Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 76 (20.9.1935)
- Date
- 1935-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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jüdische Rundschau Palästinensische Umschau NR. 76, 20 SEPTEMBER 1935 Palästina nach dem Kongreß Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 11. Sept. 1935 Die ersten Kongreßteilnehmer sind bereits nach Palästina zurückgekehrt. Einzelne Mitglieder der Exekutive werder! diese Woche in Jerusalem zurückerwartet, um ihre Departments zu übernehmen. Mit den Delegierten kommen nach und nach auch die vielen Tausende der anderen Auslandsfahrcr, die vor der Hitze nach Europa oder in die angrenzenden Länder geflüchtet sind. Der Einschnitt im öffentlichen Leben des Landes, der durch die Kongreßzeit markiert ist, verwischt sich, und alles kehrt wieder mit verstärkter Kraft an die Arbeit zurück, während bereits die Abende kühler werden und nur noch die Angst vor den abschließenden Hcrbstchamsinen die Aussicht auf die kühle Jahreszeit verdunkelt. Schwache Reaktion aul den Kongreß So wie der Wahlkampf für Luzern sich diesmal in Palästina in einer für die jüdische Psychologie ungewöhnlichen Ruhe abspielte, so ist auch die Reaktion auf die Kongreßereignisse im Lande relativ s c 11 w a c h. Die Tagespresse ist seit Wochen damit beschäftigt gewesen, die Protokolle der Sitzungen des Kongresses abzndruckeri und füllte ihre Seiten mit den endlosen Spalten der Referate, Diskussionsreden und Resolutionen. So etwas wie Spannung — zun! mindesten unter den politisch Interessierten, die ja heute in Palästina einen viel' geringeren Prozentsatz, aus machen als je vorher in der zionistischen Geschichte — rar nur in den Tagen zu spüren, als man auf die telegraphischen Nachrichten über die Zusammensetzung der Exekutive wartete. Im übrigen nahm das große Publikum die Verhandlungen in der Schweiz nur mit einem matten Interesse hin. Es wird unter den vielen Lesern der Tagespresse nur eine Minorität gegeben haben, die sich durch den ganzen Wust der Protokolle durchgearbeitet hat. Auel! die stärkste Geduld wurde bei der nicht endcnwollcnden Generaldebatte überspannt, die immer noch einmal dieselben Fragen in der oder jener Beleiichtiing aufrollte, ohne viel Neues zu bringen. Es haben sich vermutlich in Palästina diesmal sehr viel mehr Leute als in früheren Jahren gefragt, ob sich nicht trotz aller Tradition eine rationellere und sparsamere Methode für die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten finden ließe als die heute übliche Mischung von Demonstration und Pariamentarisinus. Man spürt im Lande jeden Tag von neuern, wie sehr die Arbeit auf den Nägeln brennt, daß von dem Funktionirren des leitenden Apparats und der verschiedenen ihm bei geordneten Institute das praktische Wohl und Wehe von Tausenden abhängt, und hat wenig Geduld mit dieser Zeit- Vergeudung, wie sie sich in Luzern zeigte. Es ist freilich auffallend, 111 tl iri der Presse von dieser Ungeduld immer noch nicht viel zu merken ist. Dieses Mal bestand ein sehr starker Unterschied zwischen den offiziellen Berichterstattungen der einzelnen Blätter, die sich in Stirnnmngsbilder ebenso stark auslebten wie in Protokollen, und den privaten und mündlichen Mitteilungen der Teilnehmer. Aus diesen unoffiziellen Aeußerungen spricht viel Kritik, Unwillen und Reformlust, wovon in der ,,normalen“ Berichterstattung der hebräischen Presse nur wenig zu merken ist, es sei denn in cingestreuten ironischen Bemerkungen. Die Kongreßreformer sollten aus diesen Tatsachen eine Lehre ziehen. Wenn sich auf dem nächsten Zionistenkongreß in der Maschinerie, in Zeitersparnis, in