Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-10-10 · Heft 81-82 (10.10.1935) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 81-82 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653899--27492-2688932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Seife 2 KINDER-RUNDSCHAU Nr. 15 Nr. 15 K I N D E R - R U N D S CHAU_Seite 3 JÜDISCHE RUNDSCHAU Literatur - Blatt NR. 81/82. 10. OKTOBER 1935 ie Rolle des Judentums in der Welt Kritik des Maimonides Zu Alfred Webers Kultursoziologie Oesamtbetrachturigen der Menschheitsgeschichte sieht man heute nicht ohne Grund mit vorsichtigem Mißtrauen an, auch wenn sie sich als sogenannte ״Q c s c h i c h t s s o z i o 1 o - gien“ auf das empirisch Faßbare und seine verstehende Zusammenfassung beschränken. Es ist kein Einwaml gegen die nüchterne Kausalitätsforsdiung, gegen das philologische Eiement in der Geschichtsschreibung, wenn man darauf hinweist, daß unsere Zeit ja durch die Kaltwasserkur der beinahe ganz durchgeführten, alles ins Einzelne auflösenden ״exakten empirischen Geschichtsbetrachtung“ gegangen sei, mit dem Ergehnis, daß sie heute nach dieser Kur nur noch von viel tieferen Zweifeln geschüttelt, nicht in der Lage sei, irgendwem das Gefühl eines anspornemJen Weges des Zukünftigen zu geben. Die Bedenken gegen die ״soziologische“ Geschichtsschrei־ bung verstummen auch nicht, wenn man die neueste universalgeschichtliche Gesamtbetrachtung von Alfred Weber ״Kuiturgeschichte als K u 11 u r s o z i o 1 o g i e“*) studiert hat. Sie ist im ausgesprochenen Gegensatz zur mateiialistisehen Geschichtsauffassung geschrieben und durchdrungen von der ,gläubigen Erkenntnis, daß aus jeder neuen, noch nie dagewesenen historischen Situation immer wieder, alle Bedingungeu und Möglichkeiten des menschlichen Handelns nützend, das schöpferische menschliche Handeln spontan liervorspringt, — ״in seinen Tiefen so wenig vorerkennbar wie das aller lebendigen Natur, deren Wesen es ist, aus gegebenen Bedingungen, Stoffen, Kräften, Möglichkeiten jeweils etwas Neues zu schaffen, das in seinem Wesen und seiner Gestalt so wenig voraussehbar ist wie irgendeine Schöpfung“. Von dieser Haltung aus, also mit dem Blick i!1 eine Ferne, ״auf deren Schwelle uns das Unerwartete erwartet“, scheint zunächst auch jede Geschichtsschreibung höchst fragwürdig und zu niciits weiter imstande als zu einer Bestandaufnahme der Katastrophenwege der Menschheit post festurn, zu einem Abschreiten der Unglücksstätteii menschlicher Entgleisungen und Fehlberechmmgcn, überstrahlt von dem Wunder des unbekümmerten Glücks der Ueberlebenden und Wicderansteigeiiden! Aber Alfred Weber meint, diese Haltung — scheinbar so unproduktiv für den Geschichtsschreiber — lege zwar die Grenze unseres Fragendiirfens über Vergangenes fest, gebe aber innerhalb des so gesteckten Rahmens uin so mehr das Recht und den Antrieb, uns über den Ort, an dein wir uns im Geschichtsstrom befinden, genau umzusehen und aus der Vergangenheit die starren Bedingungen und engen Grenzen menschlichen Plauens und Tuns zu klären, mit dem Endziel, für unser spontanes Wollen die unfruchtbaren Wege, soweit als möglich, auszusehlicßen und so den ״Strom unserer Produktivität, obwohl er die Geschichte hinter sich und in sich fühlt“, zur befreienden Leistung hinzuführen. Dieser Rechtfertigung scheint uns der echte Oeschichts- Schreiber nicht zu bedürfen. Wir wollen Alfred