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Jüdische Rundschau · 1935-09-27 · Heft 78 (27.9.1935) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 78 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78, 27. IX. 1935 Jakob Promer, der Taln1udühersef/«r, der sein Lebensbuch geradem ״Vom Ghetto zur modernen Kultur“ nannte — sie eile streben fort, weit und immer weiter, oft Ns zu netten Ufern und neuem Glauben, fort von der alten Heimat, der alten Sitte, dem alten Glauben — Mainions Weg, wie wir ihn nennen möchten —, wenn er auch nicht immer in gleicher Zmüttung endet wie bei dem Jünger Kants nnd Mendelssohns. Vielmehr entsteht mm in den letzten Jahrzehnten d«a verflossenen Jahrhunderts eine neue Art von Rückschau, die wohl das Alte verläßt und neue Ziele verfolgt — aber doch den Wert der alten Pfade anerkennend, nach einer Vereinigung von alt und ne« strebt. Hierhin gehören etwa die Erinnerungen von Shmarya Levrr», die zuerst die unvergänglichen Werte •der Ghetto-Welt in einer Autobiographie darstellten — In ostjfidrschen Dichtungen lebten sie ja schon lange — und vielleicht auch die fragmentarischen Erinnerungen Bialik*, die durch die Erinnerungsbilder an sein. Elternhaus und seine Jugeudgcschichte, von denen seine Dichtung zehrt, ergänzt werden. Nach Synthese des Alten wie des Neuen streben diese rückwärtsgewandten Propheten; und das schönste Ergebnis dieser rftckschauenden Synthese ist Bialiks Buch der Aggadah geworden. » Auch in westlicher Jndenwelt finden wir diese zu- •ammenschaucndcn Sdhrtbiograpbkn. Wenn die Amerikanerin Mary Antin den Typ der Revolutionärin verkörperte, auf Maimoni Spuren ging, den sie nicht kannte, so versucht eine andere amerikanische lödin, Rebekah Kohut, deren Lebcnscrinncriingen ״Mv Portion״ Henrietta S/okf durch ein Vont'Ort cinleitctc, ein f'׳ikl eines vielverschltmgenen Lebens ZU geben, das in seltenem Glücke es versteht, die Kluft zwischen den Generationen zu uberbrikken —- sie ist sowohl Tochter ihrer Eltern «c Mutter ihrer Kruder — und' fügt sich hier fest wieder an die älteste Selbstbfographie an, von der wir sprachen, die l.ebensscbati Jakobs, des Patriafchen. I * ist (las Buch einer Mutter in Israel — wie es «inst Glücke! war — und a!s solches für uns unschätzbar. — Vielleicht, daß in numc'ner jüdischen Familie noch ähnliche Lehenshücher vorhanden sind, Erinnerungcn von der Mutter fiir die Kinder anfgc/clrhnef — wenn sie auch nicht immer gedruckt wurden, noch gidilickt zu werden brauchen. Denn diese Erimu■ rimgen sind nicht für den großen Kreis der kalten Welt besinn!!!!. Es ist ihre Bestimmung, von Kindern und Enkeln gelesen zu werden. Und wenn die Enkel — heute verstreut in aber Welf, vielleicht schon zurfickgcUchrt ins alte Land der Vater - ans den vergilbten Blattern, von sauberen Schntt/ugen bedeckt, das Bild der Großmutter wieder aufsfeigen scheu, wenn die Ahnenbilder aas den verblaßten Ookhahmen treten und wieder lebendig werden, dann ... hat die Erinnerung an den Nachkommen ihr bestes Werk getan. Sie hat sie ungeordnet in die Kette der (Jeschlechter; sie hat, wie es der Künder von mcssianischer Zeit