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Jüdische Rundschau · 1935-09-27 · Heft 78 (27.9.1935) · page 18

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 78 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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8 ו *>♦!«$ JÜDISCHE RUNDSCHAU Nf. 78, 27. IX. 1935 bestand und — trotz Hunger, Fieber, Enttäuschungen, schlechter Verwaltung, übermäßigem Menschen verbrauch — Zufriedenheit. Man wußte, wozu man arbeitete und sich plagte. Weil man das wußte, legte man ein so entscheidendes Gewicht auf ״die palästinensische Wirklichkeit“, worunter man jene besondere Atmosphäre verstand, die sich aus der «ngeri Verbundenheit der ersten Trupps und ihren schweren lebensbedingungen ergab. Kritik von Neuen wurde mit einer Handbewegung beiseite geschoben (auch oft, wo sie bcrech- •i&l war). Wer mitarbeiten, mitleben und vor allem mitreden wollte, mußte mit Flaut und Haar dazugehören. Und dieses Leben, mit seiner Enge und Unzulänglichkeit, hatte auch einen gewissen Stil (wenn auch, oft übersehen wurde, daß Stil noch nicht darin besteht, bis zum Umfallen Florrah zu tanzen und lurze Hosen zu tragen). Neben der heroischen Tendenz und der — fast übertriebenen — Hingabe an das Gemeinwohl, batte diese frühere Siedlung eine selbstverständliche Integrität. Diebstahl, Betrügereien um Geld, Bestechlich- Feit waren absolut in! bekannte Dinge. Wer kannte noch vor 2ehn Jahren in Tel-Awiw Sicherheitsschlösser?... Dia Gegenwart Der Hinweis auf die ״palästinensische Wirklichkeit“ der früheren Periode bedeutete die Aufforderung, sich mit Entbchrungen, harter Arbeit, Mangel und Krankheit um einer Sache, einer Aufgabe willen, abzufinden. Der Hinweis auf die ״palästinensische Wirklichkeit“ ist heute vielfach ein Achselzucken, das sich mit allerhand Mißstiinden abfindet, die min einmal da sind und die man in vollem Mißverständnis der Sachlage als p a I;1 s t i 11 c n s i s e 11 bezeichnet. Aber wehe tins, wenn sie wirklich palästinensisch sind oder palästinensisclt werden sollten! Was ist geschehen? .- Wenn man es einmal kraß und einseifig formulieren soll, muß mau :eigen: ״Der Zionismus hat Erfolg gehabt.“ Einen überwältigenden Erfolg, wie ihn auch die Zionisten in der Bewegung nie für möglich gehalten hätten. Und die streng fordernde Haltung des Kolon isationslandcs, dessen Siedler ttir eine Sache kämpften, droht in dem Strom einer Masserteinwamlerung, in der in großer Zahl die Profit- Jäger, die Stellensudier, die Ziellosen mitschwiimncn, zu ertrinken. Ein nah er Neuankömmling hat neulich gesagt: ״Wenn man noch in der Ciaiuth ist, möchte man alles darum gehen, nach Palästina /u kommen; und wenn man erst einmal hier ist, möchte man am liebsten wieder zurück.“ So falsch, wie dieses Urteil in seiner Verallgemeinerung ist, es steckt doch ein tiefer Kern Wahrheit dann. 111 den letzten Jahren wurde das Ausland mit sich überbauenden Schilderungen von dem glücklichen Palästina iibcrflutet. Die Schwierigkeiten, die Tatsache, daß Palästina noch heute ein Kokmi-ationslaud ist, das Siedler verlangt und nicht (ihieksjäger, die leicht zu Geld kommen wollen, wurde dabei nur nebenbei erwähnt und von der erlosungsseliHMiclitigen Menge übersehen oder sofort wieder vergessen. Wenn sich dann bei der Uebersiedlung die palästinensische Wirklichkeit, die für die Menge auch