Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-10-10 · Heft 81-82 (10.10.1935) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 81-82 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653899--27493-2688933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 81 82, 10. X. 1935 Jehuda Halevy unter dem W cilmaditsbaum Ahasver und die Kaiserin Von Friedrich L c k s t e i 11 In Jen nächsten Tagen erscheinen im Herbert Iteieliner Verlag, Wien Leipzig /,iirich, Vriedr'.ch Ecksteins Lebens• eritmerungen, betitelt: ״Alte!1!׳•״nn/nJre Tilgt•/" Wir /)ringen daraus Jen folgenden .1hsclinill zum Vorabdruck: Oer glühende« Mittagsliit/e, welche unerbittlich über dem holprigen üranitpilaster de« Wiener Margarelhenplat/es brü• tetc, konnte ich nicht entrinnen, denn ich hatte auf den ״Stcllwageu“ nt warten, der damals, tu Beginn der achtziger ahre, /wische« Scliöiibrtiiin und dem Stcphansplat/. vorehrte. Endlich sah ich den schwefelgelb gestrichenen, von zwei schweißtriefenden Kleppern ge/ogenen Omnibus langsain herauzottelu. I u.r Kutscher von der Hitze schlaftrunken und der halbverhungerte ,,Kondukteur" auf einem eisernen Tritt hoch über der Wagcntnre balancierend. Haltestellen gab es nicht, der Wagen blieb auf jeden Zuruf stehen. Auf den mit himmelblauem Wachstuch gepolsterten Sitzen im Innern saßen die Miliahremlen eng zusammeiigcprcßt, und nur mit einiger Muhe gelang es mir, mich in die vordere lecke noch 11 iiiein/.u/wangcn. Mein Nachbar, ein glattrasierter älterer Herr, war über die Storung keineswegs erbaut und knurrte unwillig. Fr trug einen viel zu engen Vi aschaii/iijg aus hellem Nanking, die Beinkleider nur bis an die Knöchel reichend; zwischen den hoch hinan t1 zogcncti Knien preßte er ein mächtiges Paket Bücher zns.1 aimen, wahrend er in den Händen, wenige Zoll cor Miiici Dieken M.ihlbnile, ein Buch hielt. Da er überdies stark -eTin-iu■, s ermoeiite er nur mit dem einen Auge zu ka-en. v\as;1111 hei der gre«liehen Fuge, der I lit/e und dem hcttig on Stoßen dies Wagens als ein besonderes Kuiist'tuck ei'-iiiion. Als ich, etwas neugierig, einen Blick in seine Lektüre zu wirten vcrstii 11 iig war ich verblüfft: Cr las einen Snii'hri'.t c\t. Nach kurzer Fahrt stieg mein sonderbarer KviM-gciin — v atu und \ ersehw and, gebeugt von der Last •!eitler Buche!׳, in einer dunklen Seitengasse. Ich hatte viel darum gegeben /u wissen, wer er sei. Wie groß war nun mein Frstauneu, als ich einige Monate spater!11 eiern Hause• eines meiner Familie‘ nahestehenden beruhmti Kcehts.:cleniien unter deai (lasten auch meinen schielende■״ chvuuligen Saii-hrit-Naciibarii wiedererkannte. Fs stellte sieh liennm, daß er ein Studienkollege und Jugendfreund des Haiolieirn war, ein gewaltiger Pliilolog, ein hochbegabter Dichter und Sei! ri f t s.tcl icr, namens Seligmann Heller. Wir kamen bald in ein lebhaftes Gespräch. luden einander gegeiisei tig zu Besuchen ein, und es ergab sich aus dic-er Begegnung sehlielilieli ei 11 vieliährigor überaus freumlseliaftu, h r Verl,ehr. Seiigmaiin Heller kam nun regelnttißtg zu uns, mul ich selbst mul meine Schwester besuchten ihn oft in seiner merk würdigen Behaii.