Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 87 (29.10.1935)
- Date
- 1935-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 87, 29. X. 193 alle ihre geographischen und geschäftlichen Verbindungen in den Dienst der Sache zu stellen, so daß sie schließlich wirklich organisatorisch Großes vollbrachten. Wir haben dann in der Geschichte der früheren Jahrhunderte öfter gesehen, daß die Juden dann vertrieben wurden, wenn das Wirtsvolk ■selbst die Funktion des Handels übernommen hat. Wie es mit der ״freiwilligen“ Hinneigung der Juden zum Handel steht, dafür erleben wir jetzt ein überzeugendes Beispiel. Nach der neuen ständischen Wirtschaftsordnung, die in Deutschland aufgebaut wird, sind die Juden aus sehr vielen Arbeitszweigen, die wirtsehafts-ethisch höher!bewertet zu pflegen werden als der Handel, ausgeschieden worden. Eine große Anzahl jüdischer Jugendlicher ist darauf aus, sich zu bäuerlicher und handwerklicher Tätigkeit umzuschichten. Dies ist ein in der Geschichte fast einzigartiger Vorgang. Die Kinder aus bürgerlichen Häusern, deren Familien dieser Art manueller Arbeit entwöhnt waren, wenden sich nicht nur aus Not, sondern auch aus innerem Drang, aus Verständnis der Lage und aus einem neuen, auch aus nationalen Quellen gespeisten Idealismus der manuellen Arbeit wieder zu. Aber zur Ausübung dieser Arbeit in ihren künftigen Berufen sind sie auf Aus- Wanderung angewiesen. Für die Menschen mittleren oder höheren Alters, die sich zur Auswanderunng nicht so leicht entschließen können und denen auch kein Einwanderitngsland offen steht (und Auswanderung ohne Einwanderungsland ist eine physische Unmöglichkeit) bleibt aber, wenn sie ihre bisherigen Berufe verlieren, nichts anderes übrig, als sich wieder in irgendeiner Form dem Handel zuzuw׳enden. Das ist ein natürlicher Vorgang, und •er war auch von nationalsozialistischen Betrachtern vorausgesehen •worden, die schon während des Jahres 1933 darauf himviesen, daß der Jude aus Politik und Kultur ausgeschaltet werden müsse und somit seinen gesamten Einfluß in Deutschland verliere, so daß ihm mir der Handel übrig bleibt, ein Gebiet, wo ein Einfluß auf das Volksleben im höheren Sinne nicht ausgeübt werden könne. Der Jude, der ehrlich und bescheiden seinen Geschäften nachgehe, so hieß es damals, bleibe unangetastet. Das ist doch wohl nicht anders zu verstehen, als daß die Juden auf das Gebiet des Handels verwiesen werden. Nunmehr tritt der Leiter der Wirtschaftsgruppe Einzelhamlel, Dr. Franz Hayler, im ״Volk. Beob.“ für eine ״schrittweise, planmäßige Regelung“ und für Teillösungen als ״Etappen einer langausschauenden Säuberungsaktion“ ein. Diese Aeußcrung ist für die jüdischen Kaufleute wichtig, denn alle bewegt die Frage nach der Zukunft. Wenn der Jude danach strebte, innerhalb des Gcsclüiftslebcns, das seiner Natur nach unpolitisch ist, sich durch seine Arbeit ernähren zu können, so war es weder seine besondere Veranlagung, noch seine besondere Neigung, die ihn auf dieses Gebiet der Tätigkeit verwies. Der Jude von heute wird in der Mehrzahl der Fälle danach streben, seine Kinder so zu erziehen, daß sie zu aller Art schwerer Arbeit und zu konstruktiven Aufgaben geeignet sind, um sieh dort zu bewähren, wo die Möglichkeit der Entfaltung solcher Fähigkeiten besteht, also vor allem in Neuland, auf neuem, erst durch Arbeit zu gerinnenden Boden; i!1 erster Linie wird jeder dabei an Palästina denken, wo dieser wirtschaftliche Aufbau auch einen moralischen, kulturellen und nationalen Sinn hat; aber auch wer anderswohin auswandern will und kann, wird sich nicht auf bloßen Handel beschränken können. Wie die Dinge in Deutschland liegen, ist die starke Anteilnahme der Juden am Handel