Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 78 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 78, 27. IX. 1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 9 Neues Jahr —Neuer Boden! Auswanderung und Bodenfrage Von Dr. Josef Weiß Dar neu• Start Der Plan, den die Reichsvertretung der Juden in Deutschland und die maßgeblichen Organisationen in den letzten Tagen der jüdischen Oeffentlichkeit unterbreitet haben, umschreibt einen wesentlichen Kreis der Fragen und Aufgaben, die aus der neu geschaffenen Situation den Juden in Deutschland gestellt sind. Das Neuartige dieses Planes liegt in der zentralen Stellung, die Palästina als E i n wa n d e r u n g s I a n d nunmehr von allen jüdischen Parteien und Organisationen in Deutschland ungeachtet ihrer bisherigen Auffassungen'zugewiesen worden ist. Niemand der Beteiligten wird sich darüber im unklaren gewesen sein, daß dieser Plan nur der Rahmen sein kann, innerhalb dessen Unternehmungen geschaffen und Anstrengungen gemacht werden müssen, die in der öffentlichen Tätigkeit der Judenheit Deutschlands, soweit sie außerhalb der Zionistischen Organisation steht, im wesentlichen bisher unbekannt waren. Damit ist der praktischen Arbeit für Palästina von der Gesamtheit der Juden in Deutschland ein neuer Start gegeben worden. Die Auswanderung der Kinder Die Forderung nach Schaffung eines eigenen jüdischen Schulwerks — eine mehr als 30 Jahre alte zionistische Forderung —• ist nicht zufällig und von ungefähr an die Spitze des Planes gestellt worden. Denn in Verbindung mit der ihm angegliederten Ausbildung für handwerkliche und landwirtschaftliche Vorbildung soll die jüdische Schule die Vorstufe zur Auswanderung nach Palästina bilden. Nichts aber darf darüber hinwegtäuschen, daß mit der Schaffung der jüdischen Schule allein, dem Erlernen der hebräischen Sprache lind dem Hinweis auf Palästina als Auswanderungsland noch keine ausreichende Lösung der Frage erreicht ist, was aus der jüdischen Jugend werden soll. Ein großer Teil der schulentlassenen jüdischen Jugend — wahrschetnlich der größte Teil — wird nicht in die Lage kommen, gemeinsam mit den Eltern nach Palästina auszuwandern, oder aber, wenn dies doch geschähe, wird nur ein Bruchteil der Eltern nach ihrer Einwanderung imstande sein, in Palästina ihre Kinder bis zu dem Zeitpunkt ausbilden zu lassen, wo sic selbständig ihrem Erwerb nachgehen können. So wie die Dinge liegen, wird wohl der größte Teil der jüdischen Jugend wenigstens zunächst ohne ihre Eltern nach Palästina auswandern müssen. Die ttXX) jüdischen Kinder, die auch noch in den nächsten Jahren jährlich die jüdische Schule verlassen, werden selbst dann, wenn die jüdischen Gemeinden die nötigen Mittel zur Schaffung eigener großer Hachscliarah- Zentren aufbringen würden, zwar in einem beachtenswerten, aber nicht hinreichenden Umfange ihre weifere Ausbildung in Deutschland für ihren zukünftigen Beruf in Palästina erhalten können. Daher wird es notwendig sein, das Werk der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und J u - g e n d a 1 i j a h weiter auszubauen, um es ihr möglich zu machen, einen erheblichen Teil der schulentwachsenen Jugend ' tinmittelbar nach ihrer Schulentlassung nach Palästina zu bringen, sie dort im Lande selbst, in der Schule und in den landwirtschaftlichen Kolonien zu einem geeigneten Beruf, aber auch zur raschen Anpassung an die Bedingungen des Landes vorzubereiten. Was dl• CHaluzItn brauchen In einem viel größeren Ausmaß wird diese Frage bei der Kategorie der Menschen vordringlich, die im Alter von 18 bis 30 Jahren nach vollzogener Hachscharah nach Erez Israel auswandern. Ueber 13000 junge Juden sind in den chaluzischen Verbänden organisiert. Nahezu 