Webers Werk nicht nach dieser zweifelhaften Begründung seines Unterfangens, sondern nach ■den Früchten seiner neuen Uni- Versalgeschichte beurteilen. Seine Methode und Vortragsart, aus den Heidelberger Vorlesnngssäien der letzten Generation vertraut, soll hier nicht zergliedert und kritisiert werden. Der Weg der Menschheit, der von den primitiven Kulturen über die asiatischen Hochkulhiren zur europäischen Antike in die Neuzeit führt, wird hier nicht in den konkreten Einzelheiten gezeigt; die Universalgeschichte im Ranke’schen Sinn ist nur das Bett, in dem die lebendigen und ideenreichen Deutungen des Verfassers in blitzenden und spritzenden, sprachlich nicht immer leicht zu bewältigenden Satzperiorlea auf 1111s einstürmen. Seinen soziologischen K u 11 ur b c g r i f f, den Alfred Weber in seiner neuen Geschichtsdeutung anwendet, hat er wiederholt zu beschreiben versucht; er läuft darauf hinaus, in der unendlichen Geschichtserscheiiiungswelt besondere Gestaltungen, voneinander abgehobene ״Geschichtskörper“ der Menschheit, verschiedene Kulfurkreise zu entdecken und die Bedingungen solcher gelungener Symbolgestaltung auf der Erde, ״die Gesetzmäßigkeiten des Entstehens von erlösender Erschcinungswelt“ zu erkennen. Es handelt sich nicht lim philosophische oder metaphysische Sinnerfassirng, sondern unt das Verstehen des Ausdrucksstrcbens des Seelischen in jenen Geschichtskörpern, die als verschiedene Darstellungen des seelisch Absoluten unter sich in keinerlei Beziehung, etwa gar des Fortschrittes, stehen. Alfred Weher hat um diesen ״kiiltursoziologisclicn“ Begriff lange gerungen; seine praktische Anwendung besteht darin, daß gewisse Höhenperioden der Menschheit nach ihren Kulturleistungen im Zusammenhang in geistreicher, nicht immer willkiirfreicr Weise gedeutet werden. Bei dieser Auswahl gibt Alfred Weber auch dem Judentum einen Platz und eine ״kultursoziologische“ Interpretation, die nur verständlich ist, wenn man sicii mit der angedeuteten eigenartigen Weber’schen Methode der Geschichtsdeutung überhaupt vertraut gemacht hat. Auf dem Hintergrund der östlichen ״primären Hochkulturen“ (Aegypten, Babylonien, China, Indien) entstellen ״Sekundärkiiltureii“ im Westen: neben dem schließlich von den Griechen und Römern getragenen und geformten Mittelineerkreis der vorderasiatische Kulturkreis, als dessen weitgeschichtlich wesentlichstes Volk Alfred Weher die wohl kaum IV» Millionen umfassenden ״Judäo-Israeliten“ amsieht. 300 Jahre lang, in einer weltgeschichtlich recht späten Zeit, von 1150 bis 850, war für die palästinensische Brücke ein einzigartiger Zustand eingetreten: Dieses Gebiet war technisch und geistig nach der Aegyptcrherrschaft und vermöge der nahen babylonischen Ausstrahlung ganz überflutet von den übertragbaren, vor allem also den zivilisatorischen Errungenschaften dieser allen Kulturen. Deren politische Macht aber zog sich gleichzeitig damals von diesem Zwisehengcbiet zurück. Phönizier, Philister, Israeliten kamen ins Land. ״Die Israeliten vermoehten von Siidosfen in eins leidlich fruchtbare Jordangebiet ein- Zufällen, Kanaan, in ihrer Wüstenphantasie rührenderweisc als das Land, wo Milch und Honig fließt, gesehen, zu erobern, und hier in der nicht langen Zeit von etwa 1200 bis 586 (Zerstörung Jerusalems) wie auf einem grell durch ihre eigenen *) Alfred Weber, Kulturgeschichte als Kultursoziologie. A. W. Sijthoff’s Uitgeversmaatschappij N. V., Leiden 1935. Erzählungen beleuchteten Bühnenbild in raschen Vorgängen das Wesentliche ihres äußeren Schicksals zu vollenden.