eine zwangsläufige Folge der Entwicklung. Wenn die Juden auch von dort ausgeschaltet werden, bliebe ihnen nichts mehr übrig. Wir sind überzeugt, daß bei Erwägung aller Umstände und bei Berücksichtigung■ dieser besonderen Sachlage sich eine entsprechende Lösung der hier angeschnittenen Probleme wird finden lassen. Denn der Staat kann gewiß kein Interesse daran haben, daß eine ganze Schicht der Bevölkerung pauperisiert wird und keinerlei Erwerb findet. Der Auswanderungsdrang aus Ik1־u>chland ist bei den Juden ohnedies so groß, daß auf diesem natürlichen Weg sich die Zahl der jütlischon Betriebe immer mehr vermindert. Die Auswanderung würde noch um vieles rascher vor sich gehen, wenn ein Weg g-efunden würde, das Transf er-Prob lern zu erleichtern. Denn es ist natürlich, daß die Juden in andere Länder, wo sie unter fremden Verhältnissen eine Existenz neu aufbauen müssen, nicht ohne Vermögen gehen können, — ganz abgesehen davon, daß die meisten Länder vermögenslose Einwanderer gar nicht zulassen. Da die Erörterungen über die Stellung der Juden in der Wirtschaft und insbesondere auch im Handel jetzt eröffnet worden sind, halten wir es für wichtig, daß von jüdischer Seite diese Darlegungen gemacht werden, da im Verlaufe der weiteren Behandlung dieses Gegenstandes auch der jüdische Aspekt der jetzt vor sich gehenden Entwicklung sicherlich nicht ohne Gewicht sein kann. Wir Juden wissen nicht, was mit den Andeutungen in der Rede des Reichsminister Dr. Frick gemeint war und wir kennen auch noch nicht die volle Auswirkung der Nürnberger Gesetze, von denen, obwohl darin Wirtschaftsfragen mit keinem Worte erwähnt sind, nun behauptet wird, daß durch sie auch Wirtschaftsfragen geregelt werden sollen. Wir wissen, daß wir auf die Gestaltung dieser Bestimmungen ohne Einfluß sind. Aber zugleich kommt es gerade in einer solchen Zeit der Unsicherheit darauf an, die Nerven nicht zu verliereri und die: künftige Gestaltung des jüdischen Lebens mit Disziplin und Klarheit in geordneter Form vorzunehmen. Palästina - Fragen im Unterhaus London, 24. Oktober. HTA.) Im Unterhaus richtete der Abgeordnete Captain Peter StacDonald an den Minister für die Kolonien die Frage, ob er seine Aufmerksamkeit der Tatsache geschenkt habe, daß wiederholt Rundfunksendungen in arabischer Sprache im Dienst der italienischen Propaganda für den Empfang in Palästina, Transjordanien und den Nachbargebieten erfolgen, ob Aufzeichnungen über diese Propagandaseiidungen vorliegen und ob das K-olonienministeriuin oder die Regierungen in Ostafrika Schritte unternommen haben, um dieser Propaganda entgegenzuwirken. Ln Namen des Ministers für die Kolonien antwortete Commander South by, es seien gewisse Erklärungen in arabischer Sprache bekannt, die von italienischen Sendern verbreitet wurden. Niederschriften des angeblichen Textes seien ihm in einigen Fällen vorgelegt worden. Er wisse, daß die Angelegenheit dem italienischen Botschafter zur Kenntnis gebracht wurde. Die Vorbereitungen der Palästina-Regierung für die Einrichtung eines eigenen Rundfiinfefienstes seien nunmehr fast beendet, und die Sendungen würden demnächst aufgenommen werden. Abg. Wedgwood sprach den Wunsch aus, daß das Koloniaiamt einen Bericht aus Palästina über die dort seit längerer Zeit geführte italienische Propaganda einfordere. Commander South by erklärte, er werde diesen Wunsch an den Minister für die Kolonien weiterleiten. Der Abgeordnete Jänner fragte den Kolonienmimsjer, welche Ausgaben im Budget der Palästina-Regierung für allgemeines Erzieh impswesen, jüdisches Erziehungswesen, Straßen, Eisenbahnen, Post, Häfen und öffentlichen Gesundheitsdienst für das Finanzjahr 1935/36 vorgesehen sei. Für die Regierung