Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 84 (18.10.1935)
- Date
- 1935-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653901--27539-2688981- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Anfang des Gebets mit seiner noch ungeschwächten Zuvaversieht zeigte. Das heißere Drängen verrät sich hier schon in den gehäuften, sich jagenden Anreden: Du (iott, unser Vater, unser König, unser ’ Führer, unser Schöpfer, unser Erloser, unser Bildner, unser Heiliger, Du Heiliger Jacobs, unser Hirt, der Hirt Israels, der gute König, der Tag für Tag allen wohl tut. Aber die größere innere Bewegung enthüllt sich ferner auch in den leidenschaftlichen, einprägsamen Wieder ho- 1 urigen: er bewies uns (Jute, beweist sie uns und wird sie uns beweisen; er schenkte uns Vollkommenes, schenkt es uns noch lind wird es uns schenken. Diese Wendungen sind auch klanglich von besonderer <lehobenheit; und die sorgsame Austeilung der Vergaiigenheits-, der Gegenwart*- und der Zukunftshamiiungen l ioties bezeugt hier verschärft das Schveben des Menschen zwischen dem dankenden Rückblick in die Vergangenheit und dem Fürchten und Hoffen für die Zukunft. Noch einmal aber manifestiert sich dann die Spannung in diesen I;n1pfindnnge11 in der raschen Aufreihung alles dessen, was der Mensch noch erhoff!: t ■1111 -t. Lien.1; . . .־, Lebensweite, Freiheit, (duck, Segen, Hilfe, Trost, Unterhalt und Pflege, Leben, Friede und alles (Jute. Dann aber treten wieder einfache Bitten hervor ohne diese Doppelung von dankbarem Rückblick und erhoffendem Vorwärtssehen. Zuerst sind es naturgemäß die universalsten und höchsten Hilten: Du liebender (iott, lasse Du allein Dich preisen im Himmel und auf der Erde; herrsche Du allein über uns, nicht nur an allen Orten, sondern auch durch alle Zeiten. Dann unter Wiederauluahme des I laiiptmotivs dieses Gebetes: 1)11 liebender (iott, ernähre uns doch in Ehren! Und diese Nalimiig-frugc abermals in ihrem Kern ergriffen: Herr, brich das Joch weg \ oii unserem Halse, und laß uns aufrecht gehen in uu-er Land. Aber auch weiter bleiben die Bitten um den Segen 1111 den li-ch um Recht eng verflochten mit den Bitten um incusi hitchc und volkiiclu* I rlösung. 1)11 liclunder (iott, -cmlc 1111doch den Propheten Lila, den Vorboten des Mr-ma-, mit flohen Botschaften, mit Hilfe und Trost. Und wieder dabei Verknüpfung dieser nationalen und mcnschlu ulicltcn ZiikiiiilKlinffmuigcn mit eien! persönlichsten Hülfen und Bitten: -egne doch den Herrn dieses ILuises und seine llernn, mc, ihr Haus, ihre Nachkommen und alles Ihre, 11!1- und alles l 'listige, wie sich Segen erwarben unsere Väter Abraham, Isaak mul Jakob mit allem, von allem, in allem. Dann aber greift wieder in dem A b g e s a 1t g des Gebets die zmersichtlichen• Ruhe Platz. In einem schönen, friedvollen Bild heißt cs: dort oben in den I lohen möge man Verdienst!olles an iInten (dem Herrn des Hauses und seiner Familie) und an uns erforschen, das alles zur Hut dies Friedens führe. Lallt uns Segen tragen von (iott, Wohltat vom (iott unseres llctls, daß wir (tunst und (gutes Verstehen finden in den Augen (jottes und der Menschen. Ohne Furcht vor den! Var» tu t der bohiietliik wird hier in ehrlicher und reiner Naiv ווat das erbeten, worauf ja auch das Tun und Lebert de strengsten Ptlichtuicnccheii, ohne daß er es sich gestellt, gerichtet bleibt: Gluck und Verstellen bei den Menselten und darüber hinaus echter, nicht halber Friede, Friede, der ja im Hebräischen so viel bedeutet wie vollkommen cs, ganzes, unversehrtes Leben in