Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 76 (20.9.1935)
- Date
- 1935-09-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Ssifft 14 JÜDISCHE RUNOSCHAÜ Nr. 76, 20. IX. 1935 Juden in aller Welt Von Ernst Kahn, New Jork Ein kleines Erlebnis ln London suchte mich zeitweise Tag für Tag eine wohlmein ende, aber ahnungslose Dame mit völlig unanwriidbaren Ratschlägen heim, wie wir den armen Emigranten beiten könnten. Ihr Gedankengang verriet u. a. eine profunde Unkenntnis von den Objekten ihrer Fürsorge. Um ihr die Dinge klarzumachen, suchte ich ihr zunächst den Unterschied zw ischen den deutschen und englischen Juden zu erklären: ״Sehen Sie“, so meinte ich, ״diese Leute haben es deshalb so schwer, weil sie seit undenklichen Zeiten in Deutschland verwurzelt waren, wenig Nahestehende im Ausland haben, kurzum sich schwer in die ihnen fremde Weit einfügen; der Großteil der deutschen Juden war seit vielen Generationen im Lande ansässig und ,nur ein kleiner Teil zugewandert, im scharfen Gegensatz etwa zu England, wo 00 Prozent neu im Lande sind 11114 nur 10 Prozent eine längere Verbundenheit aufweisen kennen.“ Die adctsstol/e Lady fühlte sich etwas an die Krone gegriffen und meinte spitz: ״Nun, dieses .Charakteristiktun trifft für meine Familie nicht zu, wir sind in England seit langen Zeiten.“ Auf meine Frage, wie lange das wohl her sei, meinte sie emphatisch, daß ihre Vorfahren wohl vor fast zweihundert Jalireu auf die britischen fnseln gekommen seien. ״Mit einem so jungen Stammbaum“, antwortete ich mit größter Unbefangenheit, ״waren Sie in Deutschland ein ausgesprochener Parvenue!“ Seit dieser Antwort hat mich die Dame nicht mehr mit ihren Besuchen beehrt. Offenbar hatte ich ihre heiligsten Gefühle verletzt. Und doch war ich hei der Wahrheit gebüchen. Demi schließlich und endlich kann keine jüdische Fa- TTiilie in l'ngiami behaupten, daß sie vor Oliver Cromwcll im Lande war, wahrend etwa die Stammbäume vieler Frankfurter und Wormser Geschlechter bis ins 13. Jahrhundert einwandfrei /iiriiekvcrfulgt werden kirn nen; die wesentlich anspruch-vollere Behauptung der Kegen-burger Juden gegenüber den thirch/ichemlen Geißlern während der Kreuz/iige, sie kbnmg;11,an für den Tod des Heikimle, nicht verantwortlieh machen, da ihre Almen damals bereits an der Donau gesessen li.itUui, dürfte schwerer nach/uwrgen ,׳ein, ebenso schwer etwa wie eine alte Tradition, daß die Römer, als sie unter Aiigu-tus das damalige Augusta Vindelicorum, das heutige Atig-burg, gründeten, dort auf ein keltisches Lager gc-tol’en seien, in dessen Mitte ein jüdischer Wechsler namens Kieophas wirkte. Beobachtungen Wenn man in mehr oder weniger Freiwilligkeit die Länder durchreist und naturgemäß allenthalben die Juden- Schaft beobachtet, so drangen sich unwillkürlich noch ganz andere unterschiedlichen Merkmale zwischen den verschiedenen Landsmannschaften aut, die vielleicht wert sind, festgestellt zu werden. Leider sind meine Beobachtungen einstweilen vorwiegend auf die westliche Welt beschränkt, auf Begegnungen in Deutschland, Fugland, den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Holland und der Schweiz; indessen wird das Schicksal wohl dafür sorgen, daß mein Gesichtskreis noch erweitert wird; denn ein guter Wanderstab ist in diesen