Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 78 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78, 27. IX. 1935 Die Ehrung für Henrietta Szold Frau Hcnrietta Szold ist in diesen Tagen auf das herzlichste in Deutschland begrüßt worden. Selten ist einem Menschen soviel Liebe und Verehrung entgegengebracht worden, selten war aber auch die Einmütigkeit des Dankes so stark wie gegenüber Henrictta Szold. Wir haben diesem Dank einen Ausdruck zu geben versucht durch einen Beschluß, im Süden Palästinas eine Siedlung zu errichten, die den Namen von Henrietta Szold tragen soll, ln dieser Siedlung sollen Chaluzim aus Deutschland und Jugendliche der Jugend-Alijah unter ihrem Namen zusammengeführt werden, um ihr Leben in Freiheit und Arbeit zu gestalten. Dieses Versprechen ist nochmals feierlich bekräftigt worden, als Henrietta Szold unser Gast in Deutschland war. Jetzt gilt es, dieses Versprechen einzulösen! Der Boden muß geschaffen werden, auf dem die erste Siedlung der Jugend-Alijah erstehen soll! Wir rufen die Juden in Deutschland auf, uns bei der Erfüllung unseres Versprechens zu helfen und durch ihre Leistungen den Erwerb des Bodens für die Jugendsiedlung möglich zu machen. schützen. (Kurz vor dem Nürnberger Reichstag hat eine Verordnung des Lrziehungsministers mitgeteilt, daß im nächsten Schuljahr die jüdischen von den deutschen Schülern separiert und jüdische Schulen geschaffen werden sollen.) Dadurch ist ein neuer Ausgangspunkt gegeben. Wir bilden uns natürlich nicht ein, daß durch diese Maßnahmen nun mit einem Schlage ein reibungsloses Zusammenleben von Juden und Deutschen möglich sein wird. Wir wissen genau, daß die jüdische Hauptsorge die Organisierung der Au sw an derung aus Deutschland sein!null, und da rein tatsäch• lieh, sogar wenn man von allen ideellen Gründen absieht, Palästina das einzige in Betracht kommende Einwanderungsland ist, bedeutet Auswanderungsarbeit gleichzeitig Vorbereitung für ein Leben in Palästina, in menschlicher und jüdischer Hinsicht. Dies allein schafft einen ungeheuren Aufgabenkreis für die in Deutschland verbleibenden Juden, und es ist ganz konsequent, wenn die Reädisvertrctung und die anderen jüdischen Körperschaften anläßlich der Verkündung ihrer neuen Richtlinien zum ersten Male in solenner und uneingeschränkter Form auch ihre Verbundenheit mit Palästina deklariert haben. Es ist auch wiederholt betont worden, daß eine geordnete Auswanderung nur von einer nicht völlig materiell ruinierten Judenschaft durchgetiihrt werden kann. Daß diese Tatsaehe auch an anderer Sülle anerkannt wird, ergibt sich aus einer Vcmttemliehmig des Wirtschaftsdienstes der ״Nationals! ׳/ialistischcn Patteikurre-pimdcnz“, in der von der Notwendigkeit einer l. i q u i d a t i o n s b a!1 k für die Abwicklung der Geschäfte jüdischer Auswanderer die Rede ist. V'״n der jüdischen Seite her ist eine solche Idee häufig diskutiert worden, schon Theodor Her/1 spricht davon in seiner Broschüre ,,Der Judenstaat“ im Jahre 1890, Zwar geht die jüdische Konzeption einer solchen Bank von anderen Voraussetzungen aus, aber es ist ohne weiteres klar, daß sie überhaupt mir im Einvernehmen mit staatlichen Stellen zu verwirklichen ist. Da cs sich um Auswanderung handelt, spielt das Probleni des Vermögens-Transfers dabei die wichtigste Rolle. Eine Massenauswanderung ohne materielle Grundlagen ist in unserer Zeit unmöglich. Sollte die in dem erwähnten Artikel gegebene Anregung verwirklicht werden, wird sich gewiß auch ein Weg zur Bewerkstelligung des Transfers ergeben, wie ja auch bisher in einem beschränkten Umfang eine Mascliineric für den Transfer nach Palästina geschaffen werden konnte. Was aber die in Deutschland lebenden Juden betrifft, solange sie noch in Deutschland verbleiben, besteht keine einheitliche Interpretation ihres Status, ln der deutschen Presse hat sich eine Diskussion darüber entsponnen, ob die Juden eine 11״ a t i o n a 1 e Minderheit“ seien oder nicht. Unmittelbar nach dem 15. September schrieb der Hauptsdiriftleiter des Deutschen Nachrichtenbüros in einem längeren Artikel: ״Dadurch, daß das Judentum zu einer nation a 1 e 11 Min d e r 11 e i t g e s t r m p e 11 wird, ist es über- Haupt wieder möglich, normale Beziehungen zwischen Deutschtum und Judentum Iier/iisicHcn.