Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 74 (13.9.1935)
- Date
- 1935-09-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 74, 13. IX. 1935 S Köpfe, so sind das zusammen nur 450 Menschen. Aber das wird immer rascher und besser vorwärtsgehen. Das «richtigste ist jedoch nicht dies« Auswanderung, das wichtigste ist die Renaissance des Judentum* am Platz selbst. Blick nach Abessinien ׳ Die Oase des erwachenden Judentum■ Sie ist verkörpert in dem Hebräischen Ojm- Binum, Unendlich weit ist der Weg vom Hof des Rabbi Spira zu der Hochschule des neuen jüdischen Geistes, in der die Generation heranwächst, die das Judentum wirklich retten und bewahren wird. Und ist doch nur ein Weg ein paar Straßen weit. Eine andere Welt umfängt den Besucher hier, eine Welt der Sauberkeit, des 'Frohsinns und der Arbeit. Zehn Jahre besteht das Gymnasium bereits, vierzehn Jahre arbeitet das zionistische S^ttulwerk. Aus 90 Orten hat es Schüler 600 insgesamt und nichts spricht besser für seine Wichtigkeit und seir* gesunde Form jugendlicher Vorbereitung als ein kurzer Blick aut den Werdegang von bisher 61 Maturanten, 32 davon sind Volksschullehrer geworden, also typischste und wichtigste Pioniere eines neuen und gesunden Volkes. Die übrigen sind entweder in Palästina oder sic stedieren. Von letzteren aber nur sechs die Rechte. Von diesem Gymnasium ans droht also bezeichnenderweise kein Andrang zu sogenannten ,,Judenberufen“. Ein ungeheuer verantwortungsvolles Werk ist hier dem hervorragenden Leiter der Schule, Dr. Chaim Kugel (seit den letzten Wahlen im Mai d. J. ist er einer der zwei jüdjschnationalcn Abgeordneten des Prager Parlaments), und seiner jungen und tatkräftigen Lehrerschar zugefallen: die dialektische Spannung zwischen der notwendigen Erhaltung überlieferter Kräfte und der kategorischen Forderung nach Aneignung des modernsten wissenschaftlichen und technischcn Rüstzeugs 111 einer Synthese zu überbrücken. Wer, wenn auch nur kur/, in den Raumen des Gymnasiums weilt, in denen in erster Linie hebräisch, dann tschechisch und englisch gesprochen wird, der fühlt sich nach der Durchejucrang des Völkerbabels dieses halbkolonialen Landes plötzlieh wie auf festem Roden. Hier schwankt und wankt nichts mehr, hier ist Ziel und Wille. Eine Klasse von Zehnjährigen zeigt Mädels- und Jungengesichjer von einem ganz anderen Ausdruck als man ihn bei den anderen Judenkindern auf der Straße findet. Man spurt: hier ist das innere seelische Elend bereits überwunden. Diese jungen Kindergcmiiter erzittern nicht mehr bei dem Wort Jude. Wenn ihr hebräisches Lied erklingt, zu dem eine reizende junge Lehrerin den Takt schlägt, so klingt das kämpferisch und froh, und wenn man in der Zeichenklas.se sich die Arbeiten durchsieht, so erblickt man mit freudigem Staunen, daß hier eine fruchtbare schöpferische Phantasie voll Farbenfreudigkeit und frei schweifendem Weltsinn am Werk ist. Man braucht da gar nicht an der Fassade herum/ukratzen, weil diese Oe- Sichter aut Flur und Treppen, die Disziplin des Grußes und der Meldung nichts Fassadenhaftes sind, sondern schon die Seelen selbst. Seelen, die gestärkt sind und selbstbewußt für dort schweren Judenkampi im Leben, und die in der Renaissance der Sprache