der treffenden Erkenntnis, daß jeder Vernichtungskrieg Zeichen gebrochenen Lebens ist. Das große Streben des .Maimonides und die noch viel stärkeren Anstrengungen Hermann Cohens oder schon mancher Talmudlelirer, das Judentum vom Eudämonismus zu reinigen, haben ihren hohen Sinn gegenüber aller schmutzig befangenen Glücksgier. Aber dieser geprüfte und nie erstickbare, dieser unltefangene und allein lebenswahre GUickswille, wie er überall im antiken Judentum und weithin in den jüdischen Gebeten rege ist, bleibt dem gewaltsamen Leben der angeblich reinen Pflicht weit überlegen. Denn das Glück, das hier ersehnt wird, ist, wie es wiäter heißt, nur jene ״aufgetürmte Freude׳‘, die zugleich ״für die Tage des Messias würdig macht“. Nur in dem Sinn, in dem ״Gott Vollkommenheit stiftet in seinen Höllen, stifte er auch Frieden über uns und ganz Israel". Endlich aber wird (nach der Sitte leise gesprochen) das enthüllt, was eigentlich die Lösung dieser vielfachen scheinbaren Widerspruche und 1 uigelöstheiten des Ganzen bedetltet: ihr, die ihr die Heiligen Gottes sein sollt, ehr fürchtet ihn. Denn die dies tun, Indien keinen .Mangel. Und rum erfolgt eine offene Korrektur der ursprünglichen Zuversicht der ersten Braclialt. F< wird gestanden: ״VC'ohl darben oft Löwen und mti'Seit I lintgers sterben. Aber die Gott stielten, werden kein < 111t entbehren müssen. Ich war ein Kind lind bin alt geworden,;!her ich habe nie einen (ierechien gesehen, der verstoßen h!i<׳b, und dessen Same 11m Brot betteln mußte. Gebe 1 iott seinem Volke Kraft, o segne er sein Volk mit Friede!! 1“ .- Wie konnte nt an die Bahn, die dieses (iebet durchläuft, beschreiben ״ Ls i-t ein Weg, der immer wieder im Judentum in \ cr-chii-di 11-teit Modifikationen aufgewiesen wird. Weltlich gesprochen handelt cs »ich dabei um dies: den Ausgang bildet stets ein tiefes Vertrauen zur Welt. Noch weltlicher forttinbeit: am Beginn steht immer, was Kennzeichen jedes starken, guten 1 eln-ns ist und sein muß: ein echtes Zutrauen, ein herzhaftes < iclKirgenlieitsgefulil in der Ganzheit des Da- Seins. Dann aber wird das Grauenhafte in allem Sein, das Unglück, die Iraner, die Hiobsqual, die Schuld, der Zweifel, die Sinnlo-igkeit des Lebens oder ztttn mindesten die Ueberfulie des Mißratenen in ihm keineswegs bagatellisiert. Sondern es wird dies in seiner ganzen Strenge zur Anschaumig gebracht. Aber es triumphiert dann doch das V ertrauen zum < ian/en in jenem unerhörten Trotzdem, das das ge-,amte jüdische Schicksal so vernehmlich wie kein anderes Schicksal in dieser Welt darstellt. Die alten Griechen Und vielleicht manche andere Nationen liberragen die Juden beträchtlich an intellektuellen Fähigkeiten. Aber keine Geineinschaft der Welt bat ein ähnliches Geschick mit diesem Ausmaß von Charakter und von innerster Weltfestigkeit durch alle Weitstürme zu tragen verstanden. Nur darin liegt ״jüdische Auserwähltiieit“. Theologisch gesprochen: es handelt sich hier um die Kraft ׳zur T’sch 11 bah. Den Ausgang nehmen die Menschen alle von der Geborgenheit im Absoluten, in Gott. Und auch das Irrewerden an Gott begegnet uns allen in ähnlicher Art: in der Verzweiflung am Dasein, in dem Begehen von Schuld Und in dem Leiden an seinen Folgen. Aber die Kraft zur T’schuhah soll nicht in bloßer Buße, in neuem Leiden verströmen. Denn T’sdtuhalt heißt nicht passive Buße, sondern aktive Umkehr, Rückkehr, Riickwendimg zu dem Absoluten, von dem wir atisgcgangen sind. Und diese Kraft zum zweiten Vertrauen, ztttn Besserwerden und zum besseren Vertrauen, sie hat