-ung in der Krongasse. Ich habe spater nie wieder eine ähnliche Wohnung gesehen. In einem jener halbverfallenen, leuchten Vorstadt-Zinshäuser der damaligen Zeit gelaugte man von dem unsauberen Flur aus über eine schmale Treppe auf einen nach dem Hof zu offenen eisernen (lang. Solchen begegnet man in Wien auch heute noch, man nennt sie eine ״Pavlatsche“, offenbar nach dem tschechischen Worte Pavvlac, welches soviel wie Altan oder Söller bedeutet. Von diesem weder gegen Wind und Regen noch gegen Schnee geschützten (lang aus kam man unmittelbar durch Glastüren sowohl in die Küchen der einzelnen Wohnungen als auch zu den mehreren Mietern gemeinsamen Ocrtlichkeiten. Aber wie sah es in Hellers Küche aus! In dem engen, schmalen Raum konnte man nur schwer den gemauerten Kochlicrd entdecken, denn über der niemals geheizten, großen eisernen Kochplatte und dem massiven Abzugrohr waren fast bis an die Decke hinauf, unter uraltem Staub begraben, Bücher eher Bücher aufgetnrmt. Andere Folianten, Manuskripte und Lexika waren durcheinander am Boden, die Wände entlang um! auch 111 vier Mitte zu regellosen Haufen zusammengetragen. In dem Raum hinter der Küche mit zwei Gassenfenstern befanden sieh /.wischen vielen herumliegenden Büchern ein 11-i.h, einige Rohrstuhle und ein schwarz überzog euer ßeiilalilm an. auf welchem Heiler« Sohn Arnold zu sch 1 a 1 e-11 ptlegte. In einer ansloßendeii kleinen Kammer ein elendes, ganz sclnnaies I lol/bctt, so schmal, wie mir später keine-, mehr mit er gekommen ist. Dort schlief Seligmann Heller selb-t. Wie vu!e herrliche Stumk'i! habe ich trotz alledem während meiner Jüngling•־/vir in dic-vn ärmlichen Raumen zugebracht! Welche Irnuli׳, wenn Heller mich in das Sanskrit-Studium einführte oder mit nur griechi-che Ilichter las, wenn wir über die (,)iielb-n Ic-Hng־ oder!!her Kauf und Hegel debattierten, wniti er mit mir Kaoiici aus I homas von Aquino oder anderen Sein Itisiikern und NVc-tiken! voniahni. Noch heute besitze ich Brich: von ihm uber diese (icgenstaiide und merkwürdige Korrespondenz!(.1 iten, ganz bedeckt mit Sanskrit-Zitaten und stillen Biiueiku;1 gen dazu, alles in so enger und kleiner HamBdiritt. dal! sie ohne Lupe nur schwer zu lesen sind. Heiler, vier;ms Raudnit/. in Nordhöliuien stammte, war vitle Jahre hindurch in Prag und in Wien Lehrer an höheren Lehranstalten wcm;1 und hatte sieh gleichzeitig als Theaterkritiker und Idalakteur der Prager ״Bohcmia“, der Wiener ״Dt ätschen Zeitung" mul anderer Blätter einen hochgeachteten Namen gemacht. Für das grolle Ansehen, das er als dramaturgische Autorität genoß, zeugt schon der Umstand, daß Franz von Dingelstedt, der berühmte Direktor des Wiener Burgtheaters, als er seine neue Bearbeitung der Shakespearesehen Kf'migsdraincii abgesehiosseii hatte, den Weg zu Heller in die entlegene Krongasse nicht gescheut hat, um sie ihm zur Begutachtung vor/ulegen und sieh mit ihm darüber zu besprechen, bevor er sie auf die Biihne brachte. Helle’־ war aber nicht nur ein genauer Kenner der klassisehen Literaturen, der christlichen Theologie und der philosophischen Schriftsteller aller Zeiten, sondern auch einer der profundesten Kenner der hebräischen Sprache und ihrer Meister, mul eine seiner Dichtungen, sein umfangreiches 1 erzinen-Fpos ״Ahasvern«“, welches in tiefsinniger Darstellung die Wanderungen des Ewigen Juden durch die Geschichte der Menschheit zürn Gegenstände halte, zeugt, abgesehen von seinen hohen dichterischen Qualitäten, auch von Hellers gewaltigen Einblicken ebenso in die Welt des Hebräischen wie in die der Kirche, Kein Geringerer als Friedrich Riickert hat dieses Werk Hellers und dessen große Kühnheiten ohne Vorbehalt bewundert. In einem Briefe an Heller vom 12. Anglist 1865 spricht Riickert von dem ״so großartigen, im höchsten, kühnsten und .strengsten Stil nufgebaufen Kunstwerk ,Ahasverus'“, und in einem anderen Schreiben aus demselben Jahre heißt es, Heller habe den ״großen Gegenstand groß behandelt“. Die uns