Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 79 (1.10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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jüdische Rundschau Seife 8 n».. Nr. 79, 1. X. 1935 Wie gestalte ich den Scliabbat? BRIEFE AN DIE REDAKTION Für Schabbat, 5. Oktober Wochenabschnitt ״Haailnu" (5. B. M , Kap. 32.) Die Tage zwischen Rose 11 llaschanah und Jom Kippur heißen bekanntlich: ״asseret jme hatesclmwa". Der Schabbat,der in diese Woche füllt, heißt: Schabbat schuwa. Es ist ein alter jüdischer Brauch, daß an diesem Schabhat die Rabbinen vor der jüdischen Oeffentlichkeit über den Sinn der teschuwa sprechen und ,,mussar“ sagen. Unter ״mussar“ versteht man eine Art Moralphilosophie, die noch heute insbesondere an vielen litauischen Hochschulen gepflegt wird. Eines der bekanntesten Mussarlutclter ist: Der Weg der Frommen von M. Cb. Euzatto. Es eignet sich sehr gut zur gemeinsamen Lektüre, Ferner sind heran/iiziehen die hilchotli teschuwa des Mai in oni des, übersetzt erschienen unter dem Titel: Rückkehr. Da findet sich eine systematische und umfassende Darstellung über alle Probleme, die mit dem Gedanken der Umkehr verbunden sind. Zum Vorlesen eignen sich auf diesem Oncg Scliabbat insbesondere die unter dem Titel: ״Von der Umkehr“ gesammelten Geschichten aus: ״Die chassidischen Bücher'• von Martin Buber (S. 029 037). Als Haftarah wird Hosea, Kap. 14, 2—10; Micha 7, 18—20, gelesen. Sie beginnt mit dem Aufruf: schuwa jisracl. I. E. Vom Feste der Versöhnung Wir set/en an diesem Scliabbat unsere Unterhaltung über die Feiertage fort. Diesmal sprechen wir vom Sinn des Vers.'ilminigsfestes und den Brauchen, die in ihm zum Aus- ■druck kommen. Auch hier erweist .sich uns das Finführungsbuch von Leo Hirsch ״Praktische Judentumskumle“ (S. 130 ff.) als sehr brauchbar. Wir ziehe״ auch den Abschnitt ״Jom Kippur" im Jüdischen I exikon heran. Fragen wir uns zuerst nach dem Sinn des Jom-Kippur* Festes, so stellen wir fest, daß sein Grundgedanke die innere Einkehr, die seelische Läuterung und die Erncucrung iles religiös-sittlichen Lebens ist. Obwohl der Jom Kippur, der Tag der Sündenvergebung, ein rein religiöses Gepräge hat, steht auch liier das s o z i a 1 - e t h i s c 11 e Element im Vordergrund. Daher haben unsere Alten mit Recht daran! hiiigewiesen (Misdina Joma 89 ״), daß zwar der Jom Kippur du־ Verfehlungen des Menschen Gott gegenüber snhnl, dagegen Sulun er nicht die Sünden des Mensehen seinen Mitmenschen gegenüber, es sei denn, er hat sich zuvor mit ihnen versöhnt. — Fs lassen sich hier einige Bemeikimgen über das hohe soziale Ethos des Versälmungsfestcs, über den Gedanken der Versöhnung der Menschen untereinander, die die Voraussetzung für die Versöhnung mit Gott Di, ankni!pfe!1 und ein Uebergang zu den Sitten und Brauchen, die ihren Niederschlag in der heutigen Feier des Festes gefunden haben, ist zu finden. Nelien der I in kehr, die höchste seelische Konzentration verlangt, sind Mildtätigkeit, Gebete und Fasten die Hauptkeimzeichen dieses hohen Festtages. Jom Kippur ist der Tag des lang ausgedehnten Gottesdienstes. Wir wissen, daß schon in alter Zeit die Gemeinde den ganzen Tag über im Gebete verharrt hat. Eines der wichtigsten Gebete des Tages ist das Sündenbekeiintnis, das in tiefster Zerknirschung gesagt wird. — Durch die Enthaltung von allerlei Genüssen des Lebens, durch Fasten und Kasteiung des Leibes wird eine reinere Atmosphäre erzeugt und die Demütigung der Seele herbeigeführt. — Wir unterhalten uns im Anschluß daran über das Wesen und den Ursprung des Fastens. 