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Jüdische Rundschau · 1935-10-10 · Heft 81-82 (10.10.1935) · page 18

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 81-82 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
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8 ן»t!״s JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81/82, 10. X. 1935 Hubermanns Palästina-Pläne Deutsche Juden und hebräische Literatur Wenn hier in Palästina vom Verhältnis der Juden aus Deutschland zum Hebräischen die Rede ist, so meint man immer das Verhältnis zum H e br ä i s c h s p r e c 11 e n; merkwürdigerweise wird wenig die Frage gestellt, wie eine stärkere Bindung an das jüdische Buch hergestellt werden könnte. Diese Frage führt uns aber nach Deutschland zurück, wo ja nach dem Kriege in zionistischen Kreisen eine Bewegung zum Hebräischen bestand. Diese Bewegung löste wohl ein gewisses Interesse aus, jedoch in die Tiefe gehende Wirkungen wurden nicht erzielt. Man kann mit Recht an die Tatsache erinnern, daß in Deutschland die jüdische Schule als Erziehungsmittel breiter Massen fehlte, daß das Beth-Hamidrasch fehlte, daß wir keine hebräische Umgebung hatten, daß der Weg von der Entjudung zum Judentum ein langwieriger und schwerer ist, daß Erwachsenenbildung nie das nach holen kann, was in der Jugend versäumt worden ist, daß unsere Jugendbewegung zum Teil versagt hat. Alles dies ist richtig; aber warum war trotz guter Anfänge die hebräische Bewegung in Deutschland einelroren? Es gab doch hebräische Sprachschulen, hebräische lubs, am Berliner Beth-Waad beteiligten sich die Besten der hebräischen Literatur, in Breslau erschien sogar eine kleine hebräische Lehrzcitschrift, warum gab es keine Leser der hebräischen Literatur in irgendwie fühlbarer Anzahl? Es soll versucht werden, eine Antwort hierauf zu geben: Es lag nicht nur au den Schwierigkeiten der Sprache, cs lag auch an der Thematik der hebräischen Literat u r, die den Juden Deutschlands kalt ließ. Vergegenwärtigen, wir uns doch: Literatur ist eine gesellschaftliche Schöpfung, ein Spiegelbild der Seele des Volkes, ob es sich um Romane oder \o\ eilen ex! er auch um die Publizistik handelt, nur der Schriftsteller findet den Kontakt zum Publikum, der dem Publikum etwas zu sagen hat. Scliolein Alechem und Mendele, Bialik und Ach,ad Ifaain und die vielen anderen halten die jüdische Welt 1 k-teuropas geschildert oder die Fragen und Note dieser Weit zur Diskussion gestellt, Zarismus und A!1sicdlung-ravon, Zionismus und Arbeiterbewegung, AtiswancLrmn; und Palästina, (Iha-sidismus und Orthodoxie, all das sprach aus dieser jiddischen und hebräischen Literatur Osteuropas u>m Schriftsteller zum Leser und machte Schriftsteiler umi laxer zu einer geistigen Einheit. Auch in Deutschland waren ein großer Teil der hebrä-!sehen I ehrer, fast alle Schriftsteller, Zöglinge dieser ostctimpbdier! jüdischen Welt, hchniisdie Verlage aus Odessa fanden in Berlin ein neues Arbeitsfeld; das waren die wahren ’11.1g 1'r der In׳!»mischen Kultur, und die paar hundert deutscher Zie,nistend lehr:u-ten \ ersuchten, an diese Welt geistigen All- Schluß zu finden. No ist cs erklärlich, daß z. B. der Hebräische Schubercin t'1211 und der Jüdische Verlag Lesetexte von Mendelo, FrischiiKinn, J. I), fterkowicz, Feierberg, Sch. Benzion, J. Steinberg 1md Agnon herausgaben. Man sieht auf den ersten Blick: all diese br/ahlungen und Novellen in ihren Variationeu handeln vom jüdischen ״Stadt!