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Jüdische Rundschau · 1935-10-04 · Heft 80 (4.10.1935) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 80 (4.10.1935)
Date
1935-10-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 2 ז JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 80, 4. X. 1933 Von der Woche Musik in Palästina/ Von Alice Jacob-Loewensoo Das Departement für öffentliche Arbeiten bei der Palästina-Regicrung ist an den Bau einer Chaussee herangctreten, die Jaffa—Tel-Awivv mit dein. Flugplatz in Lud verbinden soll. Außerdem wird auch eine Verbindung zwischen Lud und der nach Jerusalem führenden Chaussee hergestellt werden. Zur Durchführung dieser Arbeiten sowie für vcrschicdene Reparaturen an den Luftstationen in Lud tma Haifa hat die Regierung einen Betrag von 150 000 Pfund aus gesetzt. (Palcor.) Seitens der Städte Jaffa und T ulke rem werden Verhand- Jungen mit den jüdischen Koloniem nördlich von Klar Saba (Kaimania, Tel Ascher usw.) mit dem Ziele geführt, eine Chaussee durch diese jüdischen Siedlungen zur Bahnstation Kalkilieh zu bauen. Die Hälfte de! 22000 Pfund betragenden Baukosten soll von den jüdischen Siedlungen gedeckt werden. Die Bahnstation soll gleichzeitig verlegt werden, um eine Abkürzung der geplanten Straße zu ermöglichen. Verhandelt wird auch über den Bau einer Straße von Tel Mond zur Eisenbahn. Die Stadt Jerusalem hat beschlossen, eine rund um Jerusalem taufende 30 in breite Chaussee zu bauen. Mau erwartet, daß die 11 eite Ringstraße viel zur Regelung des wachsenden Verkehrs in Jerusalem beitragen wird. Der Jerusalemer Bürgermeister Dr. Khaldi erklärte vor dem Stadtrat, daß die neue Wasserleitung ungefähr a_m 1. November in Gang gesetzt werden wird. Man nimmt an, daß der Bedarf täglich eine Million Gallonen (1 Gail. ca, 4י'_> IJter) sein wird. Die Wasserleitung ist imstande, 2(! Million Gallonen zu liefern. Der Preis wird 40 mils pro Kubikmeter betragen. Das ist die Hälfte der gegenwärtigen Gebühren. Dieser Preis wird aber erst am 1. Januar in Kraft treten. In der ״Palestine Ga/etic“ vom 10. Sqrtembcr ist eine neue ß a <1 c- O r d nti n g für den Strand von Tel* A w i w, _ bestehend aus 25 Paragraphen, veröffentlicht. Darunter wird u. a. KMge-etzt, <1:11 i das Baden mir in einem vollständigen Rndekostiüi; erlaubt ist, das jede unschickliche Entblößung ausschließt. Das nackte Baden von Kindern über () Jahre ist gleichfalls verboten. Ferner wird das Baden von Tieren am Tel-Awiwer Strand verboten. Lin Schwimmbad in Jerusalem soll innerhalb des Nathan und 1 ina Strauß-( ie-und heit-zent rums angelegt werden. Zur Durchführung wurde ein Komitee eingesetzt. (Bisher gibt es ein Schwimmbad nur in der Young Men’s Christian A-sociation.) Lin syrischer J u d e, der ohne Visum nach Palästina gekommen war, Ist in Jerusalem verhaftet und zu einem Monat G c ü an g n i s mit nachfolgender Deportierung verurteilt worden. I )1 e Polizei hat einen (diauffenr fesfgeiioinmcn, der in seinem Wagen eine jüdisehe F'rau aus dem Irak nach Palästina gebracht hatte. Der Chauffeur wurde zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Richter Gad in Migdal hat tunt Juden aus Polen und Rußland, die illegal nach Palästina gekommen waren, zu je einem Monat Gefängnis mit nachfolgender LaudesverwcPung verurteilt. Der Verband der hebräischen Lehrer hat den für