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Jüdische Rundschau · 1935-09-10 · Heft 73 (10.9.1935) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 73 (10.9.1935)
Date
1935-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 73. 10. IX. 1935 vertragen kann als vor acht oder neun Jahren. Die Regierung hat irr weiser und vielleicht sogar in übertriebener Vorsicht eine Reserve von 6 Millionen P f u n d angesammelt, das heißt doppelt soviel, wie ihr gesamtes Jahresbudget betrügt. Sie hat mehrfach ausgesprochen, daß sie ein einjähriges Budget als eine normale und wünschenswerte Reserve betrachtet, daß sie aber die zweite Hälfte im Falle einer Wirtschaftskrise zu großen öffentlichen Arbeiten verwenden will. Das gibt uns schon einen gewissen Rückhalt. Außerdem ist die Lage der Juden in vielen Ländern, nicht nur in Deutschland, heute politisch und wirtschaftlich so bedroht, daß Palästina dauernd Menschen und Kapital in ganz großem Maße an sich ziehen wird, und dieser Zuström an Kapital ist natürlich auch ein wichtiger Faktor, um das Wirtschaftsleben in Palästina in Gang zu halten. Die Bemühungen, importierte Waren in Palästina durch einheimische Produkte zu ersetzen, können für Uunderttausende von Einwanderern noch Erwerb schaffen, vorausgesetzt, daß die Regierung bei Maßnahmen gegen Dumping und in ihrer Zollpolitik tatkräftig mithilft und daß sie nichts tut, was die jüdische Einwanderung nach Palästina erschwert oder verringert. Optimismus Vielleicht werden Sie mir in meiner Beurteilung Palästinas zu grollen Optimismus vorwerfen. Ich gebe gern zu, daß ich Optimist bin, aber ich glaube, daß ich zu diesem Optimismus durch die Geschehnisse der Vergangenheit berechtigt hin. Wenn ich auf die letzten 2S Jahre der Palästina- Arbeit zurückblicke, so muß ich sagen, daß eigentlich Wunder ober Wunder geschehen sind. Ich erinnere mich noch, wie im Jahre 1907, ah ich zum ersten Male in Palästina war, ein Uhrmacher aus Jaffa zu mir kam und mir sagte, daß (10 jüdische Familien aus Jaffa, Kau fl eilte, Lehrer und Handvverker sich nisainiuengctan hätten, um ein eigenes jüd i s c h e s Stadtviertel zu hauen, und daß sie dazu einen Kredit vom Katioiialfonds haben wollten. Auf meine Frage, oh sie denn außer dem Kredit auch eigene Mittel für den Bau /ur Verfügung hätten, antwortete er mir, sie hätten bereits Frs. 100(00 (ßp ■!(MH)) ztisamineri. Fs stellte sich heraus, daß diese Frs. 100 000 in Wirklichkeit nur aus Frs. 500(0!!! har und Frs. 50 000 in Versprechungen bestanden, aber immerhin, ich sah liier einen ersten Anfang von privater Initiative, und es gelang mir, das gewünschte Darlehen von Frs. 250 000 für diese Gesellschaft in Jaffa und gleichzeitig ein I )arleheu von Frs. 50 000 für eine kleinere Gesellschaft in 1 laifa durclmiset/en. Und wirklich wurde dann mit dem Hai! der IFinser auf den Dünen hei Jaffa und auf den Abhängen tl e s Karmel begonnen. Hätte irgendeine noch so große Finbildungskraft damals ahnen können, daß aus diesen zwerghaften Anfängen in 23 Jahren die Großstadt Tel-Awjw mit etwa 150 000 Einwohnern lind der Stadtteil H a 0 a r Hakarmel in Haifa mit 30000 Einwohnern erwachsen wurde? Hätte es irgend jemand für möglich gehalten, daß aus den verspotteten Bemühungen eines E 1 i e s t r B e!1 Je h ud a, die hebräische Sprache