111 alter Zeit, wissen wir, war Fasten des Einzelnen üblich, wenn er selbst oder seine Familie Trauer hatten oder in Not gerieten. Man vmdeiche hierzu die biblischen Stellen in I, Sam. 31, 13; 11'. Sam. 1, 12; 12, 16 f.; I. Kön. 21,27. In Zeiten allgemeiner Not wie der Mißernte, der Pest, Heuschrcckeiipluge, Kriegsgefahr tisw. finden wir auch ein Fasten des gesamten Volkes (Hier der Demeimie, so u. a. Jerem. 36,6 lisv. und Mischim Taanit 1, ■I; IV', 1 ff. — Von regelmäßig wiederkeliremlcn Fasttagen spricht Sacharja 7. 5 und 8, 19. Dennoch sollte der Jom Kippur kein Tag der allgemeinen Trauer und des diotcrcti Gepräges werden. Fr war und ist ein Festtag, ein Tag 11er Freude über die dem Menschen erwiesene Gnade Gottes, ein Tag des Er hiirt werden, der Gottesnahe, der Zuversicht und der inneren Aethiopien in der jüdisdien Legende Haifa, 21. Sept. 1935 Redaktion der ,.Jüd. Rundsch.“ Ich nehme Bezug auf Ihre Notiz ״Aethiopien in der jiidisrhen Legende“ in der Ausgäbe vom 13. 9. und mochte folgendes dazu bemerken: In Exodus, Kapitel 12, Vers 1, heißt es: ״lad Mirjam 111k! Aron . redeten wider Moses um seines Weibes willen, der Mohrin, die er gcnomnieit hatte, darum, daß er eine Mahiin zum Weibe genommen hatte“. Das Weib war Zippora, die Tochter des Frieders Jitro in Midjim. bei dem Moses nach seiner Khieht aus Aegypten blieb. Mo>os* Schwiegervater, (irr IFohcpriedcr von Midjan, gehörte somit der schwarzen Rasse an. Aber dieser schwanr• häutige Priester war schon ein Anbeter des Einen C.olles, der spater im er^cn der Zehn Gc* Bote verkündet wurde. Auch ini Koian ist Jitro als Prophet Allahs, ako des Einen Gottes, erwähnt. Dort heißt es: ,,Und zu Midjan entsandten wir ihren Bruder Schuchnib (der ara* bische Name für Jitro). Er sjuarh: ,O, mrin Volk, dient Allah, ihr habt keinen Gott außer ihm. Lauert nicht an je* dem Wog, um die. die an ihn glauben, zu bedrohen und von ihm abspenstig zu machen, und krümmt ihnen kein Haar. Und wenn mir ein Teil von euch an das glaubt, mit dem icn zu euch gesandt hin, ein Teil aber nicht, so wartet, bis Allah zwischen uns richtet, er ist der beste Richter1. Die Anführer der I loffä!tigen entgegneten: ,Sehu* chaib, wir werden dich mitsamt den Gläubigen, die dir anhangen, aus unseren Ortsuhahen verjagen, es sei denn, ihr kehrt zu unserer Religion zurück‘. Darauf erwiderte Sein, daib: ,Sollet! wir tai eurer Religion auch dann zurückhehrcn, wenn sie uns ein Greuel ist? Das wäre ja ein lügenhaftes Verhalten gegen Allah, der uns gerade von eurer Rcügim errettet hat. Wir kehren nicht zurück‘. Da sprachen die Anführet der Ungläubigen zum Volke: ,Wenn ihr Schuchaib folgt, dann seid ihr verl >rcn*. Aber siche, es erfolgte ein Erdbeben, und an! Morgen lagen sie unter ihren HamOnimnu’rn auf ihren Brüsten. Die Sehuchni!) der Lüge geziehen!satten, waren verloren. Schuchnib aber wandte sieh ab mit den Worten: ,.O, Volk, ich bestellte euch «len Auftrag meines Herrn und riet euch gut. Aber lim ein tmgläubiges Volk vermag ich mich nicht weiter zu bekümmern.