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Jüdische Rundschau · 1935-09-27 · Heft 78 (27.9.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 78 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Roscli Haschanali-Beilage NR. 78, 27. SEPTEMBER 1935 Hebräisch - liturgische Poesie Von S. Meis eis, Wien . ^le hebräisch-liturgische Poesie, Piijut genannt, ist eine der eigenartigsten Erzeugnisse der hebräischen Dichtkunst. In der älteren hebräischen Dichtung, die vorwicgcnd religiösen Charakter besaß, nehmen die Pijjutim einen sehr breiten Raum ein. Wie sehr sie bei den Juden geschätzt wurden, beweist die Tatsache, daß sie zur Relebting• und Verschönerung des öffentlichen Gottesdienstes in die Gebetordnung für die hohen Feiertage angenommen wurden. Leopold Z u n z, der über diesen Gegenstand das Trefflichste geschrieben hat, weist nach, daß mehrere dieser religiösen Dichtungen nicht von Anfang an für die öffentlichen Gottesdienste bestimmt gewesen sind. Die Sentenzen und Gebete einzelner verehrter Männer wurden vielmehr durch deren Schüler verbreitet und im Laufe der Zeit eingeführt. Wann die ersten Pijjutim entstanden sind, läßt sicii mit Gewißheit nicht angeben. Eine Stelle im Midrasch Wajikra läßt vermuten, daß schon im 7. Jahrhundert einige liturgische Dichtungen an die Gebetordnung angeschlossen worden seien. Die hebräisch-liturgische Poesie zerfällt in verschiedene Arten und Gattungen, von denen jede einzelne entweder nach ihrer Versfortn oder nach ihrem Inhalt oder nach ihrer Ein- Schaltung in die alten, bereits in talmudischer Zeit formulierten Gebete die Benennung cTlwilt. Man unterscheidet drei Hauptarten: die eigentlichen Pijjutim, die poetisehen Gebete für das Neujahrs- und Versöhnungsfest, die Sei ic hot, die für die Bußtage bestimmten Gebete um Sündenvergebung, und die Jozcrot, Schöpferhymnen für die drei Erntefeste (diese Hymnen werden ״Jozcrot“ gerannt, weil sie au die Bcnediktiou ״jozer or“ anschließen). Von den einzelnen Gattungen seien erwähnt: die Eröffrungsstücke, die Wechsellieder, die Rezitationen, die Liebesgebete, die Lobpreisungen, die Hilferufe (mit dem Refrain ״Hoscha-na!“), die Gebete 11m Erlösung und die Schlußesiinge. Am bekanntesten ist die Aboda, ein liturgisches tiiek, das den feierlichen Tempeldienst am Versöhnungs- ־tage poetiscli schildert. Zur volksliimlichsfen Gattung religio- >er Dichtung gehören die S c 11 i r i m, Lieder, und die S e - ■mirot, das sind die Freitagabend- und Schabbatlicder, die zu Tischgesängen geworden sind. Die liturgische Poesie besitzt außerdem für jedes Fest ein Spezialstück, so für Peßacli das Gebet um Tau, für das Laubhütten fest das Gebet um Regen, für das Wochenfest eine poetische Aufzählung der Gesetze, für das Neujahrfest eine poetische Betrachtung־ über das Schofarblascn, und für das Versöhnungsfest die bereits erwähnte Aboda. Eine eigene Gattung bilden die Kinnot, Klagelieder, die für den neunten Ab und andere an die Zerstörung Jerusalems erinnernde Trauertage bestimmt sind. Die Kinnot sind die klassischen Dichtungen der liturgischen Poesie. Sie umfassen außer den sogenannten ״Zionidcn“ auch Märtyrer- Gedichte und Klagelieder, einen Kranz wehmutsvoller Poesien, die den Tod der zehn Märtyrer, die Leiden im Exil, die Schauertage der Kreuzzüge und ähnliche traurige Begebenheiten in der jüdischen Geschichte ins Gedächtnis rufen. Die mit dem Sammelnamen Pijjutim bez.eichnetcn Synagogengebete, Klagelieder und Lobgesänge sind ungemein zahlreich; ein Pijjut-Forschei schätzt sie aut ungefähr 15 WX), Es versteht sich, daß nur ein geringer Teil davon in die Gebetordnung aufgenommen wurde. Die Entstehungszeit der Pijjutim erstreckt sich vom Ende des siebenten bis zur Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Ausgedehnt und weitschichtig