das Judentum wohl der Welt am tiefsten vorgelebt und aufgc/cigt in seinem Hiob, seiner Jom-Kippur- Liturgie, in der ״Ethik“ seines größten Denkers, Spinoza, und auch besonders schlicht, fast unauffällig in seinem tagliehen Tischgebet. Regengebete und Regenbeter ס ק ק Von Dr. A. Fürst, Budapest Die Feiertage sind bald vorüber, der Herbst hat seinen Einzug gehalten. Noch einmal, am Schlußfest, dem Sc 11 mini Azereth, gelangen in unseren Synagogen Ncujahrsniclodien, Neujahrsstimmungen zum Ausdruck: unter Acullcrlichkcitcn der ״ersten Tage“ haben wir um Regen gebetet, ״Gcschem gebenscht.״ ״Denn am Sukkoth wird Gericht gehalten über das Wasser." Während des Laubhiittenfestes sollte wohl des Regens noch keine Erwähnung im Gebet getan werden, — es wäre ja ein böses Zeichen, wenn der Himmel unsere Festesfreude durch Regengüsse störte. Kaum aber ist Israel aus seinen Hütten in die Häuser gezogen, so schalten wir im Aelitzelinergebet zwischen die Machtattributc Gottes auch schon das ״Maschiw iiornacli'• ein: ״Der wehen läßt den Wind und fallen den Regen.“ Uralt, urwüchsig ist diese Naturverbundenheit eines Land- Volkes mit dem Wetter, noch überraschender, ergreifender, daß auch sein heutiger Ritus ganz auf Palästina eingestellt ist. Nicht wir im Galuth benötigen tim diese Zeit des Regens, sondern das heilige Land, dessen Blühen und Gedeihen davon abhängt, wann und wie die winterliche Regenszeit einsetzt, um den im Sommer ausgedorrten Boden für das nächste Jahr zu befruchten. Viel früher als wir beginnt deshalb die palästinensischc Judcnheit tun den Regen ausdrücklich zu beten, d. h. in den Scgensprtich um ein gesegnetes Jahr die Formel: w’then tal u'wotor livrochoh: ״gib Tau und Regen zurrt Segen•• citmtsrt/en. Am 7. Chesclnvan ist dort der ,,jauin hasch'elo“, an einem Termin, zu dem seinerzeit die Wallfall rer des Sukkothfestes schon in ihre entfernteste Heimat bis an den Euphrat zitrückgekehrt sein konnten. Wir beginnen mit dieser Einschaltung — fast nur aus Pietät, — erst 60 Tage nach der Herbstsonnenwende, am 5. Dezember. Welche große Bedeutung diesen Regengebeten in Palästina beigelegt wurde, ersehen wir am klarsten aus dem Talmud, diesem vielseitigsten Spiegelbild nachbiblischen jüdischen Lebens. Ein eigener Traktat, benannt ״Taanith“, beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem ״Regerrprobtern“, vor allem mit den ״Fasten“ und Gebeten, die als Ausdruck innerer Buße und Umkehr Gottes Strafe, den Mangel an Regen, vom Volke abwenden sollen. ״Ist der 17. Chesclnvan herangenaht, — heißt es dort Kapitel 1, Mischna 3 — und es hat nicht geregnet, so beginnen einzelne Fromme zu fasten, sie fasten nur von Morgen bis Abend, enthalten sich dabei weder der werktätigen Arbeit, noch anderer alltäglicher Genüsse. Ist jedoch auch der 1. Kißlew angebrochen und der Regen nicht eingetroffen, so ordnet der Gerichtshof drei Fasttage an: Montag, Donnerstag und Montag, Fastbedingungen wie oben.“ Mit zunehmender Not und Dürre werden auch die Fasten und Kasteiungen stets strenger, schärfer. Der Gerichtshof ordnet jetzt drei Vollfasttage an, von Abend bis Abend, an denen auch jede geschäftliche, gewerbliche, sogar gesellscliaftliehe Tätigkeit ruht und schließlich sieben weitere Bußtage, an denen eine allgemeine, tiefe Volkstratier in erschütternden Bittgottesdiensten ihren Ausdruck findet, die auf offenem Marktplatz, vor asehenbestretrter Bundeslade, unter Schofar- und TrompetcnsciiaH abgehaltcn werden. Das Volk wird durch Zusprachen und Ermahnungen zur Bulle aufgefordert, man liest