Zeiten ein unentbehrliches Inventarstikk. Wenn ich hier mit einigen Strichen wesentliche Unterschiede fcst/uhalten versuche, so geschieht das nicht nur aus einer Schwäche für das Anekdotische, sondern auch aus dem Gefühl heraus, daß das Abwegen der Gegensätze und des Gemeinsamen auch einer! gewissen Wert haben könnte. Wi 11 man! L'S wa£C n, das (ie ge: 11 > ätzliche, das für jedes Land C. 1! ar.'ikter isti -die, h. ׳rau '׳riai -be!11 en im Bewußtsein , daß jede <1( trartige Sei icnia! W\ er u!1 £ i!1 einer unendlich in, innigfalti;;rcr1 und vh '■],sc Filler ml« en Welt d« vn Dingen Gewalt antut, so in 11 li man v< »r\v '״ ׳1? MT e i n t: s k Sa. r sein: Wc ■st lieh vi Hl 1 )eilt.- .eh land ist di T M:1t1״el an Einheitlichkeit ei n wesrniirt. ■lies M ( rk« 11a! dt •r luden. Eine gc ■wisse Homo!;׳* fiiitut ti 'CU t׳n wir nu r in 1 )cu1>c 11 land und s;einen östli che 11 S'iuh! nirl miern׳. wie 1 it< 'Ult TI , Polen, Rußland , Ruman io ח, t '11 ׳;ran 1, wo c in gen1ein> an R־ s Schicksal trotz allen relic יין׳!־ rn hihi 1 “,k< :nomi >0 lull N!:ai K'f TI pine £cmcm-same Tra- [,־׳,0 ס! In ״׳.!״»,!-1 m! i >t־n IUI 1 w ,'1 rtM; 1 ■i'i»־ IIen mußt'ihr es euch übel ■b-r m . . ״w 1r niihd 1 וזי He S, «rli 0׳ \v il'kh'l -h p rüfen", antwortet( י Nas- 5*־>n in li 111 '11'. ,, Di m 11־ .. | filz U!111 Oe, Ilaiul i-f ״ruß un d wir sinr! M׳' ׳ ni111 ׳ u W ' ׳' o (1 n 1. I) י «Fd :11 aa \! 1«׳r. das dort her ׳recht, ver! Olli•' I'l die \ ־-11 1 11 -ei! r, Ulit] die 1T 1 ח 1«[) 111יl: riiit (!1111־ Oedland 1 i- ' '1 1! \A ״M! 1 L . IN 101 j:1!!!־> in •O יי״׳ו M erk im 0«• .11; md im Ent t *! I 1 11 ' י h ' I «1 f. 1 1, 11101 VS 11־ M 1 ü •-en Karlen, 11111 sulim Re-,!!!., ito ZU y! ’ 1״ I 1. I»«׳!1:1 u ׳ in! wi! 0 -!זו>‘<llanfl 7M']h *ri. tun w 11 Mil f «־ i IM־ ■in •ji <>J׳r 1׳ 11■ ' o 11 MaM'liiiD'ii, nnt LT oßem Kap 11;11 ־׳11 inil , Ion Arb• •ili ■rn. 11511 i 'in i 1 ■! nen« Schl,11׳; den Fluch des Oe« II-1 imU aז 1-/1 üofin I 1 , IHK; 1 (:in SU Ir he•• 1 iiternehmcn, iniiss»־n si־־ Well! "1 '!Ir־ L e־>" teil un. crf.i rd 1־r 1 I eberlegilfio."‘ Nbi f bulle «1«•! 1 We >rl. m ר \;\ v-n ns 11 iMit mehr aufine rksarn zuiri ,'hoi 1׳, er st IJ ti Heil»! 11 ur weit <־r ( len Kopf mit stolzem Lad Iicln: ״Mcino Valor haben niemals Maschinen oder Beton oder Benzin gebraucht, um! ihre Scheunen waren stets voll Feldfrueht. Ihr glaub!, man müsse das Modi,and mit Geld und Schweiß f!!x rflulen, aber meine Valor wulSten aus ihm Geld hcranszuziflien. ihr glaubt, mit dem Oedland einen offenen Arboil.sk.רmpf führen zu müssen, aber meine Väter verstanden, os von ihrer Ilofmauer ans zu unterwerfen. Die Söhne des Oedlaruis waren die Kraft, mit d־׳n׳n Hilfe sie seinen Boden umgrubrii und ihm den Saft auss.uigten.“ Naif sank wieder in seinen Stuhl, und ohne die Worte Nassons zu beachten, fuhr er fort: ״Alter ich habe das Oedland niehl mehr nötig, ich hasse den Anblick der Melonenfelder, des Schilfs und der Klein- Viehherden. Die weihen K tippeln auf den Bergen und Klösteril lialtfn mich mit dem Gilt, das sie iti mein Gehirn, mein Herz gesenkt haben, vergiflet. Sie verfolgen mich wie Schal.