heute noch hart ist, vor ihnen ausbreitete, so kam die große Enttau sehung, fast ein Gefühl des Betrogenseins. Und wenn Heute von einer Auslese im strikten Sinne des Wortes bei einer Einwanderung von vielen Zehntausenden im Jahre naturgemäß nicht mehr die Rede sein kann, so werden bei diesem Sturz des Gefühls, den die Massen durchleben, alle alten Begriffe und alle Schranken niedergebrochen. Das Resultat ist das Durcheinander, das man heute in den Straßen von Tel- Awiw und in den Köpfen seiner Bewohner mit einigem Schrecken konstatieren kann. Die Atmosphäre des Erfolges Erfolg, schneller, überraschender, wie vom Himmel gefallener Erfolg schafft keine gute Atmosphäre für Forderungen der Gemeinschaft, für Rücksichtnahme, für Beschränklingen des Ein/clnen im allgemeinen Interesse. Massen ver-!tinder!! entsprechende Selektion, entsprechende Erziehung. Sie ändern die geistige Luft. Es ist auch fiir den mittelmäßigen Typus noch möglich, sich zu einer höheren Warte aufzu- ‘schwingen, wenn er seine ganze Umgebung in einem großen Werk begriffen sieht, das Anspannung aller Kräfte verlangt, aber dafür innere Sicherheit verleiht; aber es ist auch für einen relativ guten Typus schwer, der Linie des größeren Widerstandes zu folgen, wenn er rund um sich Tausende nur dem Verdienst des Tages nach jagen sieht. Die Wirkung des verschiedenen Milieus sieht man deutlich innerhalb der verschiedenen palästinensischen Umgebungen. Eine Jugend, die im ״Hechaluz“ erzogen ist und eine der landwirtschaftlichen Siedlungen als ihr Ziel vor sich sieht, reagiert ablehnend gegen die Ideale des städtischen Kleinbürgertums und folgt noch heule, gestützt durch eine spezifisch geartete Umgebung mit der ihr entsprechenden Ideologie, eher dem Dienst der Sache als dem eigenen Vorteil. Teile der Arbeiterschaft wieder — und zwar gerade aus den gehobenen Schichten —, die mit allem Behagen im Strom der Prosperity schwimmen, liefern mit das Material für eine Gesellschaft des beschränkten Eigennutzes und der Herabsetzung des allgemeinen geistigen und sittlichen Standards. Mangel an Kritik Liegt so einer der zentralen Gründe für die Verbreitung der Goldgräbermentalität, wie man die gegenwärtige Stimmung im Lande nennen könnte, in der Masseneinwanderung, in der überraschenden Expansion, so liegt ein zweiter in einem unbedenklichen, kritiklosen, selbstgefälligen Nationalismus. Die eigenen Führer und eine endlose Zahl von ausländischen Besuchern hat den sich neu in Palästina sammelnden Juden- Palästina-Transporte in Lift* und Sammelladungen / Fachgemäße Verpackung mtm fcnif UBBV internationale MhVKKI nBNA Spedition Frankfurt a. N.« Gutleutstr. 31 massen so oft Schmeicheleien gesagt — die noch dazu oft genug berechtigt waren —, daß man sich heute immer wieder sagt, wie herrlich weit man es doch gebracht habe, anstatt zu verstehen, daß mit der Expansion des Palästina- Werkes vor allem die Aufgaben in eminentem Maße gewachsen sind. Der Galuthjudc, der sich häufig seines Judeseins schämte, hat hier sehr bald ins Gegenteil um- Zuschlägen gelernt. Er ist nicht mehr weit davon, zu glauben, daß alles Jüdische eo ipso gut sein müsse, er berauscht sich an der ״ersten jüdischen Badewanne“ und der ״ersten jüdischen Rasierklinge“ ebenso wie an den nicht endenwollenden Festen des letzten Winters, die von Anfang bis zu Ende die nationale Sache