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Jüdische Rundschau · 1935-09-13 · Heft 74 (13.9.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 74 (13.9.1935)
Date
1935-09-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 74, 13. SEPTEMBER 1935 Wellen der Politik Kriegskombinationen — Pläne für den Legislative Council Von unserem palästinensischen Korrespondenten Gerüchte gl. Tel-Awiw, 5. September 1935 Palästina durchlebt seine schweren Tage der Kriegsangst. Dasselbe Gefühl, das die ganze Welt heute umfaßt, spürt man auch hier, aber wenn der gefürchtete Beginn der Feindseligkeiten in Europa immerhin als dort liegend empfunden wird, wo ״die Füchse sich gute Naclit sagen“, so sieht man hier die Dinge vom Becken des Mittelmeeres aus. Zwar macht sich die Masse wohl keine rechten Vor- Stellungen über die Lage von Abessinien und die sehr weiten Landstrecken, um die es sich bei all den Operationen handelt, aber jeder spürt, ohne sich viel Rechenschaft zu geben, die Nähe des Suezkanals, und jeder Tag bringt neue Gerüchte. Die Ankunft von zehn Zerstörern in Haifa, die die Regierung als den normalen Sommerbesuch eines Teiles ihrer Mittelmeerflotte bezeichnet, hat in diesen Tagen natiirlieh das gespannteste Interesse erregt und Anlaß zu den verschiedenartigsten Spekulationen und zu mancher ״Stammtischstrategie“ gegeben. Die Gerüchte, daß die gesamte Fliegertruppe liier im Bereitschaftsdienst läge, halten sich hartnäckig. Dagegen hat das Gerücht über die Befestigung der über dem Haifaer Hafen liegenden Höhen keinerlei realen Hintergrund, denn derartige Werke müßte man ja wohl irgendwo in der Karmejgegend auffinden können, und das ist bisher auch den eifrigsten Journalisten noch nicht gelungen . .. Wirtschaftliche Symptome Zwei Tatsachen zeigen die Reaktion des Publikums auf die sich (immer stärker verdichtenden Kriegsgerüchte: die Masse der Fellachen ist mit aller Ueberstürzung dabei, sich für die kommenden Ereignisse zu sichern. Die Bauern suchen ihr geringes Erspartes vor allen Fährnissen in Sicherheit zu bringen und kommen in Haufen in die Stadt, um ihre Münzen gegen Gold umzutauschen. Die Wechsler, besonders in der Altstadt von Jerusalem, holen die alte» türkischen Goldmünzen hervor und der Bauer versucht, sich in dem edlen Metall einen Schatz anzulegen, den er dann zu Hause an einer sicheren Ecke eingraben kann. Unter den Städtern wiederum fürchtet so mancher einen Mangel an Lebensmitteln und beginnt sich einzmtecken. Hier schafft das Bewußtsein, daß Palästina heute zu einem sehr großen Teile auf Import angewiesen ist, die Angst vor dem Mangel und bei manchen, die den Weltkrieg mitgeinacht haben, wirken die alten Erfahrungen der damaligen Hungersnöte. Wie immer in solchen Zeiten werden auch die fadenscheinigsten Tatsachen als bare Münze genommen. So war Mangel an bestimmten Produkten und Baumaterialien, der durch den eben abgeschlossenen Teilstreik der Eisenbahner verursacht worden war, bereits für die Erregten ein Zeichen der mangelnden Verbindungen, obwohl hier nur eine Storung von einigen Tagen vorlag, die durch rein lokale Ereignisse bedingt war, und jetzt schon behoben wird. Ein weiteres, bedeutenderes Anzeichen für die allgemeine Stimmung ist die Restriktion der Kredite durch die Banken. Das Zeichen ging von der Barelays Bank aus, die iiire Kredite stark verringerte und einige der anderen Banken, die ja von diesem größten Institut, das in mancher Beziehung in Palästina die Funktionen einer Staatsbank erfüllt, abhängig sind, folgten. Bisher handelt es sich naturgemäß um eine Maßnahme ״auf Zeit“, die einige Tage vor der Eröffnung der Völkerbundssitzung in