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Jüdische Rundschau · 1935-09-10 · Heft 73 (10.9.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 73 (10.9.1935)
Date
1935-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 73 10 IX 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Die Bedeutung der Jewish Agency 25 Jahre jüdische Kolonisation und ihre Lehren Von Dr. Artur R u p p i n Bei der Council - Tagung der Jewish Agency in Luzern hielt Dr. Artur Rupyin ein groß angelegtes Releral, dem wir die nachstehenden Ausführungen entnehmen. (Red.) Es sind jetzt zwölf Jahre her, seit ich zusammen mit Dr. W e i z m a 11 11 in Amerika war und mich an den Unterliaitungen mit dem leider zu früh verstorbenen Louis Mars 11 a I I und seinen Freunden über die (Iründung der erwei- (orten Jewish Agency beteiligte. Sechs Jahre dauerte es, bis dieser Pian Wirklichkeit wurde, und weitere sechs Jahre sind jetzt seit der Gründung im Jahre 1929 verflossen. Ware Louis Marshall noch am Leben, er würde — davon hin ich überzeugt — mit Befriedigung auf das blicken, ras in diesen sechs Jahren in Palästina erreicht worden ist. 1111 Jahre 1929 war die Zahl der Juden in Palästina nur 160000, das sind 16 <>״ der (iesamtbevölkerimg, sie ist heute 350000, das sind 27 ״״ der Ciesamthevölkerung. Unser Bodenbesitz hat sieh um 250000 Dtinam, die Fläche der jüdisehen Orangeiipflaiiziiiigeii um 100 (XX) Dutiam vergrößert. 50000 Juden leben von der Landwirtschaft in ihren verschicdcncn Formen, fast 100 000 von Industrie, Bauwesen und öffentlichen Arbeiten. Die von uns unterhaltenen hebräi selten Schulen zählen in diesem Jahre 33 000 Schüler, das heißt mehr als doppelt soviel wie 1929. Zionisten nnd ״Nichtzionisten“ Ich bin seit Begründung der Agency bis heute ihr A n -!länger geblieben, nicht nur aus praktischen Gründen, weil ich den Kreis der Freunde Palästinas erweitern will, sondern auch deshalb, weil ich in ihr die Vorstufe zu einer Gesamt- Vertretung aller Juden sehe. Solah eine Gesamtvcrtrctung können wir nicht schaffen auf der Grundlage der Tradition, weil die Juden in den einzelnen Ländern leider iit bezug auf Tradition und Interessen schon sehr voneinander verschieden sind. Wir können sie nur schaffen auf dem Boden der gein eins a m tu Arbeit für ein bestimmtes Ziel, das Inr alle Juden — mögen sie liberal oder orthodox, mögen sic arm oder reich sein — noch einen bestimmten Gefühlswert hat. Hierin liegt die Bedeutung Palästinas für die Aufrechteriialfung des jüdischen Gemeiiiseliaffsbewiißfseins Die jetzige Verfass ungder Jewish Agency vom Jahre ]929 war ein Versuch, hincingchaut ins Leere, von dem man nicht wußte, wie er sich in der Praxis bewähren werde. Es ist unvermeidlich, daß hei einem solchen Entwurf sich später Mängel zeigen, und es wäre falsch, wenn wir verzächten wollten, die Verfassung entsprechend den neu gewomienen Erfahrungen zu ändern. Mir scheint z. B,, daß zunächst der Name ״N o n - Z i o n i s t s“ (״Nicht/ionistcn“) schlecht gewählt ist. Er wirkt unvermeidlich so, als ob er einen latenten Gegensatz zu den Zionisten ausdrüeken soll. Wäre nicht das Wort ״Dorsche Zion“ (Pro-Palästinenser oder Palästinafreimde) besser, wenn man das am besten passende Wort ״CI1 owewe Zion“ wegen seiner Gebundenheit an eine bestimmte historische Gruppe nicht verwenden will? Aber noch wichtiger als die Aenderung des Namens ist die Schaffung eines Verhältnisses gegenseitigen Vertrauens zwischen den beiden Partnern. Die jewish Agency kann aut die Dauer nicht bestehen, wenn die Zionisten an der Palästinatreue der Nichtzionisten und dies« an der Wirtschaftliehen Tüchtigkeit der Zionisten zweifeln. Nur wenn beide Teile wirklich aus i 11 n e rer Ue herzeug u n g von der Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zueinander stehen und