ist das Gebiet der synagogaien Dichtung. Stoffe aus der Haggada, der Kabbala, dazu Sagen und Legenden, geschichtliche Erinnerungen, philosophische Betrachtungen, ja sogar Teile der Halacha sind im Pijjut poetisch verarbeitet. Dabei wird das meiste mehr symbolisch gedeutet als episch geschildert. So enthält mancher Vers eine Anspielung auf eine Legende, manches Wort die Andeutung auf eine biblische Erzählung und manches substantivierte Adjektivum die verherrlichende Bezeichnung irgend eines biblischen Helden. Es gehört neben der Kenntnis der Bibel eine innige Vertrautheit'mit der gcsamten Häggada dazu, um die oft rätselhaften Bilder und Wortspiele der Pijjutim zu verstellen. Erschwerend für das Verständnis wirken auch die Eigenheiten der Sprache, die nicht selten in sprachliche Gewaltsamkeiten ausarten. Der sogenannte Musivstil, in welchem die meisten Pijjutim abgefaßt sind, wirkt schon durch seine zyklopische Art verwirrend. Doch hat es eine Anzahl von hervorragenden synagogaien Dichtern gegeben, die mit ihren Pijjutim wahre Kunstwerke schufen. Die Verfasser der liturgischen Dichtungen wurden P a jtan im (Einzahl: Pajtan, Poet) genannt. Die Werke der Pajtanim sind unter den Juden unsterblich geworden, der Klang ihrer Dichtungen hat sich bis auf den heutigen Tag in Svnagogen und Bethäusern lebendig erhalten; die Dichter selbst aber deckt zumeist der Schleier des Vergessens, Es hat den Pajtanim wenig genutzt, daß sie in ihren poetisehen Gebetstücken durch Akrostichen und allerhand kunstliehe Versformen ihre Namen einfiigten; Andacht und Pietät begnügten sich mit dem Hersagen der mit schwerfälligem Rhythmus und merkwürdigem Klangreim ausgesiattclen Dichtungen, ohne sich um die angvfügten Namenszeichen zu kümmern. So lebt der Gesang der religiösen Dichter im Munde des Volkes, ihr Name aber ruht still und verschwicgen in jenen Werken, die nur dem Literarhistoriker bekannt sind. Und doch, welche bedeutenden Männer waren unter den Pajtanim! Der älteste der Pajtanim war Jose ben Jos c mit dem Beinamen ״Hajathom“, die Waise; er lebte im siebenten Jahrhundert in Palästina. Der bedeutendste und bekannfeste Pajtan ist Eleaser ha-l<alir. Wir wissen nicht viel Persönliches von diesem Dichter. Nach der Ansicht ciniger Gelehrter soll er ein bedeutender Rabbi oder gar ein. Mischnalehrer gewesen sein, andere meinen, er sei Vorbeter in einer Synagoge gewesen. Sein Geburtsort wird vielfach in Palästina gesucht, weil der Manie Kalir angeblich auf einen Ort in Palästina hindeuten soll. Der Dichter selbst nennt seinen Geburtsort Kirjatli Sepher, worunter manche Tiberias verstanden wissen wollen._ Nach der Feststellung einiger Literarhistoriker soll er in einer Stadt des südlichen Italien, Cagliari oder Bari, im neunten Jahrhundert gelebt haben. Ztmz gibt Sardinien als Geburtsort an. Den Namen Kalir umgibt ein Sagenkranz, der den Ausdruck für die Verehrung bildet, die die Nachwelt diesem gotterfüllten Dichter entgegenbrachte. Mehr als zweihundert Gebetstücke hat Kalir gedichtet; die herrlichsten darunter sind die (jebete für das Neujahrsfest und den Versölinungstag. Eleasar ha-Kalir bedient sich in seinen Dichtungen der heiligen Sage, aber auch er selbst ist eine Art von heiliger Sage geworden. Sagenumwoben wie sein Leben ist auch sein Tod. Es wird erzählt, daß sein Lehrer Jannai, der ihm seinen Dichtcrruhm neidete, in seinen Schuh eine giftige Eidechse legte, die ihm den Tod brachte. Das soll das Ende dieses Dichters gewesen sein, von dem cs hieß, er sei in den Hirnnid gestiegen und habe den Engeln den alphabetischen Pijjut abgelauscht. Man unterscheidet in der liturgischen Poesie zwei Richtungen: die idealistisch-individuelle und die rcligiös-nationale. Die hervorragendsten Vertreter der idealistisch-individucllcn Richtung