erhaltenen Briefe Friedrich Rückerts geben Zeugnis von den engen freundschaftlichen Beziehungeil, die sich zwischen den beiden Dichtern später entwickelt hatten. Die unvergleichlich tiefen Studien Hellers über die hebräische Mystik und Poesie des frühen Mittelalters haben Ihn auch in ein engeres Verhältnis zu dem viel jüngeren berühmten Hebraisteu Professor David Kaufmann gebracht, der dann auch nach Hellers Tode die Herausgabe und die Drucklegung von dessen mcisterbaffen deutschen Ucbersetziingcn jener hchräischen Dichtungen besorgt hat. In seiner Vorrede zu Hellers Buch über ״Die echten hebräischen Melodien“, welches im Jahre 1893 bei Mayer in Trier erschienen ist, schreibt David Kaufmann, er habe es ״stets als ein Glück und einen Gewinn“ seines Lebens betrachtet, ״Seligmann Heller zu dem nach Oe- Stallung rufenden Horte der mittelalterlichen jüdischen Dichtung hindrängen zu dürfen, so unvergänglich herrlichen Schöpfungen durch ein unablässiges Malmen und Wecken ins Dasein verhelfen zu können"... ״Nie", schreibt er, ״ist mir der Jammer, daß die poetische hebräische f.iteratur des Mittelalters teils in Trümmer zerschlagen, teils in Hand-, schritten begraben liegt, so fühlbar und zum Greifen deutlich geworden wie in jenen Tagen.“.Nur ein aus den reichsten Quellen philosophischen Denkens und mystischer Poesie genährt er Geist konnte eine Nachdichtung aus diesen hebräischen Vorlagen hei aufzaubern, die an die besten Inspirationen des Angelus Silesius erinnert und einen höheren /weilen ,Cherubinischen Wandersmann‘ uns geschenkt hat.“ * Wer jemals Heinrich I feines ״Roman/ero“ gelesen hat, keimt seine glühende Begeisterung für die hebräischen Dichter des Mittelalters und besonders für Jehuda ben Halevv. In dem Fragment, das diesen Namen trägt, erwähnt Heine Snloinon Gabirol, Moses Ihn Fsra und vor allem Jehuda Halevv selbst, der in den ״Hebräischen Melodien“ besonders gefeiert wird; dort spricht Heine von Halevys .,bleicher und gcdankenstol/.er Stirne“ und von ״seiner Augen süßer Starrheit“. ״Doch zumeist erkannt' ich ihn - An dein rätselhaften Lächeln Jener schön gereimten Uppen, — die man nur bei Dichtern findet.“ Es ist bekannt, daß nur wenige Sterbliche Heinrich Heine und seine Dichtungen so sehr verehrt haben wie* die Kaiserin ווווווווווווווווווו1ווווווווווווווווווןוווווווןןן1וווו1!וווווווווווווווווווווווווו!וווו1ווווו1)(1וווווווווו1וווווו1ו!ווווווווווווחוו!ווח!1ווווווו1(11ווו1ווווו IM FREMDEN LAND Von €11. N. BIAIJK Das Ltdvt des Mondes sickert durch das Laubendach, Und reglos-tiefe Stille hüllt die Hotte ein. ln seiner Silberwiege welchgebettel schläft Der Efhrog eines Kindts Schlummer, sanft und rein. Und wie ein treuer Hilter Ober seinem Haupt, Mil Myrfhe und mit Wcidenstraul» in innigem Verein, Sieht an der Hfllte Wand gelehnt der Palmenrwelg, Und sieh, auch ihn umfängt die Nacht, und er schläft ein. Sie sdilafen, aber beider Herz ist wadi Und träumt, und jedes träumt in seinem Raum. Oh, wer versieht des Fremdlings rätselvolles Herz, Und wer vermag zu künden des Verbannten Traum? Trägt sie vielleicht Ihr Traum ins ferne Heimatland Zu prächligen Gärten und zu Himmeln, die ihr Herz umhegt? Sind sie der Irrfahrt müde, die die Kraft zermürbt Und trübe Schatten auf des Wandrers Augen legt? Sdiredd sie vielleicht ein Traum, dafe nur für kurzes Glück Das Schicksal sie vereint, da& bald das Fest vergeht, Dafe bald das Band sich löst, der Glanz verblafct. Welk wird das grüne Kleid, der Duft verweht? Wer könnt es sagen? Bleiches MorgendSmmerlidrt Drängt sich verstohlen durch des Laubendadis