Vorhernagte ... ״die flcr/cn der Kinder 7urückgeführt zu den Vätern“. Und das ist für uns Enkel allesamt heute ihre wichtigste Aufgabe. Bath Hillel Rosch Ilasdianah- und Joinkippur-Bräuche* Von Dr, M a x G r u n w a 1 d Da« Kewer - Messen ln manchen Gegenden des Ostens wird an den Tagen vor Rosch Haschanah das ״Feld- (Friedhof-) und Kewer- (Grab-) Messen“ geübt. Zum Feldinessen gehören zwei, meist drei Frauen. Die eine hält zwei Raumvvallknäud in Händen, von denen jede der anderen Frauen je einen Faden ab rollt, um ihn um Gras oder einen anderen von der Fried Ivofterde stammenden Gegenstand zu wickeln. Während sie so die Innenseite des Friedhofes umschreitct, verrichtet, ihnen fofgend, die Auftraggebern! Gebete fiir die Angehörigen. Das Ke\vcrmes<cu lie-orgt eine einzelne Frau, indem sie, wihrem.1 die Bestellerin betet, <l:1s Grabmal mehrfach mit einem Faden umwickelt und dabei .spricht; ״Teurer Vater (Mutter u. dgl.), deine Tochter X. N. ist hcrgelcommcrt, tun dein Kewer zu messen. So bemühe du dich, ihr sie, ihren Mann and ihre Kinder vor (iort zu bitten, Erinnere dich deiner Liebe zu ihr 1!sw.“!)!esc Vermesscrinncfl bringen die so jvv, onnenen Faden an einem Montag oder Donnerstag in Jen zehn Bußtagen in die Synagoge, um Dochte zu machen, aus «leiten dam! Wachs lichte angcfertigt werden; eines ״für Jie (icsutklcrt״, ein anderes ״für die Tenet!1'. Unter den letzteren werden v״t׳ allem ,Adam und Eva, die Patriarchen usw. genannt. Auch die c.lirinukkaliitchtc und die Lichte für Lhcder und Bethainirlra-ch werden gleichzeitig hergestellt. Da» Jcjbcdige Licht“ (für die Lebenden) zürntet die Haus- (rau am Vorabend des jomkippur zu Hause an, das ״tojte" (für die Toten) «Hier ״Ncschoine- (Seelen•) Licht'׳ wird in ler Synagoge an:;v/1indct. Auch für Kranke wird das ״Feld gemessen׳■ und ein der Fadcnl.inge entsprechend lange* Stück Zeug ati Arme verschenkt. ,Zu Slidies” Der Korcliit am Rehabhafausgange, mit dem die Se- Mc h 0111/ c i t beginnt, heißt ״der lange Burchu“. Bei den Spaniolen beginnt man mit den Sclidioih am 2. Elul. Dieser Monat heißt bei ihnen ״Radumin!“ (Barmherzigkeit). Pie Selichoth und!n tl<•rt auch »panb'hch gesagt, ebenso viele Gebete an den 11 oben Festen und das Sündenbekenntnis, An den Sclichothtagcii geht der Sch,׳minies dort, wo das ״Schltlklopfen״ noch erfolgt, von Tür zu Tür mit dein Rufe: ,,Auf zu Sliehe.s!“ Sodann wird nochmals ״Schul geklopft“. Alt Rosch Hasehanali und Jomkippur unterbleibt dag ״Schulklopfen", ebenso am Morgen nach Jomkippur. Man soll an diesen Tagen unaufgefordert zum Oottcsdiienst gehen. Da in den Sc’icfiothfageii groß und klein mindesten* bU Mittag fastet, wird schon vor Tage, und zwar mit Kuchen ״angebissen". Am Schabhat vor den Selichoth wurde bestimmt, wer Sclidioih sagen und wer Schofar blasen *ollte, damit die so /Aufgewühlten Zeit hätten, zu üben. Bei den Spaniolen wird von Ciemeindcmitgliedorn, die dafür Spenden wkltncn, während des Sclichoth-Sagens Oel in die Lampen gegossen, wie auch sonst eine Ehrung darin besteht, daß jemand Öd in das Ewige Licht gießen darf. fjCjkcdi bcjtcn Am Erew Jomkippur ist (itn