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Jüdische Rundschau · 1935-10-18 · Heft 84 (18.10.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 84 (18.10.1935)
Date
1935-10-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr, 84 18. X. 1935 JÜDISCHE BUNDSCHAU Seite 5 . ■ "־ .ך — - — - — — - — — — I—1—1— - - - ׳ - ' Der Hechaluz und seine Welt Der Verlauf der Moeza (14. bis 17. Oktober) Eindrucksvolle Eröffnung Mit wirklicher innerer Anteilnahme steht heute die gesamte jüdische Oeffentlichkeit der Arbeit des Hechaluz gegenübet. Nicht sinnfälliger hätte diese Tatsache in Erscheinung treten können als an dem Abend, da der Hechaluz seine diesjährige Moeza ( ־ Beratung) mit einer großen Kundgeh urig in der Singakademie eröffnete. Die Vertreter sämt- Reh er wichtiger jüdischen Organisationen hatten sich zur Begrüßung eingefunden und dazu ein aus Chaluzim und aus Rabbiner Dr. Baeck spricht mm älteren interessierten Menschen bestehendes Publikum, Ben Aharon begrüßte die Versammlung und uinriß in kurzen Worten für die nichtchaluzischen Zuhörer Begriff und Wesen der Bewegung und ihre Bedeutung für die Neugestaltung jüdischen Lebens. Für die Reichsvcrtretung sprach ihr Präsident Rabb. Dr. Leo Baeck, der dem Hechaluz den Dank des Judentums dafür übermittelte, daß er gelehrt habe, daß es nur ein Judentum gibt: ein arbeitendes, ringendes Judentum und daß er die Abkehr vollziehe von dem bequemen Judentum, das sich vergangene Generationen zu schaffen suchten. Die Aelteren könnten heute nicht mehr ohne die Jüngeren leben — ajber auch nicht umgekehrt. Beide seien durch ideelle und materielle Werte miteinander verbunden. Dr. Franz Meyer legte sodann im Namen der Z. V. f. D. das Verhältnis zwischen Hechaluz und der zionistischen Bewegung dar. Beide seien ein und dasselbe. Die Tausende aber, die neu hinzugekonnnen sind, müßten diese Einheit noch tiefer begreifen lernen und verstehen, daß der Zionismus dem jüdischen Volk keine fertige Lösung, sondern nur eine Aufgabe geben könne. Deshalb sei es das Wesentliche des Hechaluz, die Umwandlung des jüdischen Menschen zum arbeitenden Menschen zu vollziehen. S. Adler-Rudel erinnerte an die zur gleichen Stunde stattfindende Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde zum Thema ״Auswanderung“ und stellte fest, daß der Hecha- Die Stimmung der Vorhut Es ist Abend, die Kastanien des Wäldchens tragen noch Ihre großen, nun schon rostgelben Blättcrfäclicr, die Luft, die mit seltsamen bläulichen Farben ihre Dunstkreise um die Laternen bildet, ist diesig und oktobermikie, und die vielen Menschengruppen, die vor der Singakademie noch auf den und jenen oder auch nur auf den Anfang der Kundgebung warten, Wirken ... ja, wie eigentlich? Jedenfalls ganz anders, als man es hier oder sonst in dieser Welt und in dieser Zeit für möglich halten sollte. Sie sind weder gedrückt noch trotzig, sic sehen weder sorglos noch gedankenlos aus, sic teden weder geheimnisvoll noch laut, und doch ist dies Lautgewirr hörbar, ja es hat sogar eine Art Kraft und gcineinsamen Tonfall, fast eine Melodie, und der bunte, vielfaltige Anblick hier draußen und erst recht später im Saal hat einen gemeinschaftlichen Zug, ein Gesicht, etwas Massenliaftes und doch ungemein Menschliches, eine Heiterkeit, Erwartungsfreude, Gelassenheit und bescheidene Selbstgewißheit, die einen so herzhaft anmutet . . . Das Zeichen wird gegeben, und alles drängt in den großen Saal wie der Bienenschwarm in den Korb. Dergleichen geschieht jeden Abend in den verschiedensten Sälen, man hat cs tausendmal miterlebl, und nun ist es doch neu. Nicht daß diese jungen Leute nett, höflich, diszipliniert ohne Zwang sind, auch im Gedränge, sondern wie sie auch dabei