Genf vorgenommen wurde, wobei die Leiter der Banken die Klienten auf das Ende der Woche vertrösteten. Bei den in der Palästinawirtschaff üblichen Methoden, wo jeder mit Akzepten der verschiedensten Art arbeitet, wirken derartige Restriktionen der Kredite jedoch fast momentan, und man muß hoffen, daß die Bankpolitik sehr bald wieder leichter wird, wenn nicht Rückschläge in kleinerem oder größerem Ausmaße eintreten sollen. Die erregte Stimmung ist übrigens unter Arabern viel ausgesprochener als unter Juden, die diesmal eher kühles Blut bewahren. Stellung der Araber Die arabische Presse beschäftigt sich nach wie vor in großem Ausmaße und mit Leidenschaft mit der Stellung der Araber im kommenden Kriege. Die sich drohend zusammcnballendcn Wetterwolken am Welthorizont wurden hier fast mit Befriedigung begrüßt, und ohne viel Vorreden wurde mit dem Abwägen der Möglichkeiten begonnen. Es geht für die Araber der verschiedensten Lager um dasselbe: aus einem Konflikt, wenn er ausbricht, den möglichst größten Vorteil zu ziehen. Bei einem Teil der arabischen Politiker heißt dieser Vorteil die Abdrossclung des Zionismus; bei einem anderen die Unabhängigkeit des Landes als solche. Die verschiedenen Kombinationen gehen heute in der ersten Aufregung ohne Maß durcheinander, es scheint, als wäre sich keine der Gruppen über ihre Möglichkeiten und Ziele recht klar, aber alle sind durch das gemeinsame Gefühl charakterisiert, daß manjetzt irgendwie auf die westlichen Mächte drücken könne, um Vorteile für sich herauszuschlagen. Im Zusammenhang mit den vielfachen Kriegskombinationen, die in den verschiedenen Zusammenkünften geschmiedet werden — es gibt Sitzungen in Palästina und auch in Syrien, wo sich gerade der Mufti von Jerusalem auf . ■einer Tour befindet — erinnert sich die Öffentlichkeit bezeichnenderweise an den letzten großen politischen Skandal im arabischen Lager. Damals veröffentlichte die dem Mufti und seiner Parlei gegnerische Presse jenen, unterdes berühmt gewordenen Brief von Sheikib A rslan, dem Vertreter der Syrer in Genf, der eine Verbindung dieser Kreise mit der proitalienisehen Propaganda im Nahen Osten beweisen sollte. Der Mufti und seine Anhänger haben sich mit aller Kraft gegen diese Beschuldigung verteidigt, Sheikib Arslan hat bei der Palästina-Regierung um eine Einreiseerlaubnis ת ach gesucht, um seine Angreifer vor Gericht zu ziehen. Das Visum wurde nicht bewilligt und der entfachte Pressekampf, in dem eine Seite die andere dauernd mit der Publikation neuer Dokumente bedrohte, ist schließlich wieder abgcflaiit. Heute werden neuerdings Gerüchte gemurmelt, daß die italienische Propaganda bemüht sei, in Palästina selbst festen Fuß zu fassen. Unter diesen Gerüchten, unter den Nachrichten des sich verdichtenden Weltkonfliktes, der zu endlosen politischen Kombinationen herausfordert, läßt die Phantasie der arabisehen Führer die Zügel schießen, gruppiert die curopäischen Mächte nebeneinander und schaltet sich prüfend an den verschiedensten Stellen dazwischen ein. Für diese Fiihrung scheint der Krieg — nach der arabischen Presse der letzten Wochen zu urteilen — nichts als ein brillantes Sprungbrett für ihre national-politischen Ziele. Und jetzt, nachdem diese ausführliche und leidenschaftliehe Beschäftigung mit dem kommenden Wirbel nicht nur zu klugen diplomatischen Ueberlcgungen, sondern auch zu einer gewissen Panik geführt hat, zu Goldsammelci und Hungerangst, versucht die Presse wieder etwas zu beschwichtigen, weist darauf hin, daß Palästina doch ein gutes Stück von der eigentlichen Konfiiktgegend entfernt sei . . . Um den Legislative Council Das Eintret en von Rhagcb B c y