“ Dagegen äußerte sich die Nationalsozialistische Parteikorresp,mdenz in etwas abweichendem Sinne. In einem Artikel, dessen (irdnttkengang dann in einer Reihe von Zeitungen noch weiter ausgeiuhrt wurde, schreibt sie u. a.: ״Der Jude kt /war (last in I)eukehiand, wie auch der nichtjuk-che 1':i'iude, aber er ist (1a,t in einem be-onderen Pinne, weil er Kein ■ogoHo Tcriitoriims ak Vaterland hat. Fr gehört rahlcnm.iß'g 711 einer Minderheit; aber diese Minderheit ist /. B. 1t teilt eine Minderheit im Volk e r recht! i c 11 e 1! S t 11 11 e, I )een wahrend sonst den Minderheiten Gl, LI1* l׳crccätigu11:;׳ /tiemhüg wird, w erden die jtidim von di f (1i!a׳ :!,'ereditigung au-ge.wllI05.scn und unter Frcmdenrcclit gestellt.“ Der Begriff der nationalen Minderheit ist keineswegs fcst.-tchend. Die staatsrechtliche Theorie hat ihn nicht einheitlich definiert. I!11 geltenden Völkerrecht tritt dieser Begriff liaupts.'ichlich in den Verträgen auf, die nach dem Weltkrieg mit einer Reihe von Staaten abgeschlossen würden. Dabei wurde z. B. in dem Vertrag mit Polen vom 28. Juni 1 <) 10 folgende Formulierung gewählt: ״Polnische Staatsangehörige, die einer ethnischen, religiösen oder sprachlichen Minderheit angeboren“. Der Ausdruck ״nationale Minderheit“, der in der Literatur fast allgemein üblich ist, wird also im Wortlaut der Verträge nicht gebraucht. Die Frage, ob die Juden im Sinne der damaligen Verträge in den betreffenden Ländern eine Minderheit darstellen, war keineswegs strittig. Ein Teil der Bestimmungen dieser Verträge (z. B. Schabbatruhe) ist direkt auf die jüdisclie Minderheit gemünzt. Es ist bekannt, daß die Vertreter der jüdischen Minderheiten der Osteuropa!• sehen Staaten zu den aktivster! Gruppen gehörten, die sich damals um ein Minder!!eitenrecht bemühten. Die Juden Deutschlands dachten freilich nicht daran, für sich den Status einer nationalen Minderheit in An- Spruch zu nehmen, denn sie erblickten in der ihnen damals zustehenden bürgerlichen Gleichberechtigung die Garantie ihrer Existenz. Seit den Verträgen von 1919 hat sich auch in bezug auf das Minderheitensystem viel geändert. Durch die von Polen vor einem Jahr abgegebene Erklärung ist das ganze Gebäude ins Wanken geraten. Aber die sehr verbreitete Auffassung, eine nationale Minderheit bestehe nur dann, wenn sie vom Genfer Völkerbund geschützt wird, ist sicherlich falsch. Reichsvertretung der Juden, in Deutschland Es ist vielmehr durchaus möglich, daß innerhalb eines Staates eine nationale Minderheit dadurch auch rechtlich konstituiert wird, daß sie mit der Mehrheit, dem Staatsvolk, in eine innerstaatlich geregelte Beziehung gesetzt wird. Es gibt keine Schablone für den Status der nationalen Minderheit. (Vgl. den Artikel von Dr. Rudolf Lewy in der ״Jüd. Rundschau“ vom 26. April d. J.) Wesentlich ist, daß die Angehörigen der Minderheit das Recht zur Pflege ihrer eigenen Kulturwerfe, insbesondere das Recht auf Erziehung ihrer Jugend haben und darüber hinaus eine Möglichkeit anerkannt wird, daß sie ihre wirtschaftliche Existenz in dem Lande finden. Denn es wäre ja unmöglich, einer Gruppe ein ״völkisches Eigenleben“ zu konzedieren, wenn gleichzeitig ihr Recht, auch