aus der Thora und betet Gelegenheitsgebete, in denen wir den Keim unserer heutigen ״Seliclioth“ erblicken können. Vorbeter sollen alte, geübte, verdienstvolle Männer sein, die womöglich ״arm am Beutel, reich an Kindern mit vollem Herzen bei der Andacht seien“. Erst mit Anbruch des Frühlingsmonates Nissan war jedes Beten um Regen vergeblich, ja verwerflich, dennda war der Regen schon ein Zeichen des Fluches. Wirksamkeit, Erfolg der Gebete hängt in erster Reihe von der Büßfertigkeit der Betenden 1»nd von der verdienstvollen Persönlichkeit ihres Vorbeters, des ״Gesandten der Gemeinde“, ab. Deshalb Lst es von geschichtlichem und moralpädagogischem Interesse, zu untersuchen, welches jene Tugenden und sittlichen Vorzüge waren, die von der Tradition einezlnen hervorragenden, — wir können sagen — wundertätigen Regenvorbetern beigelegt wurden. Diese legendarischen Gestalten sind keineswegs die großen Meister des Talmuds, auch nicht Koryphäen der Wissenschaft oder Frömmigkeit, sie scheinen eher einfache, unverdorbene Söhne des Volkes zu sein, die durch eine gewisse edle geistige Haltung die besotideren Lieblinge Gottes wurden. Ich will hier den Text des Talmud wörtlich mittdlen, wie er Taanith, Seite 23a, zu finden ist.: Es geschalt einmal, der größere Teil Adar war schon vorüber (gegen Ende Februar), und es gab noch keinen Regen. Da schickte man zu Choni hatnaggel, er möge um Regen beten. Er betete, aber der Regen kam nicht. Da zog er einen Kreis um sich, stellte sich in dessen Mitte, wie der Prophet Habakttk, und sprach: Herr der Welt, deine Kinder schauen au? mich, wie auf einen Vertrauten deines Hauses: ich schwöre also bei deinem heiligen Namen, daß ich mich nicht wegriihre von hier, bis du mich erhört hast. Da begann es in Tropfen zu regnen, aber seine Jünger sagten: Wir vertrauen dir, wir werden nicht mehr Hungers sterben, doch uns scheint, der Regen fällt nur darum, um dich deines Gelübdes zu entheben. Also setzte Clioni sein Gebet fort: Nicht solchen Regen wünschte ich, sondern Regen für die Brunnen, Tiefen und Höhlen. Da entlud sich ein Wolkenbruch, daß jeder Tropfen die Oeffnung des Fasses füllte, keiner weniger als ein Lug maß. Aber die Jünger sprachen wieder: Uns scheint, dieser Regen muß die Welt zugrunde richten. Und Clioni betete: Herr der Weit, nicht solchen Regen wünschte ich, sondern sanften, segenspendenden, befruchtenden Regen. Sieh, auch dieser kam, und zwar in so reichlichem Maße, daß das Volk sich atrf die Höhen des Tempelberges retten mußte. Da kamen die Schüler mit einer neuen Bitte: So wie du uns den Regen herabgebetet hast, so bete jetzt, daß er aufhöre. Anfangs weigerte er sich, er habe es so von seinen Meistern gelernt, daß man nicht klagen dürfe wegen der Fülle des Segens, dann aber ließ er sich einen Sülm bock bringen, legte beide Hände autf ihn und flehte: Herr der Welt, dein Volk Israel, das du aus Aegypten erlöst hast, kann weder den großen Segen, noch den großen Fluch ertragen, beende also den Regen, daß es sich wieder frei fühle. Sofort erhob sich ein Wind und zerstreute die Wolken. — Als Simeon ben Schetach davon erfuhr, ließ er ihm sagen: Wenn du nicht Choni wärest, ließe ich dich in den Bann legen; aber was soll ich tun, wenn du gegen den Allmächtigen sündigst und er trotzdem deinen Willen erfüllt. Du bist wie das verwöhnte Kind, das fortwährend Forderungen stellt: führt mich ins warme Bad, gebet mir kalte Dusche, gebet mir Nüsse, Mandeln, Obst — und der Vater erfüllt ihm jeden Wunsch. Von dir heißt es in der Schrift: Es freut sScJi