‘1, ihre Heiden sind Fleisch vom Fleische des osteuropäischen Judentums. Diese Literatur, die die Juden Deutschlands vorfanden, gab wohl interessante Impulse, aber ebensowenig wie (iolusromantik breite Schichfen des Judentums in Deutschland mit dem Zionismus verbinden konnte, ebensowenig konnte eine hebräische Literatur, die nur eitlen Teilausschnitt der jüdischen Wirklichkeit wiedergab, werbend wirken. Die Unselbständigkeit der hebräischen Bewegung in Deutschland ist historisch verständlich, aber für die Schaffung enger Bindungen zwischen dem Judentum Deutschlands und der hebräischen Literatur auf die Dauer untragbar. Es war ja nicht nur auf dem Gebiete der Literatur 50, schien doch den meisten Juden Deutschlands auch die Palästina-Bewegung, deren historische Perspektiven sie nicht verstanden, nicht organisch aus dem Judentum in Deutsch- Wien, 2. Oktober. (JTA.) In einem Gespräch äußerte sich Bronislav Hubermann über die von ihm beabsichtigte Schaffung eines Symphonie-Orchesters in Pa- 1 ä s t i n a, ״Ich bin jetzt mit der Zusammenstellung eines erstklassigen Orchesters in Palästina beschäftigt“, sagte Hubermann. ״Die Ziele, die ich dabei verfolge, sind mannigfach. Es soll u. a. hervorragenden musikalischen Kräften, denen die Betätigwngsmöglichkeit genommen wurde, eine neue würdige Arbeitsstätte geboten werden. In der kurzen Zeit seit dem Bekanntwerden des Orchester-Planes haben sich bei mir allein acht Konzertmeister und erste Solocellisten aus Deutschland gemeldet, die bereit sind, in einem Palästina-Orchester an den letzten Pulten initzuspielcn. Das Orchester wird uns auch die Veranstaltung großer internationaler Theater- und Musikfeste in Paliistina ermöglichen. Es sollen klassische und moderne Meisterwerke biblischen Inhalts in ihrer natürlichen historischen Umgebung aufgeführt werden. Abgesehen von der Wirtschaftliehen Bedeutung solcher Veranstaltungen für das Land, erwarten wir von ihnen vor allem die Erhöhung des kulturcllen Ansehens des jüdischen Volkes in der ganzen Welt Für diese Pläne habe ich nicht nur Verständnis, sondern auch spontane Bereitschaft zu materieller Mitwirkung gefunden. Obwohl ich die Leistungskraft und Opferbereitschart des palästinensischen Publikums selbst für eine solche Kultur- Institution nicht gering einschätze und natürlich auch auf Subsidien seitens der drei größten Städte sowie der Regierung rechne, weist das provisorische Budget doch einen Fehlbetrag von mehreren tausend Pfund im Jahr auf. Etwa zwei Drittel dieses Betrages konnte ich bereits sicherstellen. Es wurde bei der Anglo-Palestine Bank in Tel-Awiw auf den Namen ״The Chairman of the Society of Friends of the Palestine Symphony Orchestra‘ eia Konto errichtet. Dorthin werden alle Beiträge überwiesen. Im Oktober 1936 soll die Saison des reorganisierten Orchesters bereits eröffnet werden. Die künstlerischen und land erwachsen. Erst das Jahr 1933 hat diesen Dingen eine stärkere Allgemeingültigkeit gegeben, und bat aus dem Zioitismus itn Westen aus einer Sache der Erkenntnis und der Gesinnung eine Sache gemacht, die in der Realität Zehnlausender wurzelt. Obwohl der Schwerpunkt des hebräischen literarischen Schaffens im Laufe der letzten Jahre von Osteuropa fort sich Palästina-Transporte in Lifts und Simmolladungen / Fachgemäße Verpackung ALBERT HERZ SW!«??« Frankfurt 9■ Vf■! Gutleutstr. 