materiell eine Existenz zu finden, negiert wird. Nichts ist begreiflicher, als daß auf diesem Gebiet, das ja so gut wie noch gar nicht wissenschaftlich und systematisch bearbeitet ist, viele Unklarheiten herrschen. Aus den Erklärungen, mit denen die letzte Juden-Gesetzgcbung begleitet wurde, glauben wir aber schließen zu können, daß nunmehr eine Basis gefunden wird, von der aus die Lage der Juden sich regeln läßt. Wir verkennen dabei nicht, daß tatsächlich die Judenfrage ein Problem sui generis ist. Vor allem wird das jüdische Mindcrhcitenproblcm gegenüber jedem anderen modifiziert durch das Streben nach Aus- Wanderung und durch den Prozeß der Dissimilation, der naturgemäß viel schwieriger ist als die Probleme einer Minderheit, die niemals assimiliert war. Die jüdische Minderheit muß sich ihr Volksbew’iißtsein erst wiedererobern. Das ist unser e Aufgabe, und sie bleibt es auch im neuen Jahre. * Wir wissen, daß wir heute wieder zu einer großen Reihe neuer Leser sprechen. So wie nach dem 1. April 1933 mit einem plötzlichen Ruck viele tausende Juden in Deutschland zum Judentum zurückkehrten und nun mit großer Mühe den längst verlorenen An- Schluß finden mußten, so sehen wir auch in diesen Tagen, wie Scharen von Juden, die immer noch auf der anderen Seite ein Ventil zu finden gehofft hatten, minmehr sich dem Judentum nähern. Heute wie damals können wir nur unsere Stimme erheben gegen eine panikartige Reaktion, die nicht mit einer Erkenntnis der jüdischen Problematik verbunden und nicht von dem Willen einer bewußten Teilnahme an der jüdischen Volkswerdung begleitet ist. Das Leben in Deutschland für die, die noch hier bleiben müssen, aber auch das Leben anderswo und vor allein das Leben in Palästina erfordert eine Unterwerfung unter die Gebote der jüdischen Gemeinschaft, und nur sie ist es, die in einer zermürbenden Zeit Halt und Lebensmut geben kann. Ein lebendes Volk zu werden, ist kein mechanischer Schritt, sondern erfordert eine Um- Schmelzung der eigenen Persönlichkeit im Feuer eines bis in die letzten Tiefen der Seele gehenden Erlebnisses. Am Anfang steht der Wille. Wer den guten Willen hat, der sei willkommen, was immer er früher getan oder gedacht haben mag, Nur wenn wir diesen Willen haben und uns dabei der ganzen Schwere des Zu-Vollbri״genden bewußt sind, nur dann können wir mit gutem Gewissen an diesem Neujahrstag sprechen, was von unzähligen Lippen in der gleichen Stunde strömen wird: Schreibe uns ein in das Buch des Lebens. Hauptschrildcitcr: Dr. Robert Welt sch, Berlin - CharlotSenburjj 9 (verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kt!rt I. o e w e n s t e i rt, Berlin W 15. Anzeigen Unter und verantwortlich für eien Inhalt der Anzeigen: Hermann F i ti n, Berlin-Tcmpelhof. Gültig: Anzeigen-Preisliste 3 vom 1. September 1935. Verlag und Anzeigen- Verwaltung: Jüdhrhe Rundschau, Berlin W 15, Meinekestraße 10. D.-A. August 38 350. — Druck: Siegfried Scholem, Berlin-Schönetierg. Zionistische Vereinigung lür Deutschland Die Fassungskraft Palästinas Ansprache Dr. Weidmanns In London London, 24. September. (JTA.) Bei der zu Ehren des neugewählten Präsidenten der jevvish Agency und der Zionistisclien Organisation, Dr. Chaim Weizinann, anläßlich seiner Rückkehr vom Luzerner Kongreß nach England in der Shoreditch Town Hall in London am 23. September veranstalteten Volkskundgebung wurde Dr. Weizmann von den Besuchern ein enthusiastischer Empfang bereibet. Den Vorsitz führte Rev. J. K. Goldbloom. Auf der Tribüne hatten außerdem Professor Brodetsky, Dr. Eder. Abg. Barnett Jänner und Morris M y e r Platz genommen. Als erster Redner sprach Prof. Brodetsky, der u. a. betonte, nur wenige hätten gewußt, welch kritischen Verlaut der Luzerner