Kaukasus) der Zugang zu den Friedhöfen am größten. Dabei geht es bei Branntwein und Leckereien recht lustig zu, was man durch St russische Redensart ״Trunkene werden nicht gerichtet“ erklärt. Diese Stimmung erleichtert auch gegenseitige Aussöhnung. Zu dem gleichen Zweck erbittet man voneinander eine Leckerei (״Lejkach hejtfn“). Di« persischen Juden besuchen im Elul am frühen Morgen den Friedhof. Vor dem Eingänge setzen «ich die Männer nieder und sagen, meist persisch, die *) Siehe ״Jüdische Rundschau“ 1934 Kr. 72/73 und 75. Srfichoflt, Fläschchen mit Rosenwasser und Acpfel gehen dabei von Hand zu Hand, um einen Segen darüber zu sprechen. Während des Gebetes am Grabe eines Verstorbenen wird dieses mit Rosenwasser benetzt, und an die Ecken sowie aut die Mitte wird je ein Apfel gelegt. Beim Verlassen des Friedhofes werden nach dem bekannten Brauch aut dem Grabe ein Grashalm und ein Sternchen, die man vorher geküßt hat, fiinrterfassen. Bei den Spaniolen wird der zur Thora Aufgerufene bei der Rückkehr za seinem Sitze nun Schutze vor dem bösen Blick mit Kölnisch Wasser besprengt. Jomkippur als Freudentag In Dag h estan spielen manche Juden zum Zeitvertreib am Nachmittag de* Jomkippur aaf dem Synagogenhofe Billard oder Würfel. In Derbend ziehen junge Mädchen in Gruppe« mit Harmonikamusik durch die Gassen. Vereinzelt werden Karten gespielt. Die abess mischen Juden (Falascba) fasten wohl, stimmen aber heitere Hymnen an, Männer sind Jünglinge führen Tänze auf. Nach ihrer Aussage sollen diese die Freude über die von (iott gewonnene Versöhnung ausdrücken. Der Brauch erinnert an den im Talmud (Taanilh Äb) erwähnten Tanz der Mädchen am Jomkippur, der siel» bei den Jaden Antiochiens, nach Chrysostomi» (״contra ludacos“), bis ans Ende des 4. Jahrhunderts erhallen zu nahm ■scheint. Am Abend vor «fern SchfuBgebct des Jomkippur streuen die Falascba (jetreidekörner auf die Dächer ihrer Hiitten und auf den Boden für die Vogel, wie es ähnlich in Europa am ״Schabbat Schira“ geschieht, tmd wie hier die Eingeweide der Kapparoth für die Vögel :»ufs Dach geworfen werden. Der Mensch, sagen sie, soll, wenn er selbst auch hungern muß, doch die Selbstüberwindung üben, die erste ihm zugängliche Nahrung der schwachen Kreatur zu überlassen. Auel» sieht mau einen Beweis dafür, daß Gott die Gebete erhört hat und ein günstiges Vorzeichen darin, daß diese Körner von den Vögeln verzehrt werden. Zum Begriff «ler Tradition Von Oskar Wolfsberg Pie umfassende Bedeutung des T raditionsbegriffes itn jüdischen Dcnksysteni lat unbestritten. Daß ilun aber auch in der Lebenssphäre eine wesentliche Funktion eignet, wird heute wieder besser verstanden als früher. Denn die Einsicht, daß das jüdische Leben wieder aus Eigenem, aus seiner historischen Substanz aufgebant werden muß — wenn auch durchaus in Bewährung an den Problemen, die sich täglich erneuern, und fern von jeder Erden- und Wdtlltichtigkeit, setzt sich wieder durch nach bitteren Erfahrungen. HmiiHiiiniiMimiiiiiiiim* imillllimillllllllllUIIMIIIII Und Jahre kommen und vergehen Von Ber» ־ Chorfn Und Jahre kommen — und vergehen Und wie ein Lied verhallen