antwortete Commander South by, er werde im offiziellen Parlamentsbericht die betreffenden Zahlen an geben. Als Ausgaben für das Finanzjahr 1935/36 wurden in dem Bericht angeführt: Allgemeines Erziehungswesen 267 871 Pfund; jüdisches Erziehungswesen 39 035 Pfund; Straßen und Brücken 234405 Pfund; Eisenbahnen (Rohausgaben) 855 593 Wund; Postwesen 341 536 Pfund; Häfen, außerordentliche und besondere Ausgaben in Haifa und Jaffa, 237 200 Pfund; öffentliches Gesundheitswesen 215595 Pfund. Die Frage des Dumpings in Palästina wurde von Sir Wilfried Sugden angeschnitten. Er fragte den Kolonienminister, ob dieser nicht im Hinblick auf die Gefährdung zahlreicher junger Industrien in Palästina infolge japanischen Dumpings und mit Rücksicht darauf, daß Japan nicht mehr Mitglied des Völkerbundes ist, bei der Mandatskommission des Völkerbundes Vorstellungen mit dem Ziele machen wolle, daß Maßnahmen zum Schutz: Palästinas gegen diese unfaire japanische Konkurrenz gestattet werden, Commander Southby antwortete: die Palästina-Regierung ist jederzeit ermächtigt, zum Schutz der einheimischen Industrie Maßnahmen zu treffen, die sie im Interesse des gesamten Landes für wünschenswert hält, und die mit dem Mandat im Einklang stehen. Di« Stellungnahme gegenüber japanischein Import nach Palästina ist bedingt durch den englischjapanischen Handelsvertrag, dem Palästina beigetreten ist, und der jedes diskriminierende Vorgehen in bezug auf japanische Waren, solange er in Kraft ist, verhindert. Abg. W edg wood fragte den Minister für die Kolonien, Malcolm MacDonald, ob der Gesetzesentwurf betreffend die Einschränkung der Zulassung zur ä r z t - liehen Praxis in Palästina der englischen Regierung vorgelegt und von ihr gebilligt worden sei und ob es in irgendeiner englischen Kronkolonie oder einem Dominion ähnliche gesetzliche Bestimmungen gebe. In schriftlicher Beantwortung dieser Anfrage erklärte der Minister: Ein Gesetzentwurf betreffend diesen Gegenstand ist von meinem Vorgänger (Sir Philip Cunliffe-Lister) im Januar unter Vorbehalt kleinerer Abänderungen genehmigt worden. Aehnliche gesetzliche Bestimmungen in britischen Kolonien oder Do• minions sind mir nicht bekannt. Die Judenfrage in der Justiz Die ״Frankfurter Zeitung״ berichtet von Ausführungen, die Staatssekretär Dr. Stuckardt auf einer Frankfurter Tagung des Nationalsozialistischen Deutschen Juristenbundes gemacht hat. Für das Reich, so sagte er nach dem Bericht des Blattes, gelte die Anordnung des Führers und Reichskanzlers, da gäbe es kein Deuteln. Diese Richtlinie gelte auch für die Judenfrage. Durch die Nürnberger Gesetze habe der Führer und Reichskanzler die Losung gegeben. Irgendwelche Sonderlösungen seien verboten. Fiir den nationalsozialistischen Staat wurzele auch das Recht in dem rassemäßigen Gemeinschaftsdenken . . . Die letzte Feinheit des Gefühls, aber auch die letzte Regung des Gehirns, werde von der rassemäßigen Zugehörigkeit bestimmt. Ein Jude könne deshalb kein öffentliches Amt wie das eines Richters oder Notars bekleiden, ebensowenig eigentlich das Amt eines Rechtsanwaltes. Es sei jedoch nur selbstverständlich, wenn auch diese Frage (die der Tätigkeit jüdischer Anwälte) nur allmählich gelöst werde, entsprechend den gesamten politischen Verhältnissen. Aber es müsse dahin kommen, daß ein jüdischer Anwalt nur noch jüdische Klienten vertreten dürfe und daß die Zahl der jüdisehen Anwälte in Einklang gebracht werde mit der jüdischen Bevölkerungszahl. ״Jüdischer Intellektualismus“ Der ״Berliner Lokal-Anzeiger“ berichtet: ״Der ״Klub von 1029 (Nai ienalsozialisiische Vortragsge6ell$chaft)“ veranstaltete im llause der Presse einen Vortragsabend, auf dem Ministerialrat Dr. Nonn vorn Preußischen Finannmnisterium ülier ,Rasse und Technik‘ sprach. Nach ge-cliichtlichen Ausliihtun gen über die Gründe unserer Ka.