Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 78 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 78 / Jahrgang 40 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU 8chxiftl«»!t«mg,Ver|jn? a, Ansclg•nvtrwaltvBgi B«rllnW15,M®ln«>kMtr. 1• F*rnm!: Sammel-Nr. J1 Bismarck 3181/82, 7165/70, 7240/42. - Bezugspreis einsdhL Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5.75, hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. —׳ Postscheck - Konten der Vertriebs-Abteilung: Berlin 71573 (Rir GroR ■ Ber!in\ Berlin 17392 (für das übrige Reich), hn Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren.— Erscheint jeden Dienstag and Freitag, BERLIN ערב ראש השנה תרצ״ו FREITAG, 27. SEPTEMBER 1935 AnselgenpreleUita Nr. 3 g<lg. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf, Kri Famihennachrichten!5 Rpl. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzel- •nzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. AnnahmeschluR für die Dienstag- Au »gäbe Montag 10 Uhr, für die Freitag-Au•• gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) ״...in das Buch des Lebens“ Gedanken der Wanderschaft Zu Rosch Haschanah 5696 Wieder feiern wir das Fest, das in der jüdischen Liturgie ״Tag des Gedenkens“ genannt wird, in einer Zeit der Erregung und mit aufgewühlten Herzen. Waren die letzten drei Jahre für die Juden in Deutschland eine Zeit der Erschütterung aller Lebensgrundlagen und hergebrachten Vorstellungen, so ist doch das Bewußtsein des Einzelnen nicht immer in dem gleichen Spannungszustand; wir erleben relative Ruhepausen und Höhepunkte. Die letzten zwei Wochen brachten den Juden in Deutschland einen Höhepunkt des stürmischen Erlebens. Sie brachten den Abschluß in einem Prozeß, der die alte Form eines gesicherten oder gesichert scheinenden Daseins ablöst und uns wieder — wie so oft in unserer Geschichte — hinaustreibt auf das offene Meer des Schicksals, wo jeden von uns die Welle hochtragen und auch verschlingen kann — ein Zustand der Unsicherheit, des Suchens, der Wanderschaft, wie ihn wohl unsere Ahnen, nicht mehr aber unsere Väter kannten. Wir heute wissen wieder, was Wanderschaft ist; auch diejenigen von uns, die noch immer auf demselben Ort und in demselben Hause wie früher sitzen. Und die Feste, die wir in diesen Tagen begehen, sind ja vor allem Feste des jüdischen Hauses; sie haben ihren eigenen Stil ausgebildet, besonders in den Jahrzehnten des Uebergangs aus der nurjüdischen in die nichtjüdische Sphäre, in der — wenigstens der Idee nach — das jüdische Haus die Festung sein konnte, in der sich noch die Reste jüdischen Lebens erhalten, besonders also die Feiertage. Freilich, gestehen wir es nur, es war oft eine sehr äußerliche Feier. Die Behäbigkeit eines mehr oder weniger saturierten jüdischen Bürgertums, das auf das gerade erst neu Errungene stolz war, trat bei dieser Gelegenheit oft etwas äußerlich in Erscheinung. Das Wesentliche an den Feiertagen bei denen, die sie überhaupt noch hielten, war häufig das Festmahl im Hause und die Festtagsklcidung in der Synagoge. Es ist ein gewiß nebensächliches, aber doch irgendwie charakteristisches Symptom unserer Zeit, wenn eine jüdische Gemeinde in Deutschland ihren Mitgliedern kürzlich nahelegte, beim Synagogenbesuch keinen Zylinderhut zu tragen. In einer bestimmten Epoche schien dieser Hut ein wesentliches Requisit der Feiertage, ln ihm lag etwas von der sozialen Würde, die sich der jüdische Hausvater an diesem Tag zu geben wünschte. Bei den frommen Juden in Osteuropa gab es keine Zylinderhüte. Wir kehren nun zu den alten Sitten zurück. Aber es genügt wohl nicht, äußere Formen abzustreifen. Es geht darum, nun auch das Wesentliche zu erfassen. Denn mit all den uns heute veraltet anmutenden bürgerlichen Formen war im jüdischen Hause auch eine gewisse Feierlichkeit verbunden; aber nur wenige fühlten, daß diese Tage als persönliche Schicksalstage gemeint sind. Vieles, was da gebetet wird, war nur ״Literatur“ geworden. Wer hatte es noch wärtlieh genommen, wenn gesagt wird, daß ״in das Buch“ eingeschrieben wird, welches Schicksal jeder erleiden kann, und wenn nun diese Möglichkeiten aufgezählt werden? Aber diesmal, seit drei Jahren, verstehen wir, daß wirklich dies alles jeden von uns treffen kann, denn wir sind nicht mehr behütet, wir sind