Menschenleben. Du hast genommen, wo* Du eirat gegeben. Wie könnten wir vor Deinem Thron bestehenI Wir sind die Herde — Du bist unser Hirt, Wir sind wie Laub im Wind, Du aber dauerst. Wir sind gebunden ln ein Taggevieri, Du aber reg»f In Ewigkeit ummauert. Wfe soll ich. Zeilenloser, Dich begreifen. Der mich zerbrach wie dürres Holz? Laß meine Demut wie ein Saatkorn reifen, Lab midi den Saum nur Deine* Manie!» sirelfen. Den Leuchtenden, Im Licht des Sonnengolds. Wir kennen ntdit da* Los. das uns beschlossen. Wir kennen nicht das Ziel, das Du gesetzt, Wir stehen, Zitternde, von Furcht umschlossen. Scheu wie das Wild, das man zu Tode hetzi. Vergiß uns nicht, vergib nicht unsrer Toten, Weis' uns den Heimweg, denn wir wurden müd F.nlblete Deinen längslverheifenen Bolen, Der wie die FeueriSule vor uns zieht. Aus <tmt Qedkhtband ״Da» Mal der Sendung“ von Fritz Rorenthal (Ben-Chortn), Verlag B. Heller, ffßmfien 1(m1m1nw11mrnNnMmm1m1!nMm1nu11mm111111w1111ni1Mn11111mumHM11(uu1uM11HUHM!11M1!m1Mmmu1 Gerade um dieser doppelten Bedeutung willen ist eine erneute Würdigung des Begriffs, nicht der dogmatischen Rolle, von Wert. Ws» Tradition als Wert iin Rahmen einer Lehre und der Theorie einer nationalen Kultur ist, auch ohne daß der Ge- Halt dieser Tradifkm und ihrer Bausteine im einzelnen geprüft wird, ist in dieser Zeit der Selbstbesinnung nicht unwichtig zu durchdenken. Der Begriff hängt dogmatisch eng mit der mündlichen Lehre zusammen, setzt aber auch logisch deren Existenz voraus. Der Dualismus van mündlicher und schriftlicher Lehre aber entspricht einer tiefen Notwendigkeit; die Unendlichkeit der mündlichen Lehre entläßt aus sich die schriftliehe, doch muß diese immer wieder an jene appellieren, an ihren dynamischen Fluß. Nur die mündliche wird immer wieder eninfangen und weitergegeben, von Geschlecht zu Geschlecht. Liferarisch hat dieser Sachverhalt seinen klassischen Ausdruck in der Mischnah Aboth I, 1 gefunden, wo es beißt; משה קבל תורה מסיני ומסרה ליהושע ויהושע לזקנים ־ ונביאים מסרוה לאנשי כנסת הגדולה Empfangen und Geben sind die Pole der Tradition. Beharrlichkeit und Fortbildung; sind darin eingcschlossen. Wenn Geiger mit Emphase für die Tradition sich ein*efjt, so denkt er vornehmlich an den Prozeß des Neuwerdens, der bei ihm von Willkür durchsetzt ist. Aber auch das andere Extrem hat •eine leidenschaftlichen Vorkämpf er *gefunden, und nicht nur in den Zeiten der Unfruchtbarkdt und Enge. Ja, an einem drastischen Beispiel wird vielleicht der ungeheure Ernst der Konstanz, freilich auch seine Grenze, klar werden. In dem Tannaiten R. Elleser hagadol sehen wir den klassischen Fall des Traditionsträgers, des •empfängers, der — nur treu bewahren will, in Sukkah S. 28 wird erzählt, daß man ihn einst, als er im oberen Galil weilte, Über eine Reihe HaJaclioth bezüglich der Silkkah befragt habe; eine ganze Reihe Fragen beantwortet« er; ander« Heß er offen mit der Wendung: ״Ich habe nicht gehört* (לא שמעתי, sc. voll meinen Lehrern), Darauf riehtete mau au Um die Frage: ״Rabbi, ist denn alles, was du sagst, lediglich empfangen?