sind die Dichter der spatiisehen Schule: Jehuda Halevi, Salomo (iahirol, Mose heil Esra, Abraham ihn Esra, Samuel f lanagid, Isaak Gajat, ßechaj, Abub ben Meir, Josef ben Zaddik, David ihn Pakuda u. a. in. Als Vertreter der religiös-nationalen Riehtung sind die Pajtanim aus Italien, Frankreich, aus Deutschland, vornehmlich der Rhcingcgcnd, und aus den sknvisehen Ländern zu nennen: Meschulam ben Koloiiymus, iiniiiiiimililiiiiiliiiimiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiMMiimiiiiMiiiiiiiiuiiimiiiiimiuiliniiiiuiiiiiiiiiiiiimiimiiiiniimMiiMHiiiiiHiiiiii AUFRUF' Von MANFRED STURMANN Du sollst nicht abseits stehn Und, auf den Trümmern hockend, Deine Welt beweinen. Daß sie zerbrach, war ehernes Gesetz. Dein Leben ward gebaut ln einen Traum, doch Wirklichkeit Kam Ober dich wie Adlerflug. Nun wache 1 Träume nicht I 50 wie In uns liegt auch In dir Der Baustein einer neuen Well: O möge sein in uns und dir Der Väter Wille zum Bestehn. Nun schüttle deine Müdhcli ab Und stehe nicht am Wege einsam! Nun ordne deinen kleinen Kreis Dem groben ein. der uns umschlie&l! Begrelie, was gesddeht: ein aller Stamm Ist aufgebläht, die Wurzel trinkt. Erneue, Bruder, dich mit unsl Dein Leid ist Schwäche. Träume nlchll Salomo ben Jehuda, Sabbatai ben Moses, Gerschon ben Jehuda (genannt ״Rabbenu Gerschon“ aus Mainz), Isaak Halevi aus Worms, Menachim ben Macliir aus Regensburg, Jehuda ben Samuel aus Speyer (genannt Jehuda Hachassid), Jakob Meir Tarn, Meir ben Samuel (Rasehbam), Josef Bechor Schor,!Meir ben Isaak aus Orleans, Pekutiel bei! Moses u. a. m. Dazu gibt es n-ocli Tausende von Pijjutim, deren Verfasser wir nicht kennen, und Hunderte von PaJtanim, von denen nur die Namen, aber keine ihrer Diel»■ tungen bekannt sind. Im ganzen zählt die Geschichte des Pijjut im Laufe eines Jahrtausend ungefähr 1500 Pajtanim. Erwähnt sei, daß auch Rabbi Schlomo Jizchaki (Raschi) und Mose ben Maimon (Maimonidcs) mit je einem Pijjut in der liturgischen Poesie vertreten sind, und daß die Hymne Nisehmat kol chaj und die Schilderung des Opferdienstes ״Ethcn tehilla“ dem Apostel Petrus zugeschrieben werden — was wohl auf eine Namensverwechslung zurückzuführen sein dürfte. Juden erinnern sich.., *Ein Gedenkblatt zum Tuge der Erinnerung* ,,Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden’können!“ so schrieben einst unsere Großmutter ihren Freundinnen ins Stammbuch — und erlegten damit ״Zweie auf einen Streich“ — wie das tapfere Schneiderlein von dazumal. Nämlich zwei Lugen auf einmal. Denn einmal ist die Erinnerung gar kein Paradies, wie jeder Leser von Lebenserinnerungen weiß; nichts haftet so unauslöschlich im Herzen und trübt das Bild der Vergangenheit wie die Erinncrung an einst erlittene Schmerzen oder noch schlimmer — Ungerechtigkeiten. Und dann: wer sagt uns, daß wir aus diesem zweifelhaften Paradiese nicht vertrieben werden können? Jeder Tag vertreibt uns daraus, jeder Moment mit seinem eigenen, drängenden Leben; jede hastige Minute unseres gehetzten Alltagslebens. Mit gutem Grund sind dem Juden Tage der Erinnerung auferlegt, an denen er gedenken soll an den Fels, der ihn gebar, und an den Quell, aus dem sein Wesen entsprang. An solchem Tage ist es drum vielleicht nicht ganz nutzlos, sich einmal ,111 die Erinnerung selbst zu erinnern — und an die Rolle, die sie im Leben vieler Juden und Jüdinnen der Vergangenheit gespielt hat. * Die ersten l ebenserinnerungen, von denen wir hören, werden nicht durch den eigenen Wunsch, Vergangenes wieder zu beleben, hervorgerufen. Jakob erzählt in einem einzigen Satze dem König Pharao sein Leben —- das ist vielleicht die erste Autobiographie, die wir kennen. Und wie sieht sie aus? — ״Wenig und schmerzlich waren die Jahre meines Lehens; und sie reichen nicht heran an die Lebensdauer meiner Ahnen.