wieder zu einer lebenden Sprache zu machen, ein hebräisches Schulwerk mit über 30 00() Kindern und eine ungeheure hebräische Literatur in Palästina erwachsen winde? Ware es mir, als ich im Jahre 1008 mit einem Jahresbudget v-on Frs. 20 000 (£P 800) zur praktischen Arbeit nach Palästina gesandt wurde, in den Kopf gekommen, daß wir 25 Jahre später für die größte englische Bank ein Partner für eine Halbe-Millit>11-P!und-Anleihe sein würden? Hätte irgend jemand cs für möglich gehalten, daß wir in Palästina monatlich mehr jüdische Einwanderer haben würden als früher jährlich? Wenn ich diese Tatsachen und noch viele andere an meinem geistigen Auge vorüber/iehen lasse, so kann ich nicht anders als daran glauben, daß eine gütige Vorsehung über unserem Werke wacht. Vielleicht werden Sie mich auf Grund dieses Glaubens als einen Mystiker ansehen. Ich bin es jedenfalls nur in ganz beschränktem Maße. Aber eine Ueherzeugung habe ich wirklich, die nicht aus der Vernunft, sondern aus anderen Tiefen geboren ist. So wie in der Natur keine Kraft verloren geht, so glaube ich, daß auch im sozialen Geschehen j t־d e a u i o p i e r!5 d e u 11 d beständige Arbeit nicht ohne Wirkung bleibt und früher oder später ihre Fruchte trägt. In diesem Sinne rufe ich Sie auf, der großen historischen Bedeutung dieses Augenblicks für die Zukunft ■des jüdischen Volkes eingedenk zu sein und alle Kräfte für die Vollendung unseres Werkes in Palästina einzusetzen. mm Der Revisionistenkongreß Die Eröffnung in Wien Von unserem Berichterstatter Wien, 8. September Ein• ,.neue“ Organisation? In Wien begann gestern die Konferenz der Revisionisten, die den Namen ״G r ü n d un g s ko n g rc ß der Neuen Zionistischen Organisation“ führt. Jabotinsky, unermüdlich in der Erfindimg neuer Attraktionen für seine Anhänger, wartet diesmal mit einem ganz besonderen Schlager auf. Alan läßt die bisherigen kurz an seinem Auge vorüberstreichen: Ruf nach Schaffung einer ״zweiten Legion“, Ruf ״Los von England“, nach Eroberung des Kongresses, die Petition, Krieg dem Zertifikate-System, Boykott der nationalen Fonds und eine Anzahl anderer Improvisationen — immer wieder hat die politische Realität seinen mit großem Elan begonnenen Aktionen unüberwindbare Hindernisse in den Weg gelegt und ihn gezwungen, seine Anhänger mit neuen Parolen in Atem zu halten. Die endgültige Trennung von (I erzio 11 istischen Bewegung und die Schaffung einer ״neuen“ Organisation waren das Resultat einer doppelten Spekulation. Fürs erste war die revisionistische Union nach dem Fehlschlagen der Petition an einem toten Punkt angelangt, und der hemmungslose Kampfgeist, den Jabotinsky in seiner Anhängerschaft großgezogen hatte, drohte zu versacken. Die Bewegung machte eine schwere Krise mit, drohte sich zu verflüchtigen. Nur mit einer starken, aufrüttelnden und erregenden Injektion konnte sie wieder zur Aktivität gebracht werden. Als zweite Spekulation traten die Hoffnungen hinzu, die man an den Ausgang des Luzerner Kongresses knüpfte. Nach den Krakauer Beschlüssen des Misrachi. die in der revisionistischen Presse als ״zweites Calais" freudig begrüßt wurden, und nach der Haltung der Allgemeinen Zionisten der Gruppe B, besonders einiger ihrer Journalisten in der Wahlkampagne, rechnete man in revisionistischen Kreisen damit, daß