-ecnvcrschkehterung setzte der Redner an dem Beispiel von vier Altersgenossen das Wesen der nordischen Rasse auseinander; das Judentum erscheine ihr gegenfilier als Unrasse, d. h. als ein Mischmasch ohne Gestaltungskraft, unschüpferisch, zerrissen, nur zum Schmarotzertum geeignet. Der Juile sei auch für die moderne Technik völlig unbegabt, da diese nur von ganz klaren, dabei zugleich schüpteri- ־eben Naturen gemeistert werden könne. Am Beispiel des Dessauer Bauhauses zeigte Dr. Nonn die Verirrungen, deren jüdischer Intellektualismus in Technik und Kunst fähig sei. Ihn! fehle auch jede metaphysische Beziehung, und er versinke dadurch ]eicht in Atheismus und Phantasterei, in der Politik aber in Kommunismus. Restlose Abstoßung dieses Geistes sei zu fordern.“ Wir bestreiten keineswegs die Tatsache des infolge der historischen Entwicklung überzüchteten Intellektualismus der Juden, dem entgegenzuwirken Aufgabe einer vernünftigen jüdischen Kulturpolitik sei« muß. Aber der Schöpfer des Dessaucr Bauhauses, Gropius, ist u. W. kein Jude, und wir können auch nicht zustimmen, daß den Juden, dem Volk der Propheten, Psalmisten und Kabbalisten, jede mefaphysische Beziehung fehle, Der Stammvater des modernen Atheismus ist u. E. Voltaire, der mit Friedrich II. befreundet war; zu einer Zeit als die große Mehrheit der Juden streng religiös lebte. Später wurden die Juden von ihrer religiösen Lebensbahn abgedrängt, weil man von ihnen Assimilation forderte, und indem man ihnen jede reale Lebensbasis vorenthielt, stieß inan sie ganz und gar dem Intellektualismus in die Artne, der aber keineswegs jüdisches Gewächs, sondern eine Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts bei allen Völkern ist. Feuerschutz der Synagogen Der ״Münchener Beobachter“, die Stadtbeilage des ״Völ- Irischen Beobachters“, bringt unter der Uebersehrift ״Feuerschutzabgabe für Synagogen“ in Nr. 296 folgende Meldung: ״Durch die in letzter Zeit eingetretenen Rechtsändemngen ist auch eine Neufassung der Feuerschutzabgaben-Satzung notwendig geworden, die nach Genehmigung der Aufsichtsbefiörden rückwirkend ab L April 1935 in Kraft treten soll... Bisher waren, wie die Kirchen und Bethäuscr, auch die Synagogen von der Feuerschutzabgabe befreit. Hierin soll iura künftig eine Aenderung eintreten, da eine Abgabenvergünstigung für israelitische Kultstätten mit den Grundsätzen nationalsozialistischer Weltanschauung nicht zu vereinbaren ist... Die von Stadtkämmerer Pfeiffer vorgesehlagenen Neufassungen wurden von Oberbürgermeister Fiehler nach Beratungen mit den Ratslierren in der gestrigen Sitzung genehmigt.“ _ Nach einer Mitteilung■ ■des ״Stürmer“ hat die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahnges ellschaft mit Rücksicht auf die neue Entwicklung der rassenpolitischen Gesetzgebung die Reichsbahndirektionen ermächtigt, Anträgen der NSDAP, auf Zulassung von A u s h ä n g e 1< ä s t e n für den ״Stürmer“ aufdem Gebiet der Reichsbahn zu entsprechen. ÖMfy ScUa&fad in Jleknlbz Dieser einzigartige Tag, der für uns Juden am Freitagabend beginnt und gleichsam das Endziel ist, auf das jede Woche hinsteuert — er trägt bereits in sich die Gesetze seiner Gestaltung. Er kann nicht anders als schwermütig, getragen, fast zögernd und in Moll beginnen; es ist, als ob die Lasten und Nöte der Woche noch auf dem anfangenden Schabbat lasten und noch nicht weichen wollen. Erst allmählich wird die Gestaltung lockerer, schwindet die Belastung mit dem Alltäglichen, dann kann langsam die Freude am Schabbat ihren Einzug haltern. Jeder Schabbat, der mit der laufen Freude