Jahresbeginn angekündigten Streik vorläufig bis nach Sukkotli zurückgestellt, da die Histadruth und der'Misrachi sich erboten haben, zwischen den Lehrern und der Erziehungsabteilung des Waad Leunii zu vermitteln. Die Gesellschaft ״N i r“ hat ihren Tätigkeitsbericht für das erste Halbjahr 1033 veröffentlicht. Ihm Ist zu entnehmen, daß die Gesellschaft in diesem Darlehen zu verschiedenen Zwecken (Haushau, Wasserversorgung u. dg!.) in der Ge- -samthöhe von 147000 Pfund gewährt hat. Das Grundkapital der Gesellschaft ״Nir“ Ist auf 73 OOO Pfund angewachsen. In Nalialai wurde der Bau von 35 neuen Häusern in Angriff genommen. Die Baukosten betragen pro Haus 220 bis 250 Pfund. Zu den Arbeiten werden ortsansässige jüdische Arbeiter hcrange/ogen. In e s s Zinna fand die Neuwahl des Arbeiterrats statt. Von (GO Wahlberechtigten haben 445 ((>3,5 0״) an der Wahl tcilgenommen. Die Liste der Mapaj (Arbeiterpartei Palästinas) erhielt 2(>f Stimmen und 7 Mandate, der Haschomcr Hazair 116 Stimmen und 3 Mandate, die Linken Poale Zion 60 Stimmen und 1 Mandat. Im letzten Schuljahr wurden die städtischen Schulen in Tel-'Awiw von S1S7 Kindern, 11)82 Knaben und 4105 Mädchen besucht. Von April 1014 bis April 1535 wurden im Tel-Awiwer Hadassa■Krankenhaus 3780 Kranke aufgenonimen. 05 f0־ von diesen (3160) wurden als geiteilt entlassen, 337 Patienten sind gestorben. ln der Zementfnhrik N es 11 er wurde ein Neubau eröffnet. Durch diesen Zubau wurde die Erhöhung der Tagcsprodukt!on von 61K) auf 11)00 Tonnen ermöglicht. An der Feier nahmen auch Arbeiter teil, die vor zehn Jahren an der Her- Stellung der ersten Produkte der Fabrik mitgearbeitet haben. 111 kirjath (1ha jim fand die feierliche Eröffnung des neuen zweistöckigen Sc)1ull1a.u>es statt. Die ersten Siedler von Kir!.<(11 (.liajim hatten mit einer .schule für 13 Kinder und einem Kindergarten für 23 Kleinkinder begonnen. Heute wird che Schule von 300, der Kindergarten von 200 Kindern besucht. Das neue Gebäude besitzt 20 .Sdiui/immcr. In lel-Awiw wurde eine Aktion ehygcleifct, um die Tätigkeil des palästinensischen Philharmoniker-Or- Chesters finanziell zu sichern. I's wurde eine Gesellschaft gegründet, die 2000 Mitglieder gewinnen will, von denen jedes einen Mindestbeitrag von einem Pfund leisten soll. Die Leitung der Agudas J Israel hat beschlossen, die dritte Agudali-Wchkonfcrenz für den Monat Scliwat 5(106 nach Jerusalem eiimiherufen. Iri Jerusalem wurde bereits mit den Vorarbeiten für die Wcltkonfcrenz begonnen. In den letzten Tagen weilten in Jerusalem einige angesehene nicht-jüdische Touristen, darunter der Erzbisch 0 1 von Irland und der Professor für Völkerrecht an der Universität Birmingham, Davis B u t k i n. Sie besuchten einige jüdische Siedlungen. Wie Palnews hört, sind die Jaffa Ir 011 Works, eines der ältesten palästinensischen Unternehmungen, geschlossen worden. Das Direktorium des KH erhielt anläßlich des 15jährigen Bestehens des Fonds ein ßegrüfiungssehreibeii des Pro Pa- 1 ä s t i ri a - K 0 m i t e e s beim englischen Parlament. Das Schreiben bringt die Anerkennung und Bewunderung für die Entwicklung Palästinas in den letzten Jahren und die Leistungen des KH zum Ausdiuck. Kriegslieferungen. Wie ״Palcstinc Post“ meldet, hat die Fruchtsäfte-Fabrik ״Assis“ in Tel-Awivv eine Bestellung aut I imonaden im Werte von 8000 Pfund von der ahessinischen