und des nationalen Bewußtseins ihren zentraler! Halt für diese Welt in sich tragen. Wie fier der Eindruck dieser modernen Kultur-Oase jüdischen Erwachens auf Fremde ist, bestätigte das Zusammentreffen mit zwei Reisenden, die sich zufällig im Hotel Szillog, dem großen Rende/vousplatz von Mukaöcvo, am selben Tisch fanden: der eine war der Professor Hugh Dalton, Labour-Parteiler uirI ehemaliger englischer Staats- Sekretär, der andere war Herr Bonnafous, Kabinettschcf des französischen .Arbeitsministers. Ihre Worte des Staunens und des Lobes über das hebräische Sehulwerk, das sie in den Kreis ihrer Reisebetrachtungen einbezogen’ ' batten, •waren von ehrlicher Begeisterung getragen. Daß sie noch!weniger Verständnis als der Referent für die Tatsache haben konnten, daß Rabbi Spira am Tage der Grundsteinlegung des Gymnasiums einen Fasttag zum Zeichen der Trauer angeordnet hatte, daß er noch heute die Augen mit der Hand bedeckt, wenn er vorbeifährt und in seiner Eigenschaft als Geistlieher Kinder und Eltern mit Flüchen für Leib und Leben bedroht, ist selbstverständlich. Ansklang Welch ein Unterschied, wenn man von hier nach Uzhorod zurückkehrt und etwa in eine (ungarische) Vor- Stellung des dortigen Theaters gerät! Ein fast ausschließlich jüdisches Publikum. Sehr viele elegante, bildschöne Frauen. Man glaubt sich nicht, wenn man sie sicht, im Fernost der tschechoslowakischen Republik, immerhin 17 Stunden Schnellzug hinter Prag. Budapest und Paris bestimmen hier die Aethiopien in der jüdischen Legende Von Rahel Wisch nitzer-Bernstcin Die jüdische Legende weiß von einer äthiopischen Periode des Moses zu erzählen. Sie schmückt Beziehungen ans, die zwischen den Acthiopiern und den Juden tatsächlich bestanden haben mögen, und überträgt sie, sie willkürlich rückdatierend, auf Personen einer anderen Epoche. Es wirkt wie ein Anachronismus, wenn Moses bei Flavius Josephus die äthiopische Stadt Saba belagert, aber kennzeichnend für die Fabelgestaltung ist, daß, wenn, wie im Traumschaffen übrigens auch, die Zeit- und Raiimverhältnisse maßlos verzerrt werden, die gefühlsmäßigen Beziehungen richtig gespiegelt erscheinen. Richtig ist dies, von den entscheidenden Volkserlebnissen aus gesehen. Diese überschatten dann die jeweiligen Konjunkturen und Wandlungen. So wird Aegypten noch als der Erzfeind des Volkes Israel figurieren, nachdem sich das Verhältnis zu diesem Lande auf Grund neuerer historischer Erfahrungen verschoben haben wird. Bemerkenswert ist, daß Moses’ Haltung Aethiopien gegenüber durchaus positiv gewertet ist. Dieses Land, dessen Herrscherhaus sich überlieferungsmäßig von einer israelitischen Dynastie herleitet, das in seinen religiösen Einrichtungen und im Brauchtum Spuren jüdischer Beeinflussung verrät, tritt in der jüdischen Sage zwar neben Aegypten auf, aber stets im Gegensatz zu Aegypten. Die Rolle des Moses zwischen den beiden sich feindlich gegenüberstehenden Mächten ist mm nicht etwa von Anbeginn klar und deutlich Umrissen. Sie schwankt in den verschiedenen Versionen der Legende, die übrigens nicht fähig ist, die seelischen Konflikte des Moses dramatisch zu gestalten. Die Intentionen des Dehlers lassen sich aber nach dem Ausgang der geschilderten Ereignisse beurteilen, sie