Gezweig — In seiner Silberwiege weidigebeffet schläft Der Ethrog — und zu Häupten ihm der Palmenzwetg. (Uebersetzt von Berihotd Feiwel) ............1.. Elisabeth von Oesterreich; hat sie ihm doch in ihrem ״Achilleion״ auf Korfu ein herrliches Denkmal errichten lassen! Welches tiefe Verständnis für Heinrich Heine die Kaiserin gehabt haben muß, ergibt sich aber insbesondere aus dem Umstande, daß sie durch die Lektüre des ״Romanzero“ auch aut Jehuda Halevv geführt worden ist und daß sie alles aufgeboten hat, um Näheres über diesen Dichter und über sein Leben zu erfahren, daß sie nichts unversucht gelassen hat, uin sich die Kenntnis seiner Werke zu verschaffen. Auf welchem Wege sie bei ihren Nachforschungen schließlich auf den ganz im Verborgenen lebenden Seligmann Heller geraten ist, hat niemals ganz aufgeklärt werden können. Ein ausführlicher Bericht über diese merkwürdigen Vorgiinge findet sicli in der ״Vossischen Zeitung“ vom 5. Juni Dl(!7: ״Kaiserin Elisabeth“, heißt es dort, ״mußte erfahren haben, daß Heller ein gründlicher Kenner <|es hebräischen Schrifttums sei; das war der Mann, der ihr den Weg zu den Werken Jehuda ben Halevys weisen konnte und sollte. Eines Tages, so erzählte Heller, stand er im bequemen Hausrocke am Fenster und blickte auf die Straße, als er eine Equipage am Hause Vorfahren und halten sah. Daß es ein Honvagen war, sah der Kurzsichtige nicht; er scherzte mir zu seinem Sohne darüber, daß ein vornehmes Gefährte vor dem alten Vorstadthause halte und ob vielleicht ihm der vornehme Besuch gelte. Wenige Minuten später klopfte es an der Türe und vor dem überraschten Dichter und Gelehrten stand die Kaiserin, ln der ihr eigenen einfachen Weise, die jede Ver- U'genheit sofort bannte, setzte sie Heller den Zweck ihres Besuches auseinander. Sie sprach von Jehuda ben Halevy, den sie nur aus den Versen Heines kenne, dessen Dichtungen sie aber an der Hand Hellers kennenlernen möchte. Seligmann Heller hielt der Kaiserin aus dem Stegreif einen Vortrag über das Leben und die Werke des hebräischen Poeten, aber •es sei nicht leicht, die Sprache Halevys sicli atuueignen, noch schwerer vielleicht, sich in die Gedanken- und Empfindungswelt des fremden Dichters hineinzudenken und einzuleben. Die Kaiserin möge sich an das ergreifende Bild halten, das Heine in einfach schönen Linien von dem Dichter entworfen, und an das ehrlich rühmende Urteil des deutschen Dichters über den hebräischen. Die Kaiserin folgte mit lebhaftem Interesse dein Vortrage Seligmann Hellers und schied von ihm mit Worten aufrichtigen Dankes.“ In dem nun folgenden Winter erkrankte Seligmann Heller an einer bösartigen («rippe, aus welcher sich eine schwere Lungenentzündung entwickelte. Ich besuchte ihn fast täglich und mußte mich mit Schrecken von dem rasch fortschreitenden Verfall seiner Kräfte überzeugen. Sein Sohn Dr. Arnold Heller und andere erfahrene Aerzte umstanden sein Lager, ohne helfen zu können. Es rar ein erschütternder Anblick, den ganz abgeinagcrteii, schwer nach Atem ringenden Mann in seinem schmalen Holzbctt, in Polster vergraben, liegen zu sehen. Wie sehr gemahnte er mich an die Mönche gewisser strenger Orden, die stets in ihrem Sarge schlafen, in welchem sie dann auch sterben und begraben werde«. Nach wenigen Tagen wurde Heller von seinen Leiden erlöst; ich hafte den Eindruck, daß dies die Art sei, wie Epiktet und die großen stoischen Philosophen oder Ammoniös Sakkas aus dem Leben gegangen sind. Etwa acht Jahre nach Seligmann Hellers Tode, am 10. September 1898, ist die Kaiserin von Oesterreich in