Kongreß hätte nehmen können. Hätte der Kongreß nicht zu einer Vereinigung aller konstruktiven Eiemente und zu der Rückkehr Dr. Weizmanns an die Spitze der Bewegung geführt, dann hätte sich eine sehr ernste Lage ergeben. Drei Dinge brauche das jüdische Volk: Einigkeit, nationale Hingabe und Selbstaufopferung der am Aufbau Palästinas tätigen Menschen und zuletzt, aber nicht in letzter Reihe, eine richtige Führung. Der Zionistenkongreß habe diese drei Ziele erreicht. Er habe Einigkeit geschaffen, den Beweis nationaler Hingabe erbrächt und der Bewegung den richtigen Führer gegeben. Als Dr. Weizmann gebeten wurde, das Wort zu ergreifen, erneuerten sich die Ovationen für ihn. Weizmann erklärte, er habe sich nicht leichten Herzens entschlossen, die Führung wieder zu übernehmen. Neue Schwierigkeiten und eine sehr ernste Zeit stünden bevor. Das jüdische Leben vollziehe sich außerhalb Palästinas in einer Zeit voll Finsternis und Unruhe. 39 000 Juden sind in den letzten sieben Monaten i!1 Palästina eingewandert. Immer mehr Menschen kommen nach Palästina, und cs ist kein Ende dieser Wanderungsbewegung abzusehen. Weizmann besprach sodann die schwierige Lage der Juden in einer Reihe von Ländern der Diaspora. Nur in Palästina seien Anzeichen vorhanden, die zur Hoffnung auf den Wiederaufbau des Vo|- kes und die Besiegung der Schwierigkeiten der jüdischen Existenz berechtigen. Millionen Juden pochen an die Tore Palästinas, das ihnen •die einzige Hoffnung airf Rettung und Erlösung ist. Auf Grund langjähriger Erfahrung seien nunmehr die besten Methoden für die Ansiediting von Juden ausfindig gemacht worden. Früher habe die Ansiedlung einer Familie auf dem Lande 1200 Pfund gekostet. Heute sei es bereits gelungen, den erforderlichen Betrag auf 400 Pfund herabzusetzen. Wenn Leute davon reden, Juden in allen möglichen Teilen der Weit anzusiedeln, so wolle er gegen solche Pläne nicht auftreten. Aber er sei dessen eingedenk, daß es Palästina war, wohin Moses seinerzeit die Juden führte. Ob Moses damals recht gehabt habe oder nicht, haben nicht wir zu entscheiden. Wesentlich sei, daß er Palästina gewählt hat und daß in Palästina allein die Juden imstande waren,eine geschlossene Gemeinschaft aufzubauen. In anderen Ländern hätten die Juden sich nicht mit jenem Eifer wie in Palästina an den Bodw! geklammert. Wohl sei di« Frage, die 16 Millionen Juden der Welt heute in Palästina anzusiedeln, nicht aktuell. Was aber geschehen könne, sei die Ansiedlung der jüdischen Jugend in Palästina! damit sie dort eine Zukunft für das ganze übrige Volk aufbauen könne, denn es sei Raum für die Ansfedlung von mehr als einer Million Juden im heutigen Palästina. Nach Dr. Weizmann sprach Dr. M. D. Eder, Paul Goodman und Morris Myer. Roosevelts Roseh Haschanah-Grgß Präsident Roosevcit veröffentlicht folgende Botschaft: ״Anläßlich des Rosch Haschanah-Festes möchte ich allen unseren Bürgern jüdischen Glaubens meine aufrichtigen Grüße und besten Wünsche zum Neuen Jahr entbieten.“ Der Außenminister der USA-, Staatssekretär Hüll, schreibt: ״Die Feier des Rosch Haschanah am 28. September bietet mir einen willkommenen Anlai), meinen Mitbürger jüdischen Glaubens im ganzen Land einen Gruß zu senden. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, daß das jüdische Neue Jahr 56% ein glückliches und zufriedenstellendes Jahr sein wird 11 na daß jene gegenseitige Achtung, das Verständnis und die Freundschaft, welche die Amerikaner jüdischen und christlichen Glaubens einander entgegenbringen, sich wie in der Vergangenheit so auch weiterhin verstärken werden.“ Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin . rfcD KZ E> ■ ■=• tietzenburqerstr.53 ■e.W✓ K- ■ ■U» eckes»-hs,cches!r.».pos,amt.w■■־ >