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Jüdische Rundschau · 1935-10-10 · Heft 81-82 (10.10.1935) · page 22

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 81-82 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Snlte 22 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81/82, 10. X. 1935 Kundgebung der Reichs- Vertretung In München 111 der Münchener Haupdsynagoge sprachen vor einem sehr zahlreichen Publikum der gesehäftsfülirende Vorsitzende tler Reiclksvertrdung, Ministerialrat i. R. Dr. Otto Hirsch *ind Dr. Franz Meyer, Mitglied des Präsidialausschusses der Reichsvertretung■ über ״Ziel und Arbeit der Juden in Deutschland“. Mini ..:itlrat i. R. Dr. Hirsch forcierte die Selbstsucht eines jeden Juden in Deutschland zur Erkaltung der Gemeinschaft. Er begründete den Anspruch der Reichsvertreturig als legitime Vertretung der Juden nach innen und außen. Die Arbeit für unsere Jugend, so sagte Dr. Hirsch, ist der Ausgangspunkt unserer ”Tätigkeit. Deshalb gilt unsere be- •andere Sorge den Schulen, die bewußt jüdisch zu gestalten sind. Die U m s c 11 i c 111 u ת g zur Landwirtschaft und zum Handwerk, die Lcbcnsinöglichkcitcn für Auswandernde sichern kann, wird vorwärtsgetrieben; das Hebräische nicht nur im Hinblick auf Palästina kraftvoll gefördert. Die Sichejung des Lebensrau nt es der noch Erwerbstätigen ist die zweite Aufgabe. Wir haben alle unsere noch bestehenden Wirtschattspositionen zu sichern, weil eine verarmte Gemeinschaff nie in der Lage wäre, die vielfachen ungeheuren Probleme der Stunde zu bewältigen. Der Aufbau Pal äst inas, in den sich seit 1911 mehr als 25 (WO Juden aus Deutschland eiugeordnet haben, stellt nicht nur wegen der Atiswanderungsmöglichkeit einen Lichtblick dar. Auch Kraft und Hoffnung vermag uns dieses jüdische Lebenszcntrum zu spenden. Die Rcieliw ertretiing warne dringend vor privater wilder Auswanderung. Sie bemüht sich im Einvernehmen mit zuständigen Stellen unablässig, neue Möglichkeiten einer geordneten . Auswanderung zu schaffen und fordert auch hier eine Besinnung auf die C11■ meinschaft. Dr. Franz Meyer wies unter Anführung von Zahlenmaterial an den Erfahrungen des Frühsommers 1931 den ungeheuren Schilden auf, den die durch Panik verursacl'de regellose Emigranfoiiflucht liervorgerufetr hätte. Er zeigte als zweite nicht minder wesentliche Gefahr die der Illusion auf, die heute die jüdische Gcmeinscliaftsarbeit bedroht. Wir müssen uns klar darüber werden, daß der leb.:13igo Inhalt für die (iemeinschnft, zu der uns äußeres (ie. ,:;dien zii'.niimeusclinueiletc, nur aus einer ganz engen Verbindung mit den Kräften der jüdischen Renaissance-Bcwegung erwachsen kann. Auch die ältere Generation, die nach dein unglücklichen Altersaufbau eine so beträchtliche An/alu von Menschen umfaßt, wird mir bestellen können, wenn sie den inneren An Mn'uli an die jüdische Jugend nicht verliert, deren Weltbild und Lebensaufgabe ganz von der neuen Situation bestimmt wird, in die sie hineingestellt ist. Es sei symbolisch für die mue Situation, daß die erste Kundgebung vier Reichsvertretufiig, in der diese sich mit ihrem Programm an die jüdische Ocl’fcntlichkeit wendet, Tn dem Palästina eine so zentrale Bedeutung erhalten habe, in derjenigen jüdischen Gemeinde stattfinde, die es seinerzeit verhindert habe, daß das zionistische Programm (Baseler Programm) das ״Münchener Programm“ hätte beißen könneri. — Wir brauchen für die neuem Aufgaben, so fuhr Dr. Meyer fort, einen neuen Typ des jüdischen Menschen, der konstruktive, schöpferische Phantasie besitzt und imstände ist, jüdisches Leben neu aufzubauen. Auch Palästina ist nicht fertig, sondern jede neue Schar Von Einwanderern