“ So die Grundkonzeption Alfred Webers. Aber was unterschied diese ״Jndäo-Israciitcn“ von anderen kommenden und gehenden fccdtiinischen Völkerwellen? Weber gibt neben der allgemein geläufigen Antwort von Eduard Meyer, Wellhausen, Max Weber und Elias Auerbach (״Wüste und gelobtes Land“) keine neue, eigentlich originelle Interpretation, so fri ־,eh, eindring־ lieh und spontan seine Deutungdessen, was mm wirklich in diesen 600 Jahren, 1200 bis 600, vor sich gegangen ist, klingt. ״Sicher tief imd wirksam hob die Juden über alle anderen licdnincnvölker eine angeborene oder erworbene geistige Qualität heraus, die sich in entscheidenden historischen Augenblicken bis zu einer in der Dichtigkeit der Talente kaum glaubhaftcri Mnsxcnhaftigkcit persönlicher Genialität gesteigert hat auf dem Hintergrund eines sehr komplexen schwer enträtselbnren Charakter« des Volkes als Ganzen; eine durch die Jahrtausende bis heute überall offenbare geistige Qualität, von licr die JoseDleqeiule eine typische, immer wiederkehreude Spielart heraus ■teilt. Ihre besondere Aufnahmefähigkeit für babyionische und ägyptische Kultur ist ja auch nur das erstmalige I k-rvortrden einer stets bewährten gewichtigen Rezeptionsfälii.gkcit bei letztem Sicli-selbst-nicht-Verlieren.״ Diese Einreihung der Juden in die großen Menscl1licl1keit«kulture11 wird von Weber durch eine minutiöse Einsicht in die liferarisehen mul sonstigen historischen Befunde begründet, wobei er auf weiten Strecken die durch die Erzählungen der Bibel durchscheinenden inneren und äußeren Vorgänge wie Max Weher (,,Das antike Judentum“, Bd. II der Gesammelten Aufsät/e zur Keiigionssoziologie) sieht. Er schiebt mit der gleichen Entschlossenheit wie Max Weber die theologischen Nebelbänkc des Alten Testaments beiseite, so daß ein strahlendes, verschwenderisch vielseitiges, aber typisch heidnisches Bild von Alt-Israel entsteht. ״Das Land und das Volk, dessen unbefangen dem Lehen zugewandte Leistungen ja (äst alle nur mit Umbiegung ihres einfachen Sinnes oder brucltstückweise zu uns gelangt sind, so sehr das Alte Testament immer noch das inhaltlich wohl umfassendste aus einer gewalligcn Mannigfaltigkeit einheitlich zusammengefügte Schriftwerk der Erde darstellt!“ Das spätere Judentum entsteht auch für Alfred Weber erst durch eine viel jüngere zweite historische Konstellation. Als die palästinensische Völkerbrücke nach Jahrhunderten wieder durch die alten Mächte besetzt wurde, gerieten auch die Völker, die sich inzwischen hier befestigt hallen, unter die nördlichen un<l südlichen Weltmühlsteine. ״Bei keinem Volk außer bei ders Israeliten-Judeu sind andere Konsequenzen als die des Untergangs daraus erwachsen, nirgends dies Heraufwachsen des Volkes in der Bedrohlheit und späteren Zertrümmerung zu den ersten Stadien einer religiösen Weltmacht universalistischen Ranges.