sind im Endeffekt niemals gegen Aethiopien gerichtet. Bei Josephus erscheint Moses zunächst an der Spitze des ägyptischen Heeres im Kampfe gegen die Aethiopier, die bis nach Memphis vorgedrungen sind. De ägyptischen Priester sind froh, Moses losgeworden zu sein, sie glauben nicht, daß er aus dem Feldzug heil zurückkehren wird. De Hebräer dagegen vertrauen auf seinen Sieg, an den sie die Hoffnung auf ihre Befreiung knüpfen. Moses erweist sich als Feldherr von überlegen-er Klugheit. Er wird mit Eigenschaften ausgestattet, die sonst dem König Salomo nachgeriihmt zu werden pflegen. Natürlich sind es Mode. Die innere Haltung richtet sich stark nach der Tradition der ungarischen Gentry. Sehr viele dieser Juden sind Rittergutsbesitzer, richtige Landjuden, die von morgens bis abends in den Ställen und auf den Feldern sind. Freilich eine kleine Schicht — und auch hier ist in der Nachkommenschaft längst der zionistische Gedanke lebendig. Mit der Umgebung lebt der Jude, soweit es namentlich die Bauernschaft anlangt, in Frieden. Man hat zusammen viel Leid getragen, so trägt man auch das übrige Leben gemeinsam. Eine antisemitische Note ist lediglich in den deutschen Dörfern zu finden, ohne daß diese eine allzu heftige Form annimmt, und bei den ukrainischen Intellektuellen,, die geistig im wesentlichen von Emigranten geführt werden. Mit der tschechoslowakischen Beamtenschaft ist das Verhältnis gut, denn die Tschechoslowakei weiß sie gerade hier als ein Ferment nationaler und kultureller Korn- Position zu schätzen. Trotzdem gibt es für die Juden von karpatho-Rußland nur eine Zukunft: Ere z Israel. Und wie stark Ruhm und Ruf dieses Landes selbst in diesem dunklen fernen Waldgebiet ist, mag die Tatsache illustrieren, daß aus verlassensten Gebieten ruthcnische Kleinbauern eines Tages bei einer jüdischen Kommission erschienen und sich um die Ansiedlung in Palästina bewarben. Tragisch und düster ist das jüdische Schicksal hier oft im Fernost. Die Bethäuser verfallen, die Wunderrabbis altern, viele Säuglinge in den Wiegen schreien vergeblich nach Milch. Aber die Träume der Jugend sind voll von einem schönen Lärm: dem Dröhnen der Hämmer, dem Stampfen der Maschinen dem Rattern der Traktoren drüben in Altnculand. Manfred Georg Tiere, die die Parabel von der Weisheit des Moses bestreiten. Eine eigentümliche Mischung von Fabelmotiven wird 1ms in der Geschichte der Eroberung der äthiopischen Königsstadt geboten. Moses läßt ״Kästchen“ aus Papyrusbast anfertigen und mit Ibissen füllen. Der Landweg zur Hauptstadt de* äthiopischen Reiches, den Moses einsdilägt, wimmelt von f'. ~ י ' . .. Schlangen losgelassen. Sie vertilgen sie. Der Besetzung der Stadt steht nun nichts mehr im Wege. Das Motiv des Papyruskästchens kennen wir von der btoli■ sehen Erzählung über die Findung Moses her. Die ägyptischen Ibisse werden von der jüdischen Legende bald als rretndgut empfunden und in anderen Varianten durch Störche ersetzt. De Verknüpfung des Motivs vom schlangenvertilgenden Ibis mit Moses ist offenbar auf das biblische Motiv der Verwandiung des Stabes Moses in eine Schlange und die Ueberwindüng der Schlangenplage durch Moses zurück zu führen. Moses als Schlangentöter entspricht auch dem griechischen