer wir hinblickten, hatten wir eine geschwächte Judeuheit vor uns, aus allen Wunden blutend, keiner starken Anstrengung fähig, von der Hoffnung auf Hilfe und Rettung von außen lebend. Im Britischen Weltreich, in Amerika und anderen überseeischen Ländern waren Zionisten und Juden im allgemeinen nicht zu lange währenden Aktionen bereit. Dieser Gesamtsituation gegenüber hatten die Erfolge unserer Führer, die Balfour-Dcklarafion, Englands Freundschaft und Versprechen, eine durchaus übertricbene Illusion erzeugt. Lange waren wir kein aktives Volk gewesen. Und wenn der Zionismus sich nun Ziel gesetzt hatte, das sehnsuchtsmiide Volk wieder neue Sehnsucht zu lehren und an die Arbeit zu ihrer Erfüllung zu gewölnien, so hatte dies zunächst im Volk eine realitätsferne Wutischtraumpolitik erzeugt, die es außerstande setzte, das Gebot der Stunde zu erfüllen. Im Zeichen dieser Illusions- Stimmung diskutierte man die ״internationale Anleihe“, erwartete, die gesamte Welt werde sich aufraffen, um in Wiedergutmachung tausendjährigen Unrechts dem jüdischen Volk nicht nur die Erlaubnis zur Arbeit am jüdischen Nationalheim in Erez Israel zu gewähren, sondern auch die finanzielle Voraussetzung hierfür. In diese Stimmung einer überspannten Illusionspolitik mußte der Geist der A u I o c in a n z i p a t i o n, der Geist und der Wille zur Selbsthilfe wieder lierc :!getragen werden. Von uns selbst mußten wir das Große fordern, um etwas zu schaffen, was uns wieder das Recht geben sollte, mit Forderungen an andere heranzutreten. ln diesem Geiste tagte unmittelbar vor der Londoner Jahreskonferenz des Jahres 1920 eine kleine Kommission in London, deren treibende Kräfte Jizchak Naiditsch und Hilel Zlatopolsky waren. Ihre erste Sorge war: der Name. Wie sollte die neue Institution heißen, der neue Fonds oder was immer geschaffen werden würde, um Ausdruck und Instrument dieses neuen Geistes der Selbsthilfe in der Zeit vergrößerter Forderung und Anforderung zu werden? Wichtig war ihnen der Name, denn sic wußten, daß der Name den Inhalt bestimmen könne, wie oft der Inhalt den Namen erzeugt. So fanden sie den Namen: ״Keren Hajessod“, da sie glaubten, diese neue Institution werde berufen sein, in unserer Zeit die Grundlage zu legen, die starke, gesun und dauernde Grundlage des kommenden Aufbaus. Sie w ״ren glücklich, als sic sich auf den Namen geeinigt haften, von dem so viel Stolz und Aufschrung ausgehen sollte. Etwas anderes, Größeres kam zu dieser Namensuche hinzu. Man grub den Namen und den Begriff des ״Maasser“ wieder aus aus der jüdischen Tradition und stellte den Maasser, den altjüdischen Zehent, in den Mittelpunkt. Maasser wurde die Forderung, die große und schwere Forderung an das jüdische Volk. Zur Selbstbestcucrung, zum Opfer und zur Leistung wurde es aufgerufen, und dieses Opfer sollte das ganze jüdisch« Volk um das neue Banner der Verwirklichung scharen, Dies war das Dritte, das den Keren Hajessod auszeichnete. In seinem Zeichen sollte weit über die zionistische Bewegung hinaus das gesamte Judentum, in Solidarität geeint, durch Opfer und Leistung zur Teilnahme an Rechten, zur Ucbernahnic der Verantwortung erzogen werden. All das war überlegt und beraten und sollte von der Londoner J a h r e s k o!1 f e r 0 n z 1920 beschlossen werden. Aber diese Konferenz wurde der Schauplatz eines tiefgehenden Zwistes, in dem die Einheit der Zionistischen Organisation beinahe zugrunde ging. An der Schwelle uncrhört großer, neuer Aufgaben wurde die Bewegung und ihre Leitung in einen schweren Kampf gestürzt. Der Keren Hajessod war beschlossen. Aber war er nicht ein lotgeborenes Kind? 25 Millionen Pfund sollte er in fünf Jahren aufbringen. Aber als es an die Verwirklichung ging, stellte es sich heraus, daß es nicht genug Geld gab, die ersten Quittungen zu drucken. Damals begann, bevor der Keren Hajessod noch auf die kleinste Leistung in Erez Israel hinweisen konnte, zunächst jene Propaganda des Keren Hajessod, die mehr als irgendeine andere Propaganda der zionistischen Bewegung oder einer ihrer Institutionen das jüdische Volk, die jüdische Gesamtheit zum Bewußtsein der großen Aufgaben des Aufbaus geweckt hat. Mit dem Einzug der ersten hundert Chalu/irn, die sich durch zehn verschlossene Grenzen nach Erez Israel durchgeschlagen hatten, mit dein Kauf des Emck Jesrcel begann die Aufgabe, die nicht durch den Bau von Luftschlössern erfüllt werden konnte und nicht durch das Formulieren utopistischer Resolutionen. Von jenen Tagen an begann der Frondienst des Keren Hajessod, begann die schwere Schwarzarbeit seiner Delegierten, die hinausgingen in alle vier Ecken der Erde, begann die ununterbrochene Pilgerfahrt seiner Sendboten und jener stetige Strom einer Propaganda der Zahlen und Zittern, der Fakten und Bilder, in denen der Aufruf ans Volk Gestalt gewann, während in Erez Israel Kraftstationen und Hypothekenbanken, Schulen und Siedlungen aus dem Gclde des Keren Hajessod geschaffen wurden. So entsprang dem Keren Hajessod die Realität Fünfzehn Jahre sind «־ergangen. Ein Stück des Werkes ist vollbracht, das in großer Gefahr begonnen wurde und ein Jahrzehnt lang dauernd in Gefahr schwebte, weif wir nicht zu verwirklichen wußten, was uns als Aufgabe deutlich genug vor Augen stand. Weltchaos und Depression drohten immer wieder unsere Kraft zu lähmen, doch der Keren Hajessod hat durchgehalten, und jetzt ist seine Grundlage konsolidiert und gesichert, gerade jetzt, wo es auszuholen gilt zu neuem Tun. Im Emek Cliefer haben wir schon eingesetzt, und Hulch wartet auf den Keren Hajessod. Tansende jüdische Siedler und Familien in Erez Israel, zehntausende unserer besten chaluzischen Kräfte warten auf den Keren Hajessod. Wir sind immer noch unterwegs und wieder an einem Anfang. Leib Ja) je, Direktor des Keren Hajessod in Jerusahm Foto: Herbert Sonne&fcU Dr. Arthur Itantke, Direktor des Keren Ifajessod in Jerusalem Fatoi Horbort Soonoof'14 Oskar Wassermann, von 1921 bis zu seinem Tode 1934 Vorsitzender des Keren Uafessoi in Deutschland Feto! Arehi» liabhiner Dr. Leo Baeek, Präsidialmitglied des Keren Hajessod in Deutschland Feto: Archiv pF ■|#Ä Kurt Blumcnield, Milbegründer des Keren Hajessod in London im Jahre 1920, der mit der Entwichlang des KH unlösbar verbündelt ist Foto: Arthi» Dr. Michael Traub, geschäftsführendes Präsidialmitglied des Keren Hajessod in Deutschland Foto: Archiv