“ Weber läßt dieses Einporwachsen mit den Propheten beginnen: ihr Grundpostulat demütigen, sich einfach unterwerfenden Glaubens, das als Erfüllung der Goftesgebote gestellt wird, ist so stark verinnerliche, daß das Phänomen auf die künftige Geschichte immer wieder gewirkt hat, fundamental, als Absolutes, nicht aus bestimmten historischen Bedingungen, und nicht als aus diesem Volk und für sein Schicksal Erwachsenes. Die jüdische Religion als Urbild der abendländischen Religiosität der niiehsten 2',י־ Jahrtausende! Die historische Unterbaimng dieses Vorganges (Brechung der unbefangenen heidnischen Lebensgewöhnlichen des Volkes durch Leviten und Priester unter Josias und pricsterliehe Zweckumformung des Bibelstoffes) ist bekannt. Es entstand so seit Esra jene neue Konstellation, ״aus der wieder vermöge der unvergleichlichen Form der religiös-kultischen Gebundenheit erneut Unvergleichliches hervorging: ein rituelles Eingesponncnscin und eine Abkapselung, derart, daß das Judentum von da au als eine später außergeographische und außerstaatliche Einheit durch aile Geschichte als einziges antikes Volk bis heute hindurchgehen konnte.“ Schriftliche und mündliche Ueheriicferung, für den Historiker ein spät (um 450 vor Ch.) dem Volk aufgezwungenes ritnalistiscli-arthodoxcs Gehäuse und die sich anschließende gewohnhciUrechtüche Ritualpraxis, wurde die allen Zersetzung«- stoffen und Auflösungstendenzen trotzende Hülle des weiter mit oder ohne Jerusalem verbleibenden Judentums. An diese kühne Konzeption knüpft der Verfasser auch seine kiiltursoziologisehe Skizze des werdenden Christentu ms. ״Bedarf es vieler Worte darüber, daß die Person, die dies schuf, und die diesem Christentum die revolutionäre Kraft gab, nur im Rahmen, Schicksal und Leben jenes kleinen Volkes erstehen konnte, welche alle diese drei Dinge (Sklavenaufstand der Moral —• Exklusivität des Glaubens — Messiasklee) fiir sich selbst als Volk in seiner dargelegten letzten Konstellaiion schon zu einer auf sich selbst bezogenen Deimitsreligiosiliit durchgebildet, und zu einer am Ende bereits an jeden Einzelnen appellierenden mcssianischen Wclterlösungslioffming fortentwickelt hatte, deren Verwirklichung nun mit gegenwärtiger Gewalt plötzlich da war? Jesus erscheint mit vorgegebener Notwendigkeit in dem seelisch-geistigen Gegenvolke der römischen Herrenwelt, die jetzt auch das Morgenland umschloß.“ Judentum und Christentum gehen noch eine Strecke «len gleichen Weg; aus dem Entstehen des Christentutns int Judentum ergeben sich Züge und SchicksalhaftigTeiten der ״Tochterreligion“, die man von seinem Wesenskern so und so oft zu trennen versucht hat, die man aber nach Weber für die Erkenntnis seiner historischen Qualität und die Wirkung, welche ■cs als ein so geborenes ausübte, nie aus dem Auge lassen darf. Für Alfred Weber ist mit dem erstarkenden Christentum die ״kiiltursoziologisehe“ Rolle <lcs Judentums in der Menschhcitsgcschichte ausgespielt. Wir hatten hier nur von der impanierenden Skizze der antiken jüdischen Geschichte in der Weber’schen Auffassung einen ersten Begriff zu geben. Sein Werk Ist reich an solchen Visionen von Epochen und Völkern, es reicht bis an die gegenwärtige historische Stunde heran. Weher möchte die Geschichte aus der Sinnlosigkeit miatisiveichlieber Verstrickungen befreien und den Lauf der Historie dort aufsuclicn und ausloten, wo der menschliche Wille und Ent- Schluß noch wirksam sein kann. ״In der geschichtlichen Gcbundenheit Spontanität zu bewahren, das ist an jedem seiner Tage der Sieg des Menschen über den Stoff der Geschichte.