- ten seit meiner Kindheit, Ich hiaurhe uiehls mein־ außer Geld, Auch Geld erachte ich als akiiU — ab״r vergeblich versucht ihr, eure Hand zuzuli,alten. Meine Väter hatten einst den OedlaiiddxMlrn mit dem Schwer! genommen, jetzt geht ihr und wollt ihn mit dem Gehle n(Junen, und ihr werdet ihn auch nehmen . . Naif war brrriU aufgestanden, um zu gehen, da öffnete sich die Tür und .1 <■ c 11 i e 1 trat mit flatterndem Silberliaar und barfüßig, aber in gewohnter aufrechter Haltung ein, Jechifl machte einige breite Schritte, nicht so, als ob vor ihm ein ruhiges Zimmer und eine rein sachliche Atmosphäre dition geschaffen hat und wo überall die Mehrzahl seit ge- Taumcr Zeit mit dem Land verbunden ist. Andere Länder, wie etwa die Tschechoslowakei, zeigen zum mindesten in ihren verschiedenen Landestejleii gewaltige Gegensätze (Böhmen auf der einen, Karpathorußland auf der anderen). Schichten Für die westliche Welt hingegen, einschließlich der Vereinigten Staaten, ist jene bekannte Dreischichtung geläufig: aut einer dünnen sephardischen, portugiesisch-epanischcn Schicht ruht eine erheblich stärkere deutsche, die durch eine mancherorts gewaltige östliche übertroffen ,wird. Jene sepliardische Schicht hat im Laufe der Jahre an Bedeutung stark abgenommen; wenn auch ihre Nachkommen ־mit unzweifelhaftem Recht stolz, auf ihre Vergangenheit sein können, wie etwa die heute noch blühenden New-Yorker Aerztegeschlechter, deren Vorfahren 1654 auf der Flucht von Spanisch-Amerika im damaligen Ncw-Amsferdain eine Heim- Stätte suchten und von dem Gouverneur (Peter Stuyvesant) nur unter der Bedingung Aufnahme fanden, daß sie selbst für ihre Kranken sorgten. Seit jener Zeit hat sich in diesen ״Schnorrerfamilien“, wie sie einstens hießen, Arztgeschlecht an Arztgeschlecht gereiht. Auch in London ist die Gemeinde der Portugiesen und Spanier heute noch so stolz, wie sie sich im 18. Jal rhunaert nach der Schilderung von Israel Zaiigwill im ״König der Schnorrer“ zeigte; auch heute fühlt sich das spanische Proletariat und Kleinbürgertum im Osten Londons mindestens ebenbürtig den asclikenasisclien Rothschilds. Ich fand bei einem Vorfrag in diesem Kreis ein trotz offensichtlicher Armut selbstbewußtes, äußerst konservatives Völkchen, das heute noch in den Häusern ihrer Voreltern lebt und jüdischsepliardische Tradition mit hundertprozentigem britischem Patriotismus verknüpft. Daß sie keineswegs alle arm sind, beweist allein schon der Name Montefiore. Französische Jaden Aber wie gesagt; diese Schicht ist vielleicht mit Ausnähme von Holland, wo gerade unter den Handarbeitern im Amsterdamer Ghetto auch heute viele Sephardirn anzutreffen sind, im Laufe des 10. Jahrhunderts völlig von den Einwanderern aus Deutschland in den Hintergrund gedrängt־ worden. Die Art und Weise nun, wie die Nachkommen dieser zweiten, finanziell am meisten begünstigten Gruppe auf die Umwelt, namentlich aut die jüdische Umwelt und ganz hesonders aut ihre Vettern in und aus Deutschland reagieren, ist äußerst bezeichnend und lehrreich, wenn auch nicht immer erfreulich. Wenn hier von unerfreulich die Rede ist, so werden manche an Frankreich denken. Ich habe bisher noch kaum einen nach Paris verschlagenen Juden getroffen, der bei dortigen Juden ursprünglich deutscher Herkunft ohne dringende Not zu Tische geladen war. Wohl aber habe ich von Fällen gehört, in denen reiche Juden eisässischer Abstammung nach hartem Drängen für Hilfsbedürftige