Herakles, dem Schlangen- und Drachenüberwinder. Wie stark ausgeprägt jedoch gerade die ägyptischen Er/Ahlungsmotive in der Redaktion der Legende von Josephus noch sind, zeigt die nur mit Mühe herbeigeführte pro-äthiopische Lösung der Handlung. Sie wird ermöglicht durch eine unerwartete Wendung der Geschicke: die äthiopische Prinzessin Thar bis verliebt sich in den Helden. Hochzeit wird gefeiert. De Stadt ergibt *ich Moses freiwillig. Interessant ist mm, wie die Legende, die Josephus schpn mit manchem jüdischen Zug ausgestattet hatte, den sie bei dem griechischen Autor Artapanus nicht aufwies, im mittelalterliehen Sefer ha-Jaschar in ihrer jüdischen Tendenz bedeutend verstärkt wird. Das Motiv des Gegensatzes zwischen Moses und Aethiopien sowie die ägyptische Komponente werden vollkommen ausgeschaltet. Moses ist nicht mehr der Gegner, sondern der Retter der Aethiopier, und zwar eilt er dem äthiopischen König K i k a n o s zu Hilfe in dessen Kampf mit dem Usurpator B 11 e a in. Bileam aber ist niemand ander«» als der Magier, den wir aus Bibel und Midrasch sehr wohl kennen. Moses belagert die von Bileam besetzt gehaltene Hauptstadt Aethiopiens an der Seite des rechtmäßigen Königs. Dieser stirbt, Moses wird von den Truppen zun! König ausgerufen. Man gibt ihm die Königinwitwe Adoniah zur Frau. Jetzt stehen Moses und Bileam im Kampf einander allem gegenüber. Es ist der uralte Kampf mit dem Erzfeind, der in zahlreichen anderen jüdischen Legenden geschildert worden ist. Wenn nun die benannte List zur Anwendung gelangt und die Störche auf die Schlangen losgelassen werden, so vertreten die Vögel eindeutig das Prinzip des Guten, die Schlangen das Prinzip des Bösen, denn erst in der Oegenüberstelhing Moses-Bileam findet der Gegensatz seine, von der jüdischen Tradition aus gesehen, vollkommen gültige und überzeugende Entsprechung. Ich habe in meiner Schrift ״Gestalten und Symhole der jüdischen Kunst“ zu zeigen versucht, was das Sinnbild des Storches in der jüdischen Kunst bedeutet, hier beschränken wir uns auf die Durchmusterung einiger seiner literarischen Quellen. Der Ibis, der Prototyp des Storches, tritt in einer griechischen Naturkunde, einer christlich überarbeiteten jüdisehen Schrift des 4. Jahrhunderts, nur noch als der Vogel auf, ״der seine Brut mit Schlangen nährt“. 111 der stark reduzierter! Fassung ist unser Sagenmotiv immer noch unverkennbar. Um auf die Legende in Sefer ha-Sascher zuriiekzukomnien: der Ausgang der Handlung ist hier ganz im jüdischen Sinne gestaltet. Im 40. Jahr der Herrschaft des Moses in Aethiopien macht die Königin Adoniah, die von Moses ans religiös-nationalem Qründen verschmäht wurde, die Rechte ihres Sohnes aus der Ehe mit Kikanos geltend. Die Truppen halten zu Moses, die Stadtbevölkerung zum Königssohn. Moses zieht in Ehren fort. Die Zeit ist nun gekommen, die Gott für Moses Den st am Volke Israel ausersehen hat. De äthiopische Episode seines Lebens ist zu Ende. Trotz vielen heterogenen Elementen bietet der geschilderte Sagenstoff, und gerade in seinen jüdischen Fassungen, einen einheitlichen Zug: die positive Einstellung des Judentums zum äthiopischen Volke. Unter den nicht sehr reichen geschiehtliehen Quellen zur Erforschung der Beziehungen der Juden zu dem heute im politischen Vordergründe stehenden Volke Afrikas darf unsere Legende einen gewissen Platz beanspruchen. ״L>as Ist die \ 11 tu>110, auf der du, Uri, den Sitz des Merkes errielilea soll,-!." Die Betonarbeiter machten sich an die Arbeit, zimmerten Formen, führten die (׳״rippe auf, flochten die Kiseriiielze und gossen den vom Aufzug einflicßenden Brei in die Formen. \orh steht der Beton grau, 'Hiuppig und porös da. noch starren die Ei-rndrühlc /»!'