“ (השמועה ,SD) Darauf er: ״Ihr zwingt mich, etwas zu sagen, was ich nicht Von meine!» Lehrern gehört habe — niemals kam mir im Lelirhause jemand zuvor..״ niemals iüfirte kh ein profanes Gespräch, und nie habe ich etwas gesagt, das ich nicht von m ei• neu L e 11 r e r n gehört habe.“ Noch ein 2we»fer Bericht über R. Elieser wirft Licht auf die Rolle der Tradition, wie er sie auf faßte. R. Elieser war gegen den Willen seines Vaters dem Thorastudiitm ergeben. Als einst R. Jochanan b. Sakkai, der Lehrer R. Eliesers, ein Fest feierte, war auch der Vater des letzteren, Tfyrkanos, erschienen. R. Jochanan wollte den Sohn in Gegenwart des Vaters auszeichneit nnd forderte R. Elieser im Beisein vieler Großen auf, ״Thora zu sagen“. Dieser weigerte sich unter Berufung auf ein charakteristisches Gleichnis; eine Grube, eine Zisterne kann nicht mehr Wasser hergeben, ab man in sie bat einfliefter* lassen. ״So kann auch ich nicht mehr Worte der Thora sagen, als ich von dir, mein Lehrer, empfangen habe." R. Jochanan antwortete mH einem fesselnden Gleichnis: •ein Quell sprudelt und entläßt Wasser ohne Unterlaß. ״So auch du, mein Schüler. So drängte er ihn, und es drängten die Schüler. Er stand auf, begann und sagfe Dinge, die kein Ohr je vernommen hatte, und •eit» Antlitz glänzte wie das Licht der Sonne, und Strahlen gingen von ihm aus, wie einst von Mosche, und keiner wußte, ob es Tag sei oder Nacht...“ ln dem ersten Zitat kommt die Traditionslheorie R. Elfe• •er» zum Ausdruck. Er sagt, was ihm überliefert, und läßt offen, was ihm nicht tradiert worden ist. Halachisch bleibt er seinem Prinzip treu. Aber nach seinen Grundsätzen gefragt, muß er etwas Neues sagen, nur zur Erklärung, aber dabei durchbricht er sein Prinzip zum erstenmal, und man merkt ihm an, wie schwer es ihm ankommt, seinen Standpunkt zu formulieren (״ihr nötigt mich“ הזקקתוגי ־־־). Die Erläuterung und Motivierung seiner Haltung wird eine Durchbrechung seines Prinzips. Die zweite Steile zeigt den Tannattea in noch peialicherer Situation. Sein Lehrer fordert von ihm Neuforraung, Neues. Mit einem Gleichnis (das vielleicht auch schon seine Schöpfung ist) wifr er sich retten. Der Meister setzt ihm aber ein anderes entgegen, und nun geschieht das Wunder: der Asket des Schaffens erweist sieh als Zauberer, als verschwenderische Kraft der Erneuerung. Die Grenze des Traditionaiismus wird am Beispiele seines rigorosesten Vertreters aufgezeigt. Jeder kommt einmal in die Lage, etwas hinztizufügen, und sei es auch nur, um den Standpunkt des Nur-Bcwahrers zu verteidigen. Die Form, in die der Talmud diese Meinungsäußerung kleidet, ist von großem Charme. Selbst die Ironie fehlt nicht; denn nun, di R. Elieser genötigt ist, von seiner Gewohnheit abzuweichen läßt ihn der Talmud noch schneit einiges sagen, was nicht unbedingt dazu gehört. Wird aber hier nur scheinbar der strengste Traditionalismus durchbrochen, so wird das Recht des Schöpferischen von R. Elieser — wider Willen — im zweiten Zitat großartig demonstriert an der eigenen Leistung. Es ist der Wille seines Meisters, es ist somit der Sinn der Lehre selbst, daß sie durch ihre berufenen Jünger erweitert wird, daß diese nicht nur