den Methoden der Exekutivhildiiiig wirklich etwas ändern soll, daun muß vorher durch Bearbeitung der Mitglieder, durch eine Pressekampagne, durch einen genauen Reformplaii, der schon vorher die Zustimnning der einflußreichen Elemente haben muß, gründlich vorgesorgt werden. Weizmanns Rückkehr Was die Resultate der Luzemer Verhandlungen betrifft, so wird von weitesten Kreisen im Lande die Wiederwähl Weizmanns aufs wärmste begrüßt. Man wird nicht fehlgehen, wenn man behauptet, daß alle einsichtigen Eiemente die Rückkehr Weizmanns an die Spitze der Zionistisehen Organisation als das wichtigste Ergebnis von Luzern anschcn. Wenn auch natürlich die Gegner Weizmanns im Lande nicht einfach mit einen! Zauberschlag verschwunden sind, so spielen die extremsten davon keine Rolle mehr, weil sie sich mit ihrem Wiener Kongreß unter der Führung Jabotinskvs selbständig gemacht haben. Wer jedoch außerhalb des revisionistischen Lagers stellt, hat in den Jahren, in denen Weizmann in der Exekutive fehlte, diese größte politische Kraft der Juden in der Gegenwart in seiner halb-privaten Tätigkeit neu bewundern gelernt. Die ״große Koalition“ Auch was das zweite wichtigste Resultat des Kongresses, die ״große Koalition“ betrifft, so bestellt eine gewisse allgemein spürbare zustiinmendc Haltung. Aber hier liegen die Dinge schon viel weniger durchsichtig als beim Punkt Weizmann, und von Begeisterung ist eigentlich auf keiner Seite etwas zu spüren. Man hätte eigentlich in Palästina größere Befriedigung über dieses Resultat erwarten müssen. Denn seit der Wahl der vorigen Exekutive vor zwei Jahren haben die Gegner der Arbeiter gegen die nach links tendierendc Leitung protestiert und ihren Anteil an der Fiihrung verlangt. Die Arbeiterschaft wiederum hat unter der Fahne von Ben Gurion die Konzentrierung aller Kräfte proklamiert und damit auch die Wünsche der Gegenseite erfüllt. Woher also statt der zu erwartenden spürbaren Zufriedenheit über diese Konzentrierung aller Kräfte, für die ja die Koalitions-Exekutive der Ausdruck ist, diese etwas matte Zustimmung, die viel von Uebermüdung und Unlust an sich trägt? Mag sein, daß mit der Rückkehr der führenden Persönlichkeiten ins Land noch ein paar lebendige und bestätigende Interviews etwas mehr Farbe in das Bild bringen werden. Heute besteht jedenfalls ein beträchtlicher Gegensatz zwischen den teils etwas romantisch gefärbten Darstellungen aus Luzern und der matten Stimmung in Palästina. Die Meinung der Gruppen Diese matte Stimmung hat in den verschiedenen Lagern verschiedene Gründe. Unter der Arbeiterschaft hört mau — heute noch nicht offiziell, aber doch vernehmlich — Zweifel darüber aussprechen, ob diese ״Friedens-Exekutive״ nun wirklich den Frieden für die praktische tägliche Arbeit bringen würde. War, so argumentiert man, die vorige Leitung einseitiger zusammengesetzt als sonst üblich, so besaß sie durch eben diese Einseitigkeit dem entscheidenden Vorteil harmonischer Zusammenarbeit. Die Opposition von außen hat trotz allem den guten Fortgang der Arbeit nicht hindern können. Jetzt w׳erden wir erst sehen müssen, ob cs wirklich gelingt, diese harmonische Zusammenarbeit auch in einer Exekutive zu schaffen, die auch gegensätzliche Elemente einschließt. Vielleicht, so schließt dieses Argument, wird die Ueberwindung der Opposition von außen durch Schwierigkeiten von innen mehr als aufgewogen werden. Es SCHÖNES PALÄSTINA Blühendes Feld in Daganiah Blick vom Amphitheater der Jerusalemer l niversität Der Wasserturm in Ajule piffil Ip wm Ä mm e: >, י׳■׳'1-;e e *3%-r Carlen in Daganiah, im Hintergrund der Kinerethsee!losch Pinah Wasserfall bei Mctuliah Foto•: U. *<mo.Di.ld