•-he!! -(■inen Schichten lier'or, noch gibt die wlmml/ige Holzverschalung dem (ian/cn einen haß- ■ liehen Anblick, aber im Gehirn Uris lebt bereits das Bild des fertigen \\ erk-il/es, naeh Ln! fermm״ der I lolzuu sdialting, •narh V erM'liw imleii der Ki-endrahliu'l/e unter der Tünche, dem weißen Kalk oder <11111 Zrmentmorlel. Uri war riissix־her Hevo!uti<n1sflü</htling: auch jetzt, da er Schicht auf Schicht legt, klingt im Ohr noch der Widerhall »der Zerstörung, sieht er die schwelender! Brandseheile noch :vor Aa$nn. Alles war der Vertilgung prrisgegebeft, ins Schwaniken geraten, und mit eigenen Händen hatte er dem Einslürjätenden den letzten Stoß gegeben. In einem abgelegenen Winkel, jenseits des Meeres, Hand einst, »eine kleine Welt. Aber an dem einen Sturmtage wurde diese Welt in ihren Grundfesten erschüttert und fiel ״wie eine reife Frucht von! Baum. Der Sturm war furchtbar, und alles wurde in die Winde zerstreut... Als er die Augen öffnete, sali er weile Wanderwege vor *ich, ohne Ziel: keinen Vater, keine Mutter, nicht*, nichts! Nichts, an das man sich hätte halten können, kein Gott und kein Glauben. Als er »ich auf den Weg machte, gab es viele Weggenossen. ,,Wohin gehl ihr?“ ,,Wohin uns die Angen führen.“ Sie gingen zusammen. Hinter ihnen Ruinen, da* Purpur der Brände und der Geruch des Blute«, vor ihnen nicht» als weite Wanderwege ohne Faule. Tagtäglich *tiefien 7,11 der! Wanderndrn neue Männer und Frauen. Die Frauen kamen, übernächteten eine Nacht und gingen ihres Weges. ,,Gibt es keine Liehe?“ 1 ,.Nein. W'ozu Liebe?“ Alte Männer gingen, ihre Augen zu Boden gewirkt .,Habt ihr keinen Rat mehr?“ ,,)keinen. Weder Rat noch Einsicht. Alle«, was •wir in unserer ’Jugend gelerdt haben, ist, sinnlos. ' ״Wohin sollen wir uns wenden: nord-, süd-, west- oder ostwärts?“• ״Es gibt weder Westen noch Osten. Die Welt ist eine Kugel, und auf ihr donnern Kanonen, .,Keine Ileinial!“ Dies klare, kategorische ״keine Heimat“ zerriß das Denken, stumpfte das Gefühl ab, verstopfte die Kanäle der Phantasie: ״Ich gehe, wohin ich gehe.“ So 7.0״ er von Land zu Land, zwischen Männern und Frauen, Iris er ins Oedland kam. ״Was macht man hier?“ fragte Uri die erste Arbeitergrup|M\ die er auf dein W ege traf. ״Man errichtet hier ein Werk. Komm, arbeite mit uns." Er begann zu arbeiten. Die Arbeit in der Sonnenglut machte ihn todmüde. Uri schlief und arbeitete, arbeitet« und schlief, bis er das schreckliche Wort ״keine Heimat“ vergaß. Wie im Traum arbeitete er, bis die Betonarbeiter ihm auf die Schulter klopften: ״Uri haucht Lebenägeisl in den Beton.“ Dann ermunterte er sich, öffnete die Augen und lauschte dem sehnsüchtigen Liede, «las abgerissen in seinem Herzen rauschte. ]Mötzlich fühlte er in erregter und süßer Aufwal- Iung des Herzens, daß er im Werke, in der Gesellschaft des Arbeitenden, im malten Oedlarul Wurzel schlage. Die Leute des Lagers hören nicht auf, die Betonarbeiter zu fragen, wann die Bauarbeit an dein Werksitz fertig sei. ״Wann werden wir in die Häuser einziehen?“, fragen sie Uri bei Tisch. ״ln einigen Tagen werden die Häuser Iwreilslelten. Dort w erdet ihr eurh wohl fühlen. Die Zimmer sind groß und luftig. Der ,Alte‘ kommt selbst jeden Tag naehsehen und treibt uns zur Eile.“ Seine Arbeitsgenossen lächeln und erzählen den am Tische Sitzenden: ״Heute bekam Uri eine tüchtige Portion zu schlucken: ,Was ist mit euch, ihr Betonieute? Ich habe euch gerufen, W ohnungen für die Arbeitenden zu bauen, und ihr trödelt?1* Ha, wir arheitclen und verschnauften kaum. Wie soll man auch ruhig arbeiten, wenn der von der Feme mit »einem scharfen Auge zusieht? Die Kelle fällt einem aus der Hand, und der Hammer verfehlt, den Nagel. Aber, erzählen sie weiter, beim Frühstück stand er neben uns und sagte z.u Uri: ״Wenn ihr die Häuser rechtzeitig ferligmaeht, geb ich euch auf jeden Meter Beton eine Zuläge." Sprach und ging. ״Ja, so ist er." Aber Uri halte bereits das Gesprochene und die Sprecher vergessen und sein frohes, lebendiges Auge war wie verschleierl; ihm gegenüber saß B 11 l 11. Unter den verarbeiteten und verschwitzten Dasitzenden war Bulb in ihrem sauberen Aussehen, ihrem leichten Gang und ihrer aufrechten Gestalt ein Auge und Herz erfreuender Anblick. Daher liebten sie die ״Tochter des Lagers". S1‘e liebten ihre Bewegung bei der Arbeit, ihr lleraulreten an den Tisch. W'enn sie vorübergin״. leuchtete das Gesicht der am Tische Speisenden, unwillkürlich setzten sie sich etwas au frechter, und alle, Verheiratete wie Junggesellen, Alte wie Junge, gestanden freimütig: ״Seit Ruth *I ie Tisch«1 deckt und das Essen serviert, geht ein angenehmer Duft von der .Mahlzeit aus, sie schmeckt wie im Paradies." Ruth verweilt gern unter den Speisendi-n und läßt sich ihre Freundschaft und Zuneigung gern gefallen. Sie fühlt dann, wie ihr Körper in den Wellen der Liebe badet, die die Leute des Lagers zu ihr liegen. Sie hat große und tiefe Pupillen und ihr weiter Blick strahlt in aller Augen, wie wenn sic jedem im Lager sagen wollte, Ruth 1 io Ix: ihn. Ein Gefühl der Wonne und des Dankes entsteigt dem Herzen der am Tische Sitzenden. ״Sic ist so sauber!“ ״So gerade gewachsen!" ״So leichtfüßig. Unsere ,Tochter des Lagers‘“. Die Steinhauer und die Mechaniker richten ihre Blusen zurecht, wischen die Eisen- und Slaubsehvvärze von Händen und Gericht, trocknen den rinnenden Schweiß ab. Denn Ruth ist ein Mädchen, und ihre Bewegungen sind so unvergleichlieh weicher als ihre grollen und schwerfälligen, ihre ganze Haltung so unendlich schöner als die ihre. Während sie mit ihnen am Tische sitzt, senken sie ihre Stimmen und halten ihre Zunge irn Zaum. Die müden und schwitzenden Männer, die sonst sich in ihren Reden gehenlassen, nehmen sich jetzt zusammen, lächeln weich und machen ein freundliches Gesicht Selbst Issar, der alte Junggeselle, Führer der Lokomotive H I, der sonst jede Mahlzeit, die ihn! nicht schmeckt, zur Großmutter des Teufels schickt auch er hält seine Zunge vor Ruth im Zaum. (Fortsetzung folgt#