der Luzerner Kongreß mit einem argen Mißklange enden und der Misrachi sowie ein Teil der Allgemeinen Zionisten, verärgert über die ״alte“ Organisation, nach Wien zur Tagung der ״neuen“ kommen würden. Das sollte der große Schlager dieses Gründungskongresses werden und man spürt auch hier allseits die große Enttäuschung, daß alles anders kam. Von neuen Leuten ist weit und breit nichts zu sehen. Außer einigen unbekannten Rabbinern aus Polen, die man als den religiösen Flügel repräsentiert — und es regnet nur so an Komplimenten für Religion und Thoratreue, da man nach den langjährigen vergeblichen Versuchen, die Massen der zionistischen Bewegung für sich zu gewinnen, sich heute mehr Chancen bei den Anhängern des Misrachi, der Agudas Jisroel und den unorganisierten Orthodoxen verspricht —, sah man keinerlei neue Menschen. Es sind die gleichen Delegierten hier versammelt, die man schon von früheren revisionistischen Konferenzen her kennt. Nur um Jabotinsky ist es einsam geworden. Aus dieser Delegiertenschar, die gewiß aus fanatischen Dienen) der revisionistischen Union besteht, Menschen, die aber sonst im jüdischen Lehen ziemlich unbekannt sind, ragt Jabotinsky als einzige Persönlichkeit von Format hervor. Früher gab es neben ihm noch Großmann, Lichtheim, Stricker; sie sind verschwunden und kein ״Neuer“ nimmt ihren Platz ein. Gründungskongreß einer neuen Organisation? Nein, es ist eine revisionistische Konferenz, so wie wir sie schon aus Wien, Prag und Krakau kennen. Der äußere Rahmen Man staunt immer wieder über eine Erscheinung: die Revisionisten, die ausgegangen waren von einer absoluten Negation der Mittel und Formen der Zionistischen Organisation und die in ihrer Propaganda stets etwas .,ganz Neues“ versprachen — kopieren beim Aufbau ihrer Partei und bei ihren Veranstaltungen die ״alte“ Organisation bis ins letzte!״Pünktchen. Ihr Fonds ahmt alle Sammelmethoden des KKL nach, die man, es klingt 1ms noch in den Ohren, als kleinlich verspottet und abgelchnt hatte. Desgleichen lehnten sie die Form des Kongresses ab. Und nun haben wir eine Erüffmingssitzimg des Revisionistenkongresses erlebt, die bis ins letzte Detail das brachte, was wir von Eröffnungen der Zionis1enkongres.se gewohnt sind. Beginnend mit einer Verspiituug — hier über eine Stunde —, dann die drei Hammerschliigc, unendlichen und öden Begrüßungen, die über DA• Stunden dauerten und dann, als das Publikum schon sichtlich abgespannt war, ein 2l,'2stündiges Referat Jabotinskys. Einer Sitzung von solcher Langatmigkeit fehlte selbstverständlich jeder Glanz und Schimmer. Wenn also sichtlich alle Zeremonien des Zionistenkongresses, besonders aber dessen Schattenseiten, kopiert wurden, so fehlte doch das Fluidum, das von dem Beginne unserer Kongresse ausstrahlt. Rings um den Konzerthaussaal, in dem der Revisionistenkongreß tagt, war es ziemlich still, schon in der nächsten Seitengasse wußte man nichts von ihm. Nur ein großes Polizeiaufgebot ließ ahnen, daß ״hier etwas los sei“. Es fehlte ganz das feierliche Getriebe, die Festesfreude, die den Beginn des Zionistenkongresses zu einem Feste unseres Volkes erhoben hat. Unter den Delegierten fehlen, auch zum Unterschied vom Kongresse, die arbeitenden Menschen Ercz Israels. Ihre dunklen Gesichter, ihre hellen, offenen Hemden, ihr lebendiges