Genf ermordet worden. Bald darauf überreichte Seligmann Hellers Sohn, der schon erwähnte, gleichfalls hochgelehrte und angesehene Zahnarzt Dr. Arnold Heller, ein Majestätsgesuch, in welchem er um die Rückgabe der seinerzeit zur Verfügung gestellten Jeliiida-Halevy-Ucbertragung hat. Aus dem Inhalte dieses Gesuches geht hervor, dal) es weder seinem verstorheilen Vater noch ihm selbst möglich gewesen sei, über das weitere Schicksal einer von ihnen beiden vor Jahren geineinsam revidierten und sorgfältig korrigierten handschriftliehen Kopie von Seligmann Hellers Jeliuda-Halevy-Uebertragung eine Nachricht zu erhalten. Diese Kopie sei seinerzeit hergeste llt worden, nachdem der Kaiser durch eine Mittelsperson den Wunsch hatte aussprechen lassen, er wolle der Kaiserin Hellers Uehertragung des Jehuda Halevy ״als Angebinde unter den Weilmaditshaum legen“. Dr. Arnold Heller bitte mm um die Rückgabe dieses Büchleins. ״Es würde dem Bittsteller und dessen Familie eine Reliquie von unschätzbarem Wert und ein heilig gehaltenes Erinnerungs- Zeichen sein“, heißt es in diesem Majestätsgesudi. Am 29. September erfolgte dessen Erledigung, ein mit Trauerrand verschencs, vom Grafen Bellegarde unterzeichnctcs Aktenstück, in welchem dein Gesuche stattgegeben wird und das dort erwähnte Buch, ״nachdem sich dasselbe in der Privatbibliothek weiland Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin vorgefunden hat, mit Dank zurückgestellt wird“. Aber die in diesem Schreiben angekündigte Rückgabe des Buches bcdaiteU* für den Empfänger eine große lieberraschung, denn statt der einst von ihm und seinem Vater mühsam he!gestellten Maiiuskriptkopie erhielt er nun eine wundervolle, wie in gestochenem Kiipferdruck hcrgestellte kalligraphisch« Abschrift seines Buches auf starkem Büttenpapier, prachtvoll in Leder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Gokldruckpressung verziert! Es unterliegt keinem Zweifel, daß dies das Bändchen ist, welches der Kaiser einst hatte eigens 11 erstellen lassen, um es der Kaiserin ״als Angebinde unter den Weihnachtsbaum zu legen“. Es war als eine Art Gebetbuch gedacht, welches die Kaiserin bei ihren Spaziergängen oder wenn sie auf Reisen war, immer mit sich führen konnte. Dieses Buch ist aber nicht ganz das gleiche wie die später von Professor Kaufmann herausgegebenen ״Echten Hebräischen Melodien“ Seligmann Hellers; denn es enthält ausschließlich Gedichte des Jehuda Halevy. Der Titel lautete: ״Jehuda Halevy. Aus seinem Liederschätze. Ucbcrtragcn von S. Heller.“ Die kostbare Reliquic befindet sich jetzt sorgsam behütet im Besitze der Familie des Doktor Arnold Heller, sie gibt Kunde von gewissen geistigen Bestrebungen aus einer längst entsclivvundenen Zeit; aber ihr reicher Gehalt dürfte, ebenso wie damals, auch jetzt nur einer kleinen Anzahl Auserwählter zugängtich sein. Ein Buch für unsere Jugend Jüdisches Jugend-Buch. 5. Jahrg, d. Jikl. Jugendkalendcrs. Hr.-geg. v. E. B. Cohn 11. Else Rabin. Jiid. Verlag Berlin. Das verflossene Jahr hat uns auf einem bisher von ums viel zu wenig beackerten Felde manche schöne Frucht gebracht: Jüdische Jugendbücher, deren es bis jetzt allzu wenig geeignete gab, erstanden in einer stattlichen Reihe. Da war erst der Retter von Chule, den die Kinder jetzt meist schon kennen und sehr lieben; dann crschienen kürzlich die Helden der Kwuzali. Und nun gesellt sich zu ihnen ein uns schon vertrauter Freund — im neuen Oewände und, wie es seinen fünf Jahren zukommt, erheblich gescheiter lind wissensreicher geworden. Das ist das Jüdische Jugendbuch, eine