auf der Wanderschaft, und allen ihren Fährnissen ausgesetzt. Und zugleich verstehen wir auch, daß dieses Schicksal nicht nur das des Einzelnen ist, sondern eng mit der Gemeinschaft verknüpft, und zu all den Gefahren, denen jedes Menschenleben in jeder Stunde ausgesetzt ist, tritt für uns Juden die Sorge um die Gemeinschaft und die Rechenschaft, die wir uns darüber zu geben haben, was jeder Einzelne von uns nicht um persönlichen Verschuldens willen, sondern nur kraft der Tatsache seiner Zugehörigkeit, seines Hineingeborenseins in diese Gemeinschaft, auf sich zu nehmen hat. Darum ist dieses Fest heute weit mehr geworden als ein Fest des jüdischen Hauses. Wir sehnen uns nach dem Frieden des eigenen Hauses, denn wir sind des Ahasver-Loses müde, das nie unsere freie Wahl war. Aber heute sind wir wieder in Bewegung. Wir stehen nicht mehr auf sicherem Boden; wir stützen einander, indem wir uns die Hände reichen. Darum soll unsere Stimme in die kleinste jüdisclie Gemeinde dringen, auch dorthin, wo Juden isoliert wohnen und nur als Einzelne den ״Tag des Gedenkens“ begehen können, Menschen, die heute von ihrer Umgebung, mit der sie oft jahrzehntelang in echter menschlicher Verbundenheit und mit guten nachbarlichen Gefühlen zusammenwohnten, abgeschnürt sind und gänzlich vereinsamt, zu ihnen soll an diesem Tag unser Neujahrsgruß dringen als eine Botschaft der großen jüdischen Gemeinschaft, der auch sie angehören, und deren Menschen in allen Teilen der Welt an diesem Tage ihre Stimme erheben in ihrem Flehen um ein gnädiges Urteil in dem großen Weltgericht, das nach den Lehren der jüdischen Religion zwischen erstem und zehntem Tischri, am Beginn des Neuen Jahres, über jeden Einzelnen gehalten wird. Aus solchen Empfindungen kann vielleicht auch ein Beitrag zu jener religiösen Erweckung entstehen, die bisher noch ausgeblieben ist. Diese Erneuerung ist etwas, was man am wenigsten künstlich herbeiführen kann,,.*■her aus echtem Leid und echter Sehnsucht wird si * kommen, wenn wir erst gelöste Seelen haben. ״Dränget nicht die Stunde“. * Das jüdische Leben ist heute im Umbau. Viele werden an dem Orte, an dem sie noch dieses Neujahrsfest begehen, nicht bleiben können, und alle müssen sich mit innerer Kraft und Stärke wappnen für das, was das Jahr ihnen an neuen Aufgaben bringen kann. Aber wenn wir nicht zersprengte Emigranten sein wollen, sondern Glieder eines neuen Gebäudes, dann müssen wir einen ״geistigen Raum“ haben, in den wir uns Einordnen, unabhängig von der geographischen Zuge- Hörigkeit. Die durch generationenlanges Leben an einem bestimmten Ort erworbene Eigenart kann natürlich nicht abgelegt werden wie ein Kleid, aber jeder Einzelne von uns muß sich nun darüber hinaus seine Zugehörigkeit zu der großen, nicht lokal, sondern geistig verbundenen Gemeinschaft erkämpfen, ohne die er seine Zukunft nicht gestalten kann. In Deutschland ist dieser Weg gerade in den letzten zwei Wochen deutlicher geworden als jemals zuvor, und die letzte Entschließung der Reichs Vertretung der Juden in Deutschland, der alle größeren jüdischen Verbände angeschlossen sind, beweist zur Genüge, daß in dieser Beziehung eine Einheitlichkeit entstanden ist, die man noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätte. Das ist fürwahr kein Anlaß zu Triumphgesängen auch für diejenigen, die schon früher eine solche Einigung auf ein positiv jüdisches Programm gewünscht haben; immer werden wir schmerzlich empfinden, daß dieser Entschluß unter dem Drucke einer äußeren Umwälzung und nicht durch eine jüdische Selbstbesinnung entstanden ist. Aber wir sind objektiv genug, urn zu erkennen, daß dies in Anbetracht der ganzen Entwicklung vielleicht nicht anders möglich war. Nunmehr, wo wir das einheitliche Programm haben, gilt es den wirklichen Aufgaben klar ins Auge zu sehen. Dabei soll nichts verzerrt, aber auch nichts schöngefärbt werden. Wir sollen uns weder durch unser eigenes Bedürfnis nach einem Aequivalent für das Verlorene, noch aus einer apologetischen Tendenz gegenüber der Außenwelt dazu verleiten lassen, unsere jüdischen Verhältnisse besser darzustellen, als sic in Wahrheit sind. Wir finden, wenn wir zur eigenen Scholle zurückkehren, einen vielfach verdorrten Acker, und es wird nicht so leicht sein, wie es von Schönrednern oft dargestellt wird, ihn