von jenseits des Rheines Unterstützung gewährten unter der ausdrikklichen Auflage, daß diese Geldgabe ausschließlich zu ihrem Abtransport benützt würden. Aehnliches w׳äre beispiclsweise in England, von Amerika ganz zu schweigen, schwer denkbar. Das äußerste, was man manchmal in London zu hören bekommt (und auch das nicht von Abkömmlingen von Juden aus Deutschland), ist eine gewisse Erinnerung au die nicht immer freundliche Behandlung östlicher Flüchtlinge durch die einstmals gut situierten Juden in Deutschland. Aber auch diese spitzen und leider nicht ganz unberechtigten Bemerkungen waren in England!läufig mit recht ansehnlicher Hilte (nicht nur in Geld) begleitet. Verteidiger der französischen Juden weisen daraut hinj wieviel gerade in den ersten Atonalen dort mit Geld geleistet, wie manche Chatiffeurwohnung geräumt wurde und wie gerade die nach Frankreich Gekommenen qualitativ eine besonders schwere Aufgabe für die verhältnismäßig wenigen und nur lose zusammengefaßten ״Israeliten“ darstellten. Alles das sei zugegeben. Auch die Aufopferung läge, auch nicht die vielen Aktenstücke auf dem großen Schreibtisch. ״Nasson!“ begann Jechiel laut, ,,ihr habt Teura mit Lärm und Getö-e erfüllt, so daß mir für meine kleine Behausung kein Platz gehliehen ist, und es bleibt mir nichts anderes übrig, als ins Oedland hinauhzuziehen." Nasson liielielle, als er die lauten Worte Jechiels hörte, die er ins Zimmer rief, obwohl bei Jechiel das keinerlei Ueherraselmtig bedeutete. ,,Allein willst du ins Oedland hinab?“ fragte Nassan verwundort. ,,Mit mir ziehen noch vier Leute, denn die Rechnung, die ihr mit Teura macht, scheint uns völlig zwecklos. Und nun hör, Nassau, ich habe beschlossen, dir mein Kapital 7,11 treuen Händen zu übergeben, denn schließlich halte ich dich für zuverlässiger als andere. Das Kapital soll bei dir so lange deponiert sein, bis ich vom Oedland zu dir zurückkehre — dann werde ich weiter darüber verfügen. Heute habe ich ein Stück Boden im Oedland nötig, das du für mich und mein» Rute ausfindig machen sollst.“ ״Ich kann dich nicht daran bindern zu gehen, Jechiel", schüttelte Na«on den Kopf und sprach mit Buhe und Nachdruck, ״aller euer Vorhaben will mir nicht einleuebten. Was aber das Stück Boden betrifft, so bietet uns Herr Naif, der hier sitzt, eine große Fläche, die an die Berge grenzt und viele \\ assenpiellen besitzt, zum Kauf an.“ ״Und im Norden grenzt sie an den nördlichen See“, bemerkte Naif von seinem Platze aus. ״Aber Jechiel, laß ab von solchem Tun“, und Naggon leuchtete mit seiner goldenen Brille vor sich hin, ״zerstreu, dein Geld nicht nach Gutdünken. W eder ich noch du, Jechiel, sind berechtigt, mit dem Kapital Schritte zu unternehmen, die nicht siebenfach erwogen sind. Denn das Kapital ist das Rand, das uns mit der großen, praktischen Welt verknüpft, es ist die feste Grundlage für jedes Unternehmen, und ein übereilter Schritt kann dies Band lösen und die Grundlagen des l'nteriieliinens für ewig ruinieren. Nicht, dies ist der Weg, auf dem das Kapital in üedlätidercie.n hinahziehl, um sie zu erobern. Fr-I nach Prüfung der Angelegenheit nach allen Seiten hin setzen wir die Maschine mit ihrer ganzen Kraft nach dem Oedland hin in Bewegung. Dann wird das Kapital auf kein Hindernis stoßen, es wird