“ Biographie eines Vaters, der sich selbst wieder als Sohn seiner Väter erkennt: das Lehen eines Patriarchen steht vor 11ns aut. — Anders spricht der Prophet, wenn er sein Lehen überschaut. Schemuel, der Hirte des Volkes, erzählt den Volksgenossen von seinem!.eben und Mühen, ehe er von ihnen Abschied nimmt und sie dem neuen Führer (iberantwortet. ״Alt und grau hin ich nun, seit meiner Jugend bin ich vor euch hertgegangen.“ Rechenschaft gibt er ihnen über sein Leben: ״Wem ich etwas vorenthalten, wen ich unterdrückt, wem ich einen Ochs oder Esel gcnominell — er sage es an!“ — Hier spricht das Gefühl erfüllte•״ ‘ ׳fgahe; aber der rück schauende Prophet kennt auch die Bitterkeit unerfüllten Wollens. E1 i j a h 11 in der Wüste Genug ist's, o Herr! Nimm mein Leben hin... Ich kämpfte für Gott, aber die Kinder Israels verließen Deinen Bund... Und am erschütterndsten wirkt die Lebensschau des Mannes aus Uz, in dem wir uns wiederfinden: Meinen Pfad verzäunte Er, daß icli nicht schreiten konnte; meiner Ehre hat Er mich entkleidet und riß die Krone mir vom Haupt... Und dennoch weiß ich, daß mein Erlöser lebt... Immer wird die Erinnerung zu einem Rechenschaftsbericht: Jakob steht vor dem Ki'm'g, und Schemuel stellt vor seinem Volke, das er geführt hat. Lliialm aber und Hiob stehen vor Gott dem Herrn . .. geben Rechenschaft und fordern mit der Kühnheit des wahrhaft (iottnahen Rechenschaft über Recht und Unrecht unter der Sonne. Erinnerung ist das läuternde Feuer, durch das sie hindurch müssen; bis Elijalm den Himmel vor sich aufgehen sieht und die Erscheimmg Gottes in der Stille erlebt;, und bis Hiob m der Erkenntnis kommt: ich weiß, daß mein Erlöser lebt... * Sohn und Vater — Führer und Geführter — Mensch una Gott: immer spielt sich der Dialog der Erinnerung im engsten, naturgegebenen Kreise ab; denn Gott ist dein Vater gleich, und die Volksgenossen, zu denen Schemuel spricht, sind die Briider des Propheten. Da aber kommt der Tag des Unglücks -- Jerusalems Mauer sinkt; und der Jude wird aus der naturgegebenen Umw elt, in fremde Welt hin einversetzt. Wenn er jetzt rückschauend sein!.eben überblickt, so spielt die fremde Welt und seine eigene Verlockung und Zurückweisung durch die anderen bedeutungsschwer hinein in sein Leben. Kaum aber je erstellt ein Einzelner und erzählt von den Leiden seines geringen Daseins — immer klagt und stöhnt der Chor, das Leid der Gesamtheit ist der Gegenstand der Berichte aus •dem ״Tal des Weinens“. — Nur einer rechnet etwa ab mit der eigenen Begier zu Fremdem und der Ziinickw ei.-tmg daist Süskind von T r i 111 b e r g, der sein I .eben lang sang wie die anderen Minnesänger und dann am Ende bekennen muß: Nun bin ich eines Toren bahrt Mit meiner Kunst gefahren, Die großen Herten trollen mir nichts gelten... Drwn tvill ich ihre liöje fliehen i'nd laß mir einen langen Hart Wachsen von grauen Haaren, Nach alter Jutlensillc triII ich fortan leben l'nd stille meines H’cge.v ziehen . . . Hier setzt sich zum ersten .Male der rückschauende Jude mit den Lockungen der fremden Umwelt auseinander -- erkennt seinen hehl, und kehrt zu sieh selbst zurück. Ein Ton, der viel später erst wieder anklingt —- weshalb auch unsere Zeit sich dem verschollenen Minnesänger manchmal seltsam verwandt fühlt. -. Süskind bleibt ein Ein/einer; das Leben der Gesamtheit geht über ihn hinweg. Und in Trimbcrg erzählten noch spat die Kinder, ein ״Schmuser“ und ein ״Bciiäzfer“ sei Süskind gewesen; 1m Alter habe er Unglück gehabt — seine Kinder hatten ihn verlassen, einsam und allein sei er gestorben . . . * Jahrhunderte vergehen, bis sich wieder eine Stimme erhebt, und rückschauend von ihrem Einzelleben kündet. Diesmal aber ist's die Stimme einer Frau; und sic knüpft bei den ältesten Erinnerungen, den Erinnerungen des Erzvatets Jakob