muß den Boden für die riachfolgende Schar bereiten. Wie weit wir noch entfernt sind von dem wirklichen Verständnis der Juden in Deutschland für die in ihnen selbst schiumnternden Kräfte, zeigt die Gedankenlosigkeit, mit der viele Juden zu vier in den Nürnberger Gesetzen enthaltenen Er- Widmung der jüdischen Farben Steilung genommen hätten. Dr. Meyer schilderte am Schluß seiner Ausführungen zu diesem Problem die hidonsdie Auseinandersetzung, die Theodor Her/1 als Verkünder des neuen jüdischen Ideals mit Baron Hirsch, einem tler besten Repräsentanten der aiten jüdischen Generation, gehallt hatte. Auch damals ging es um die jiiJi.-ehe Fahne. Mit ller/ls Worten: ״Mit einer Lahne iuhrt man die Mcn-sehen, wohin man will, seitist ins gelobte L.atnl!'\ sch!״״! trau/. Meyer seine mitreißenden und aufrultehiden Ausführungen. < )berstlamk gericlüs! at Dr. Alfred Neumcycr, der Präsiclent des Verbandes Ba\ eri'dier Israelitischer Gemeinden und A ur. i./cnd.er der Münchener ()emeinde, dankte den Rednern!11 licr/lieiieii Worten und versicherte sie des größten Ver- Iraucns in die Leistung und Führung der Rciclisvcrtreluiig. rtm dem Hebrauvhcn imn l)r Max Mayer, Jerusatem tt rortsctvun^ Buchdruck verboten 10. KAPITEL Die ״T o c 11 l e r dos Lagers“ Als Almer ins Lager inröckkehrlc und die Betomnanern und die 1 lolzskelei I c sah. die in seiner Abwesenheit da aufgerieiitet und dort abgciiommcu waren, und als er von lerne das Puffen der 31 «scliincn hörte, fühlte er, daß seine Eid.'e wiederum auf federn Boden standen. Er schwang lustig die Mütze den Arbeitenden entgegen und begrüßte sie fröhlich. Gruppenweise untsliuitJcu ihn die Arbeiter und fragten ihn, wie er die Gefängni-zt-il Überständer) habe. Almer mußte die Einzelheiten des ganzem Vorfalls erzählen. Die Umstehenden belachten all(‘ diese Details, die Zauberkünste des Oedlands, deren Problematik sie bisher, da sie ganz ihren Beton- und Eisenarbeilen hiiigegrl/en waren, nicht gefühlt hatten. Als einziger koimi« sieh Lei nicht versagen, einig» tadelnde Worte hervorzustoßen: ,.Trotzdem ist es ein blutiges Spiel, Kameraden, und wir dürfen uns darauf nicht ciidassen.“ — Sein '1011 schien ihm seihst unecht, und daher wuchs seine Bitterkeit tu!. Die Wcrkleule waren erstaunt, solche. Worte zu hören: ״Nanu, liri, wollen wir denn wirklich Blut vergießen?“ Ruth schwieg und senkte ihren Blick zu Buden. L'ri wich verwirrt zurück, und Abner sagte: ״Das war auch mein Gedanke, Kameraden. Man darf nicht außer acht lassen, daß das Dorf erregt war. Seine Bewohner, die generationenlang ihre Arbeit in den Boden gesteckt haben, Dr. Heinrich Speyer, Breslau Der soeben aus einem reichen Schaffen jüdisch-wissenschaftlicher Arbeit tragisch herausgerissene Dozent des Br eslauer Jüdisch -Theologisch en Seminars, Dr. Heinrich Speyer, wurde am 1. Juli 1897 in Frankfurt a. M. geboren, ln den Jahren 1923,24 hatte Dr. Speyer nach gründliehen Studien die Leitung des hebräischen Gymnasiums in Kowno innc, und von 1925.1930 half er als Studienrat und Kurator am Aufbau des Breslauer Jüdischen Reform-Realgymnasiuius, bis au ihn 1933 die Berufung als ordentlicher Dozent für Bibelwissenschaft, Geschichte und Semitica am Jüdisch-Theologischen Seminar erging. Dozenten und Hörer- Schaft und darüber hinaus alle jüdischen Institutionen Breslaus verlieren in dem so jung dahingesdiicdeneii Lehrer einen Menschen, der mit Herz und Seele für das jüdische Volk lebte. Lehrerausbildung in Breslau Als eine große Schwierigkeit hei der Vorbereitung für Berufe in Palästina 11a, sich das Fehlen von Institu.ionen bemerkbar gemacht, deren Ziel eine fachlich-hochwertige Ausbitdung von Lehrkräften für Palästina ist. Mit der