4000 befinden sich — teilweise schon mehr als ein bis zwei Jahre — in Hachscharah-Zentren. Alle sind in der nächsten Zeit alijahreif. Wenn diese Massen jüdischer Jugend nicht zu einem von allen Konjunkturschwankungen gefährdeten Großstadt- Proletariat werden, wenn sie zugleich die Aufnahmefähigkeit des Landes für weitere Einwanderer erweitern sollen, muß ihre Aufnahme in den bestehenden Kwuzoth oder aber die Sicherung ihrer Wirtschaftsgrundlage als landwirtschaftliche Arbeiter oder Handwerker in den bestehenden Moschawoth vorbereitet oder aber für sie müssen neue Kolonien gegründet werden. Das ist möglich, wenn die maßgeblichen Kolonisationsinstanzen in Palästina über genügende Bodenfhichen verfügen. Unaufhörlich ist von zionistischer Seite die jüdische Oeffentlichkeit darauf hingewiesen worden, daß der landwirtschaftliche jüdische Arbeiter auf dem Land« keine Möglichkeit zum Leben hat, wenn nicht seine elementarsten Wohn- und Lebensbedürfnisse durch Errichtung von Hilfswirtschaften befriedigt werden können; denn das im Verhältnis zum städtisehen Lohn erzielte geringe Arbeitsentgelt des landwirtschaftliehen Lohnarbeiters reicht bei der Höhe des Mietzinses und bei dem Zwang, selbst alle landwirtschaftlichen Produkte wie Eier, Gemüse usw. kaufen zu müssen, nicht aus, um ihm und seiner Familie einen auch nur primitiven Lebensstandard zu ermöglichen. So spitzt sich auch die Frage der Auswanderung der Chaluzim aus Deutschland in der Frage ihrer Seßhaftmachung durch Erweiterung der bestehenden Arbeitcrkolonicn, durch Errichtung von Hilfswirtschaften und Gründung neuer Kolonien zu der Lebensfrage des Aufbaus, dem raschen Erwerb neuer großer Boden flächen zu. Was wird aus dem Mittelstand T Die Formulierung des Programmes der Rcichsvertretung deutet darauf bin, daß diese Frage bei den Beratungen eine wesentliche Rolle gespielt hat, und es darf angenommen werden, daß hierbei auch das überaus schwierige Problem behandelt wurde, mit welchen Methoden die Auswanderung una Einordnung desjenigen mitfelständischen Elementes durchgeführt werden kan״, das nur noch mit geringen Mitteln ausgestattet, teilweise sogar mittellos ist. Für diese sehr dringliche Frage gibt es keine Patentlösung. Die Erfahrungen aber, die die zionistischen Kolonisationsinstanzen in den letzten 15 Jahren gemacht haben, die modernen Formen der Siedlungstätigkeit geben uns beute die Möglichkeit, eine Familie schon mit 300— 400 Pfund anzusiedeln, wenn der Siedlungskandidat nicht gezwungen ist, für den Erwerb teuren Bodens sich sofort seiner gesamten geringen Karmitte! zu entblößen. Die Erwägungen, die in den Kreisen der ZVfD. über die Reaktivierung der sogenannten 500-Pftmd- Kategorie seit langer Zeit angestcllt werden, und die Ertahrungen, die die Abteilung für die Ansiedlung deutscher Juden bei der Agencv-Exekutivc in den letzten zwei Jahren gesammelt hat, sind der Hebel, au dem diese schwierige Frage angepackt werden kann. Vor allen Dingen werden bei diesen Erörterungen diejenigen jüdischen Menschen erfaßt werden können, die aus Berufen und Gegenden kommen, wo mindestens eine landwirtschaftliche Nebenbeschäftigung bisher ausgeübt worden ist. Zur Durchführung einer geordneten Auswanderung dieser wahrscheinlich auch noch mit 40 bis 45 Jahren auswanderungsfähigen Menschen und ihrer Einwurzelung im Lande werden die Juden ebenfalls die Voraus- Setzungen schaffen müssen; insbesondere werden die jüdischen Institutionen und Gemeinden durch Liquidierung und Mabilisicrung nicht nur des privaten, sondern auch des institutionellen immobilen Vermögens dem KKL diejenigen Mittel zuzuführen haben, die ihn in den Stand setzen, zusätzlich für diese Eimvanderungskatcgorie in geeigneten