Regierung erhalten. Ferner verlautet, daß die italienische״ Behörden mit einer Tel-Awiwer Lederfabrik wegen einer Lieferung von Gürteln im Werte von 20 000 Pfund Verhandlungen fuhren- Bach auf dem Kanaan und Grammophon in Sodom und Gomorrha Auf dem Berge Kanaan gibt es ein Klavier. Sogar einen verführerischen Uuysenflügel. Da die Kanaaniter! nach Musik ausgehungert sind — sie haben ja seit zweitausend Jahren nur die Flöte von Abrahams Hirten gehört —, wird der jeweils dort oben anwesende Pianist (in diesem Falle Unterzeichnete) ans Klavier geführt. Bach, Beethoven und Mozart klingt nach Beduinennuisik nicht schlecht, und Arnold Schönbergs Klavierstücke haben sogar gewisse Beziehungen zu orientalischen Melodien. Nun, die Konzerte dauerten sehr lange, und aufmerksamere Zuhörer konnte man sich nicht wünschen. Vom Hause des Dr. E. G., in •dem sich dieses Instrument befindet, sieht man auf das neue, ■moderne Flöte 1 K a - naan. Dort befindet sich ein prächtiges Radiogrammophon. Ungewöhnliche Gelegenheit, den Vortrag über jüdisehe Musik, den ich im Auftrag der Kulturkommission der Histadruth (Leitung: Jaikow Sandbank) am Vortrage in Safed zweimal gehalten batte, aut dem Berge (mit deutschen Kommentaren versehen) zu wiederholen. Der Sturz in die Tiefe — 1100 m hinab zum Toten Meer — ist den Gramrnophonplatten, mit denen ich meine Vorträge zu illustrieren pflege, sehr gut bekommen. (Nur eine ging dabei entzwei!) Im Lager der ״Pottascl1“-Arbeiter gab es eine große Barackenveranda als Kouzertsaal tmd das mondbeschienene Salznieer als Hintergrund. Die Zuhörerschaff war so groß wie nie vorher bei einem Vortrag. Arbeiter in Palästina sind abends müde, aber musikdurstig. Von jüdischer Musik wissen sie fast gar nichts. Vorträge müssen daher mit musikalischen Beispielen reichlich durchschossen sein. Aber das allein genügt nicht: die Beispiele müssen so gewählt sein, daß sie den Hörer zum Denke״ anregen, ob er will oder nicht. Gegenüberstellungen von jüdischen, arabischen, gregorianischen Melodien machen die Unterschiede und Charakteristika evident. Ohne Frage ist die intellektuelle Reaktionsfähigkeit der Hörer sehr verschieden. Im Emek gibt es wohl den geistigsten, nachdenksainstcn Typ unter den Arbeitern, im Oalil wurde nach einem derartigen Vortrag wild Horra getanzt. Im Scharon ist mau ein bißchen oberflächlicher und leichtsinniger und denkt überhaupt nicht übermäßig gerne nach (Nähe von Tel-Awivv), und in Südjehuda gibt es einen mehr phlegmatischen und konservativen Bauerntyp. Kontakt kann der Vortragende natürlich nur bekommen, wenn er ein lebendiges Verhältnis zur Sprache hat. Einige übliche Piskussionsfragen haben sich eingewurzelt und erscheinen immer wieder: ob das 01)1״ nidre“ uralt ist, ob die jüdische Musik für den Arbeiter von 1935 noch zeitgemäß ist usw. An großer Tiefe, Sachlichkeit und Produkti'ität leiden diese Fragen nie, aber das rezeptive luteresse ist außerordentlich spontan. Zur Erkenntnis der Not- Wendigkeit musiktlienretischen Denkens muß man erst erziehen. Ueberhaupt ist die innere Verpllkhtetheit geistigen Tatsachen gegenüber merklich von der momentanen materialistischen Zeit beeinflußt. Musik wird im allgemeinen mehr als Objekt ■abendlichen Vergnügens betrachtet, man entspannt sich dabei. Schallplatten sind sehr beliebt, iu Mischmar haemek gibt cs große Plattcnbibliotheken. Man frequentiert — auch unter dem EitiflulL, konzertierender Städter, die nichts anderessÄilt der Walze..% pardon! auf de.HS Programm haben — Bacll'i Beethoven, Mozart. Die Unkenntnis ist eminent. (Mozarts ״Kleine Nachtmusik“ wird zu Tode gespielt.) Diesmal wieder Mozart im Mondschein Ein weiteres abendliches Moonlight-Konzert mit Mozart- Werken lockte diesmal das wie immer zahlreiche Publikum aur den Skopus, wo Karl Salomon mit viel Musikalität in den Händen sein kleines Kammerorchester führte. Hauptstück war diesmal das Flötenkonzert in D-dur Nr. 2 (op. 314) von Mozart, ausgezeichnet exekutiert durch Jacob S11 u - mer, der sich schon vor Monaten als vorzüglicher Kammermusiker hervorgetan hatte. — Konst gab es noch ein Andantc (für Streicher und Orgel, die immer wirksame ,,Kleine Nachtmusik“ (die in Jerusalem eins der Lieblingssfücke vieler Firn!- bis Siebenjähriger ist) und eine Reihe von Tanzweisen, — eine beschwingte, wahrhaft ״beglänzte״ Musikstunde voll Frohsinn und Reinheit. Ein neues palästinensisches Liederbuch ״Sihirej Ercz Jisrael“ von Dr. Jak oh Schönberg Wenn man das neue Buch ״Schirej Ercz Jisrael“, das der Jüdische Verlag in diesem Jahre licrausgebraciit hat, mit seinem Vorgänger, dem an gleicher Stelle im Jahre 1930 erschienenen ״Makkabi-Liederbuch“ vergleicht, so kann man einen eminenten Fortschritt konstatieren. Nicht nur, daß in das neue Buch ausschließlich hebräische Lieder aufgenommen wurden (von einer Reihe worteloser Niguniin abgesehen), während das Makkabibuch unter ca. 200 Liedern nur etwa 50 heb■■-Rehe enthielt; vor allein ist die Qualität der Lieder ungleich besser. Man kann beim Studium dieser 230 palästinensischen Arbeits-, Fest-, Landschafts- und Kinder-Lieder sowie der Lieder religiösen und patriotischen Inhalts etwa ahnen, was für ein reiches, unausgeschöpftes, eigenartiges, sich immer wieder erneuernde Volksliedgut die Juden besitzen. Dr. Jakob Schönberg, der das Buch von Berlin aus redigiert hat, konnte sich in seiner Auswahl auf einige palästinensische Mitarbeiter stützen. Daß auch nur ein kleiner Teil dieser Lieder in Lire/. Israel wirklich gesungen wird, das ist vorläufig bloß ein frommer Wunsch; man hört allerhöchstens zehn oder zwölt davon im Lande; meist nur fünf oder sechs, die gerade Mode sind und infolgedessen bis zum Ueberdruß zu hören sind und die nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Meist sind das nicht die besten, aber im allgemeinen kann mau doch sagen, daß der Geschmack sich in den letzten Jahren etwas veredelt und eine bestimmtere Richtung angenommen hat. Am interessantesten sind fraglos diejenigen Lieder, die entweder orientalischen (arabischen, jemenitischen, sefardisehen) Ursprungs sind oder diejenigen, Fei denen sich die orientalische Musik der Umwelt bereits bewußt oder an hewußt, meist du re Li Verarbeitung charakteristischer Motive und rhythmischer Eigenheiten, in der volkstümlichen Liedkomposition spiegelt. Das Orientalische äußert sich am stärksten in den Heimat- und Naturliedcrti. Hier kommt das Atmosphärische, die Musik der Landschaft, die arabische Hirtenmelodie, die hier ja überall ״in der Luft liegt“, auch die relative Unbeeinflußtheit der ostjüdischen Poaiim in den Kibbuzim und Moschawoth zum Ausdruck. Ueberhaupt scheint es schon nach dieser Liederauswahl sicher, daß das neue palästinensisch-jüdische Lied auf dem lande und aus der Arbeit heraus entstehen wird und nicht in der Stadt, die sich ja immer mehr europäischen Einflüssen zuneigt. Von Komponisten, io deren Liedern sich schon stellenweise eine auffallend besondere orientalische Prägung findet, könnte •man Gorochow, Sarah Levy, Schertok, Rabbinowitz, Sejra nennen. Zu den besten Liedern gehört fraglos ״Gamal Cimnali“ von Gorochow (leider fällt in der Notierung des Liederbuchs das charakteristische, nach h hin aufgelöste b weg, das wir von der Schallplatte her liehen!), ״Ali be’er* von Sarah Levy, ״Hcn dama“ von Schertok, ״L’moladti“ von Sejra, ״Ja’ale“ von Engel und das jemenitische ״Mali jaflm hallcjloth bich’na’an“, während Postolzkis Horra ״Kutnah, cclia“ bereits so abgesungen ist, daß man die guten, wenn auch noch lange nicht fertig ausge formten Qualitäten dieser Melodie schon kaum mehr genießen kann. Daß die eben genannten Lieder auch zu den verbreitetsten gehören, ist an und für sich noch absolut kein Beweis für ihre Güte, sondern nur dafür, daß in ihnen ein gewisser echter palästinensiscli-voikstiimlicher Ton getroffen ist. Manche Lieder dagegen haben gute Einzelheiten. ״Allej Giw’ah“ von Rabbinowitz hat z. B. einen guten Anfang, aber dann wirkt der Mittelteil so wenig überzeugend und angekiebt, daß schlieft* lieh doch keine organische Einheit entsteht. In den Lieden» von Sambürskv ist manche — zwischen Kurt Weill und der Horra gelegene — rhythmische Einzelheit, aber melodisch fehlt fast jede einprägsame Plastik. Aus anderen Gründen interessant und sehr bezeichnend sind die Arbeits- und Aufbau-Lieder der 2. Abteilung. Hier spiegeln die Texte so anschaulich das Leben und die Seelenvcriassung des Poel wieder, seine Leiden, Freuden, Selbstanstacheiimg zur Arbeit, seine Ironie und seinen Fatalismus, die Verachtung des Bürgertums und seine Gleichgiiltigkeit gegen Gesundheit, Zeit, Sauberkeit und Schönheit, daß man aus ihnen viel mehr Psychologisches erfahren kann als aus tiefgründigen theoretischen Auseinandersetzungen. Auch der Humor kommt hier zu seinem Recht; allerdings ein etwas primitiver und einseifiger und derber, aber doch einer mit viel Großzügigkeit, Rückgrat und Aufruhr gegen Konventionelles. Es fragt sich nur, ob die Melodien und Rhythmen, die aus dieser inneren Haltung hervorgegangen sind, dem entsprechen. Es scheint, als ob sie viel zahmer sind als die Texte und viel weniger Originalität enthalten. Auch bei denjenigen Liedern, die den Arbeitsrhythmus ver* wenden, ist selten eine überzeugende Form geglückt. Am wenigsten erfreulich sind die ״Lieder des L.ntliudasmus“. In ihnen ist ein überholter patriotischer Llurra-Marsch* rhythmus vorherrschend, den wir der nächsten Generation doch nicht angewöhnen oder wünschen wollen! Die Horram clodien (ohne Worte) bringen den übliehen Stoff ohne viel neue Varianten. Es sind meist orientalisch-vcrkleidetc chassidisdie Niguniin, und zwar keineswegs die besten! Von den schon öfters in anderen Sammlungen ycröffentlichten bekannten zionistischen Liedern ist nicht einzusehen, warum gerade sie ausgewählt wurden und nicht andere auch. Im übrigen fehlt viel schönes orientalisches Material, das im Lande gesungen wird. Die jedem Lied beigegebenm Vokabeln enthalten teilweise Uebcrfliissiges. Manchmal sind Fehler passiert, so z. B., wenn ״Chamizah“ mit ״Tomateiisunpe“ statt mit Rote Rübensuppe“ (ßorscht) übersetzt wird usw. — Die Notierung der Lieder ist meist sauber und die Bearbeitungen sind erträglich. Zu bedauern ist das Fehlen der Quellenangaben (frühere Sammlungen, Manuskripte, mündliche Ucbcrlieferung). Im ganzen ist hier ein wertvolles Hilfsmittel für Schulen und Jugendbünde geschaffen, und selbst der Musiker wird darin manches Anregende finden. Neue Schallplatte!! aus Palästina ״Hai ei 10t B i k n a a n“ (jemenitisch); ״Jad Anuga" (iiebr. Liebeslied), Columbia ITC 254; ״P a k a d Adonai“ (jemenitisch); ״Bein N e h a r P r a t“ (palästinensisches Volkslied), Columbia l)C 255, gesungen von Solomon Kugel, arrangiert von S. Almanii. Wann wird endlich die Zeit kommen, in der die großen Platteiifirmen es wagen werden, gegen den Geschmack des Publikums unbearbeitete, unbcgleitete jüdische Lieder aufzunehmen! Der erste Versuch würde gleich davon überzeugen, wieviel reiner und originaler die melodische Linie in Wirklichkeit ist und wieviel Ehrlichkeit und Kraft des volkstümlichen Materials selbst durch hochwertigste Arrangcments verloren geht. Solomon Kugel bringt Synkopisches und Herb-Lyrisches der jemenitischen Gesänge mit seiner schönen, tragkräftigen Tcnorstimme gewiß temperamentvoll und mit zarter Empfindüng heraus, aber seine in Europa gebildete Gesangskultur in Verbindung mit Samuel Alma uns zwar geschmackvoller und zurückhaltender Begleitung machen diese Lieder doch wieder zu einer Vortragsangelegeniieit für europäisches Konzertpublikurn. — Die beiden anderen Lieder sind recht dürftig in der Erfindung. Abessinische Aufnahmen. Von der abessiiiischcn Musik kann man mit Recht sagen, daß sich in ihr ein Stück alter Orient ganz rein erhalten hat. Das gilt sogar von den religiösen Volkslieder« der abessinischen Christen, deren folgende zwei besondere eharakteristisch sind: ״Mensgana“ (Odeon A 89 901 a), Sänger: Tessema Echente; ״Zalasinja“ (Odeon A 89901 b), Sänger: Tessema Echente. Als Merkmale ursprünglichen orientalischen Gesanges finden wir hier die eigentümliche Atemtechuik, die immer da einset/.t, wo ein Druck auf das Empfind ungsleben ausgeübt wird. Dadurch entsteht etwas Gepreßtes, Kehliges beim Singen. ״Mensgana“ beginnt mit einer zart-figurierten Einleitung durch die Flöte, die im Verlauf des Liedes auch Intermezzo* artig und dann nochmal solistisch als Schluß Verwendung findet. Diese Begleitung tritt in it äußerster Delikatesse, nur andeutungsweise auf. Sie harmoniert zu dem ornamentierten Sologesang, der durch eine charakteristisch in die tiefe Stimmlage abfallende Melodieschlinge auffällt. ״Zalasinja“ ist monotoner, ohne Begleitung und noch reiner und plastischer in der Form. Es ist ein richtiges Lied, wenngleich die Struktur vielleicht nur dem Kenner als solche ganz klar werden kann. Mit Intensität wird eine aus vielen kurzen Perioden bestehende Strophe unendlich oft wiederholt. ״Mensgana“ ist ein patriotischer Gesang, während ״Zala* sinja“ religiösen Inhalts ist. ״ZUllm“. Die hebräische Kindermusikzeitschrift ״Zlilire“ (״Klänge“) erscheint jetzt gedruckt. Das erste Heft des neuen Jahrgangs enthält eine Bach-Biographie (mit Bild), die Orpheus-Legende, Geschichte von einer ״Geheimsprache‘* (Musik-TerminoIogie) usw. Redakteurin: Jochebed Dostrowsky, Jerusalem-Rcchawja. (Schluß des Pal&stina-Teils)

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