“ Wer war dieser Priester Jitro oder Schuchnib, der den Linen Gott predigte? Dem interessanten Buche ..Die großen Eingeweihten“ von Schürf entnehme ich dazu folgendos: Jenseits vom Roten Meer und der sinaitbchen Halbinsel, in dem Land Midjan, stand ein Tempel, der von der ägvptisehen Gebdichkeit nicht abhängig war. Dieser Tempel war dem Osiris geweiht, aber man betete dort auch den hochsteil Gott an unter dem Namen Klohim. Denn dieses Heiligtum ä t h i o p i s c 11 e r Abkunft diente als religiöser Mittelpunkt den Arabern, den Semiten und den Menschen schwarzer Rasse, welche die Einweihung suchten. So waren schon seit Jahrhundcrten der Sinai und der Horch der mystische Mi'udpunk! eines monotheistischen Kultes. Nach diesem Orte flüchtete Yosarsiph (Moses). Der Hohepriester von Midjan oder der Raguel (Aufseher Gottes) hieß damals Jetro. Er war ein Mann von schwarzer Farbe. Er gehörte zum reinsten Typus der uralten äthiopisch e n Kiuxr. die vier- oder fünftausend Jahre vor Ramses über Aegypten gcherrscht und ihre bis zu den ältesten Zeiten hinabreichenden Ueheilielerungcn nicht verloren hatte. Jitro war ein großer W eiser. In seinem Gedächtnis TcUAwiw, im September Sehr geehrte Redaktion! Die Kibbuzim werden von der großen Besucherzahl übcilaMet, Ich mache den Kibbuzim den Vorschlag, die Besucher auch zu ihren Gunsten;mounu!/en. jeder Chawer erhält acht Tage Ferien im Jahr und etwas Geld während dieser Zeit, das kaum ausreicht, um wirklich etwas mit den Ferien anzufangen. Die Kibbuzim sollten ein Gästebuch anlegcn und die Gäste, die ein paar Tage Gastfreundschaft im Kibbuz genießen, bitten, sich einzutragen, mit voller Adresse, und dabei notieren, ob sic nicht wie in den steinernen Bibüothcken seines Tempels waren Schätze der Wissenschaft aufgehäuft. Und dann war er der Beschützer der Männer der Wüste, der nomadisierenden Lyhier, Araber, Semiten, Diese Wanderer mit ihrem Unbestimmten Streben zum einzigen Gott stellten etwas unveränder- Hohes dar inmitten der vorübergehenden Kulte und dem Zusanjmenbmcb der Zivilisation. Jitro war der geistige Vater dieser Unlenksamcn, dieser Wanderer. Als Yosarsiph (Moses) im Namen des Osiris ־= Elobim eine Zufluchtsstätte bei ihm suchte, empfing er ihn mit offenon Armen. Vielleicht erriet er sogleich in diesem Flüchtling den zum Propheten der Vctbannten, zum Führer des Volkos Gottes vorherbestimmten Mann. Dr. Siegfried W o 1 ff, Haifa für ein bis zwei Nächte einen jungen oder ein Mädel aufnchmm können. So kann der Kibbiiz allmählich Adressen von der ganzen Welt sammeln und der Chawer, der Ferien bekommt, sucht sich die passenden .Adressen von den Orten, die er gerne besuchen möchte, und kann so mit seinem wen!- gen Geld doch eine kleine Reise unternehmen. Außerdem fühlen sich dann die Gäste ־nicht so als Schmarotzer des Kibbuz. Auch für andere Zwecke kann es für den Kibbuz von Vorteil sein, auch außerhalb mit Freunden in Verbindung zu stehen. Io 11 e B o r c h a r (11 Besuch in Kibbuzim Seelenfreude. Zum Zeichen dafür kleidete man sich schon in alter Zeit in weiße Gewänder als Symbol der Reinheit. Der Talmud (Taanit 26a) weiß zu berichten: ״Israel hatte keine tröhlicheren Tage als am 15. Ab und am Versöhnungstagc; an diesen pflegten die Jerusalerniterinnen in geborgten weißen Gewändern auszugehen, um nicht die zu beschämen, die keine haften.