beginnen wollte, würde dem jüdischen Sinn dieser Institution widersprechen. Bei der Gestaltung des Freitagabend, den wir mit den Teilnehmern des Schulungskursus der ZVfD. in Lehn i t z erlebten, wurde diese innere Gesetzlichkeit wieder deutlieh offenbar. Auch hier setzte die Feier fast zögernd ein mit schwermütigen hebräischen Weisen, die erst nach und nach von aufrüttelnden Melodien verdrängt werden, bis sich schließlieh das Ganze in der Apotheose des Horra vereinigt und wieder auflöst. Erst wenn man einen zeitlichen Abstand gewonnen hat, vermag man sich so den Gang der Feier klarzumachen. Niemand aber schafft einen Oncg-Schabbat aus solchen Ueberiegungen sondern es muß in den Menschen irgendein geheimnisvolles Agens sein, das ihnen diese Art der Feierbereitung unbewußt aufzwingt. ln dem festlich erleuchteten Speisesaal findet sich die bunte und doch irgendwie einheitliche Schar der Teilnehmer zusammen. Und auch die Clialuzoth des Hauses, die die ganze Woche hindurch in schwerer, aufopferungsvoller Weise für das leibliche Wohl der Gäste bemüht waren, sind nun selber Gäste, die in das Gein ein schaf tserlebnis der Feier miteinbezogen werden. Dieser Strom der Gemeinsamkeit, dieses Empfinden der Zusammengehörigkeit — wer fühlte sie in diesen Stunden nicht? Zuerst knüpfte Rabbiner Dr. Jospe (Schneidemühl) an die Sidra ״Bcreschith“ eine feinsinnige, mit tiefen Midraschim durchwobene Betrachtung, die unter atemlos« Stille dankbar aufgcnominen wurde. Und dann die Musik! Jeder Gesang — und mochte er auch auf dem anspruchslosesten Text beruhen — war ein Band, das sich um alle schlang und um so fester wurde, je mehr man sich bemühte, die Melodie auszuleilen und in mehrfachen Uebungen möglichst gut herauszuarbeiten. An diesem Abend zeigte sich wieder mit voller Deutlichkeit, daß zu einem Oneg Schabbat keine künstlerich vollend eien Leistungen vonnöten sind, sondem daß alles davon abhängt, daß ein tüchtiger Musiker da ist, der die musikalisch inhomogene Gruppe zusammenzulasseti versteht. In Go Id be r g-Köln war einer gefunden, der diese Aufgabe zu lösen vermochte. Anschaulich demonstrierte er an klaren Beispielen das Wesen des palästinensischen Volkslieds, seiner musikalischen Bedingtheiten und seiner Unterscheidungsmerkmale von euro|1äiscl1en Volksliedern. Geschickt wechselte er von der Theorie zur Praxis über, indem er die Zuhörer sacht in Mitwirkeiuie uinwandelte. Und nicht minder eindrucksvoll wußte Winawer aus der Gru!>pe, die ihm bei seinem Vorsingen eines palästinensischen Hirtenliedes mit seinen orientalischen Weisen gespannt gefolgt war, eine fröhliche Singscli-ar zu machen. Lange Stunden haben wir so gesessen und beim Singen gespürt, wie sich uns hier Quellen des eigenen Seins eröffnen, die vielleicht tiefer in jüdisches Leben führen, als man noch ahnt. Dann aber mußte die Lebensfreude ihren aktiven Ausdruck im T anz finden, der in seiner Unermüdlichkeit etwas Ekstatisches an sich hat. In allem Frohsinn jedoch bleibt das Gebändigte, in aller Gelöstheit der Gedanke der Verpflichtung, in aller Freude das Bewußtsein der Verantwortung: das ist das eigentlich Jüdische des Oneg Schabbat, der der Seele Freiheit gibt, ohne ihre Bindungen aufzuheben. N. Hauptfchriftlciter: Dr. Robert Welt sch, Berlin Charlottenburg 0 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern), Stellvertreter! Kurt Loewenitein, Berlin W 15. Anzeiqrnleiter 11. verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Kinn. Berlin - Tempelhof. Gültig: Anzeigen-Preisliate 4 vom 15. Oktober 1935. Verlag und Anteigen Verwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10, D.-A. Sept. 39137. — Druckt Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg.