Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-09-17 · Heft 75 (17.9.1935) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 75 (17.9.1935)
Date
1935-09-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653893--27363-2688797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 75, 17. IX. 1935 Ausflug ins Emek Chefer Zwischen Chedera und Nalhania Von C. 2. Klötzel, Jerusalem Blick auf das Emek Chefer Der Zaune;, den der Boden auf den Menschen aitsübt, ist unerklärbar. Ich bin ein Mensch, der in der Großstadt geboren und uutgewachsen ist und viel 7.u unruhig, um geduldig zuzusclien, wie ein Kohlkopf oder ein Orangenbaum wächst. Ich habe eine gründliche Abneigung dagegen, mit einem Spaten im Boden heruni/.nwülilen. Aber wenn mich etwas fasziniert, so ist es die Grenze zwischen der Wildnis und dein bebauten Land. Ls ist einer jener Orte, wo die Zwiespältigkeit der menschlichen Seele sich am deutlichsten offenbart. Ich liebe die Wildnis sehr, und die Vorstellung, daß eines Tages die ganze Erde parzelliert und bebaut sein wird — entweder mit Häusern oder mit Vegetabilien — ist mir schrecklich. Aber wenn ich an der Grenze zwischen dem Kulturland und dem sogenannten ״jungfräulichen" Boden stehe, verstehe ich die Leidenschaft derer, die den Tag nicht erwarten können, an dem Pflug- und Hacke in das Neuland vorstoßen. Besonders dann, wenn auf dein Kulturland di״ schönsten alten Pardessim stehen, der jungfräuliche Boden alter nichts hervorbringt als ein paar wilde Kürbisse, die verloren herumliegen, als habe ein seltsamer Vogel Strauß seine hier der Sonne /um Ausbrüten überlassen. Line halbe Siamle, nachdem man den Orangengiirtel Chcderas ceiiaweii hat, hinter dem unmittelbar das ״Emek Chefer" beginnt, kann mau sich in der Vorstellung wiegen, die seltsamerweise in ganz Palästina verbreitet ist: daß dieses neuerte siedlung-gcbict. das der Nationalbmds erworben hat, noch nicht viel mehr sei als Wüste und Sumpf. Der erste Kilometer jedenfalls ist Wüste. Dann aber steht man mit dem liipiel eines Hügels, blickt von den Orangenw.ildi rit (,hederas bis zu denen Nathanias, vom Strand des Meeres Hi י zu der weiten Ebene um Tul Kerein, ttnd man muhte selten ein -ehr großer Dichter sein, um seinen Eindruck in treffendere Worte zu kleiden, als in die des Tischgebetes: ״Erez ciecmdali, lowah ur'ehawah!" ,,Schon, gut und geräumig:״ Das Emek Chefer ist eine der wenigen Lami-eha!teil in Erez Israel, die mit ihrem welligen Boden und ihren sanften Anhöhen einen heiteren Charakter hat. Es hat guten Boden: die rötliche Earbe, die der Sand unter meinen Büßen zeigt, ist ein sicherer Vorbote iur die hdhirtige, schwere ״rote Erde■*, die unmitteibar darunter liegt und den besten Boden für Pilanzungen aErgibt. Und wie weitläufig es ist, zeigt nichts so sehr, wie die große Zahl der Siedlungen, die wider alles Erwarten schon heule im Emek (.befer bestehen, denn sie zeigen die weit״! Räume, in denen noch zahlreiche neue Siedlungen Platz haben. Nichts hIhuut, als auf diesem Hügel zu stehen und mit dem Glas immer neue Einzelheiten auf diesem jungen jtidisehen Boden zu entdecken. Man vermag den Zustapd dieser Landschaft auf diese Weise abzulesen, als stände er in einem großen klar gedruckten Buche beschrieben. Es ist ein Land in den Anfängen seiner Besiedlung, aber schon besät mit Punkten, von denen aus seine Besiedlung begonnen hat. Nicht mehr menschenleer, aber bereit, ein Vielfaches seiner jetzign Bevölkerung aut/uiiehmen, schon unter Bebauung genommen, aber noch mit weiten Flächen, die weder der Pflug noch die Hacke schon berührt hat. Im Norden und Süden an alten, blühenden jüdischen Besitz grenzend, und doch noch einigermaßen isoliert, denn noch führen alle Wege durch tiefen Sand und die Verbindung mit der Außenwelt — dargestellt durch einen Autobus täglich von Tel-Awivv — ist entsprechend spärlich. Boden, auf dem die er>te;1 Furchen bereits gezogen, die ersten Schwierigkeiten bereits überwunden smd, auf dem das Leben aber doch noch nicht in ausgefahrenen Geleisen Läuft, ein Land, das dem Neuankömmling noch genug von den Muhen und Freuden dessen bietet, der da pflügt, sät und erntet, wo vor ihm noch niemand gesät, gepfliigt und geerntet hat. Lin Land iur junge, gesunde, kräftige, willensharte Mensehen, die sieh eine schöne, fruchtbare, weiträumige Heimat erobern wollen. Der Sumpf, die Araber und die Malaria Durch den nördlichen Feil des Emek (,hcicr 1ä<-׳ßt einer der wenigen I hm-e Eire/. Israel־,, die auch im Sommer Wasser führen: der Iskandcriini oder Alexander-Fluß, benannt wahrscheiniic . nach Alexander Jannai. Um diesen Eluli breitet sich heute noch ein Sumpf, und in diesem Sumpf hausen die Araber und die Stechmücken. Man kennt die Geschichte des Erwerbs von Emek Chefer, dem früheren Wadi Cliawarith. ■Wie nach dem recht mäßigen Kauf aus dem Besitz eines Effcndis die das Land besetzt haltenden Beduinen und Halbnomaden Widerspruch erhoben und nicht weichen wollten und es mehrere Jahre lang dauerte, bis endlich der Streit endgültig entschieden und der Großteil der Araber umgesiedelt war. Aber noch immer leben einige hundert arabische Familien im Ufergcländc des iskanderuni, über das die Besitz- Verhältnisse bis heute noch nicht geklärt sind. Und solange sie dort sind, kann die Drainage und Sanierung des. Emek Chefer nicht vollendet und die Malaria dort nicht völlig ausgerottet werden. Es ist dies nur eine Frage der Zeit, aber inzwischen macht sich die Wirkung dieser Tatsache über Gebühr als Schwierigkeit bei der Besiedlung bemerkbar. Juden aus Westeuropa haben vor der Malaria eine übertriebene Angst. Nun soll keineswegs mit dem jiddischen Sprichwort behauptet werden: ,,Purim ist kein jontef und Kadachas ist keine Kraenk!“ Kadachat (d. i. im Hebräischen Malaria) ist eine Krankheit, und sie hat genug Opfer in Erez Israel gefordert. Aber Chedera wäre nie entstanden und Hule würde nie saniert und besiedelt werden können, wenn es nicht Menschen gegeben hätte und noch gibt, die auch einer Seuche zu trotzen wagen. Im Emek Chefer ist heute davon aber keine Rede mehr, dort handelt es sich ausschließlich darum, sich genau an die hygienischen Vorschriften und ein paar vielleicht unbeqnenie Vorbeugungsmaßnahmen zu halten, mit eine Ansteckung zu vermeiden, die um so seltener ist, je weiter der betreffende Ort von dem Sumpf um den Iskanderuni entfernt ist. Die Kinder im Emek Chefer z. B. sind genau so gesund, wie überall in Erez Israel, einzig weil man alle Fenster mit Maschendraht verkleidet hat und sie nach Eintritt der Dunkelheit, wenn die Stechmücken ausfliegen, im Hause behält. Menschen und Siedlungen Aber man braucht im Emek Chefer nicht übertrieben ängstlich zu sein, die Menschen und Siedlungen dort beweisen es. Es gibt kaum eine andere Landschaft Erez Israels, in der eine solche Mannigfaltigkeit der Ansiedler und der Siedlungsformcn besteht. Unter den zwanzig Familien des Mosehavv des Hapoel Hamisrachi allein ist fast die ganze ostjüdische und mitteleuropäische Golah vertreten, Menschen aus Rußland, aus Polen, aus Galizien, aus Litauen, aus Deutschland. Nur zwei Kilometer davon bauen sich die Jemeniten ihren Moschaw ״Eljaschiw“ . . . ״lauter Steinhäuser“, wie sie dem Besucher immer wieder stolz versichern. Von dort kann man liiniibersehen nach ״Kfar Jedidjah“, den ersten Anfängen einer Mittelstands-Siedlung für Einwanderer aus Deutschland, nach den großen Kwuzoth Misclunar Hascharon, Mabaroth und Ejn Hachoresch, nach den Dörfern Awichajil, Chawazeleth hascliaron, und, schon fast am Meeresufer, nach der größten Siedlung des ganzen Emek Chefer, Kfar Witkin, einem Dorf, das heute schon 160 Familien mit 60t) Seelen zählt. Bemerkenswert ist, in welch hohem Maße in diesem ״zweiten Emek“ die individualistische Siedlnngsweise, insbesondere in Form der Mittelstands-Siedlung, zu ihrem Rechte kommt. Und ferner bemerkenswert, wie fast alle Siedlungen hier nach einem möglichst starken Ausbau der Gemischt- Wirtschaft streben. Obwohl es überall für Zitruspflanzungen geeigneten Boden gibt, legt man großen Wert darauf, nicht einer Monokultur zu verfallen und durch eine Kombination von Feld-, Gartenbau und Hühnerzucht die Wirtschaft aut eine Basis zu stellen, die sie zur Selbstversorgung der Siedler geeignet macht und die Uebersehüsse für den einheimischen Markt verwendbar werden läßt. Als sehr glücklich muß es auch bezeichnet werden, daß im Emek Chefer nebeneinander Menschen zur Ansiedlung gegelangen, die seit vielen Jahren, oft seit Jahrzehnten, im Lande sind und auf der Scholle gearbeitet haben, lind Ncuankörnmlinge, die nach einer oft nicht allzu gründlichen Hachscharah siel, zum erstenmal an die Bearbeitung des eigenen Bodens wagen. Strandwanderung Es gibt noch keine Chaussee im Emek Chefer, und Autos müssen schon eine gewisse Schwere und Zugstärke haben, um auf seinen sandigen Wegen vorwärts zu kommen. Um so herzlieber ist die Gastfreundschaft, mit der der Wanderer überall aufgenommen wird, um so allgemeiner der Wunsch, man möge sich ״draußen“ etwas mehr um die Leute im Emek Chefer kümmern. Es haben mir Siedler geklagt, daß sie schon fast ein Jahr in ihrem Häuschen sitzen, und noch niemand von ihrer Verwandtschaft in Tel-Awiw oder Haifa habe den Weg zu ihnen gefunden. Und dabei sei es doch so schön im Emek Chefer . . .! Ja, das ist es, und der, der zu Fuß wandert, entdeckt zum Schluß noch eine Schönheit besonderer Art: den Strand zwischen Kfar Witkin und Nathania. Es ist nicht ganz leicht, von der fast 70 m hohen Steilküste hinunter zu kommen ans Wasser, man muß sich die Stelle gut aussuchen, damit die überhängenden Sandmassen nicht nachstürzen. Aber dann geht es sich herrlich auf dem feuchten Sand, und mit Ueberraschung hängt das Auge an den bizarren Formen, die das Ufergestein hier angenommen hat. Ein Spaziergang für Freunde der Einsamkeit, man begegnet keiner Menschenscele. Warum es aber an der Küste Erez Israels keine Möven und andere Seevögel gibt, das mögen uns die Gelehrten erklären. Besser noch, sie sagen uns, wie diesem Mangel abzuhelfen ist. Schließlich schläft man in Nathania in einem vorzügliehen Hotel und freut sich dieses hübschen Ortes, der so sauber in das Grün seiner Orangengärten gebettet ist und der so zielbewußt darauf hinstrebt, das Seebad Erez Israels zu werddn. Erziehung zur Arbeit in Palästina Die Jugendalijah- Gruppe in Ein-Charod Einer der konkreten Wege für die jüdische Jugend aus Deutschland war nach den Ereignissen seit 1933 der Weg der J u g c n d a 1 i j a 11. Hunderte von Jugendlichen meldeten sich bei der Jugendhilfe, um in eine Alijah-Gruppe eingeteilt zu werden. Die erste Gruppe, die zusammengestellt wurde, war die Gruppe Ein-Charod. Sehr schnell waren die 60 Jugendlichen gefunden, die nach einer Vorbereitungszeit und Wartezeit schließlich zur Alijali kamen. Weder die Jugendlichen noch die Eltern waren auf die neue Situation vorbereitet. Der Jugendliche hatte ebenso wie die Eltern an Absolvierung der Schule gedacht. Auch der Aufbau der Bundeserz.iehung (über die Hälfte der Gruppe entstammt verschiedenen Jtigendbünden) war so gedacht, daß erst der 18—19jährige die Entscheidung zur Alijah und zu deren Form fällen sollte. All das wurde nun durch die Jugendalijah vorweggenommen. Am Anfang des Weges dieser Gruppe steht also nicht der freie Zusammenschluß auf Grund einer chaluzischen Ent- Scheidung. Aus dieser Tatsache, die notwendig mit der Entstehung der Gruppen zusammenhängt, ergeben sich viele Schwierigkeiten. Hinzu kommt, daß‘ — was oft von den Jugendlichen selbst als ״Mangel“ empfunden wird — ■eine besondere fürsorgliche Behandlung für diese Gruppen vorgesehen ist, die sie — falsch angewendet — in ihrer Unselbständigkeit bestärken kann. In den neuen Gruppen wird man auf zwei Momente besonders zu achten haben: möglichst solche Jugendliche auszuwählen, bei denen dieser Weg auch einem Minimum zionistischcn Willens entspringt und diese erst nach einer längeren und gründlich vorbedachten Vorbereitungszeit endgültig zur Ali jah zu bestätigen. Bei der Entscheidung sollte auch die Zusammensetzung der jeweiligen Gruppe — ihr geistiges Gesicht, Jungen — Mädchen, Altersverteilung usw. Berücksichtigung finden. — Eine doppelte Aufgabe ist der Gruppe selbst aufgegeben. Aus dem heterogenen Kreis eine gewisse Einheitlichkeit herauszuarbeiten, menschliche Beziehungen anzuknüpfen. Ferner sich die Grundlagen des Lebens im Kibbuz zu erarbeiten; eine Beziehung zu dieser Lebensform zu finden — ohne die man auch die zweijährige Hachscharah nicht genug auswerten kann. Die Suche nach den Aufgaben der Gruppe und den Maßstäben ihres Zusammenlebens ist ■eine Schicksalsfrage, die von den Jugendlichen zum großen Teil auch als solche empfunden wird. Ein weiteres Moment, das uns vor Fragen und Aufgaben stellt, ist die Tatsache, daß die eigene Vergangenheit, die Galuth, i'n Vergessenheit gerät. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß die kurze Zeit des von allen erlittenen Oaluthschicksals — auch im persönlich-materiellen Sinne — hingereicht hätte, um diesen Faktor zu einer echten Grundlage der Beziehungen sowohl zu Erez Israel wie zur Galuth werden zu lassen. Es zeigt sich eben! daß Galutli-Erlebeu ein Prozeß von Generationen sein muß, um auch in das Gefühl der einzelnen überzugehen; eine Tatsache, die von vielen nicht gesehen wird, was zu Mißverständnissen über die dcutsehe Alijah überhaupt führt. Nach alledem besteht eine Bereitschaft, all das Neue dieses Landes und Ein-Charod auf zunehmen; von den meisten wird das Glück empfunden, das darin liegt, in Ein-Charod den Weg der weiteren Ausbildung zu gehen. Und hier setzen unsere Möglichkeiten an. In der Zeit des Aufenthalts in Ein-Charod hat die Gruppe im Leben des Kibbuz Wurzeln geschlagen und bei vielen Gelegenheiten zeigt sich die wechselseitige Verbundenheit. Die Rückkehr nach längerer Abwesenheit von Ein-Charod ist für den Einzelnen und für die Gruppe ein ״Nach-Hause-Kommen“. Die Arbeit und vielfältige menschliche Beziehungen zu jung und alt haben eine starke Bindung an den Orten geschaffen. Das Verständnis auch für innere Vorgänge im Leben der Gesellschaft Ein-Cliarods nimmt zu, und trotz Müdigkeit und Schwierigkeit der Sprache kommt mancher schon zu den allgemeinen Versammlungen, in denen die inneren Fragen des Kibbuz besprochen werden. Ein halber Tag ist der Arbeit gewidmet. Alle sind in einem Zweig der Wirtschaft fest eingeordnet, in der Baumschule 11, Getreide-, Futterbau 10, Pardess 6, Weinbau 4, Gemüse und Obst 5, Schlosserei 6, Tischlerei 4, der Rest verteilt auf Hühnerstall, Kulistall usw. Nur zu bestimmten Saisonzeiten werden sie auch zu anderen, hauptsächlich Erntearbeiten, herangezogen. Frühmorgens mit den Chawerim des Kibbuz aufzustehen, anzuspannen, mit dem Arbeits- Die L andschaft im Emek Chefer Msmc Ä.. V"’’:•' '.»V * , . ׳' , -י'"'; ' Jüdische Arbeit ändert die Landschaft. Im Vordergrund unbebauter Boden, dahinter Orangenplmtagen Junge Orangerie bei Ein Hachoresch im Emeh Chefer Foton Soren Bojotial

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.