“ Auch hier bemerken wir ein stark ausgeprägtes Gemeinschaftsbewußtsein, wobei Reich und Arm in denselben festlich-schlichten Kleidern erschienen, die man voneinander geliehen hatte. Fiir die Alten hatte Jom Kippur noch eine weitere hohe Bedeutung. Nach der Uebcrlieferung soll Gott an diesem Tage an Moses die zweiten Gesetzestafeln gegeben (Taanit 30b) und sich mit Israel wegen der Sünde des goldenen Kalbes versöhnt haben. Eine anschließende Talmudstelle berichtet: ״Einst wird Gott, gebenedeict sei Er, im Garten Eden einen Reigentanz für die Frommen_ machen. Während er in ihrer Mitte sitzen wird, wird ein jeder auf ihn mit dem Finger zeigen und sagen: Siehe, da ist unser Gott, von dem wir hofften, daß er uns erlösen und helfen wird...“ J. M. Das neueste Heft der ״Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland“ enthält wieder eine Reihe interessantcr Aufsätze. An erster Stelle zu nennen ist eine Auseinandersctzung, die Raphael Straus mit dem Buch von Wilhelm Grau ״Antisemitismus im Mittelalter“ vornimmt. Auch die übrigen Beiträge über spezielle historische Fragen sind sehr aufschlußreich fiir die Erkenntnis jüdischen Lebens innerhalb des deutschen Kulturkreises. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 1. Oktober: Kaltmdbor15 .(1261) ״: U. a. Josef und seine Brüder von Mchul; 15.50: U. a. Mendelssohn. — Slraßburg (349), 20.30: U. a. Milliaud. — Hilversum II (302), 21.40: U.a. Weinbergen — Rom (421), 22: U. a. Castelnouvo Tedesca. Mittwoch, 2. Oktober: Luxemburg (1304). 13.55: U. a. Offcnbadi — Warschau (1345), 12.30: U. a. Rubiiistein. — Hilversum X (1875), 15.40: U. a. Castelmiovo Tedesco. — Luxemburg (1304jy 21.45: IT. a. Jehudi Menubin. Donnerstag, 3. Oktober: Luxemburg (1304)12 ״: U. a. M״..d;׳>xv-ki; 13.55: Schallplatlen, u. a, Broublaw Hubennann, Jehudi M(ä)Ubin. — Wien (507), 14: Sehallplatten: Emamicl Feuermann. — Prag (470), 16.10: U. a. Offenbach. — Mährisch-Ostrau (270), 18.05: U. a. Mendelssohn. — Hilversum II (302), 19.55: Konzert unter Leitung von Bruno Waller. — Luxemburg (1304), 21 und 22: Max Raytner singt Lieder und Arien. Freitag, 4. Oktober: Prag (470), 12.35: U. a. Rubinstein. Luxemburg (1304), 20.10: tl. a. Moszkowski; 21.10: U. a. Mendelssohn. Meyerbeer. — Preßburg (299), 20.40: Daphnis und Cldoe, von Offenbach. Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk auf F5hr gehört zu den wenigen Krholungsställen für Kinder und weibliche Jugendlidie, die das ganze Jahr über geöffnet sind. Es ist zur Aufnahme von Kindern mit Erkrankung der Atrnungsorgane oder solchen, deren Allgcmeinrustand einer Kräftigung bedarf, bestimmt. Von der Aufnahme ausgeschlossen sind: an Lungentuberkulose und anderen ansterkenden Krnnkhciicn leidende Kinder. Anmeldestelle: Jüdischer Frauenbund, Berlin-Chnrlottcnburg, Kantstr. 158. ״Hai» keine Sorg(•, Almer“, — eilen die Burschen des ״Stabs“ auf ihn zu. 11(1״ ha-t heule etwas (in,lies getan, Almer“ .