Empfangenes starr und photographisch weitergeben — das wäre ja schriftliche Lehre! —, sondern produktiv wirken, gewiß iin Geiste der Prinzipien der Lehre. Und da erweist sich, daß der Enthaltsamste der Denker, der sich ganz ausschalten wollte aus dem Prozeß des Schaffens, sich als schöpferischer Mensch ersten Ranges offenbart, in die Nähe des Größten rückt und die Hörer so fasziniert, daß sie die Orientierung in der Zeit verlieren. Das Recht des Weiterbaus an der Lehre ist also deutlich unterstrichen, und auch R. Elieser steuert einen Beweis dafür bei, der ungemein eindrucksvoll ist Dennoch wird er und werden viele andere im Erhalten und Bewahren das Entscheidender« gesehen haben. Die Stunde des Schöpferischen ist selten. Ich lese aus dem ganzen Gedankeng.mg einen Profest gegen die Sucht, stets und überall Neuerer zu sein, heraus. Die Eitelkeit der gewollten Originalität, der forcierten Gewinnung neuer Formungen und Prägungen, erfährt hier ihre schroffe Ablehnung, wird hier gründlich verurteilt. Bis ein ganz Großer, Berufener einen zwingt, soll man sich des Gestalten* enthalten. Erst dem Druck der Autorität —- oder dem machtvollen Rufe der inneren Reife soll mau nachgeben und aktiv werden. Das großartige Bild des unter Zwang zu plötzlichem Schöpfertum erwachfen Jüngers zeigt die vulkanische Dynamik des bisher stillen, sich Abstinenz gebietenden Geistes. Eine völlige Hinwendung zum Objektiven, zu dem durch beste Tradition Gesicherten, legt das Fundament zur Erweiterung dieser Welt der Lehre. Die Sdbatvergessenheit des Denkers und sein Eintauchen in die Welt des durch andere geformten Wissens und Weisen« gewährt ihm schließlieh das von anderen rastlos und ungeduldig erwartete Glück, selbst Baumeister zu sein. Und auch darin offenbart sieh sek» uneitles Wesen, daß ihm diese Stunde der Berufung als Stunde größter Qual erscheint. Der Neigung der übereilten und gekünstelten Neuerung des unfruchtbaren, unschöpferischen geistigen Bemühen* unterlagen und unterliegen viele, nicht zuletzt Menschen, die der Erforschung der Lehre sich widmen. Jetzt, wo ln Erez Israel der Neubau unseres nationalen Lebens beginnt und auch hJ der Diaspora, erst unter den gewaltigen Mahnworten de* Galuthschicksals, der Sinn für unsere volkhafte Berufung — und das schließt ein dem vergangenen Zeitalter ganz entgegengesetztes kulturelles Wollen ein — erwacht, erhält das Problem der Tradition einen neuen Sion, eine entscheidende Bedeutung. Erneut müssen Bewahrung und Erneuerung auf ihre Funktion geprüft werden. Auch früher, auch im vergangenen Jahrhundert, sprach man viel von diesen Begriffen. Aber gewöhnlich verharrte Begriff und Diskussion in der Ebene der Literatur. Sie sind jetzt dem Leben zurückgegeben, und es wäre verhängnisvoll, wenn die Erörterung akademisch bliebe und dem Werden ohnmächtig nachhinktc. Sie sollen den Prozeß mitgestalten, sollen ihn nicht schwächen oder lähmen, sondern fördern und lenken. Und mit ihnen wird wiederum zu prüfen sein, was Persön* lichkeit und Originalität bei uns sind, was Berufung und Er• wählung bedeuten,

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