31 nach Palästina verschoben hat, obwohl die Mehrzahl der hebräischen Bücher heute in Palästina gedruckt 'wird, das Gros der hebräischen Schriftsteller in Palästina lebt, ist die alte Themenstellung hartnäckig, -sie läßt die Menschen nicht los, die Erinnerungen der Vergangenheit sind übermächtig, Agnon, Ascher, Barasch, M. Posnansky, Debora Baron, H. Hasas, S. Hilells schildern jüdisches Leben und jüdische Menschen in Rußland und Rumänien. organisatorischen Vorarbeiten, die bis dahin zu leisten stad, füllen mich ganz aus. Jeder einzelne zu engagierende Musiker wird von mir persönlich geprüft. Mein Rekrutierung«gebiert erstreckt sich auf fast ganz Europa. Erst schien cs, als ob die Frage der Bläser uns Schwierigkeiten bereiten würde. Es zeigte sich aber, daß sogar unter den dem jüdischen Temperament weniger zusagenden Bläserberuien die Proportion zur Kopfzahl noch immer reichlich gedeckt ist; sind doch einige der besten Bläser der Welt holländische, russische und amerikanische Juden. Selbstverständlich denke ich nicht daran, nur Juden aus der Diaspora heranzuziehen. Vielmehr will ich die in Palästina bereits ansässigen Orchestcrmusiker so vveit wie möglieh als Grundstock für das neue Orchester verwenden. Da unsere Mitglieder von uns voll in Anspruch genommen werden sollen, wird die bisher übliche Doppelbeschäftigung in Symphoniekonzerten und bei Unterhaltungsmusik in Kaffeehäusern usw. fortfallen, so daß den übrigen palästinensischen Musikern das Gebiet der leichteren Unterhaltungsmusik überlassen bleiben wird.“ Zum Schluß sagte Hubermann einiges Grundsätzliches zur Frage der Programmgestaltung: ״Für unser Symphonieorchester scliwebt mir ein arbeitsreiches Programm vor; es sollen etwa 12 reguläre Abonnenientkoiizerte in Tel- Awiw, 10 in Jerusalem, 8 in Haifa und eine mindestens ebenso große Zahl von Arbeiter- und Schülerkonzerten sowie Konzerte iri den landwirtschaftlichen Kolonien voranstaltet werden. Der Unterschied zwischen diesen Kategorien soll ausschließlich im Eintrittspreis, nicht aber wie vielfach in Europa, wo man für volkstümliche Konzerte eine zweite Garnitur für gut genug hält, in der Qualität des Gebotenen liegen. Denn jener Grundsatz ist nicht nur asozial, sondern auch unsinnig. Je weniger vorgebildet der Zuhörer ist, um so plastischer, inspirierter, hinreißender muß die Wiedergäbe sein, soll der Inhalt einem solchen Zuhörer restlos vermittelt werden. Von diesen Grundsätzen werden wir uns in Palästina leiten lassen.“ Ein großer Teil der jetzigen Schriftsiellergeneration hat Erez Israel ztmi Schauplatz seiner Arbeiten gewählt, Schlonski, Kitnchi, Rirnon, Bas, Kopilcvitz, Ewer Hadani, Temkin, Lichten bauin, Rachel, Bathsehewa und viele andere. Historische Dramen entstanden. Auch Amerika ist in der hebräischen Liferafur vertreten, Berkowitz schildert den Besuch des amerikanischen Menachem Mendel in Erez Israel, Awigdor Hameiri, ein ungarischer Jude, ist der meisterhafte Schiklerer des Weltkrieges, selbst das kleine persische Judentum hat in Misraclü einen Schilderer des Schicksals und des Leidenwegs persischer Juden auf dem Wege von Persien nach Erez Israel und in Erez Israel gestellt (״Lcwatim“), Burla schuf wunderbare Erzählungen aus der Weit des sefardischen Judentums in Damaskus pnd Jerusalem (eben erschien sein neuestes Buch: ״Bikeduscha o ahawa“), das Judentum Deutschlands und überhaupt das Westjudentum ist für die hebräische Literatur noch nicht entdeckt worden. Das ist schade, denn das Westjudentum hat selbst eine reiche Literatur geschaffen. Wenn das Judentum Deutschlands etwas beigetragen hat zutn Gesamtbesitz des jüdischen Volkes, dann muß das auch seinen Ausdruck in der hebräischen Literatur finden. Die hebräische Literatur muß über den Rahmen der bisherigen Thematik hinaus ein wirklicher Spiegel der jüdischen Gegenwart werden, sie muß auch dem Judientum Deutschlands ihr Herz öffnen, sie rnuß den seelischen Kontakt lebendig machen, kurz, uns etwas mehr sagen, uns mehr an gehen. Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem Politik und Romantik Zum Erfolg des Budies ״The Sevcn Pillars of AVisdom“ ln den Buchhandlungen Erez Israels, insbesondere in denen Jerusalems, liegen große Stapel eines Buches, das in England und seinen. Kolonien auf .Monate ein ״best seller“ sein wird, da die Vorairebestdlungen bereits eine Flöhe erreichten, wie sie kaum je ein anderes Druckwerk erzielt hat. ״TheSeven Pillars of Wisdom“, des kürzlich durch einen Unglücksfall ums!.eben gekommenen englischen Obersten Lawrence ist nicht eigentlich ein neues Buch. Sein wesentlicher Inhalt, die Erlebnisse seines Verfassers als Initiator des arabischen Aufstandes gegen die Türken iin Weltkrieg, ist schon früher in etwas kürzerer Form unter dein Titel: ״Revölt in the desert“ veröffentlicht und bereits damals in fast alle europaisdun bpradicii übersetzt worden. Indessen libertrifft der nucbhamllcnsrhe Erfolg der Miniausgabe in allen englisch sprechenden Ländern bei weitem den der früheren. Daran hat natürlich der Zeitpunkt des Erscheinens, unmittelbar nach dem Tode seines Verfassers, erheblichen Anteil. Aber es darf doch nicht übersehen werden, daß ״The Seven Pillars of Wisdom“ sowohl seinem Inhalt wie seiner Ausstattung nach «־ine M e i s t e r! 1• i s 111 n g ist, die dem breiten englischen Publikum in hohem Maße eines seiner wesentlichsten geistigen Bedürfnisse befriedigt: das Bedürfnis nach Ro- ווי antik. Und zwar in einer geradezu idealen Form: in der Form eines Berichtes über einen geschichtlichen Vorgang, geschrieben von einem Mann, der im wesentlichen kraft seines starken romantischen Empfindens dieses moderne Heldenepos in Wirklichkeit gestaltete, che er cs miterlebend niederschrieb. Seit den Büchern Kiplings in seiner besten Zeit hat es in der englischen Literatur nichts gegeben, was die Einbildungskraft der breiten Masse — besondere der Jugend — so stark mit dem Zauber des von England beherrschten und behüteten Orients zu imprägnieren vermochte, wie das Buch von Lawrence. Und die Riesenriffern seiner Auflage, die von Woche zu Woche wachsen, zeugen davon, daß es im ganzen Imperium ein wirkliches Volksbuch zu werden beginnt. Das ist eine Tatsache, der man in Erez Israel und in der zionistischen Welt einiges Nachdenken widmen sollte. Denn dieses Buch hat zwei Helden: den Engländer Lawrence ■— lind den A raber, besonders den Beduinen. Der sachliche Bericht über den ״arabischen Feldzug“, der das Gerippe des Ganzen Buches ausmacht, ist ein gehüllt in eine großartige und ezwingende Schilderung vom Leben jener ״Ritter der Wüste“, bei denen noch alle Manneslugenden des Freiheitsdurstes, der Gastfreiheit, des Mutes, der Enthaltsamkeit, der Hochherzigkeit, der T odesverachtung zu finden sind, und die außerdem so romantisch aussehen und so vortrefflich reiten. Lawrence zeichnet ein Idealbild des Arabertums, das subjektiv gewiß ehrlich ist, bei dem der Leser aber allzu leidet vergißt, daß es nur für die relativ kurze Zeit einer großen nationalen Anstrengung Gültigkeit hat und einen Ausnahmezustand schildert. Dieses Bild des Araberhnns wird nun zweifellos zur Standard-Anschauung des großen englischen Publikums werden, jenes Publikums, von dem mehr oder minder das Schicksal Erez Israel«, des Jüdischen Nationalheims, des Zionismus beeinflußt wird, Dabei darf man nicht vergessen, daß Lawrence nicht der einzige literarische Anwalt des Arabertums ist. Sehen