Gründung vier Ldirervorbereitungskurse in Breslau ist nun diesem Mangel abgeholfen worden. Das Wesentliche dieses Seminars ist, daß liier erstmalig der Stoff — zunächst in allen judaistisehen Fächern — in hebräischer Sprache übermittelt wird. Unter der Leitung von Dr. J. R a b i n erteilen neben dem Leiter der hebräischen Sprachschule in Breslau J. Reznicov vor allem die Dozenten des jüdisch-theologischen Seminars unvl die ersten Fachkräfte der jüdischen Schulen in Breslau Unterricht in Hebräisch (Grammatik, Konversation, Literatur, Literaturgeschichte), Bibel, Mischna, Agada, jiidischer Geschichte, Weltgeschichte, Pädagogik, Psychologie, Naturwissenschaften, Englisch und Arabisch. Die Ausbildungszeit ist auf zwei Jahre berechnet. Das Wintersemester beginnt am 1. November. Ncuanmcldüngen werden noch entgegengenoininen. Anschrift: Dr. J. Rabin, Breslau, Wallstr. 14, S. Kulturelles Leben in Hamburg Der jüdische Kulturbund in Hamburg steckte sich mit der ersten Veranstaltung der Saison ein hohes Ziel: die Aufführung von Richard Becr-Hofmatins ״Jaakobs Traum“. Der neue Regisseur, Dr. Hans Buvbauni, brachte eine ungemein gestraffte und besonders in der Personaircgie gepflegte Darstellung heraus. Die eigens umgebaute Bühne des großen Konventgartensaales wurde von Buxbaum vorzüglich ausgenutzt, zumal ihm in stimmungsvollen Bühnenbildern (Anni Wilberg) gute Hilfe entstand. Das Sdilußbikl der Erzenge!, auch für große Bühnen ein Problem, blieb freilich unvollkommen, zumal hier die musikalische Untermalung nur angedeutet war. Unter den Schauspielern sei in erster Reihe Hans H i n r i c 11 (als Samuel) genannt, ein starker Darsteller und guter Sprecher, weiter Max Kon ins ki (als Edom sehr eindringlich),tler ebenfalls vorzüglich sprechende Fritz Melchior (als Idnihaal) und Mela Kennedy (Rebckah). Heinz Fricdeberfj als Jaakob bot einen großen Beweis seiner Befähigütig, blieb freilich manchmal blaß. — Stefan F r e n k c I brachte an seinem Vioiinabend neben bekannten Virtuosenstücken Präludium und Fuge für Violine allein von Max Reger, ein sehr herbes, großes Werk, und eine, Frenkcl gewidmete, Suite für Violine und Klavier von Karol Rathaus. Dieses Werk, noch aus der atonalen Zeit Rathaus’ stammend, findet, zumal bei erstem Hören, schwer Eingang. Frenkcl hatte, von Leo Taubmann am Flügel gut gestützt, viel Erfolg. — Eim; künstlerische Offenbarung bot der Liederabend von Sabine Kalter, der Opern- Sängerin, die sich nun zu einer Licders.ängcrin größten Formates zu entwickeln scheint. Die einzigartige Stimme, die vollendete Technik, die tiefe Durchdachtheit und noch tiefere Beseeltheit jedes einzelnen Liedes boten starke Erlebnisse. Schuberts ״Im Abendrot“, Fragment aus dein ,,Aeschylus“, Hugo Wolfs ״Gesegnet sei“ (aus dem Italienischen Liederbuch), ״Das verlassene Mägdlein“, ״Anakrcons Grab“ waren Höhepunkte. Paula Hegner begleitete. — Bernhard Abrain o witsch bot (im Hause von Herrn Gotthelf) eine ungemein interessante Folge von moderner Klaviermusik, zum Teil jüdischer Komponisten. Besonders fesselten: Suite von M, K o I i 11 s k i, 0 Ostinato-Stiicke zu zwei Stimmen von Erich Kat/, 3 Burlesken von Frust Toeli. Abramowitsch erwies an diesem Abend neben seinen großen pianistischcn Vorzügen auch ein bewundernswertes Gedächtnis. Sabaj Schach Bearbeitet von J. Mieses Die nachstellende Partie wurde vor einiger Zeit in efatem Turnier zu Warschau gespielt. Holland ische Eröffnung. Ein zweites, schönes und . korrektes Figurenogfcr. 17. f4X<!5 S g4Xe5f 18. Kt3—14 Se5—g6J 19. K 14—13 . Stellung nach dem 19. Zuge von Weiß: Glücksburg Weiß U .12 ,14 2. 12—.4 3- S bl— c3 4. Sßl—13 5. c!2.-c3 6. Lfl—113 7. 