durch eine wogende Redeflut wälzten. Es liegt in dieser Welle eine verständliche Kompensation für jahrhundcrtclange Bedrückung, ein Bedürfnis, sich einmal ohne alle Hemmungen frei zu fühlen, sich ohne Rücksichtnahme und Vorsicht ausleben zu können. Man fühlt sich sozusagen endlich einmal als Herr der Situation. Aus dieser Empfindung, die eng mit dem zusanimenhängt, was wir vorher als Erfolg skizz.icrt haben, stammt das überlaute Wesen, das heute die Stadt charakterisiert, stammt die Geneigtheit, dreinzuhauen, wo es nötig und vor allem, wo es unnötig und schädlich ist, folgt eine gewisse Verrohung der Sitten. Und wenn zwei Kutscher, die mit ihren Wagen ineinandergefahren sind, anstatt einem gestürzten Tier aufzuhelfen, lieber mit den Fäusten aufein• ander losgehen, so wird es auch verständlich, daß man gegenüber dem Araber in Tel-Awiw in den letzten Wochen immer wieder zu Prügeln gegriffen hat, so daß die arabische Presse Stoff für eine Hetzpropaganda erhielt. Abwehr tut not! Sehr abgewogene und geduldige Geister, die der Ansicht, daß es sich um eine Kompensationserscheinung gegenüber der gedrückten Lage der Juden in der Galuth handelt, zustimmeo, sind geneigt zu schweigen, abzuwarten, sich auf ״das Rückschwingen des Pendels“, das wieder zu einer Reaktion in der entgegengesetzten Richtung führen muß, zu verlassen. Wieder andere meinen, daß die Krise, die ja doch — Gott behüte! — einmal ein setzen muß, eine gewisse reinigende Wirkung in jeder Beziehung haben würde. Uns scheint derartiger Gleichmut zu gleichmütig, und ein Mittel wie eine Krise viel 73X drastisch. Man kann sich auch nicht damit begnügen, die! Gründe für die negativen Erscheinungen der Prosperity zu! verstehen und sich mit diesem Verständnis zufrieden zu geben. Es ist Gefahr im Verzüge! Wenn es sich nur darum handelt, daß sich neben der Siedlung eine Neigung zur Gold״ gräberei äußerte, so könnte man sich vielleicht — vielleicht! —׳ noch damit abfinden. Wenn jedoch die Gefahr besteht, daß di« Mentalität der Goldgriiberei die Mentalität der Siedlung über« wuchert, dann ist es Zeit, daß alle Anhänger der Siedlung, mit allem, was sie repräsentieren, sich zur Verteidigung sammeln. Das Ziel unserer Arbeit Kolonisation und Goldgräberei sind häufig miteinander verbunden gewesen. Landstrecken, die zuerst die Goldgräber anzogen, wurden später Siedlungsland, und Siedlungsgegenden sind gelegentlich in Gold gräberlager umgewandelt worden. Die palästinensische Siedlung jedoch ist ein Sonderfall in der Geschichte, ebenso wie die jüdische Historie da Sonderfall des Weltgeschehens war. Mit der Besiedlung Pa״ lästinas sollte eine Renaissance des jüdischen Vol« kes Hand in Hand gehen. Diese Renaissance sollte das beste Resultat der Kolonisation sein. Aus den ersten schwachen und verzweifelten Versuchen der ersten Pioniere erwächst heute ein großes Werk, das den Charakter unserer Arbeit von Grund aus ändert. Aus dem Traumland von Einzelnem wird ein Asyl für Massen. Und niemand wird es wagen dürfen, in der heutigen Situation des jüdischen Volkes dieses Asyl, auch wenn es nichts mehr ist als ein solches, gering zu sclüitzen. Was der zionistischen Bewegung vorschwebte, war jedoch meht | als ein Asyl. Und es will dem kritischen Beobachter der | heutigen Entwicklung im Lande scheinen, daß die iHtbe* 1 kümmerte Annahme der Asylwirklichkeit 1 diese