wir ab von der großen Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die nur einen begrenzten, dafür aber politisch sehr wichtigen Leserkreis erreichen, und sehen wir gleichfalls ab von dem sehr instruktiven, aber reichlich trockenen Arbeiten einer so merkwürdigen Persönlichkeit wie John Philby (des politischen Antipoden Lawrences), so bleibt immer noch ein werk zu nennen, das in seiner Wirkung vielleicht noch nachhaltiger sein wird, als die Ballade von Lawrence. Es sind dies die ״Briefe der Gertrud e Bell“. Miß Bell, Tochter eines englischen Diplomaten, kam schon als junges Mädchen in der« arabischen Orient, machte als Archäologin bereits vor dem Kriege einige bemerkenswerte Expeditionen durch Palästina, Syrien und Mesopotamien und wurde nach der Eroberung Bagdads eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen von Sir Percy Cox, dem High Commissioncr und späteren ersten britischen Gesandten im Irak. Ihr Anteil an der Errichtung des Königtums im Irak hat ihr den Spitznamen der ״Amme Faisals“ eingebracht. Sie ist in Bagdad gestorben, als Leiterin des archäologischen Museums, das heute ihren Namen trägt. Nach ihrem Tode gab die Familie die Briefe dieser in ihrer Art außerordentliclien Frau heraus, die einen einzigen Hymnus auf das Arabertum darstellen, dessen romantische Seiten auf ihr« weibliche Seele noch stärker einwirken mußten, als selbst auf Lawrence. Auch dieses Buch hatte einen außerordentlichen Erfolg, dessen politische Bedeutung noch dadurch gesteigert wird, daß seine Verfasserin nicht nur Mitglied der besten englischen Gesellschaft war, sondern auch jenen engen amtlichen und politischen Kreisen angehörte, die die britische Orientpolitik dirigieren. In Lawrence und Gertrude Bell besitzt das Arabertum zwei Anwälte vor der englischen Oeffcntlichkeit, wie sie besser nicht gedacht werden können. All die wirklich vorhandenen romantischen Züge des arabischen Lebens erhalten in ihren großartigen Schilderungen eine Leuchtkraft, die ihnen bei objektiver Betrachtungsweise bei weitem nicht in diesem Maße eigen ist. Es fehlt auch an dieser objektiven Bctrachtungsweise in England nicht, sie hat selbst den Wert des anzen Unternehmens von Lawrence in einen wohlbegründeten weifei gestellt. Aber das Herz und das Ohr des englischen Publikums haben die beiden großen Romantiker des Arabertums gewonnen, Ist das ernstlich ein Nachteil, vielleicht sogar eine Gefahr für das jüdische Palästina? Und wenn diese Frage bejaht werden muß: wie kann man dieser Gefahr begegnen? Es kann selbstverständlich nicht die Rede davon seht, daß wir dem Arabertum den romantischen Glanz neiden, der es umschwebt. Es kostet uns keine Ueberwindung zu gestehen, in welch hohem Maße wir selbst gelegentlich dieser Romantik unterliegen, wie stark wir angerührt werden von der Schönheit und Würde arabischer Menschen und ihrer Bräuche, insbesondere außerhalb der Städte. Aber wir können nicht an der Tatsache vorbeigeben, daß ein allzu helles Licht auf die arabische Romantik allzu tiefen Schatten für die nüchterne jüdische Wirklichkeit bedeutet. Die nicht zu unterschätzende Gefahr besteht darin, daß jene starke romantische Stimmung, die im Leben des Arabers, insbesondere des Beduinen, einen Idealzustand erblickt, in dem neuen jüdischen Leben Palästinas, das auf so gänzlich entgegengesetzten Voraussetnmgen beruht, einen Eindringling und Störenfried zu erkennen und bekämpfen zu müssen glaubt. Es gibt in den Briefen der Gertrude Bell eine bezeichnende Stelle, in der sie bereits einige Jahre nach dem Kriege — beschreibt, wie