“ Ludwig Feuchtwaager Eine ßuchbcsprcduing In dem jetzt abgciaufciien Jahre, in dem Maimonides von der Judenhcit der ganzen Welt gefeiert wurde, er* scheint eine Schrift, betitelt: M a i in o 11 i 11 c s, Kritik der jüdische 11 G I a 11 b en sl e h r e (Verlag l)r. Hei nr. Glanz, Wien). Ihr Verfasser ist Oskar Gold borg, der vor einigen Jahren eine Arbeit (״Die Wirklichkeit der Hebräer“) veröffeniiiehte, von der Professor Hosehander in ״Tlie Jcwisli Quarieriv Review־• (XXI, 1931, Nr. 3) sagt, wenn die Ideen ״wahr sind, werden wir alle unsere Auffassungen über Israels Religion, Geschichte und Literatur revidieren müssen“. Nun hat Goldberg wieder gesprochen. Seine jetzt er• scliicnene Schrift isl eine ungeheure Anklage. Zunächst gegen die Talmudistcn. <i. wirft ihnen vor, daß sie das (jebiet der Tradition verlassen haben. ״Ihre Aufgabe war die Erhaltung des Textes der fünf Bücher Mo«es. und die Fest* Stellung der zur T hora gehörigen, miaufgeschrkiienm ,mündliehen Ueberlicfcntiig'.“ ״Die Taltnudislcn haben sich jedoch in das Gebiet der Weltanschauung und der Herrschaft begeben.“ Erster Vorwurf: Aus Mißdeutung eines Pentateuchgesetzes hätte das große Synhediioii sich als SfeHvertreteiiii Gottes betrachtet. Zweiter Vorwurf: Die Faimmlisleii haben die U»vergleichbarkeit der Thora zerstört durch Gleichsetzung der Psalmen mit dem Eiinfbudi. Dritter Vorwurf: Der Talmud hat den allgemeinen Grundsatz aufgesU'llt, daII man nach den Gründen der (jesetze nicht fragen dürfe. Fr interpretiert lediglich, hingegen verbietet er das Philosophieren, Der Verfasser zeigt die weitanschaulichen Folgen dieser Verstöße auf, um dann seine Anklagen gegen H :1 i in o 11 i d e s zu erheben. Da Maimonides es für au gr; eschlossen hielt, «las Fragen nach dem Grund der Gesetze abzustellen, verfiel er auf einen Weg1, ״der fruchtbar für die katholische Pliilo-ophie, aber verhäiigiiisvoll für die Lut Wicklung der ) mlentn ms wurde“. Maimonides schuf nämlich zwei Au-ehauuiigstor meti: Vernunft und Glaube, wobei, im Gegensatz zu Kant, das Postulat des Glaubens nicht ans der praktischen Vernunft ableitbar ist, Maimonides wird /um Ui lieber ״der .Spaltung der Persönlichkeit in Glauben mul Wissen“, (ioldberg beschäftigt sich mit der assi* milatorisehen Anhänglichkeit des .Maimonides an Aristoteles und die griechische Hinwelt und den Gegensätzen von Neiiplatonismiis mul A r is tot «,I isimis. Beim wichtigen Thema der Gotlesbcwcisi■ zeigt (ioldberg den verheerenden Einfluß maimoniilischeii Denkens auf Spinoza und Hermann Collen, um dann die falschen Ansichten Maimonides zum Wunder, zur Prophetie, zur Sprache «1er Thora und der Propheten, zum Ritual und über den Zweck der Thora näher zu beleuchten, im weiteren Verlaufe der Unfersucliungen kommt der Autor zu den 13 Glaubensartikeln, die das erstaunliche Resultat ergeben, daß Maimonides nicht an die Erschaffung der Welt aus «lern Nichts — jesei! meajin •— glaubt. Folgende Sätze zeigen, mit welcher Klarheit und Leidenschaft GoKlberg seine Anklagen formuliert: ״Und so macht er denn aus «lern Umstande des Nichterklärcnkönnens (gemeint ist das Ritual) das Wesen der Religion.“ ״Der Assimilant Maimonides ist der Erfinder der Erklärung der Thoragesetze durch das ,Zeitwissen‘.“ ״Damit hat er den Juden ihre Originalität genommen und sie von ihrer nichtjüdischen Umgehung abhängig gemacht.'‘ ״Er hat die Juden liinschielend gemacht auf die religiösen, philosophischen, wissenschaftlichen und kulturellen Meinungen der Außenweit.“ ״Er hat die Juden zu Leisetretern gemacht, er hat ihnen den Pitdion Peh genommen, die mutige und offene Aeußerung von Meinungen, die dem Geist der niciitjüdischen — der europäischen .