Naschasehibi, dem früheren Bürgermeister von Jerusalem, für den Legislative Council hat im arabischen Lager seinen Eindruck nicht verfehlt. Mit ihm gehen die in den Munizipalitäten wirkenden Persönlichkeiten der arabischen Oeffentlichkeit, eine Gruppe von Menschen, die ein beachtliches Gewicht haben. Die Gegenpartei, vom M u f t i geführt, hat bis vor kurzem ihre Gegnerschaft gegen den gesetzgebenden Rat aufrechterhalten, es ist aber bereits auch in diesem Lager ein gewisses Schwankeil zu verspüren. Die arabische Führung neigt heute sehr stark dazu, sich an dem vorgeschlagenen Legislative Council zu beteiligen. Zwei Momente waren cs in der Hauptsache, die die Araber der Anteilnahme am gesetzgebenden Rat geneigt machten: die scharfe Gegnerschaft der Juden und die geschickte Behandhmg der Angelegenheit durch die Regierung, insbesondere durch den High Commissioner. Es geht, wie häufig bei von Affekten geleiteter Politik, bei derartigen Entscheidüngen gelegentlich etwas primitiv zu, und bei der im Lande herrschenden Psychologie hat mail einfach argumentiert: wenn die Juden sich mit solcher Energie gegen den Plan stemmen, so muß an irgendeiner Ecke eine Wohltat für die Araber darin verborgen sein. Außerdem hat die diplomatische Kunst des High Commissioner, die im Laufe seiner Amtsjahre schon so manches Vertrauen und so manchen Sieg eingebracht hat, auch hier ihre Wirkung getan. Nach einer Ablehnung von mehr als anderthalb Jahrzehnten sind die Araber bereit, sich an einem gesetzgebenden Rat zu beteiligen. Sie tun es freilich mit einem lachenden und einem tränenden Auge, und man kann sehr gut erkennen, daß sic sich keineswegs mit vollen Segeln in dieses neue Fahrwasser begeben, sondern mit großer Vorsicht und vielem Zögern den neuen Pfad betreten. Der Aufbau des Rates Ueber die Zusammensetzung des Rates und seine Kornpetenzen liegen noch keine offiziellen Bekanntmachungen vor, sie werden erst bei der Rückkehr des High Commissioner aus London erfolgen. Wir können aber bereits heute über die wichtigsten Züge folgendes mittcilcn: Der Rat wird klein gehalten sein, vermutlich aus 28 Mitgliedern zusammengesetzt, zu denen außerdem der High Commissioner zu rechnen ist. Ein Teil der Räte wird ernannt, und zwar sowohl Beamte als auch Vertreter der Bevölkerung. Die übrigen werden gewählt. Allem Anschein nach wird die Zusammenset/ung■ derart erfolgen, daß die englischen (Beamten-) Mitglieder zusammen mit den Juden den Moslems und Christen die Waage halten. Von der Ausschließung bestimmter Themen (Immigration, Bodenkauf) aus den Verhandlungen des Couiicils ist man nach verschiedenen Ueberlcgungen und Verhandlungen mit einigen Institutionen schließlich ahgekommen. Der Council hat theoretisch die Möglichkeit, alle für das Land wichtigen Fragen zu behandeln. De facto wird jedoch die Sache erheblich weniger ״parlamcntsmäßig“ aussehen. Es soll nämlich in der Konstitution des Councils die Prärogative der Regierung verankert werden, B u d g c t v o r s c 111 ä ge einzubringen. Diese Bestimmung ist aus dem englischen Parlament übernommen, wo ebenfalls mir die Regierung das Recht hat, dem Hause Budgetvorschläge vorzulegen. Im palästinensischen Falle bedeutet diese Bestimmung jedoch, daß die Regierung letzten Endes die Leitung der Angelegenheiten in ihrer Hand behält. Denn noch so viel Interpellationen und Anträge werden so lange keinen praktischen Erfolg haben, bis sich das Oberkornmissariat entschließt, diese Anträge durch einen Budget- Vorschlag vor dem Council praktisch zu unterbauen. Schon diese Bestimmung genügt, um die überragende Stellung der Regierung zu verstehen; es kommt aber noch ein Punkt dazu, der den High Commissioner ermächtigt, im Notfälle jedes Gesetz ohne Hinzuziehung des Councils nach eigenem Gutdünken zu erlassen. Perspektiven Der Vorschlag des Legislative Councils ist also nicht etwa ein Parlament im vollen Sinne des Wortes, sondern der erste Ansatz zu einer Mitbestimmung der Bevölkerung an der Gestaltung Palästinas. Die Stellung der Juden zu dem Projekt ist jetzt besonders nach den Luzerne!