— drücken sie ihm heftig die 11.11 n 1 —, ״wenn du nur ein wenig später gekommen vo:ir-t, war »•s um Benjamin geschehen gewesen.“ Es war bereitdi׳• Stunde der Dämmerung, als Almer mit den \ erwmiidf'len im Aulo nach Tetira gebracht wurde. Das Auto wurde auf «len I nehenlieilen des \\ eges hin- und 11ergeschüttelt, es 1111|1ie u,r einer Kl<׳inviehl1('rd«\ vor einer Kamelkarawane, die den M eg in ihrer Verwirrung sperrte. Beim Hupen des Aldos srlmellten ihre Hälse in die Höne, sic vergaben ihre gewohnte Karawanenordnung׳, gerieten durcheinander, und ihre Ladung timzelte auf dem Rücken. Dunkelheil war cingrtrelrn, und die Feuchtigkeit des Üedlands hatte Abu er, der müde in der Ecke des Autos sali, oingrlmllt, Die Strahlenhündel der Autolaternen beleuchteten die Ränder der Finsternis: ein dunkles llaus, ein von allen Seiten geschlossenes schwarzes ZelL ... Beide Parteien suchten den mißlichen Vorfall zu verwischen, aber die Sache zog sich b;״. Man erwartete Nachrichten aus dein Krankenhaus über das Befinden der Vcrwundeli it, ob sie sielt allmählich erholten, und ob sie ohne ernstliebe Schäden davongekoiimien seien. Inzwischen saß Abtier irn Gefängnis, das täglich Verbrecher sammelte. ״Blut und Finsternis!“ — denkt Almer beim Anblick dieser Menschen. Mit ruhiger Seele trugen diese Menschen ihre Schuld, ohne jedes Heuegefiihl tiltcr ihre Taten und ohne sich gegen die Strafe attfztilehnen. die ihnen anferlegt wurde. Sie hatten ihre Taten vollbracht, wie es ihnen ihr Trieb eingegoben hatte: trie- Im11־ die, Kuh fort, steckten die Tenne in Brand, stachen mit dein Messer oder plünderten, um Beule zu marlien oder Rache zu üben. Das Oedland halle ihnen diese .Moral eingepflanzt. Ein Gefangener trat zu ihm heran, der bereits zwei Jahre gefangen saß. Er setzte sich neben Abner und eröffnete ihm heimlich: ״Morgen werde ich froigelnssen....“ In seinem vernarbten Gesicht leuchtete Sehnsucht, ein aufmerksames Ohr, ein offenes Menschenherz zu finden, das in den letzten Stunden der Gefangensthaft teiJnehme an der Sehnsucht, die sein Herz nach dem Felde, der Frau und dem Misthaufen des Dorfes erfüllle. Morgen wird er in sein Dorf im Stillen zurückkehren, in seine Lehtnhflhlc. Zwei volle Jahre hatte er sein Feld nicht mehr gesehen und eine in schnsiichtiger Unwissenheit vergehende Seele, spricht mit menschlichen Worten über die wärmende Sonne, den Mittagswind, den Freundeskreis der DorHeute, wenn sie abends im Halbrund dasitzen. All dem gpgenüljer fühlte sich Abner wie geisteskrank. Einen Augenblick lang ergriff ihn Ekel vor dem Abgrund, in den er gefallen war. Er tröstete sich selbst damit, daß er eine Heldentat vollbracht habe, richtete sich mit dem Gedanken auf, daß er für seinen Kameraden sein Loben aufs Spiel gesetzt habe. Aber dann packte ihn wieder die niederschlagende Erkenntnis, daß er sich durch seine Tat mit den dunklen Geschchnissen des Oedlands gemein gemacht habe, und es schien ihm, daß die Hand, die den Schlag versetzt hatte, sich niemals mehr von dem Flecken reinigen könne, mit dem sie bedeckt ist. Es schien ihm, daß ihn weder Zeit noch Wasser abspülen könne. Von rinn an wird auch er in den Blutreigen des Oedlands mit hineingezogen sein, zwischen ihm und dem Sohn des Oedlands kein Unterschied sein. Beide befinden sich