Wesen — hier sitzt man steif im Smoking oder Uniform. Jabotinskys Rede Auch Jabotinskys lange Rede brachte nichts Neues. Sie .wurde von dem ermüdeten Publikum stellenweise mit wenig Aufmerksamkeit aufgenommen. Nur zum Schlüsse erhob sich jabotinsky wieder zu einer rhetorischen Spitzenleistung, wie man sie selbst bei ihm schon lange nicht gehört hat. Was er propagiert, ist ein Gang in eine Phantasie. In breitester Form übt er Kritik an der Mandatarmacht und der Zionistischen Organisation. Die N, Z. O. w׳ill keine Konkurrenz zur Z. O,, nicht besser oder schlechter sein, sie will etwas ganz Neues sein. ״Keine Mitgliedsbeiträge und überhaupt keine ,Mitglieder‘: Bürger, jeder Jude ein Bürger. Sogar die präzise ideologische Deklaration, die bei dieser ersten Wald notwendig erschien, schlagen wir vor, für die Zukunft heim aktiven Wahlrecht abzuschaffen. Es muß, binnen einigen Jahren, eine neue Nationalversammlung stattfinden, tatsächlich _durch die Mehrheit unseres Volkes gewählt: Dann werden wir die ,Weltgemeinde des Zion-Judentums‘ proklamieren, uns Parlament nennen, offizielle Anerkennung ihrer Hoheitsrcclite, offizielle Vertretung in Genf und überall verlangen; dann (wenn nicht noch früher) wird sich en passant auch die andere Frage lösen, die Frage gewisser im Mandat erwähnter Funktionen.“ Und das Arbeitsprogramm? Es ist keines vorh a n d e 11. Schon auf der Wiener Revisionistenkonferenz im Jahre 1032 hat Jabotinsky dies eingeslauden und die damals ungeduldigen Delegierten auf die Fachleute verwiesen. Inzwischen sind drei Jahre verstrichen, Jabotinsky zeigt aber noch immer keinen Weg, wie man den ״Hochzionistmis“ und die proklamierte ״Beendigung der Galutli“ aus dem Reiche der Phrase in die Wirklichkeit unisetzen kann. Es soll . . . eine Kommission eingesetzt werden, die einen Plan an Ort und Stelle ausarbeiten soll, den inan der Mandatsregierung überreichen wird. Nur in einem Punkte wurde Jabotinsky konkret. Zur Finanzierung schlägt er — eine innere nationale Anleihe vor. (Ein Vorschlag, der schon lange in der zionistischen Presse behandelt w׳ird.) Das Geld soll zum Unterschiede von den nationalen Fonds nicht ausgegeben, sondern aufgespart werden, bis eine große Summe vorhanden ist. Damit soll man keine ״Dinge“, sondern Bedingungen für die Privatinitiative schaffen. Und das jüdische Volk, nrft Jabotinsky, wird verstehen, daß es notwendig ist, finanzielte Opfer zu bringen. Das stellt wohl ganz im Gegensatz zur ״Erziehungs“- und Propagandatätigkeit der Rcvisionisten, die doch ganz auf ״Jüdisches Volk, du hast schon genug getan“ eingestellt war. Zu England — die englische Gesandtschaft hatte der Einladung zum Kongreß keine Folge geleistet — hat Jabotinsky wieder einmal volles Vertrauen. Man erinnert sich an die Prager Konferenz, wo das ״letzte Experiment“ mit England angekündigt, an die spätere Krakauer Konferenz, wo dieses als mißlungen proklamiert und der ״Bruch vollzogen“ wurde. Jabotinsky glaubt heute wieder an England, ״wie man um Mitternacht an die Sonne glaubt“. Aus seiner sonstigen Rede wirkte jene Stelle besonders peinlich, an der er einen haßerfüllten Angriff gegen die Chaluzim richtete, denen es ״zu fett gellt und die keine Not und Entbehrung leiden, ohne die man Palästina nicht atifbauen kann“. Hat denn Jabotinsky wirklich