- Umwelt widersprachen.“ ״Der ,Führer der Verirrten' löst «las Judentum in Nebel und Dogmen auf.“ im zweiten Teil seiner Schrift stellt (ioldhtrg fest, daß bei Maimonides der Glaubenssatz, von der göttlichen AHmacht fehle. Der Verfasser gellt dann in 11 Sätzen auf die einzelnen Probleme ein, von denen einige zur Cliarakterisierting genannt sein mögen Auftreten (iottes in der Welt / Offenbarung ■׳' Wunder / die Thora ab die Vernunft Gottes / Gott als Gegner jeder Naturordnmig die Idee der Gerechtigkeit / Aufdeckung des 1 lintergmnde■. des Rituals von der Vernunft her. Den dritten und letzten Teil nennt (ioldberg־. Die Zukunft. Er ist sehr aktuell geschrieben mit Seitenliiehen auf die bestehenden Parteien der Judenhcit. Maimonides, so heißt es hier, sei der geistige Stammvater des modernen jüdischen Liberalismus wie auch der Orthodoxie und des Zionismus*). Die Zukunftsmößlichkeiten der Juden lägen iu der Tätigkeit der Ne hon im, «I. h. der Logiker, deren Aufgabe cs ist, den Hintergrund des Rituals aufztulecken, um eine neue Offenbarung hcrzustellen. Die ״rittiall'ähigon‘• Volker seien die ״Vorbelmltsstellen für den I )urehlmicii der Offen• barung“. Zum Schluß zeigt (ioldberg «len Unterschied zwischen den Wclireligioneii der cmopäisehen Völker und der des Urjudentums, «las er als den einzigen Fall '>«■ zeichnet, wo sich die beiden Ideen, die der N'alionalreligion - der Kult — und die der Weltreligion - die Ethik - - treifen, die auseinandcrgefallen, einzeln 711111 Verfall vcrurteill sind. Nach Goldberg leben wir ״heute in 11 er Zeit des Unk'rganges der Kultreste und des Ausgehens der Rohstoffe“. Der Autor sagt: ״Merkwürdig genug: eines der bedeutendsten kabbalistischen W'erke, der Soiiar, hat Untergang tm«l Me«sianisnuts für die heutige Zeit vorausgesagt.■‘ In der Ewropäisienmg der orientalischen Völker, die noch Spuren kultischer Reste aufzeigen, sieht (Ioldberg den ״Untergang des׳ ritualfähigen Völker, der sich mit dem Untergang der Hilfsquellen der Natur paart“. Der Verfasser appelliert an die Juden, ״de 11 Weltunfcr* X zu verhindern“, denn ״jeder ist Messias, der den ang Weltuntergang verhindert“, der eintret en muß, wenn die kultischen Bedingungen für ein Auftreten Gölte:; nicht geschaffen werden. Die Wege — Anschluß an «len Orient —- zeigt Goldberg auf, um am Ende seines für den ״unverbildeten Mann aus dem Volke“ geschriebenen Aufrufes die Frage aufzuivcrfcn, ob die [udeu das atisfüliren werden. Goldberg, der den heutigen Juden den Allein,־mspracl! auf Auscrwähltlicit bestreitet, sagt mit aller Deutlichkeit, daß ״die Thora auf sie nicht angewiesen sei“. ״Wenn sie sieh mit ihrer Urzeit nicht auseinanciersetzen, so werden sich andere Völker finden, die die Aufgabe der Juden ausführeu." Werden die Juden hören? I. H epner *) Die Charakteristik, die der Verfasser bei dieser Gc- Icgcnlieit vom Zionismus gibt, kann von uns gewiß nicht als zutreffend angesehen wertlen, die wir überzeugt sind, daß hinter den peinlichen, von Zionisten selbst am schärfsten kritisierten Oberflächencrscheinungen (die einfach dadurch bcdingt sind, daß die zionistische Verwirklichung sich auf dieser Erde und nicht in einer nur gedachten -— oder gedeuteten — Welt abspielt) das tiefe Bewußtsein eines neuen geistigen Beginns mit heute noch ungeahntem Perspektiven steht — Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.