• Be- Schlüssen des Zionistenkongresses — eine absolut e i n d e u tige Ahle!1!1 11 11 g. Fs wird sieh daher auch niemand unter den Juden finden, der zu den Wahlen ginge; selbst wenn sich eine <xier die andere Persönlichkeit finden sollte, die eine abweichende Haltung von der offiziellen hat, so wird sich doch niemand zur Teilnahme am Rate entschließen. Die Regierung wird also, wenn sie trotz der Gegnerschaft der Juden den Council schaffen will, die Plätze der Juden zuerst einmal durch Beamte besetzen und sie von ihnen sozusagen für die Juden freihalten müssen. וזיז reit den langen Kampf um den Legislative Council — i!1 der Tat so lang, daß er fast durch die ganze Geschichte der englischen Administration im Lande reicht — ist das Thema etwas abgegriffen worden. Als Herbert Samuel bald nach der Einführung der Zivilverwalimig im Lande das Projekt formte, war es neu und hatte eine gewisse Attraktion. Ls schien wirklich einen Weg zur Mitarbeit der Bevölkerung an der Landesverwaltung zu eröffnen. Seit jenen Tagen ist viel Wasser den Jordan hinabgeflossen, das Verhältnis zwischen Juden und Arabern hat sich als noch koniplizierter erwiesen, als man zu Beginn glaubte, und die Situafioit im Lande hat sich in einem starken Maße als von dem C'ieiste der Administration abhängig gezeigt, wie insbesondere die guten und relativ geregelten Jahre unter dem Regiment Sir Arthur W a 11 c 11 o p e s bewiesen haben. Man hat in einer früheren Periode vielleicht begründete Hoffnungen hegen können, daß das Zusammenarbeiten in einer gemeinsamen zentralen Körperschaft eine Verständigung zwischen Juden und Arabern erleichtern würde. Heute, wo die Araber mit Widerstreben, die Juden überhaupt nicht in einen Council hineingehen wollen, sehen die Verständigungspcrspcktiven durchaus dunkel aus. Der Kongreß hat seiner Meinung Ausdruck gegeben, daß seine Ablehnung des Rates nicht seine Bereitschaft zur Kooperation mit den Arabern ausschließt. Man wird mit großer Spannung diese anderen Vorbereitungen fiir eine jüdisch-arabische Zusammenarbeit erwarten müssen. Kurze Nachrichten Die Einnahmen der Palästina-Regierung im ersten Viertel des laufenden Finanzjahres betrugen I 5723(17 Pfund, sind also gegenüber den 1 132 211) Pfund betragenden Einnahmen in demselben Abschnitt des vorangegangenen Jahres um •140 091 Pfund gestiegen. Die Ausgaben stiegen von 701883 auf 733(195 Pfund. In der Nähe der syrisch-palästinensischen Grenze wurden in einem Auto M syrische Araber fesfgenmnmen, die versucht hatten, illegal nach Palästina zu gelangen. Der Tel-Awiwer Stadt rat hat einstimmig beschlossen, eine Straße im Osten der Stadt nach dem verstorbenen Oberrabbiner K 11 Ic zu benennen. Am 8. September wurde in den hebräischen Schulen Palästinas das neue Schuljahr eröffnet. Die Zahl der neu auf* genommenen Schüler ist diesmal bedeutend höher als in den letzten Jahren. In einigen Mittelschulen wird der Unterricht erst im Laufe dieser Woche aufgcnointnen. Oie Werke von Ewer Hadani, darunter auch die hebräische Ausgabe von ״Das Werk im Oedland“, sind im Buchverlag Mizpe in Tci-Awiw erschienen. Der Trauerzug bei Rabbi Kuks Beisetzung Foto: Orushkes. Jerusalem

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