seiner sein Vater und es frohlockt mit ihm seine Mutter. —■ Welcher Art Clioni hamaggels Verdienste waren, darüber hören wir nichts Näheres, aber der Beruf scheint in der Familie erblich geblieben zu sein, denn auf demselben Blatte des Talmuds lesen wir von seinen zwei Enkeln: Aba Chelkija war der Enkel Chonis. So oft die Welt des Regens bedurfte, schickten die Weisen einige Zöglinge zu ihm, er möge Gott erweichen. Bei einer Gelegenheit trafen sie ihm am Felde bei der Arbeit. Sie begrüßten ihn, aber er antwortete nicht. Als er gegen Abend fertig war, nahm er das gesammelte Holz und die Axt auf die eine Schulter, seinen Mantel auf die andere. Während des ganzen Weges trug er seine Schuhe in der Hand, nur, wenn er an ein Wasser kam, zog er sie an; wenn er in die Nähe von Gebüsch und Dornen kam, hob er sein Gewand auf. Zu Hause erwartete ihn seine Frau in Putz und Schmuck; Chelkija ließ zuerst seine Frau ins Haus, dann ging er und zuletzt die Gäste. Bei Tisch bot er den Gästen kein Brot an, hingegen gab er seinem ältesten Sohne ein Stink davon, den jüngeren zwei Stücke. Gegen Ende der Mahlzeit flüsterte er seiner Frau zu: Ich weiß, zu welchem Zwecke uns diese Herren aufgesucht haben, kommen wir ihnen zuvor, damit sie um keine Gefälligkeit ersuchen müssen. Sie schlichen sich also aufs Hausdach, er stellte sich in einen Winkel, sie in einen andern, und kaum hatten sie begonnen zu beten, kamen schon die Wolken herangezogen, und zwar zuerst von seiten der Frau. Ais sie nun, zuriiekgekehrt, die Gäste nach dem Grund ihres Kommens befragten, rief Chelkija in Freuden: Gott sei Dank, dal! iltr nunmehr Chelkija* nicht bedürft. Aber die sagten: Wir wissen, daß der Regen nur deinetwegen gekommen ist, doch warum antwortetest du uns nicht, als wir dich auf dem Felde grüßten? — Ich arbeitete in Tagelohn und glaubte nicht, diese unterbrechen zu dürfen. Warum trugst du das Werkzeug auf der einen Schulter, den Mantel auf der anderen? — Der Mantel war geliehen, ich durfte ilm nur tragen, nicht abwetzen. Warum zogst du die Schuhe nur im Wasser an? — Auf dem Wege sah ich, wohin ich trete, im Wasset gab cs auch Schlangen, Skorpione. Warum erhobst du dein Gewand im Gebüsch? — Für meinen Fuß findet sich Arznei, für das Kleid nicht. Warum war deine Frau so festlich geschmückt? — Damit ich an keiner fremden Frau Gefallen finde. Warum ließest du uns au letzter Stelle ins Haus treten? — Ich kannte euch nicht, mußte also vorsichtig sein. Warum botest du uns kein Brot an? — Wir hatten selbst sehr knapp davon, mit einem Scheinangebot wollte ich euch nicht zu Dank verpflichten. Warum bekam der große Knabe weniger als die kleinen? —• Der war den ganzen Tag zu Hause (konnte also essen), jene waren in der Schule. Warum kamen die Wolken von seiten deiner Frau? — Sie ist tagsüber zu Hause, gibt den armen Wanderern Brot, hebt dieselben zu sich, ich kann ihnen nur Geld geben, ein kaltes Geschenk. Außerdem habe ich einmal um den Toa unserer frevelhaften Nachbarschaft gebetet, sie, daß sie sich bessern. Clionan hanechba war der andere Finket Chonis. Wenn Regennot war, schickten die Weisen die Schulkinder zu ihm. Diese klammerten sich in die Zipfel seines Rockes und baten: Väterchen, Väterchen, bring uns Regen! Da fing er an: Herr der Welt, erhöre mich dieser Kinder wegen, die keinen Unterschied kennen zwischen jenem Vater, der Regen geben kann und jenem, der nicht kann. In der langen Reihe der Regenbeter befinden sich auch Namenlose. Raw hatte Fasten angeordnet itt einer Stadt, aber es kam kein Regen. Da