neue und vielfach bereicherte Ausgabe des E. B. Cohn scheu Jugendkaleiiders. Wer vieles bringt, wira 'jedem etwas bringen: das scheinen sich die Herausgeber in diesem Jahre zum Motto gewählt zu haben. So finden die Besinnlichen unter den Kindern etwa die Chassidischen Geschichten von Susja und Elimelech, die E. B. Cohn mit großer Kunst nahe/ubringen versucht, oder das Lebensbild von Benjamin Disraeli, das Hermann Samtcr beisteuert. Die kleinen Mädchen werden sich an der Sukkoth- Geschichte ergötzen, die Else R a b i n, •die Mitherausgebern! des Jugendbuches, warmherzig berichtet — oder vielleicht noch mehr an den gutgelaunten Schwänken von den Fuhrleufen tind dein Schneiderlein, die Else Rubin aus ostjiidisehen Schwänken geschickt zusainmcnfiigte. Und die Sportler werden dem Meisterboxer Daniel Mendo/a dankbar zuhören, wen« er ihnen durch den Mund von F. Pinczower sein Lehen erzählt. II. Wallenburg und M. Brodsky schmücken den Band mit lustigen Bildern. Rätsei, Scherenschnitte, sogar ein Chanukkah-Drama vervollständigen das Buch. Auch Gedichte, deren Wert mir etwas ungleich erscheint. Aber die Kinder werden es gerne lesen una werden ihm seihst den Reim ״Tatze . . . Maz/e“ verzeihen, wie mir scheint. Denn, so werden sie mit einem berühmten Manne sprechen, ״ITetm was er sonst ans Licht gebracht — das hat er wirklich gut gemacht!“ —bs— Micha Miclialowitz: Der gedeckte Tisch. (Bramlus’• sehe Verlagsanstalt. Sammlung: Gestern und Heute.) Das ist ein ungewöhnliches, kleines Buch. Es ist ein Essay über den jüdischen Tisch und das, was auf ihm und um ihn spielt. Die ״goldene Brühe“ dampft, der gefüllte Hecht lockt, aber darüber wölbt sich der ganze große Himmel der jüdischen Welt. Er wird sozusagen im jüdischen Nationalgericht eingefangen und spiegelt sich in der goldenen, dampfenden Brühe. Daß Wein und Brot gesegnet werden, daß nach Tisch ״gebenscht“ wird, daß es heilige Mahl/eiten gibt und ■der Genuß von Brot und Wein eben Kiddusch heißt, das alles wird hier aufgespiirt und gezeigt. So wächst dieser kleine Essay und sprengt seinen Rahmen. Er ist eben nicht nur amüsant. Aber auch, daß er amüsant, witzig und voll von großartigen Pointen ist, soll angemerkt werden. Es ist ein feines, zartes Büchlein, und liest man es in dieser, unserer Well, dann ist es wie eine Reise auf eine scliäne Insel. Die Sprache ist gepflegt wie das Essen, von welchem die Rede oder besser die Schreibe ist, und wenn mau die Sätze einzeln und insgesamt geschlürft hat, behält man von Inhalt und Form einen sehr angenehmen Geschmack auf der schon entwöhnten Zunge. Joachim Prinz ״Joodse Kinderliedjes“. Im Aufträge des ״Joodsen Vronwenraod in Nederiand“, gibt A. Schwimmer, Vizeveno, die erste Sammlung hebräischer Kinderlieder mit holländischen Ueberset/ungen heraus. Das hübsch illustrierte Bändchen (Arthur Bryks) enthält 18 bekannte!Jeder von Engel, Rabbinowitz, Gorochow und Ooitcin, die alle Aufbau und Leben in Palästina zum Inhalt haben. Die Ueberset/ungeii scheinen gut zu klingen (Frau Spitz-Hoof int zeichnet als Uebersetzcrin), die musikalische Redaktion von Paul Pella ist exakt, die Auswähl lebendig. Der Schauspieler Kurt Katsch, der am Theater des Berliner Kulturbunds tätig war, hat vor einiger Zeit mit großem Erfolg den Uebergatig zur jiddischen Biihne vollzogen. Nunmehr hat Katsch ein eigenes jiddisches Ensemble zusammengestellt. Mit diesem Ensemble beginnt e>r am 16. Oktober eine Tournee, die ihn durch alle Städte Polens mit größerer jüdischer Bevölkerung führen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.