wieder an. Glückei von Hameln erzählt ihr Leben; nicht, um sich im Paradies der Erinnerung zu vergnügen, sondern in bangen, tränenschweren Nächten, wenn sic nicht schlafen kann, um sich zu trösten... und damit die Kinder wissen, von was für Leuten sie licrkottimcn ... Sie ist die Erste einer langen Reihe von Frauen, von Müttern, die vom gleichen Wunsche beseelt, für die Kinder ihr Leben beschrieben. Zunächst aber schweigt die Erinnerung wieder. Der Mann, der nach Kants Worten ״seine Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu verteidigen wußte... dergleichen sich keine andere rühmen kann“ hat nie daran gedacht, sein mühseliges, kurzes Leben zu beschreiben. Moses M e n d e 1 s s o 11 11 bekennt einmal selbst, daß ihm seine Lebensumstände so unwichtig erschienen, daß er sich nicht das Geringste davon aufgezeichnet habe. Nur gc- /.willigen berichtet er kurz, und knapp einmal die hauptsäcliliebsten Ereignisse seines äußeren Lebens... bis zu seiner Krankheit. Durch seine Bücher will er — wenn der bcscheidene Mann überhaupt diesen Gedanken ergriff — zur Nachwelt sprechen, durch seinen ״Phaedon״ zu eia» Philosoplien, durch sein ״Jerusalem“ und die Bibel-Uebersetzung zu den Juden: der Mann selbst verschwindet hinter dem Werk. Ganz anders, grell und wortreich zugleich, zeichnet ein jüdischer Zeitgenosse sein Leben. Es ist der unglückliche Salomo 11 Maimon, dessen Lcinm-geschichtc einst Karl Ph. Moritz als ein Beispiel bo/eichnete, wie ״die 1 icnkkraft auch unter den drückendsten Umstanden sich in einem menschlichen Geiste entwickeln kann“. Maimon, der sich selbst als einen Mann he/eichncte, der um die Wahrheit aut'/usuclien, seine Nation, sein Vaterland und seine Familie verlassen hatte, bietet uns wohl das erste Beispiel der revolutionären Selhsthiographic, wie wir sie int IQ. Jahrhundert dann so häufig finden werden. Es ist vier entgegengesetzte Weg, den etwa Süskind von Trimberg zuriicklegt, der am Ende seines Lebens aus der Fremde der .großen Herren“ in die verlassene Judenheimat seines Herzens zuruckkehren will. Und nun finden wir im beginnenden IQ. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Autobiographie, diele beiden Typen merkwürdig gegeneinander abgestuft. Susskinds Weg gehen die Selbstbildnisse der romantischen Juden — gerade damit einen (irtindzng ihrer romantischen Zeit »erkörpernd. In der letzten Krankheit bekennt die lange Zeit zuviel bewunderte, dann vielleicht zuviel gescholtene Kabel Levin in einer Rückschau auf ihr Lehen, daß sic ihr ludentum, das zeitlebens ihre herbste Qual und ihr größtes Leid war, heute auf keinen Fall missen mochte, lind ihr Stammes- und Schicksalsgenosse Heinrich Heine erzählt seinen Lesern mit der Offenheit, die ihn von den Dichtern jener Zeit unterschied, wie er zu Gott zuriickgekchrt sei: nicht durch eine Stimme vom Himmel, noch einen Traum bekehrt — sondern einfach durch ein Buch, ein Buch, das werktägig und anspruchslos aussicht wie die Sonne, die uns wärmt, und wie das Brot, das uns nährt... Wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden... Diese innere Selbstbiographie Heines bildet das Gegenstück zu der naiv verzeichnenden äußeren Rückschau Süskinds von Trimberg. Den Siiskino-Weg oder den Maimon-Weg gellen nun fast alle die Menschen, die uns in diesen Jahrzehnten ihre Lebensschau schenkten. Fanny l.cwald, die Königsberg«• Jüdin, die nachmalige Gattin des Kunsthistorikers Stahr; Mary Antin, die russische Jüdin, die in Amerika das ״Land der Verheißung“ fand: unter vielen anderen auch FF-MASS-ANZUG aus guter»dsulschsn MaßstoffsnRM 100.-,120.- aus •ngllschan MaBatoffan RM 130.— PC 1/1 B|K| IfclS» pp Zentrum: Spittelmarkt 11, IS 11.13 I I " IvlaCI MvIlVj" II OldenburgerStr.48,EckeTurntstr.

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