Rettungsinsel selbst gefährdet. Mit dem I Moment, wo wir Juden nach Palästina bringen, ist ja die I Arbeit keineswegs getan. Sie beginnt erst. Es beginnt de* I Kampt um ihre ökonomische Sicherung, um ihre Eingliede-' rung in ein neues werdendes Ganze, um die Erziehung ihrer Kinder. Nicht ein Haufen von Geretteten ist das Ziel! selbst wenn sie alle komfortabel untergebracht werden können, sondern der neue jüdische palästinensische Bürger. Dieser Begriff kann blaß sein, aber er kann auch alles in sich ent« halten, was die gesunde Grundlage eines Gemeinwesens ausmacht: Bürgersinn im besten Sinne des Wortes, Mitarbeit an der gemeinsamen Aufgabe, Klarheit über das Ziel, Sicherheit der geistigen Haltung. Und dieser Bürgersinn baut gesunde Siedlungen und ist zugleich ihr Resultat. Er ist noch nie in Goldgräberlagern gewachsen, denn in diesen auf Zeit ent• standenen Gebilden war er unnötig und daher unmöglich. Worauf es heute in Palästina ankommt, ist zuerst eine Erkenntnis der Sachlage. Dazu wird jeder leicht gelangen können, der unvoreingenommen das tägliche Leben auf den Straßen, den Arbeitsplätzen, in den Autobussen, auf den Vergnügungsstätten beobachtet. Nach der Erkenntnis gilt es der scharfen B e k ä m p f u n g jener achselzuckendcn Geisteshaltung, die die Mißstände als gegeben hinnimmt, sie schlechthin als palästinensisch bezeichnet und sich in ihnen recht 08er schlecht einzurichten sucht. Wenn dann der Kampf auf all^tl Fronten zugleich aufgenommen wird — auf der Straße, in der Schule, im Geschäft, in der Verwaltung, dann wird eine große Menge derer aufhorchen, die heute gleichmütig und uninteressiert zur Seite stehen. Sie wird spüren, daß die Siedlung des Kräfteeinsatzes mehr lohnt als die Goldgräberei des Tages, die morgen vorbei sein kann. Aus dem Wirrwarr wird Ordnung, aus dem Asyl die Grundmauer für eia wachsendes Gemeinwesen entstehen. Die Regierungseinnahmcn im Juli 1935 stellen sich auf £P 494 785, von denen £P 234 371 au! die Zolleinnahmen entfallen, Steuern und Lizenzen erbrachten £P 90 763, Gebühren £P 97 873. Die Ausgaben betragen demgegenüber £P 339 261, für außerordentliche öffentliche Arbeiten wurden £P 42 309 aufgewendet. Der Eimtahmeüberschuß im Juli beträgt £P 155 524. t Die ersten Pioniere \ orwort zu einem Palästina-Buch Von Gustav Kr o j a nker Die nachfolgenden /,eiten sind einem Bächlein voran■ gestellt' das 11 en ersten Band einer im \'־ erlag Onianuih, Tel• Atviw, vom IImtplbiiro des Keren Kujemeth l.ejisrael, Jerusrtlcm, hrrausgegeheneii deutschsprachigen Falästina-Biblioihek bildet. Das Büchlein, verlaßt von S. Ben Zion und aus dein Hebräischen frei übertragen van Gustav Kro• janker, behandelt das Thema ״Die liilti nur dem Wege“. Es wird darin die erste auf Palästina gerichtete jüdische Pio• nierbewegung unter den Juden Rußlands im Jahre 1882 geschildert. Wir drucken das Vorwort Krojankers nach* stehend ah, da es direkt an die Adresse der jüdischen Jugendlichen im heutigen Deutschland gerichtet ist. Red. Dies Buch ist vorwiegend für die jungen jüdischen Menschen in Deutschland bestimmt, die heute vor der schweren Entscheidung ihres Lebensweges stehen. Sie sind dabei zum großen feil in der fragwürdigen und beklemmenden Situation, auf ein Judentum zurückgeworfen zu sein, das sie wohl als ein Erbe im Blut immer gespürt haben mögen, von dem sie aber nichts