noch ihre jugendliche Würde, ihr Gesicht, ihre fröhliche Gelassenheit wahren, das ist es, das ist die Atmosphäre zwischen ihnen, das ist eine Art Elektrizität in ihnen, von der selbst aut die älteren Menschen Funken überspringen. Sonst ist die Jugend wohl schüchtern, bei uns sind’s nun die Alten geworden, und hier atmen sie sichtlich auf, hier reckt sich das müde Rückgrat, hier im Anblick soviel Frühlings fühlen sic sich sicherer, und unwillkürlich beginnen sie zu lächeln. Es ist aber auch etwas! Sonst, bei unseren meisten jüdischen Veranstaltungen, blickten Jahrtausende auf einen herab, und hier lacht’s nur s« vor lauter Jugend, Man sucht seinen Platz, ein Bekannter winkt herüber, eine lustig boshafte Bemerkung wird desto lustiger erwidert, man rückt ein wenig zusammen, um ein Mädchen in die Reihe zu lassen, das hinten nichts sicht, die Augen aller eben den Saal Betretenden hängen an der großen blauweißcn Fahne vom oder an der Karte von Palästina über der Loge, an den Teilnehmern des Sprechchors in der Mitte vorn, deren weiße Blusen etwas Feierliches zu haben scheineu, und die Reden haben begonnen. Frappant ist, wie diese jungen und älteren Menschen hier miteinander umgehen. Vom Generationenproblem, wie es vor wenigen Jahren noch die Gehirne erfüllt hat, ist nichts mehr zu merken. Die verächtlich altkluge und unwillige Phrase ״die jungen Leute von heute“ scheint eines sanften Todes verschieden zu sein, und die Stimmung einer krampfhaft altersfeindüchen Jugend bevölkert offenbar die schöne hxz mehr als Auswanderung verlange: nämlich die Rückkehr zutn jüdischen Volk. Der Hechaluz ist kompromifilos und verlangt wirkliche Tat und Einschaltung in den Aufbauprozeß. Das Hauptreferat des Abends hatte Georg Josephthal. Der Hechaluz sei nicht ״die“ Lösung. Aber er erhebt Anspruch auf die Mitarbeit aller, weil er nicht allein planen kann. Die objektiven Umstände beschränken die Arbeit. Wenn der Hechaluz heute Menschen fortweisen muß, so muß man das unter der Sicht Palästinas verstehen. Die erzieherisclie Atmosphäre sei nicht zu schaffen, wenn nicht das ganze Judentum mitgehe. Es müsse für die jüdischen Werte aufgeschlossen werden, die es bisher nicht gekannt habe. An alle Stellen, die mitentscheidend für den Hechaluz sind, müsse der Appell gerichtet werden, ihm die Möglichkeit einer langen Erziehungsarbeit zu lassen. Die nächsten Jahre bedeuten einen Prüfstein für die Macht der chaluzischen Erziehung. Bestehen wir diese Prüfung nicht, dann ist das ganze Judentum mit betroffen, dann gibt es keine Kollektiviösung mehr. Darum richte er den Aufruf an alle, daß sie die Atmosphäre mitschaffen helfen, die für den chaluzischen Weg notwendig sei (Schulen usw.). Der von Sprechchören und Liedern umrahmte Abend hinterließ bei allen Beteiligten einen tiefen Eindruck von der Kraft und Bedeutung der chaluzischen Idee. Die Referate Grundfragen der Hachscharah und der Alijah Der erste Arbeitstag war der Erörterung der wichtigsten Hachscharah- und Alijah probleme gewidmet. Drei Referate gaben der sehr lebhaften und sich bis in die Nacht hineinziehenden Diskussion die Richtung. Ueber »Das Hachscharahwerk und seine Probleme“ referierten Senta Punfud und Schura Oscherowitsch. Die Referentin setzte sich mit den wachsenden Schwierigkeiten der Hachscharall auseinander. Das Flachscliarahwerk sei um tausend Chawerim gewachsen. 