sie aus dem häßlichen und schrecklichen Tel-Awiw nach Jaffa ״geflohen“ ist, aus dem nüchternen Gemisch aus Osteuropa und Amerika in die uralte orientalische Märchenstadt Eine solche Einstellung muß blind machen für den großen Zug des jüdischen Aufbauwerkes, ja sie muß Gegnerschaft erzeugen gegen die ״zerstörenden“ Kräfte einer modernen Welt, die die orientalische Idylle entzaubert. Daß diese Wirkungen im englischen Publikum bereits lebendig geworden sind, hat jene Diskussion gezeigt, der vor einiger Zeit die ״Times“ ihre Spalten öffnete, umi in der sich Leute in London und anderen englischen Städten ernsthaft den Kopf darüber zerbrachen, ob eine durch die Errichtung des zweiten Ruthenberg-Kraftwerkes eventuell zu erwartende Senkung des Spiegels des Genezareth-Sees nicht den Zauber dieser biblischen Land- Schaft zerstören würde. Diese Gefahr, die eine übertriebene Romantisierung des Arabertums für uns enthält,.ist um so bedauerlicher, als die ״Romantik“ den Arabern selbst keinerlei wirklichen Vorteil bringt. Sie ist gänzlich unverbindlich, und sie wird, wie mehr als ein Beispiel zeigen könnte, sofort beiseite gelegt, wenn englische Interessen im Spiel stehen. So würde niemand von all denen, die das jüdische Kraftwerk am Jordan störten, den mindesten Widerspruch dagegen erheben, wenn der Frieden dieser biblischen Landschaft durch das Motorengedonner einer Fliegerstation gestört würde. Was läßt sich gegen diese Gefahr tun? Was können wir der Wirkung der Araber-Begeisterung eines Lawrence und einer Gertrude Bell entgegenstellen? Eines Ist klar; auf dem Gebiete der ״Romantik“ können wir mit den Arabern und ihren literarischen Herolden nicht konkurrieren, jeder Versuch nach dieser Richtung wäre zur Lächerlichkeit verdammt. Nicht, daß unser Werk der Romantik entbehrte, aber sie ist von einer wesentlich anderen Art und der großen Masse eines anderen Volkes nicht unmittelbar zugänglich. Nun gäbe es zwar Sn unserm Leben ein Element, das sowohl romantisch ist als auch gerade dem englischen Menschen faßbar: das biblisch-religiöse. Aber dieses aus Propagandarücksichten in den Vordergrund zu stellen, wie manchmal empfohlen wird, würde nicht nur der Würde des Gegenstandes entgegen sein, sondern unvermeidlich ein Element der Unchrlichkeit in Erscheinung treten lassen. Denn wenn ein englischer Christ und ein frommer Jude vom Zauber der Heimkehr Israels in sein Land sprechen, so ist die scheinbare Ucbereinstimmung ihres religiös-romantischen Gefühles ein Mißverständnis. In klarer Erkenntnis dieser Sachlage werden wir notgedrungen vorläufig auf eine Beeinflussung des großen engtischen Publikums, so wichtig und erwünscht sie wäre, von dieser Seite aus verzichten müssen, da uns das Medium der ״Romantik“ nicht ziir Verfügung steht. Um so wichtiger wird es sein, möglichst viele Menschen aus allen englischen Schichten und Kreisen zu gewinnen — und was für Engländer gilt, gilt mutatis mutandis natürlich auch für Angehörige anderer Nationen —, die nicht so sehr durch Romantik, wie durch die Kraft eines konstruktiven Gedankens beeindruckt werden. Wir haben bei Besuchen von Gruppen solcher Menschen in Erez Israel die Erfahrung gemacht, daß sic, durchaus nicht unempfänglich gegen die ״Romantik“ des arabischen Palästinas, doch aufs stärkste gepackt waren durch jene höhere Romantik, die nicht 1m Althergebrachten liegt, sondern im Kampf neuer, lebenschaffender Kräfte mit aen Widerständen einer erst halb erwachten Welt. C. Z. K1 o c t z e J, Jerusalem

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