keine Ahnung von dem Aufbaukainpfe der Chaluzim im Wadi Chawarit, von den Entbehrungen, die sie heute mehr denn je auf Haclxscharah durchmachen müssen? Das Parkett der Saturierten jedoch brach gerade an dieser Stelle in lauten Beifall aus Dr. Hans L i c h t w i t z Erinnerungen an V ictor Jacobson Zum ersten Todesfng am 13.1,1111 Von Dr, A 11 r o n F. 1 i a s b e r g (Recliuboth) I. Bei einer ״langweiligen“ Sitzung des V. Zionistenkongresses in Hasel zwi-uhcn Weihnachten und Neujahr 1901 —■ es handelte sich um die Statuten des zu gründenden J. N.-F. — saßen wir zufällig nebeneinander. Wie Jacobson sich mit mir in ein längeres Gespräch cinliell, war für ihn charakteristisch. Er erwähnte zufällig, er habe mehrere Monate in Italien zugehracht, irre ich nicht, als Assistent an einem chemischen Institut in Neapel. Ich war froh, meine Irisch erworbenen Kenntnisse an den Mann bringen zu können, und riskierte einen Satz auf Italienisch. Jacobson ging darauf gern ein, denn er liebte fremde Sprachen und sprach einige von ihnen mehr oder minder fließend, aber immer aus ihrem Geist heraus. Trotz der Unterhaltung folgten wir der Diskussion. Ich äußerte ihm gegenüber meine Meinung zum vorliegenden Punkt. ״Stellet! hie doch einen Antrag.“ — ״Io?“ sagte ich ängstlich, ״senza ...“ Mir war entfallen, wie ״Unterstützung“ aut Italienisch hieß. ״Appogio? Ich unterschreibe Ihren Antrag.“ Das tat er auch. Ich weiß nicht mehr, oh unser Antrag überhaupt behandelt wurde. Das ist auch nicht wichtig. Aber der Vorfall zeigt Jacobsons Unbefangenheit. Der aufgehende Stern setzte ohne Bedenken seinen Namen neben den eines ihm — und andern — völlig unbekannten Jungen. ln einem Gespräch über Probleme der Führung im Zionismus sagte Motzkin zu mir: ״Wissen Sie, was uns am meisten fehlt? Das sind bombensichere Menschen, Menschen, denen nicht plötzlich die Pferde durchgehen. Ein solcher Mann ist Jacobson. Bei dem können Sie gewiß sein, daß kein Malheur passiert, daß er keine Dummheit macht.“ II. Meine zweite Begegnung mit Jacobson erfolgte 1911 Mn X. Kongreß in Basel. Jacobson stand im Gespräch mit Motzkin, als ich ihn begrüßte. Er erbat Mot/kins Mitwirkuug für eine Aktion zugunsten eines au einer Universität seit zweiundzwanzig Semestern ansässigen ewigen Studenten - der Zionismus hatte ihrer viele, wie alle politischen Gruppen —, der endlich ins Examen steigen wollte oder wenigstens sollte. Jacobson hatte insofern Erfolg, als der nötige Betrag zusammenkam... In diesem Vorfall zeigte sich einer der liebenswürdigsten Züge in Jacobsons Charakter Er war hilfsbereit׳ und gebefreudig, vor allem aber förderte er gern Talente. Um den Nachwuchs war er ernstlich bemüht. Im Sommer 1012 verbrachte Jacobson mehrere Wochen im Gruiiewaldsanatorium, wo ich ihm einen Krankenbesuch machte. Auf dem risch befand sich eine ganze Bibliothek, mehrere Bände lagen auch auf dem Bett des Patienten. Um ein Gesprächsthema war man also nickt verlegen. Jacobson war von einer seltenen Anregbarkeit und der jeweiligen Lektüre ging er i!1 Gedanken und Rede gern nach. Er fragte mich, ob ich ein Gedicht von Otto Julius Bierbaum kenne, das, soweit ich mich erinnere, mit den Worten anfing■; ״Olt in der stillen Nacht“ und er machte dazu einige feine, inneres Verständnis verratende Bemerkungen. Meinerseits