3700 Chawerim seien auf Hachscliarah, davon ein Drittel im Ausland. Die Auslands-Hachscharah habe vielfache Mißerfolge gezeitigt, so daß man hier in Zukunft in der Auswahl vorsichtiger sein müsse. Die Zahl der Zertifikate und die der An- Wärter stünden in keinem Verhältnis zueinander. Besonderes Augenmerk wandte die Rednerin der M ä d - chen-Hachscharahzu und der Frage der Besetzung von Haushaltstcllen. Kaum 30 0;״ der zur Hachscharah gehenden Chawerim seien weiblichen Geschlechts, also ein viel zu geringer Prozentsatz. Man sei bereit, Mädchcn in Privat Haushalten ausbiklen zu lassen; aber andererscits bedürften die Kibbuziin ebenfalls der Chaweroth. Außerdem sei es notwendig, Mädchen zur!andwirtscha ftlichen Ausbildung und zur Ausbildung als Kindergärtnerinnen und in ahnliehen Berufen zu bringen, so daß für Haushaltstellen nur sehr wenige übrigbleiEen. Zur Frage der Mittleren-Hachscharah wurde festgcstellt, daß die Möglichkeiten hierfür sehr beschränkt sind, weil es an geeigneten Stellen und an geeigneten Führern fehle. Welt der geplatzten Seifenblasen. Wenn man die Augen sieht, mit denen diese Jugend zu den anderen steht, und die, mit denen sie angesehen wird, so weiß man, unsere C.lialuzim sind selbst i!n Schillerkragen keine ,Jugendbewegung“. Man guckt sich diese Gesichter an und bedenkt sich, was zu einer anderen Zeit mit den jungen Menschen wäre. Statt hebräisch würde jener Junge mit den Beinen, die ihm noch zu groß zu sein scheinen, vielleicht tanzen lernen, und die roten und wahrscheinlich vorn täglichen Schälen einer Unmasse Kartoffeln etwas schwieligen, doch immer noch nicht großen Hände dieses brünetten Mädchens würden, wäre sie 30 Jahre früher zur Welt gekommen, nun schlimmstenfalls Filigrandeekchen für ihre Aussteuer sticken. Nun, Kartoffeln statt Filigran, Hebräisch statt Tanzstunde, liorra statt Onestcp, Arbeitsgemei iischaft statt Gymnasiastenabenteuer und Studentenamiiscincnts, Arbeit statt Aussteuer, Ziikunftssorge statt Ahnungslosigkeit, das hat gleichwohl das Aussehen, die Stirnmutig, die Haltung dieser Jugend nicht verhäßlicht, nicht verkleinlicht. Sie lachen und stehen aufrecht, es ist eine Lust, diese jungen Menschen zu sehen. Sie klatschen fest und gern Beifall, wenn ein Redner ihnen aus dem Herzen spricht, aber von kinomnßigcn Ovationen gibt’s keine Spur. Sie werden nicht spöttisch, wenn ein Redner sich verheddert oder selbst wenn seine Aussprache komisch wird, und nicht ungeduldig, wenn einer sich wiederholt. Sie stehen auf und singen die Hymne mit einer gclasscncn Inbrunst, die vielleicht erfüllter und leidenschaftlicher als Temperamentsausbrüche ist. Sic begrüßen einander nachher mit Freude, haben kaum den üblichen Stolz auf den oder jenen Redner, den man gut kennt, aber desto mehr Dankbarkeit etwa für den einen von ihnen, der das Verhältnis der Chalurjuth zu den jüdischen Richtungen geklärt und vor allem die innere Aufgabe proklamiert hat. Jeder für sich, heißt das, muß erst einmal ein rechter Mensel! werden, ein Chat uz von innen her, — und immer wieder leuchten einem Augen entgegen, von denen man ohne ein weiteres Wort weiß: Clialuz״ Nun mag man sagen, daß die .Stimmung bei der Eröfftiuiigskiindgebung nicht maßgebend sei. Aber bei der übrigen, gewiß und von Natur weniger erhebenden Arbeit d׳er Moeza, beim Mitgehen mit den manchmal nicht ganz einfach eil Gedankengängen der Referate und Debatten, bei der gelegentlichen Schärfe der Diskussion, beim FrischWeiben und Nichtinüdewcrdcn, solange sich auch die Verhandlungen hinziehen, bei der Gelassenheit und dem Humor, der sich noch im Streit der Meinungen nach den Sitzungen bewähren konnte, erwies sich erst die Macht dieser Atmosphäre. Da war zum Beispiel du Bürschchen, nicht so sehr jugendlich als zierlieh, ja schwächlich aussehend, tmd es zeigte sich, daß in diesem Körper nicht bloß die denkbarste Behendigkeit, sondem auch der kräftigste Wille sich durchsetzte und alles ringsum motorisierte. Und dies Motorische erfüllt die Atmo- Sphäre der Moeza. H. Dennoch sei sie wichtig genug, daß man Kräfte für sie