0—0 8. Sc3—e2 . Liesser ist 8. S 13 ,5׳ Najdorf Schwarz 17—fä S g8— f6 e7—e6 d7—d5 c7—c6 L £8—d6 0—0 mit eventuell nachfolgendem £2—14. 8 . S b8— 37 9. S £3—g5? . Ein Fehler, wie die Antwort des Gegners zeigt. 9 . L d6Xl12t JO. Kgl—hl . Auf K glXh2 folgt natürlich 10.. S £6—g4f nebst. .Dd8Xg5. « JO. S ffl—g4 Jl. 12— £4 . Nicht 11, Sg5Xc6? regen Dd8—h4. Jl.I) da eS 12. g2~g3 D c8-.115 33. Khl-g2 . Um mit Ttl—hl nebst Sg5—£3 fortzusetzen. 13. I.!.2 :1! Ali' dieser weitgehenden Opferk«nthina!i<m widerlegt Schwarz den Plan des Gegners. 14. Sc2־X'Rl 1) 1)5 112| 15. K g2—£3 c8—c5! 16. <!4Xe5 S (17Xe5f 19 . £5—£4! Pas entscheidende Schlußmanöver: 20. e3Xf4 . Falls 20. L d3Xg6, so 20.... L c8 g4f 21. K £3Xg4, 0 h2X g3f 22. Kg4- 115, H7Xg6f 23. K I15;<g6, T £8—fßf 24. K g6 —115, T £6—hfi matt. 20 . 1. c8—g4f! 21. K £3Xg4 S g6—e5f! Das ist die vierte Figur, die gcoplert wird. 22. (4X15־ h7—115 matt Eitle hochelegante Partie. Arnold Wiener 60 Jahre Am 13. Oktober wird unser Freund Arnold Wiener 60 Jahre. Er gehört zu den ältesten Vorkämpfern der Bewegung und ist es in geradezu beispielhafter Treue zur Organisation bis zum heutigen Tage geblieben. Tief in der jüdischen Tradition verwurzelt, hat er sich schon in jungen Jahren dem Zionismus angeschlossen, und er ist bis zum heutigen Tage nicht müde geworden, seinen Freunden von der Orthodoxie auseinanderzusetzen, daß es nicht genügt, die Mizwath Jiscltuw Haarez im Munde zu führen, ohne dem Gebot auch in der Wirklichkeit zu folgen. Als Propagandist ist er Lehrer und Erzieher ganzer zionistischer Generationen geworden und als solcher von einer besonderen Vielseitigkeit. Er ist von Jugend an bis zum heutigen Tage eine Kätnpfernatur geblieben, von dem Tage an, wo er — zusammen mit dem unvergeßlichen Siegmund Rapaport und einigen anderen — die Zionistische Ortsgruppe in Kattowitz gegründet und die Organisation in Oberschlesien aufgebaut hat. Jahrzehntelang war er der Vorsitzende der Kattowitzcr Ortsgurppe und des — damals noch ungeteilteil — obcrschlesisclten Gruppcnverbandes. Hier in der Vorkriegszeit wurden jene grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit unseren inner jüdischen Gegnern von rechts und von links geführt, von denen sielt die heutige zionistische Generation kaum mehr eine Vorsteilung machen kann. Arnold Wiener stand immer mitten im Kampf. Zugleich war sein Haus, geführt von seiner uns leider viel zu früh entrissenen Gattin Golda, der zionistische Mittelpunkt. Im Kampfe zwischen den sogenannten ״politischen“ •und ״praktischen“ Zionisten (190S bis 1011) hat er den letzteren mit zum Siege verholten. Wiener gehört dem Preußischen Landesverband seit seiner Gründung als Abgeordneter und der Reichsvertretung als Mitglied des Haushaitsausschtisses an. Daneben ist er Vorsitzender der Reutliener Zionistischen Ortsgruppe, führendes Mitglied der Repräsentanten-Versammlung und Leiter des Palästina-Amtes für Obcrschlcsicn. Möchte er uns in seiner unverminderten Kraft noch lange erhalten bleiben! Beuthen. Georg Weißmann betrachtm ihn wie ihr eigenes Fleisch, obwohl er Nai'f gehört. Wenn es möglich wäre, der ganzen (!erneinde zu beweiseit, daß in diesen eisernen Trägern auch Segen für sic seihst verlxirgeit liegt, daß ohne sie die Bodenfläehe des üedlands nicht ausreicht, ihnen Brot zu gehen: wenn man ihnen erklären könnte, daß das große Gedland nicht für alle Zeilen nur mit ein paar armseligen Dörfern und Zellen bevölkert!)leihen muß, daß der Boden der nun lernen Arlioitsmethoden harre, die wir hierher bringen — wenn es möglich wäre, ihnen das alles zu erklären, so würden solche blutigen Zusammen- Stöße nicht Vorkommen.