jenseits der Scheidewand, die zwischen ihnen und der schuldlosen Welt steht. Die Zauberkünste des Oedlands hatten ihn verlockt, und er war gegen sie ausgezogen: er wollte mit dem listigen Scheich des Dorfes listig, mit dem Mörder Chassan ein Totschläger sein; er wollte mit Chassan zusammen eingesperrt und zu jener Kategorie von Verbrechern gehören, die das in dem dünnen Stab des Leutnants Harris verborgene Gesetz trifft. Auch er, Abner, war gegenülier dem ruhigen Herrscher, der immer ein Weißer bleibt, zu einem Dimkelnäutigen geworden. Bitterkeit und Niedergeschlagenheit Oberkanten Almers Geist. Es schien ihm, wie wenn sich ein Abgrund zu seinen Füßen öffnete. Dieses Mal war es nur ein stumpfer Schlag, aller morgen wird er auch ein Schwert in die Hand nehmen, und im Laufe der Zeit wird er in diesen Bhrtlanz mit hineingerissen, als Sieger oder Besiegter, wie cs bei jeder Schlachtfront zu geschehen pflegt. Aber das Schicksal des Werkes wird in dieser Schlachtfront entschieden werden. Da fühlte Abner, daß das Werk ihm als einziger Glaube ans Leben teuer geworden war. Zugleich mit dem Werk würde auch er fallen. In der Finsternis und Feuchtigkeit des Gefängnisses stärkte sich sein Geist. Ern Manu des Kampfes ist er, und auch weiterhin wird er überall mit dem Oedland den Kampf aufnehmen, denn es ist der Kampf seines Lebens. Als ihm dies klar wurde, fühlte er weder die Niedergeschlagen heit, noch die Schande des Gefängnisses mehr. Bei allem Durst nach Freiheit und Sonne wußte er, daß er nach dem Verlassen des Gefängnisses ein Mann des Kampfes bleiben würde. Dieser Kampf wird von ihm fordern, auf den gekrümmten Pfaden des Oedlands zu gehen, auf den alten Pfaden der List und Vorsicht, der Rache und des Hinterhalts zu irren. Denn getreue Arbeit, Zement und Eisen allein gentigen hier nicht. Nach einer Haft von zwei Wochen wurde Abner freigelassen, nachdem das Gericht sich überzeugt hatte, daß der Vorfall infolge eines Mißverständnisses geschehen war und auch seine Folgen nicht schwer waren, da die beiden Yerwuiv deten ihrer Wiederherstellung entgegengingen. Als Abner das Gefängnis verließ, nahm er erschütternde Bilder menschlicher Aufwühlung und die feste Ueberzeugung mit, daß sein Schicksal an diese Aufwühlung auf Leben und Tod geknüpft sei. 9. KAPITEL Dio ״Oedlandskompanie“ der von seinem kahlen Berg, der von seinem aschgrauen Dorf, und allen stand der verzweifelte Lebenskampf des Ocdlandsmenselten im Gesicht, eingegraben. Das war ein Ueberrcst, der ruhelos auf Wegen und Stegen wanderte, und der, äußerst genügsam, wenn der Hunger drängte, seine Fähigkeit zur Arbeit um ein Stück Brot zu verkaufen bereit war. Unter ihnen gab es solche, deren Dorf völlig verarmt war. Die Dürre halte noch sein Ende beschleunigt. Seine wenigen Bewohner waren von den mit Abfall angefüllten Märkten der orientalischen Stadt aufgesogen worden, und nur einor oder zwei waren zufällig durch Raschid gesammelt worden. Sie hatten scheue, bedrückte Gesichter und ihre Hände waren trocken und sauber wie der Boden des Oedlands, in dem sie seit ihrer Jugend gewühlt halten. Die Fläche ihres Feldes war zu gering, um die ganze Familie zu ernähren, und so wurden sie von dem Werk verschluckt. (Fortsetzung folgt}