frd mache. Oscherowitsch stellte als grundlegende Aufgaben der Hachscharah fest: Einordnung in die Arbeit und die H e b r ai s i e r u n g des Einzelnen.Die Frage sri nicht, wie lange die Hachscharah dauere, sondern mit welcher Intensität sie betrieben werde. Die Menschen müßten unter solche Arbeitsbedingungen gestellt werden, die sie den Arbeitsproblemen des Landes besonders nahe bringen. Die Hachscharah in Gruppen sei hierfür die geeignetste Form. des Hechaluz bei der Eröffnungsveranstaltung Foto•; Sonn<aC<U fn der Diskussion warnte die Abhängigkeit des Hachscharahwcrks von den öffentlichen jüdischen Geldern als «ine bedauerlich« Erscheinung kritisiert. Notwendig sei die Selbs t ä n d i g m a c h u n g der Chaluzim, soweit irgend möglich, — Ferner übte man Kritik an den geringen Erfolgen des Sprachunterrichts in den Kibbuzim, in denen die hebräische Atmosphäre fehle. N’aftali Ungcr referierte über ״Fragen der Alijah und ihrer Organisation׳‘. Die Zertifikats-Situation habe sich geändert, so daß zahlreiche Chawerim warten müssen. Die Frage ist, ob jetzt nur so viele zur Hachscharah kommen sollen, wie Menschen zur Alijah gelangen. Die Alijah soll möglichst in geschlossenen Gruppen vor sich gehen, weil diese im chaluzischen Sinne besser cinzuordnen sind. Kultur- und Erziehungsträger! Der zweite Arbeitstag galt der Erörterung kultureller Fragen. In einem einleitenden Referat: ״Das Tarbutkwerk und Erziehung im Hechaluz“ setzte Schalom Wurm die gewandelte geistige Situation auseinander, in der heute der Hechaluz zu wirken hat. Kein Gebiet der praktischen Arbeit sei heute von geistigen Dingen mehr zu trennen, und dies sei eigentümlich für den Hechaluz, der selbst ein Kulturvverk sei. Es dürfe heute keine Gegensätze geben zwischen lndividuum und Gesamtheit. Andererseits sind Gegensätze zu einer fruchtbacrn Entwicklung notwendig. Jeder Einzelne könne im Hechaluz zu seiner persönlichen Entwicklung kommen und die Aufgabe sei es, diesen Prozeß zu beschleunigen, — Er verlangte die restlose Hebraisierung der chaluzisehen Bewegung. Diese kulturelle Arbeit müsse im Vordergrund stehen, und die Hachscharah sei die geeignete Zeit hierfür. Zum Thema ״Jugendorganisation und Hechaluz“ sprach Ernst Bauer. Er zeigte die Gemeinsamkeiten und die Verschiedenheiten zwischen Bünden und Hechaluz, Die Bünde sind die Träger bestimmter Aufgaben im chaluzisehen Lager, deshalb brauchen sie auch eine Aeltcrenscliaft. Gegenseitige Anerkennung sei notwendig und die Bünde müßten volle Autonomie innerhalb des Hechaluz haben, die natürlich nicht regellos, sondern an die Disziplin der Bewegung gebunden sein müsse. Der Hechaluz ist für die Bünde der Einsatzort aller zionistischen Forderungen. Die Bünde müßten deshalb die Organisation des Hechaluz in vollem Umfang bejahen. — Wichtig war auch die Forderung nach einer Neugestaltung der Beziehungen zur ״deutschjüdischen Jugend“. Der heutige Zustand, bei dem keine Diskussion mehr möglich sei, sei unerträglich; man müsse zu einer echten Auseinandersetzung kommen. Nicht so sehr um Palästinas willen, als vielmehr um der zionistischen Idee willen müsse diese Auseinandersetzung aufgenommen werden. Zu dein Thema ״Hechaluz und jüdischeSchule“ sprach fesselnd und temperamentvoll Hans Gärtner, Er gab einen. Abriß über die Entwicklung des jüdischen Schul- Wesens in den letzten Jahren und stellte fest, daß die Stellung der jüdischen Oeffentlichkeit auch heute noch im Grunde nicht völlig positiv dazu ist. Wenn im nächsten Semester neue jüdische Schulen gegründet werden müßten, so läge hier für den Zionismus die Chance ■einer stärkeren Der Sprechchor AM» \ . .• 'י .יי'' i? <51*. •» V׳~ ,

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