stellte sich ein Vorbeter vor das Gebet״ pult: er begann zu beten, und schon brauste der Wind, er setzte fort, und schon plätscherte der Regen. Man fragte ihn nach seinem Beruf. Ich unterweise Kinder, so sagte er, und befasse mich gleichermaßen mit den Kindern der Reichen wie der Armen; der nicht zahlen kann, der zahlt nichts. Ich habe eine Fischgrube; wenn ein Kind nicht lernen will, so besteche ich es mit Geschenken und rede ihm solange zu, bis es Lust bekommt. Aba Umna war Wundarzt. Wenn er zur Ader ließ, semderte er die Männer von den Frauen ab, für letztere hatte er besondere Mäntel, in denen der Schröpfer verborgen war, damit sie ihren Arm nicht vor ihm entblößen mußten. Er hatte eine kleine Büchse, in diese warfen die Patienten das Honorar, junge Gelehrte zahlten nichts, erhielten eher von ihm Unterstützung. R. Berolca aus Chusa begegnete auf der Straße dem Propheten Elijahu. Auf die Frage, ob der Prophet unter dem Volke jemand sehe, der der jenseitigen Welt teilhaftig sein werde, antwortete jener verneinend. In diesem Augenblick erschien ein Mann in schwarzen Sandalen (wie sie die Juden damals nicht trugen), an seinem Gewände fehlten die hellblatten Schaufäden. Elijahu zeigte auf ihn: Dieser kommt ins Himmelreich. R. Beroka lief ihm nach und fragte ihn nach seinem Beruf. Der wies ihn aber ab, er möge morgen kommen. Nächsten Tag erzählte er dann, er sei Gefängniswärter: er sperre die Männer allein, die Frauen allein, sein Bett aber stelle er in die Mitte, damit kein Unfug gescheite. Warum trägst du schwarze Schulte und keine Zizith? — Ich pflege mich unter Nichtjuden herumzutreiben und horche darauf, ob nicht irgendein Komplott gegen uns geschmiedet wird. Ich will also nicht, daß man mich erkennt. Warum hast du nicht bald auf unsere Fragen geantwortet? — Eben gestern war ich einer Verschwörung auf die Spur gekommen, ich mußte mich beeilen, sie den Weisen mitzuteilen, sie mögen dagegen beten. Während sie so sprachen, kamen ihnen wieder zwei Männer entgegen. Auch diese haben sich das Jenseits verdient, — sagte der Prophet. Was seid ihr? fragte R. Beroka. Wir sind Possenreißer, antworteten sie, wir erheitern die Betrübten, und wenn zwei Freunde sich nicht vertragen und Haß gegeneinander fühlen, so versöhnen wir sie durch unsere gute Laune * Wir haben hier einige Perlen aus dem Meer des Talmuds vor uns, wissenschaftlich ausgedriiekt: aggadische Erzähhmgen, die oft wie erquickende Oasen den Gang der gelehrten Ciesetzescrläuterungen und scharfsinnigen Disputationen unterbrechen. Unsere Weisen wußten ganz gut, daß das konkrete Beispiel den Menschen weit machtvoller ergreift, als die abstrakte Lehre. Daran dachten sie aber wohl kaum, daß diese einfachen Geschichten, diese in das Licht der Legende getauchten, aber dem alltäglichen Leben entnommenen Vorfälle einst die sittlichen Ideale ihrer Zeit klarer widerspiegeln werden, als die theoretisch vorgetragenen Gebote. Diese uralten ״Fabeln“ bewahrten den ethischen Gehalt des Judentums in reinerer Form als manche dickleibigen Kompendien und Lehrbücher. Denn an solchen Beispielen und Gleichnissen bildete, veredelte sich das Volk des Talmuds seit Jahrtausenden, von solchen Vorbildern lernte es Menschenliebe, Bescheidenheit und Anstand, Feingefühl und Sittlichkeit. Margraf & Co., Juwelen ־ Gold - Silber G. M. B. H. RUF: SAMMELNUMMER AS FLORA •SSI Die schönsten Geschenkartikel in reichster Auswahl / Auch Ankauf UNTER DEN LINDEN 6 laden im notel Bristol / TA UENTZI EN STR. 18g ecke nOrnberser str. / KANONIERSTR. 9 ENGROSABTEILUNG