Gegenden Palästinas große zusammenhängende Bodenkomplexe zu erwerben. In der Verwirklichung Aus der Kongreßrede Ben Gurions Es ist leicht, sich weitgehende und große Ziele zu stecken, cs ist leicht, dem unglücklichen Volke große Versprechungen zu machen, aber es gibt kein größeres Verbrechen, als leichtfertig mit der Verantwortung vor dein Jüdischen Volke und der ganzen jüdischen Geschichte zu spielen. Wenn wir uns ein großes Ziel stecken, müssen wir gleichzeitig — und vielleicht noch vorher — darauf achten, ob das, was wir lieute tun, ob die Kräfte, die Aktionen von solchem Umfang» von solcher Intensität, solchem Pathos, solchem Willen, solchem Ernst sind, daß sie uns berechtigen, die Größe der Aufgabe festzustellen und die Größe der Hoffnungen. Aber wir müssen uns nicht nur fragen, was heute zu tun ist, sondern auch, was ,die Aufgabe der Generation ist. Denn wir müssen einen Kompaß haben, nach dem wir sfeuern. Eine vlsionüre Forderung Keiner von uns kann im Augenblick voraussehen,. was im Laufe einer Generation geschehen wird. Der Zionismus meint nicht die teilweise Erlösung des jüdischen Volkes, auch nicht die Erlösung eines Teils des jüdischen Volkes, sondern die vollständige Erlösung des ganzen jüdischen Volkes. Die volle Aufgabe des Zionismus ist. vielleicht eine Sache von Generationen, und keinem von uns ist es gegeben, aut so weite Zeiträume hinaus durch den Nebel der künftigen Geschlechter zu blicken. Welcher Staatsmann, welcher Denker konnte vor 25 Jahren Voraussagen, wie im Jahre 1935 die Welt politisch 1u1d sozial aussehen wird? Und wer von uns ist so leichtfertig, vorauszusagen, wie die Welt im Jahre 1950 aussehen wird? Aber wenn auch niemand von uns sich die Prophetenrolle anmallen kann, so muß doch jeder von uns nicht nur eine Vision, sondern einen ehernen schöpferischen Wil- 1 e n haben, der auf das gerichtet ist, was unsere Generation im Laufe von 25 bis 30 Jahren in dem großen Werke der Erläsung leisten soll. Und ich glaube, es ist die große Aufgabe unserer Ci ene ration, das Ziel für d a s Werk dieser Generation, in Erez Israel eine Million jüdische Familien zu verwurzeln, eine Million ükono m i s c 11 e r Einheiten im jüdischen Volke von Erez Israel zu schaffen. Nichts ist leichter, als eine so gigantische Zielsetzung auszusprechen - doch wenn wir nicht den Mut und die Kraft haben, allen ungeheuren Schwierigkeiten zum Trotz, dieses teilweise aber entscheidende Ziel des Zionismus zu erreichen, so sind alle großen Reden nichts anderes als schöne Phrasen. Neuer Raum Wir werden die Juden, welche wir nach Erez Israel verpflanzen, nicht in einen leeren Raum verpflanzen. Die erste Voraussetzung, die wir tief in unser Bewußtsein aufnehmen müssen, ist: diese gigantische Aufgabe bedeutet, daß wir nicht den Platz derjenigen besetzen, die schon in Erez Israel siedeln, daß wir ihnen nidit ihre Wirtschaft, ihre Arbeits-, Existenz- und Entwicklungsmüglichkeit nehmen werden. Wir müssen vielmehr neue Si cd I u n g s pl;i t ze, neue Mögiiclikeiten, neue Wirtschaften, neue Arbeit schaffen, dann wird die Durchführung dieses Werkes für eine Generation möglich sein. Nicht anderen nehmen, sondern neu schaffen, das ist die erste Voraussetzung der Verwirklichung des Zionismus, und das tim wir heute in Erez Israel. Es genügt nicht, einfach in «in Leben der Arbeit in Stadt und Land überzugehen. Damit das jüdische Volk in Erez Israel ein normales, gesundes Leben führe, muß wenigstens ein Drittel des jüdischen Volkes in Erez Israel auf dem Lande sitzen. Das ist vielleicht der entscheidende Schwerpunkt in der großen und schweren Aufgabe der Verwirklichung des Zionismus. Mit dem Boden steht der Zionismus und steht das jüdische Volk, ohne Boden