in Fülle strömen, sich nicht mehr aufhalten lassen. Was du und deine Leute mit Robert de Rothschilds und einzelner Seiner Mitarbeiter 8d dankbar anerkannt. England Der englische Jude ist selbstbewußt, ohne arrogant zn sein. Er hat sich damit als gelehriger Schüler seiner Wirte' gezeigt. Den flüchtigen Beobachter mag es erstaunen, wie in einem solchen toleranten Milieu durch alle Schichten früh 1 ein tiefes Verständnis für Palästina sich durchsetzen konnte, 1 ein Verständnis, das bei Reichen und Armen, Abkömmlingen I aus Deutschland, Spanien und Polen zu finden ist. Und die• ses Verständnis datiert keineswegs von der Balfour-Deklaration her, kann also keineswegs ohne weiteres als Wunsch gedeutet werden, dem englischen Imperium zu dienen, obwohl das heute da oder dort der Fall sein mag. Die eigenartige Mentalität der englischen Juden, die doch im wes entliehen vom gleichen Holz geschnitzt sind wie in anderen Ländern, ist offenbar weitgehend von dem englischen Natio- naicharakter beeinflußt. Hier ist vor allem eines von Wichtigkeit. Eine weitgehende Bereitschaft, im Vereinigten Königreich auch die Mitarbeit von Niclitengländern im Aufbau des britischen Reichs zuzulassen, geht Hand in Hand mit dem deutlichen Hinweis, daß ein Brite noch lange kein Eng- 1 ander ist. Lloyd George hat das einmal sehr originell in die Worte gefaßt, daß er nu.r jenen Juden verachte, der sich als Engländer ausgehe; das erscheine ihm ebenso lächerlich, als wenn er (der Walliser) sich dafür ausgeben wolle. Diese scharfe Abgrenzung erstreckt sich in der herrschenden Metnung sehr deutlich selbst gegen Schotten und Iren. Und diese Haltung wird von der großen Mehrzahl der englischen Juden als ein keineswegs deklassierender modus vivendi akzeptiert und fördert die menschliche Würde. Abgesehen von diesem Vorbehalt ist es erstaunlich, welche Entwicklungsmöglichkeiten dieses konservative Land selbst fremdgeborenen oder erst in zweiter Generation im Lande lebenden Juden einräumt. Wohl der größte britische Staatsmann des 19. Jahrhunderts, Benjamin Disraeli, wie auch der bedeutendste Nationalökonom der gleichen Periode, David Ricardo, gehören in diese Kategorie der Neubriten. Und diese Einstellung gilt im wesentlichen noch heute. Einer der jüngsten Lords, Llirst, der Leiter und Mitgründer der General Electric Company, ist in Deutschland geboren und erzogen, der größte Konfektionär des Landes, Sir Montague Burton (ein angenommener Name), kam als Junge aus Litauen. Die Beherrscher von Marx IV׳ Spencer sind Abkömmlinge von Immigranten und gesellschaftlich durchaus dem älteren jüdischen ״Geschäftsadel“ ebenbürtig. U!1d auch diese Gleichstellung scheint mir charakteristisch für England: jene Trennung zwischen Ost- und Westjuden ist wesentlich geringer, als etwa in Amerika oder Deutschland. Auch da scheinen die englischen Juden von ihren Wirten gelernt zu haben, Sachgemäße und schleunige Durchführung Ihrer AUSWANDERUNG Spec. Palästina Amtsger.-Rat a. D. Dr. Aschnar Oberreg.