wissen, und das auf jeden Fall zur bewußten Bildung ihres Geistes und ihrer Seele keinen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Sk haben heute die im Laufe der Generationen verloren gegangene Beziehung wieder aufzunehmen; und tatsächlich selten wir, wie jetzt in Deutschland eine neue, früher für unmöglich gehaltene Periode des Lernens und Sichversenkens in jüdische Werte wieder eingesetzt hat. Der neue Weg mag für viele beglückend, er wird für alle schwer sein, weil er weitab von den Inhalten und Vorstellungen liegt, die sie bisher erfüllten. Den Menschen, die sich in dieser Lage befinden, vermag das Beispiel dieses Buches Kraft und Zuversicht zu geben. Da war schon einmal eine Generation —׳ ach, es waren schon unendlich viele im Verlauf der jüdischen Geschichte, aber keine uns so nahe, so lebendig und doch schon so legendarisch umrankt wie diese — eine Generation, die aus allen Himmeln ihrer allgemeinmenschlieh-assitnilatorisehen Ein- Steilung gerissen, dem Judenschicksal wieder unmittelbar konkontiert und der jüdischen Geschichte, die ihnen Historie ichien, wieder lebendig cingcgliedert wurde. Das war vay einem halben Jahrhundert in Rußland. Und man kann lücnt einmal sagen, daß die jungen Menschen, die damals zuinnerst erlebten, was an ihnen geschah, insofern besser daran gewesen wären, als sie noch einen lebendigeren Zusammenhang mit jüdischem Leben und jüdischen Werten hatten. Auch sie waren fast alle schon Vereinzelte: Gymnasiasten und Studenten, die den Weg aus dem Judentum in die Menschheit über russischen Nationalismus und russische Kultur zu nehmen entschlossen waren. Sie waren im Gegenteil viel schlechter daran. Noch war die Freiheitsbewegung des jüdischen Volkes, die sich später Zionismus nannte, nicht erstanden; noch waren kaum die schüchternsten Vorläufer einer Zionsbewegung vorhanden. Sie haften selber Vorläufer zu sein. Das mag ermessen, wer Fleute die Tatsache einer zionistischen Bewegung und die Tatsache Palästinas schon als selbstverständlich und gegeben nehmen kann. Vor der heutigen Generation liegt Palästina als ein erschlcssenes Land, das wie jedes andere Land seine Lebensmöglielikeiten bietet, und aus politischen, durch den Zionismus herbeigeführten Gründen sogar leichtere. Aber es ist nicht nur Palästina als eine greifbare Möglichkeit, es ist viel mehr als das: es ist das Bewußtsein, Glied einer Gemeinschaft zu sein, die lebt, die einem großen Ziele zustrebt, und die dadurch über ihre unmittelbare Palästina-Aufgabe hinaus die Geister neu formt und so in den lebendigen Prozeß des Werdens auch die mit einreiht, die sich ihm nicht in direkter Tätigkeit anschließen können. Die Generation aber, von der in diesem Buche die Red« ist, hafte nichts, auf das sie sich stützen konnte; sie mußte alles erst aus sich selber schaffen. Es war ein Häufchen jugendlicher Idealisten, verlachter Narren und Pliantasten, die zwar noch nicht die zionistische Bewegung, aber doch schon den zionistischen Gedanken aus sich selbst heraus erzeugten. Und was mehr ist: die hingingen, diesem Gedankem unter Einsatz ihres Lebens Verwirklichung zu schaffen. Das Buch zeigt, wie das alles vor sich ging. Das türkische Palästina dieser Zeit war verschlossen und verrammelt. Es gab noch keine Zertifikate, sondern nichts als die Findigkeit, die sich Eingang zu schaffen wußte. Und wenn man