fällt der Zionismus und fällt das jüdische Volk. Um in Erez Israel eine Million jüdischer Familien und davon wenigstens ein Drittel auf dem Lande zu haben, müßten wir in der Hälfte des Landes, wo wir bisher unsere Arbeit konzentriert haben, wenigstens 300 000 bis 325 000 Familien auf dem Lande ansiedeln. Wir stehen vor der Schicksalsfrage, ob dies möglich ist txter nicht. Die Antwort darauf ist nicht einfach, sie kann positiv und kann negativ' sein. Negativ ist sie, wenn man das Land in Erez Israel nimmt, wie cs heute ist; positiv aber wird sie sein, wenn das Land durch die maximalen Anstrengungen des jüdischen Volkes geändert werden kann. Boden Wir stellen in Palästina in bezug auf 11 i e Boden frage nicht nur vor der Aufgabe, Boden zu erwerben, nicht nur vor der ökonomischen oder ökonomisch-juridischen Aktion des Landerwerbs. Damit allein lösen wir die Bodenfrage in Erez Israel nicht. Wir haben eine große historisch-kultureilc Aufgabe in bezug auf die Boden frage, nämlich vor allem, den vern a c h 1 ä s s i g t e n B ode u P a I ä stinas fruchtbar z u machen, die Böden, die im Laufe von Jahrhunderten für die gegenwärtige Bevölkerung von Erez Israel als unkultivierbar und unbcjrbeitet galten, für die Landwirt- »schaft zu erschließen. Idne zweite Aufgabe ist, für die Intensivieningd er Fruchtbarkeit und l'rodtikfivit.'it des Dudens zu wirkeii, der bcre 's! 1 ■car!־n itet wird. Und darin bestanden hauptsächlich die Leistungen der Juden in Erez Israel auf dem Boden gebiet, nicht indem wir nicht nur Boden kauften, sondern indem wir Boden neu schufen, un- 11 . ״ Boden in fruchtbaren verwandelten. Das war bisher der große kulturelle und zionistische Sinn unserer Arbeit, und darin besteht die große Aufgabe unserer weiteren Arbeit. Aber um die riesigen wirfschädlichen und kulturellen Aufgaben zu crtiillen, um das Wesen der Mensehen und den Oiarakter des Landes zu;indern und die Landwirtschaft zu intensivieren und neue Industrien 711 schaffen und die erste Million jüdischer Familien in Palästina anztisiedeln, sind riesige finanzielle Mittel notwendig. Wenn man nur 250 Pfund für eine Familie annimmt, so kann sich jeder ausrechnen, was nötig ist, um das große Werk zu vollbringen. Nationales Kapital Das nationale Kapital i!n engeren Sinn, das im Besitz des Keren Kajemeth, des Keren Hajossod und der Bank ist, beträgt gegenwärtig über acht Millionen Pfund. Wenn wir Ernst machen wollen mit den großen Aufgaben, welche uns auferlegt sind, können wir nicht mit kleinen Maß- Stäben auskommen. Wir müssen das nationale Kapital im engeren Sinn als Hebel verwenden, um neues Kapital zu mobilisieren und große finanzielle Mittel in den Dienst der Sache m stellen. Entwicklung des KKL Einnahmen des KKL Bodonkauf ווו Dunam Jahr 5 5b1 /// 556? 5 5 6 3 y/// 5 5 6t ///// 5 5 6 5 5 566 z/A 5 5 67 5 568 1 Million 5 56V 5 5 70 5 5 7t 7/VA 55 7? / / / / 5 5 73 / / / / / 5 571 / //// 5 5 75 // /// 5 5 76 5 577 ' ////s 5 578 / / / 7 / 5 5 7? // /// 5580 i/W// 5581 '/W// 5 582 W/wZ; 5581 mmm 5581» A Wim//// 5585 /mm. 5586 Wmm. 5 58? 5 5 88 $954? \ 5 5 8? 19 16 5:5'’ 5 5?0 9^:.. 5 5•’! (Bk 5 5 9? 5 593 /1lfm,■/ 55n 5595 Unser Anteil an Bevölkerung und Boden Jüdisch• Bevölkerung und jüdlachar Boden 19H יי» ttlfl fMflftff ISO000 Stelen 340000 Seelen jüdische ßevölkerung Palästinas llJOOOOthmam t900000 Dmem jüdischer Bixtotfeotta ■MM:,. //////A :jm. w/m mi 1?35 VirhÄltnii der jUdisdun B«1*d'Ut#nmg zur Gesamt IxuöUtenmg Palästina! Varftältnis du jüdiiritik Bodaksitait 8w PaWiHfl« Die Aufteilung des KKL*Bodent ft 900 Serl4m m ׳•non Seelm (1 1X00 Seeler1 Mit 4000 Seelen 1 r IST־ 1 Uh auf 65000 Dunam Pflan*1mg*bvd*n § au} 000 Dunam Arbeits latem e auf 2000 Dunam städtischem Bofllm