Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 78 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Pmsehan MR. 78, 27. SEPTEMBER 1933 Goldgräberei oder Siedlung? Eine Neujahrsbetrachtung Von unserem palästinensischen Korrespondenten Die Fragestellung gl. Tel-Awiw, 16. September Es dürfte üblich sein, bei einer Rückschau aut das letzte Jahr der Palästina-Entwicklung in hohen Tönen zu reden. Die Publizisten der hebräischen Presse im Lande, die Redaktionen der jüdischen Zeitungen in aller Welt werden — mit Recht! — auf die riesigen Fortschritte des Aufbau- Werkes in der letzten Zeit hin weisen, auf das Wachstum des jüdischen Jischuw, auf vergrößerte Städte und neue Sied- Jungen, auf junge Plantagenstreckcn und vermehrte Fabrikgebäude, auf Modernisierung und Rationalisierung, auf das einzige Asyl für die Jude« der Welt. Aber es gibt beim Ab- Schluß eines neuen Jahres noch einen anderen Blickpunkt, der nicht mit Zahlen und Maßen arbeitet, sich nicht mit der Vergrößerung als solcher begnügt, sondern an der Zeitwende stillsteht und fragt: Wohin? Wie sieht dieses vergrößerte Palästina aus, welcher Geist lebt in ihm, wie ist die Grundlage, die hier für die kommende Gesellschaft gelegt wird, in ihrer Qualität? Keine Mißverständnisse! Um Mißverständnisse auszuschalten: Wir wollen heute Mißstände in Palästina offen erörtern, und da mag cs manchem scheinen, als ob wir das Negative zu sehr betonten. Natürlich ist dies nur eine Seite des Hildes. Es gibt auch andere Seiten, und von diesen ist ja oft genug die Rede, auch in diesen Blättern. Es gibt in Palästina auch heute viel Mut und Heroismus, stille, aufopferungsvolle Arbeit, Jugend, die nicht um Geld, sondern um eine Sache ringt, so manches schöne Beispiel von mutigem Neubeginn, das Hunderte von Fehlschlüßen aufwiegt. Aber wir setzen diesen sowohl in den Siedlungen wie üi den Städten lebenden und wirkenden jüdischen Menschentyp als bekannt voraus. Seit Jahren wird er beschrieben und bestaunt — oft in einer geschmacklosen und peinlichen Weise —, er hat als Stoff für endlose Vorträge und Feuilletons gedient. Wir erkennen dies an und nehmen es als Trost mit auf die Wartderungen durch das Flache und Trübe, das in Palästina mit Macht an Boden gewinnt und die klare, aufrechte Haltung zu überfluten droht. Bedenkliche Einzelheiten Es ist nicht leicht, das Negative der Prosperitätsperiode, von dem hier die Reite sein soll, aus dem bunten Bild der täglichen Cjestaltenfülle herauszuschälen. Denn es setzt sich aus einer unübersehbaren Menge kleiner Einzelheiten zusammen, die schließlich eben jene Haltung ergeben, die zur Nachdenklichkeit und zum Kampf herausfordert. Am dcutlichsten werden heute die Mißstände in Tel-Awiw, das am ungehemmtesten gewachsen ist und in seiner scharfen Expansion in vielem einer Goldgräberstadt ähnelt. Schmutz und Unordnung, vor allem in den ärmeren Vierteln; übermäßiger Lärm, der unerfüllbare Anforderungen an die Nerven der Bewohner stellt; Unhöflichkeit und Nervosität im tagliehen Verkehr; Unduldsamkeit mit anderen, sei es ein Jude aus einem anderen Herkunftslande oder der Araber aus der benachbarten Stadt; laute Streitereien bei kleinen Zusammenstoßen, die oft }genug in Schlägereien ausarten; wild gröhlende Trupps, die spät nachts durch die Straßen ziehen, ohne sich im mindesten daran zu kehren, daß andere Leute ihre Nachtruhe brauchen, und empfindlich böse werden, wenn man sie zur Rücksichtnahme ermahnt; ein Ansteigen kleiner Diebstähle und Betrügereien; großzügige Versprechen, die später nicht gehalten werden; Mangel an Gemeinsinn und Jagd nach Profit. Und schließlich über allem ein sich ausbreitender Lcvantinismus, der mit dem Sprachenbabel beginnt, sich in der Jagd nach denn Schreienden und Aeußerlichen fortsetzt und in einem Mangel an Haltung endet, der sich auf Schritt und Tritt bemerkbar macht. Weser Lcvantinismus verbindet sich mit einer zynischen Einstellung zu zionistischen Forderungen, einer Geringschätzung der Ziele palästinensischer Gemeinschaft, einer Negierung aufbauenden Bürgersinns. __ Man diskutiert heute in vielen Kreisen diese Mißstände, weil sich Tag für Tag neue Gelegenheiten dafür bieten: Ein frischer Fall von Bodenspekulation; Ueber« vorteilung; ein Handwerker, der seine Arbeit zu spät oder schlecht liefert; Protektionswirtschaft an den verschiedensten Stellen — alles bietet immer neuen Gespräclisstoff für den unwilligen Mitbürger, über den sich dann wieder andere von ihren! Standpunkt aus beklagen, ln diesen Diskussionen taucht immer wieder die Frage auf, die von den ״Neuen“ gestellt wird: ״War es ,früher', in den goldenen Zeiten der Kolonisation, von denen Ihr nie genug erzählen könnt, in der Zeit des Mangels und der Zelte, wirklich anders und wirklich besser? Oder webt Ihr nicht einfach um die gute alte Zeit einen Heiligenschein, der ihr gar nicht zukommt?