ihn ge■ funden hatte, dann stand man in einem öden und verlassenen Land: ein kleines Häufchen Intellektueller ohne Geld, angewiesen auf die ״Subventionen“, die ihnen die Zionsvereine in Rußland, die sich auch gerade erst formierten, lind die zwischendurch immer wieder einzugehen drohten, zukomtnen ließen. Sie finden schließlich Arbeit, was für eine Arbeit! Und Jahre hindurch geht dieser unsäglich harte Kampt um das bißchen Existenz, das sie brauchen. Nichts hält sie dabei als das Ideal, um dessentwillcn sie aufgebrochen waren, und als die Hoffnung, die damals offenbar ganz unsiiinige Hoffliung, daß trotz der Dürftigkeit des Widerhalls, der ihr Tun begleitete, und trotz der Oede des armseligen Landes, das sie vorfanden, doch noch jüdisches Leben aus diesem Boden hervorsprießen würde. Und dann schließlich, nach Jahren, bekommen sie wirklich Land, was für Land und unter was für Lebensbedingungen! Sie haben zwar eitie wichtige Etappe erreicht, aber es ist erst eine Etappe, und ein neuer Kampf beginnt, der kaum leichter ist als der frühere, und er reicht beinahe bis in diese unsere Tage. Das Buch beschönigt nichts. Es zeigt den Weg, der von dem großen Ideal durch die Wirklichkeit geht. Viele fallen! ab und werden schwach. Und auch von denen, die bleibeit, sind gewiß nicht alle Idealgestalten. Es sind Menschen mit ihren Fehlern, und es geht häufig genug recht menschlich zu. Und auch das Ideal selbst schwächt sich vor der Wirklichkeit ab. Von dem Gedanken der neuen sozialen Ordnung, die ursprünglich mit der Rückkehrbewegung ins jüdische Land und aufs jüdische Land untrennbar verknüpft war — erst Spätere haben es wieder auf genommen und durchführen können —, bleibt nichts. Es war für diese Menschen schon schwer genug, überhaupt durchhalfen zu können. Aber der Heroismus ihrer Leistung schimmert durch das Dunkel menschlicher Wirklichkeit mit hellerer Kraft, als sie die strahlenden Farben einer Lesebuchlegende zu geben vermöchten. Was bleibt, ist: daß sie -mit ihrer eigenen Hände Arbeit ein Stück Wüste in jüdisches Land, in eine heute blühende Siedlung umgewandelt haben. Was bleibt, ist: daß sie die Ersten waren und somit ein Beispiel gaben. Viele sind dann im Laufe der Zeit gefolgt; auch sie haben es gewiß nicht leicht gehabt, aber das Beispiel war schon da. Und mir da« durch, daß sich so Beispiel an Beispiel reihte, ist die Grundläge gelegt worden, die heute Palästina heißt. und das eben hat die heutige Generation junger jüdischer Menschen vor damals voraus: daß die Grundlage bereits gelegt ist. Air, diesem Buch geht hervor, was es unsere Pioniere gekostet hat, sie zu legen. Und wer sich heute dem Judenschicksal wieder konfrontiert sieht; wer wieder wirklich erlebt, was an ihm geschieht, und wer sich nun anschickt, den Weg ins Judentum zurück zugehen: der findet in diesem Buch, wozu Menschen imstande sind, wenn eine Idee sie lKseelt, und wie dann ihr Leben zu einer großen Erfüllung wird, zu einer Erfüllung für sie selbst und Für alle, die nach ihnen kommen. Und so schwer sein eigenes Geschick ihm eben noch erschien — wenn er vergleicht, wird er sich sogar noch als glücklicherer Enkel schätzen. Und er wirü darin einen Ansporn finden, mehr zu sein als ein Enkel, nämlich auch seinerseits wieder ein Pionier, dar neuen Grund für Kommende legt

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