bewunderte ich, mit welcher Sicherheit er wohl das schönste Gedicht, eine ergreifende Gestaltung bangen Ge- Wissens, aus dem Band von 300—400 Seiten herausspürte. Ich kannte seine Gewohnheit, ein bis zwei Dutzend Bücher gleichzeitig zu lesen, darunter oft tiefgründige Spezialwerke. Das meiste las er nur teilweise oder überflog es. Aber seine Auffassungsgabe, seine geistige Beweglichkeit und schließlich sein umfassendes Wissen erlaubten ihm eine rasche und sichere Orientierung. Er war ein musischer Mensch, ein Meister der wahren Unterhaltung, d. h. der gemeinsamen Betrachtung, ein Ktilturproblemen Nachgehender, einer, der Kunst verstand. Seine große Leidenschaft galt aber der Musik. Eine reizende Episode aus seiner Kindheit, die er mir erzählte und die nicht ohne allgemein-pädagogisches Interesse sein mag. Sein Vater ließ den Zwölfjährigen und die etwas jüngere Schwester von einem strengen Musiklehrer unterrichten. Des Uebens war kein Ende. Der Respekt vor dem Vater war aber so groß, daß die Kinder nicht zu protestieren wagten. Endlich entschlossen sie sich zu einem kühnen Schritt. Eines Abends fand der Vater aut seinem Schreibtisch einer! verschlossenen Briet. Darin flehten ihn die Kinder an, er möchte sie doch von der Pein befreien, und der verständige Manu willigte ein. Erst in seinem sechzehnten oder siebzehnten Lebensjahr brachen bei Jacobson die verborgenen Quellen hervor, Nun warf er sich aus innerem Trieb auf die Musik, und brachte es darin mit den Jahren zu einer gewissen Meisterschaff; es soll ein Genuß gewesen sein, mit Jacobson vierhändig zu spielen. Der Torwart des Geschäftshauses, in dem sich die Redaktion der ״Neuen Freien Presse“ befand, soll sich einmal mit großer Anerkennung über Herzl geäußert haben. ״Wenn mau dem [Doktor eine richtige Livree gäbe und dazu einen Stab in die Hand, so würde er einen stattliehen Portier abgeben.“ Vielleicht geschieht es auch bei mir aus einem gewissen Standes״interesse“ heraus, wenn ich Jacobsons Persönlichkeit unter dem Gesichtspunkt des Verlegers analysiere. Die Tatsache, daß er eine Zeitlang die Livree eines Verlegers trug, die nicht für ihn gebaut war und daß wir damals Mitarbeiter waren, mag den Exkurs rechtfertigen. Jacobson hatte zweifellos jene Fähigkeiten, die zum Redakteur, zum Lektor und anderen Berufen gehören. Er verstand viel von Organisation der geistigen Arbeit. Bei der Begründung der inzwischen eingegangenen ״Jüdisch«! Akademie“, hei den Beratungen über den Ausbau der judaistischeu oder orientalistischen Fakultät der Jerusalemer Universität hat er Beachtliches, wenn auch nicht immer Beachtetes beigetragen. Um die Zeit seines Eintritts in den ״Jüdischen Verlag“, 1919/2(1, beschäftigte Jacobson, dessen Sinn für das Aktuelle sich in reizvoller Weise mit der Neigung weiter historischer Ausschau paarte, das Problem der Auseinander- Setzung mit der angelsächsischen Welt, in deren Wirklingszone der Zionismus geraten war. Als ein Mittel dazu schwebte ihm die Schaffung einer Bibliothek in allen ״jüdischen“ Sprachen vor, die dem so ganz anders gearteten jüdischen Menschen das Wesen der englischen Art nahezubringen hatte. Die Realitäten der Verlagspraxis brachten es mit sich, daß der Plan die Bezirke der Ideen niemals verließ.

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