“ Der alte Palästinenser, der das Werk hat wachsen sehen, die Zeiten der Krisen und der schweren Anfänge mitgemacht hat, denkt nach und erklärt, daß es ״früher wirklich besser“ war. Und er kann es beweisen und erklären. Und früher? Natürlich gab es in Palästina niemals Perioden der Vollkommciiheit. Es wurden auch in den ersten Stadien der Siedhing, in der heroischen Zeit, Fehler gemacht, die sich hätten vermeiden lassen. Die Jahre haben Palästina auf allen Gebieten viel gelehrt, und es wäre eine Geschichtsfäischung, wollte man das Palästina des Anfangs nur rosig und das heutige nur schwarz malen. Aber der Kern der Dinge sah anders aus als heute. Der Vortrupp, der sich hier durchsei!lug, hatte vor den Massen, die jetzt zusammenströmen, ein Großes voraus: er arbeitete nicht für sich, sondern für eine Sache, er fühlt sich als Pionier, der den Weg für andere bereiten sollte, er arbeitete nicht für P r o f i t, sondern für eine Idee. (Daß es schon früher auch andere gab, tut nichts zur Sache. Der Kern Palästinas bestand aus der Elite, und sic gab dem Ganzen den Ton und das Gepräge.) Aus dieser Grundeinstcllung ergab sich eine sauhetc l.uft, ein Gefühl der Verbundenheit, ein tiefes Interesse an allem, was im Lande Aus der Welt des palästinensischen Kindes v jStli Die ganze Woche über hatten die Kinder Jossel geplagt und geschmeichelt: Fahr’ uns־ ein wenig spazieren! Wir möchten wieder einmal nach Bcth Alpha hinauj — oder wenigstens über die Eisenbahnlinie :11 den ״Chugim" hinunterfahren in den Wald — oder einfach so ein wenig durch die Felder spazieren! Heule endlich hat er Zeit zur Fahrt. Begeistert klettern die Kleinen auf den Wagen. Man rückt zusammen, Jossel hilft noch einem Kind auf den Wäger». Dann fragt er: ״Fertig?“ ״Ja!“ schreien die Kinder. Jossel knallt mit der Peitsche, die Pferde ziehen an — und die Reise durchs Eiriek beginnt. 'I'agsüber arbeitet der Vater auf dem Feld. Aber irgend■ wann einmal nimmt er ein Pferd und reitet schnell in die Siedlung zurück, zu einem kurzen Besuch int Kinderhaus. Da wird er in seinem ungewaschenen Zustand gar nicht eingelassen. So zeigt ihm seine Frau durchs Schutzgitter am Fenster hindurch seinen Jungen. Der ist noch ganz klein. Aber er kennt seinen Vater bereits sehr gut und gibt das durch kräftige Töne zu erkennen, auf die der Vater befriedigt antwortet. Die beiden können sich gegenseitig noch nicht genau verständigen — aber v e r s tehen tun sie sich ganz ausgezeichnet! w- * Die Straßen in Tel-Awiw gehören sowohl dem Verkehr als uueh den Kindern. Wehe dem Autofahrer, der nicht von ferne schon seinen Wagen ah bremst, wenn eine Schar von Kindern die Absicht kundlut, die Straße zu überqueren. Sa zieht die Jugend Tel-Atviws vergnügt durch seine Straßen. Sie kümmert sich natürlich genau um die Verkehrsregeln und probiert immer wieder aufs neue die mannigfaltigen Möglichheilen aus, von einem Schoter n i c h t erwischt Z41 werden. Manchmal, an beichten Verkc'hrspwikten, denkt man: hier könnte eigentlich ein großes Barul quer über die Straße gespannt werden mit der Aufschrift: ״Achtung heim Heran• nahen von Kindern.“ ÄtStil Sill Die jüdische Frau in F.rcz Israel steht häufig im Berufsleben. Daneben hat sie meist auch für den Haushalt zu sargen, was in Palästina bekanntlich anstrengender und zeitraubender ist als etwa in Europa. Deshalb hilft der Mann in seinen freien Stunden häufig im Haushalt. Zärtlich und stolz schiebt der Vater seinen Kinderwagen, unter dessen Schleier sorglich behütet das Kind ruht. Kinderwagenschiehen nämlich ist eine besonders beliebte Spezialität palästinensischer Ehemänner. IIIIISI 4 i ||ipüffr Kinder aus Daganlah beim Morgenbad im Tibvriassce. Die Kinder werden jeden Morgen um sechs Uhr durch ein Signal geweckt: ein Sprung aus den Betten und der Wettlauf zitm See beginnt. Der Wettlauf führt einen kurzen Weg entlang, über die breite Landstraße hinweg — und schon ist man am Ziel. Unbekümmert toben die Kinder im Wasser des Sees. Niemand sieht ihnen zu, außer dem Schneegipfel des fernen Herrnon und den kahlen Bergen Transjordaniens. Kleinkinder aus Giwath Brenner. Das ausgiebige Morgertjrühstück liegt hinter ihnen, ein Tag voll neuer Geschehnisse, eine Welt voll unbekannter und seltsamer Dinge liegt vor ihnen. Selbstbewußt und munter ziehen sie nun auf Ahenteuer aus. Schritt vor Schritt setzen sie ihre kleinen Beinchm. Die sind nämlich noch nicht lang im Dienst. Vor einigen Wochen kroch man noch auf allen Vieren. ,Aber jetzt haben sie sich aufgerichtet. Es geht nicht sehr schnell vorwärts .... aber sie werden cs schon schaffen, denn sie haben alle großen Mut. Foto! <״״) Teit: c><1>1