aufzulockern, damit er wieder Blüte und Frucht tragen kann. Unser jüdischer Bestand ist sehr ärmlich, unsere jüdisehen Menschen sind keinesfalls auf die Aufgaben der Stunde vorbereitet, unsere Gemeinschaft ist zerrissen und zersplittert, unser gemeinsames Denken ist ohne klare Zielrichtung. Wir sind noch kein Volk im echten Sinne, und da sich ein ganzes Jahrhundert hindurch viele Juden sträubten, es zu sein, ja da sie selbst an der Zerstörung ihres Volkstums zu arbeiten für richtig hielten, können wir nicht mit einem Schlage —־ und noch dazu unter dem zeitlichen Druck äußerer Geschehnisse ־— unsere volle Handlungsfähigkeit als Volk und eine — auch an den Anforderungen anderer, normaler Volker gemessen — beträchtliche Tatkraft entwickeln. Wir müssen bestrebt sein, jüdisch Vorbildliches zu leisteil, wir haben Neuland zu erobern. Dennoch bestehen diese Probleme nicht etwa nur für die Juden in Deutschland. Sie sind in anderer Form und mit einer andersgefärbten Aktualität überall vorhanden, wo Juden wohnen. Bei einer Anwesenheit im Ausland hat man freilieh den Eindruck, daß manche Juden da und dort weniger den schwierigen positiven Erziehungsaufgaben zugewandt sind, denen gerade sie, in einer mehr oder weniger liberalen Atmosphäre lebend, sich aus eigenem Trieb systematisch widmen könnten. Statt dessen finden wir häufig Unverständnis sogar für das jüdische Wollen der Juden Deutschlands. In der letzten Zeit erlauben sich einige große jüdische Zeitungen Polens, sogar solche, die zum Teil eine bessere Tradition haben, über die Juden in Deutschland in einer sehr billigen Weise zu spötteln; diese Schreiber haften anscheinend ihre eigenen witzigen Bemerkungen, zu denen überdies wenig Mut gehört, für eine wesentlichere Leistung für das jüdische Volkstum als die epochale Tatsache einer Um- Stellung eines großen, bisher überwiegend assimilatorisch eingestellten jüdischen Gemeinschaftsteils auf konstruktive jüdische Arbeit und Autoemanzipation im Rahmen einer jüdischen Volks/ukunft. Wer für die besonderen Verhältnisse, unter denen der jüdische Umschwung sich in Deutschland vollziehen muß, kein Gefühl hat, wer nicht imstande ist, die Tragik un d G r ö ß e, die wahrhaft geschichtliche Bedeutung dieses Vorgangs zu erfassen, ist weit entfernt von der Erkenntnis des Wesentliehen. Denn bei aller Verschiedenheit der äußeren Bedingungen ist das jüdische Geschehen in Deutschland ein gesamtjüdischer Vorgang, auf den alle hergebrachten Vorstellungen und auch die jetzigen Parteimaschinerien nicht passen. Die Situation verlangt eine Haltung, die auf reale Arbeit gerichtet ist, nicht auf Räsonieren. Wird künstlich eine Atmosphäre des Mißtrauens auch zwischen Juden geschaffen, dann besteht die Gefahr, daß die Versuche, aus einer jüdischen Notlage heraus in großzügiger Weise an ein Werk nationaler Regeneration heran/tigehen, scheitern. Und das wäre eine weit größere Katastrophe für das Gesamtjudentum als alles, was bisher geschehen ist. Denn erst wenn wir in unserem eigenen jüdischen Bereich aus Unfähigkeit zu verantwortlichem, von Genieingeist und Besennenheit erfüllten Handeln einen Zusammenbruch erlebten, hätten wir eine wirkliche moralische Schlappe erlitten. * Es ist üblich, am Neujahrstag einen Rückblick auf das vergangene Jahr zu werfen und zu fragen, wo wir heute stehen. Für uns Juden in Deutschland war das Jahr angefüllt mit Erlebnissen, die uns immer wieder klarmachten, wie stark unser Lebensbereich beschränkt wird. Wir standen einem Sachverhalt gegenüber, der sich zwar schon früher aus dem nationalsozialistischen Programm erschließen ließ, aber nicht in Gesetzesform gebracht war. In den letzten Wochen nun hat sich das geändert. Wir haben die Judengesetze von Nürnberg, deren Ausführungsbestimmungen nach Zeitungsmeldungen gleichfalls bereits fertiggestellt sein sollen, aber noch nicht veröffentlicht wurden. Wir sind zunächst auf die Kommentare angewiesen, die unmittelbar nach der Reichstagssitzung zu diesen Gesetzen gegeben wurden. Der für uns wichtigste Teil dieses Kommentars besagt, die Gesetze beabsichtigten, zwischen Deutschen und den in Deutschland lebenden Juden ein erträgliches Verhältnis von Volk zu Volk zu schaffen und den Juden ihren Eigenbezirk des völkischen Lebens nicht nur zu gewähren, sondern auch staatlich zM!