-Rat a. D. R. Kempner Berlin W 18, MeinekestraOe / T»l»fon: J 1 Bismarck 285s naban dam PalSalina-Amt / 9 0 bfa 13 Uhr und bla 19 Uhr obwohl 'die Bewohner von Whitechapel, Leeds und Man- , ehester sich in keiner Weise von den Einwanderern in d** New Yorker East Side unterscheiden. Der wohltätige Einfluß dieses Milieus hat sich angenehm bemerkbar gemacht, als Tausende von Auswanderern in den letzten Jahren nach England kamen und unter schwierigen Verhältnissen und gegen eine recht strenge Gesetzgebung 1 und Verwaltungspraxis Aufenthalt!und Arbeitserlauhnis suchten. Man dar! wohl sagen, daß die maßgebenden Juden, im wohltuenden Gegensatz zu den französischen, versuchten zu heiten, wo es irgendwie ging, nicht etwa nur mit Geld und einer Fahrkarte in ein möglichst weitentferntes und problemalisches Land, sondern mit Wärme und Gastfreundschaft und mit dem ehrlichen Willen, doch da und dort eine Bleibe zu schaffen. Das schließt nicht aus, daß der englisch-jüdische Gentleman und namentlich auch die englisch-jüdische Lady sich innerlich erheblich besser dünkt, als der Neuankömmling und sich über dessen ״superioritv complex“ manchmal weidlieh ärgert. Nicht verschwiegen darf werden, daß die englische großer Mühe während einer ganzen Generation tun werdet», kann das Kapital mit Leichtigkeit in einem Augenblick verrichten. Jechiel, es gibt in der Welt. Wirtsehaflsgesctz.e, und ich rufe diel! zur Ordnung!“ Aller Jechiel sprühte zwischen seinem wildflatternden Greisenhaar funkelnde Blicke, und er sprach wie ein Botender: ״Nackten Fußes ziehen wir ins Oedland hinab. Schweigend lauschen wir der Stimme der Wahrheit, denn dort wohnt die Wahrheit und wartet auf 1ms. Nackt und barfüßig wi« die Wahrheit besiegen wir das ()cd],and, st öl 111*11 die Schwäche unseres Geistes, und mit, dem Baum des Feldes zusammen wachsen wir, auch unser Geist wächst und hebt die Flügel." Naif schwieg. Dies Gespräch, das über seinen Kopf hinwegging und gleichsam sein Ende dekretierte, zerteilte die Nebelscbwaden in seinem Gehirn. Sowohl der alte Jechiel, der vom Sieg des Geislos sprach, als auch Nassem, der vom Eroberungszug des Kapitals spracli, beide stellten sich ihm wie zwei furchtbare Feinde dar, die, ihres Sieges sicher, vor seinen Ohren und ohne ihn die Ilechming ihres Sieges machen. Zum Tisch wurden Papiere gebracht zur Beurkundung, daß das Stück Boden am nördlichen See in den Besitz Jechiels übergehe, ln der Kehle Nai'fs röchelte Feindseligkeit, und als er mit der einen Ilaiul die Kauf urkunde unterschrieb, wollte die andere ihr mit aller Schroffheit und Despotie, die im Hofe seiner Väter gang und gäbe war, den Prozeß machen. Als Naif die breiten Treppen des ,.Hauses Nasson“ hinabstieg, ein Paket Geldscheine in seiner Hand, rangen seine Ntislem nach freier Luft. Er fühlte die Gefahr in dein hosesacnen Geiste des alten Jechiel, aber auch die in dem kühlen Verstände Nassons, er fühlte die Gefahr, die dem Oedland von dem ganzen Lager der Gerüste, Zementsäcke, Eisenröhren drohte, die auf dem Wege vor! ,,Teura״ und der Bergpforte abwärts aufgehäuft lagen. Naif fühlte plötzlich in sich da* Erbe jener Herrschaft, das ihm gestaltete, mit der Peitsche die Faulen des Oed)amles anzutreiben, sie aus ihren Orten herbeizurufen, um Erde zu schleppen, Steine zu hauen, auf ihren Bücken zu laden und nach der Burg zu schleppen, die er diesem Lager gegenüber errichten wird. Stolzen Hauptes und in aufrechter Haltung schwang er sich in den Sattel und ritt auf seinem Pferde durch die Bergpforte in seinen fernliegenden Hof hinab. (Fortsetzung folgt)