“ Alx׳r“, fuhr Almer fort, .,diese Aufklärung ist sehr schwer. Duz 11 müßte man den Abgrund der Wildheit und den ererbten Haß gegen die fremde Well, die Untiefe des Aberglauben« und des finsteren Fanatismus durchbrechen. Es gilt, die dick(• und harte Schale zu zorirüinmerTi, um zu dem menschlichen Kern vorzudririgen. Wir haben das liecht, diese Schale zu zerschlagen, wie jeder Mensch das liecht hat, in die Finsternis Lieht zu bringen. Ja, tvir sind sogar verpflichtet dazu, denn wir streben danach, ein Werk zu errichten, das dem Arbeitenden zur llcimal werden soll. Dieser (!lauhe hat in uns den Mul ml facht, ins Oedland zu konmicn. Solange wir den ehrlichen Willen haben, unsere ganze Schaffenskraft in dies Oedland zu versenken, sind wir dazu berechtigt und verpflichlct.“ Aber die Werkloule waren zu milde, um sieh iu diese vorwickelten Fragen weiter zu vertiefen. Sie reckten die Glieder, und müde Stimmen brummten; ״Es ist Schlafenszeit...“ lluth war schon lange mit glühenden Wangen aufgestanden. Ihr Blut poch 10 in Herz und Schläfen. Sie war in die Finsternis liinauseetreleii, aber *uriirkgeschreckt und am Eingang slehmpeblieben. Den Vorübergehenden, die ihr zuriefen: ״Ruth, es ist schon spät!“, lächelt« sie zu, zuckte mit den Achseln und blieb stehen. Als Abner vorbeiging, sah sie ihm nach, winkte ihm zu und mit hingebungsvollem Lächeln flüsterte sie ihm zu: ״Schalotn, Abner!“ Abner zog es, als er Ruth mit leuchtenden Augen vor sich stehen >811, leidenschaftlich zu ihr hin. Zusammen gingen sie im Dunkle hinaus. Je weiter sie in die Stille der Nacht ־):״schritten waren, tun so leidenschaftlicher brach der Sturm ihrer Gefühle los. Ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie in ein dichtes Gestriipp am Ufer des Flusses, wie wilde Tiere, die sich ein Versteck suchen. Der Mond leuchtete über die kühle Herbslnaeht, Wolken hingen da und dort an den Gipfeln der Berge, Glanzlichter und Finsternis spielten auf dem Wasserfall.. .. Seitdem gingen sie Nacht für Nacht hinaus, und der Sturm ihres Blutes kannte keine Sättigung. Sie wurden eins mit der Nacht, mit. Tier, Stein und Pflanze, und wenn sie von ihrem Lager aufstanden, seiliiHelten sie den Staub der Pfade, di« Dornen und das welke Gras von sich ab, die sich an ihre Kleider geheftet halten. Allabendlich, wenn Almer vom Tisch aufsland, durchzog Ruths Adern ein früher Strom, und dann stand auch sie auf und ging auf seiner Spur in die Nacht hinaus. Wenn jemand auf dem Wege ge fragt hätte, wohin sie gelte und sic davon Hätte abhalten wollen, würde sie offen herausgesagt haben, daß sie der Leidenschaft ihres Herzens naehgehe, an der sic niemand!lindern könne. Wenn Uri sie manchmal mit schmerzerl'üllten Augen ansah, aus denen große Niedergeschlagenheit sprach, lächelte sie 111111 mit naiver Grausamkeit zu. Es kam auch vor, daß Uri sie auf dem Wog anhielt, .seine beiden kräftigen Hände auf ihre Schultern legte und sagte: .,Ruth, ist wirklich alles zu Ende?“ Dann schien Ruth wie ein Spielzeug in seinen starken Händen, und die Reinheit seiner Augen und seine große Niedergeschlagenheit erzeugten in ihr ein gutes Gefühl, aber seinen Schmerz zu lindern vermochte sie nicht. Es kam vor, daß Uri ihr gesenkten Hauptes und bedrückten Herzens am Fhifiufer aui'iauerlc, sie, wenn sie aus dem Geslrünp trat, bei der llnnd faßte und sic zur Treppe 1'iber dem Wasserfall hinabführte. Sie war nicht bestürzt, sondern erblich nur ein wenig, und, den Kopf gesenkt, ging sie hinter ihm her, setzte sich neben ihn und schwieg. ״Ruth, vielleicht ist 03 ein Irrtum?“ Er erwärmte und liebkoste sie mit seinen ehrlichen und flehenden Worten so sehr, daß sie den Kopf an seine Brust

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