an den besten Willen des anderen Teiles glauben, wird die Jewish Agency fruchtbare Arbeit leisten. Dazu müssen beide Teile den Separatismus über Bord werfen, der sich heute noch zeigt. Beide Teile müssen trotz ihrer anderen Aufassung von der Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden siclr ohne reservatio mentalis der Jewish Agency als der einzigen Körperschaft, welche zur Zeit als Repräsentanz der ganzen am Aufbau Palästinas interessierten Judenheit gelten kann, zur Verfügung stellen. Palästina als Einwanderungsland Wenn wir uns früher an die Juden wandten und sie um Unterstützung für unser Werk baten, so war eine der häufigsten Antworten, daß sie in ihrem eigenen Lande genug soziale Hilfe für die Juden zu leisten hätten und daß sic sich für Palästina erst dann interessieren könnten, wenn Palästina den Juden wirklich materiellen Beistand leisten werde. Nun, dieser Zustand ist jetzt eingetreten. Ich habe vor mir die Ziffern der Einwanderung nach Paläsfina für die ersten sieben Monate des Jahres 1935. In diesen 7 Monaten sind einschließlich der Touristen, welche die• Erlaubnis zum I )aueraiif enthalt erlangt haben, 31 900 Juden, d. 11. durchschnittlich 5000 im Monat, nach Palästina eingewandert. Das ist das Doppelte und Dreifache der Zahl an Juden, welche alle anderen Eiiiwanilerungsläiuler zusammen auffielirnefi. Palästina ist damit zu einer Realität ersten Ranges im jüdischen Leben geworden, Etwa ein Sechstel der Einwanderer kommt aus Deutschland. In den anderen Ländern ist ein großer Teil der Auswanderer aus Deutschland wirtschaftlicher Flugsand, und selbst das Recht des Verbleibens ist ihnen in keiner Weise gesichert. Ungeheures menschliches Elend häuft sich hei diesen Auswanderern auf. Demgegenüber haben die 25 000 Juden aus Deutschland, die nach Palästina gegangen sind, zum allergrößten Teil bereits ihren Platz in der Wirt- Schaft gefunden. Die Einwanderung von Jugendliche!1 aus Deutschland nach Palästina, die vor zwei Jahren hegann und vorläufig 700 Jugendliche ins Land gebracht hat, in Kürze aber noch weit mehr nach Palästina bringen wird, ist eines der erhebendsten Ereignisse im jüdischen Lehen. Für die Kinder bedeutet die Uebersietilung nach Palästina eine Art Wiedergeburt. Die wSrtschältliche Entwicklung; Palästinas Von der jetzigen Bevölkerung Palästinas ernähren sich etwa 1 00 כ von der Landwirtschaft, 25 0״ von Industrie, Handwerk lind Bauwesen, 30״« vom Handel, Verkehr, Transport, Touristik, 15 "״ sind Beamte, Angehörige der freien Berufe und 15 *>,. leben entweder von Renten oder von Unter- Stützung. In dieser Beiufsverteilung ist das Unbefriedigende der / u g e r i 11 g L• Anteil der L and wirtschaf i. Ich habe bereits in meinem Kongreßrcferat mit besonderem Nachdruck darauf hingewicscu, daß wir alle unsere Kräfte einsetzen müssen, um die Landwirtschaft zur f:\isten71jt1clle eines Drittels, mindestens aber eines Viertels der jüdischen Bevölkerii'ig in Palästina zu machen. Ohne eine solche Verbreiterung der landwirtschaftlichen Basis hat unsere Wirtschaftspvramide kein sicheres Fundament. Wir dürfen in Palästina nicht die einseitige Berufsgliederung{ der Juden in den ländern der Gallith wiederholen, die uns dort so verliängnisvoll geworden ist, Forderung der landwirtschaftlichen Kolonisation muß deshalb unsere erste Sorge sein. Ansiedlungsgesel! schalt Der Kongreß hat die Gründung einer besonderen A n - s i e d I 11!1 g s g e s e 1 i s c 11 a f t gütig i:cißen, die von jetzt ah alle für landwirtschaftliche Ansiedhiug bestimmten Gelder des Keren Hnjcssod verwalten soll. Wir hoffen hierdurch auf größere Stetigkeit in der Verwaltung, aber darüber hinaus hoffen wir, daß diese Gesellschaft auf Grund der Einnahmen, die ihr vom Keren I fajessod und ans den Verträgen mit den Siedlern /u fli offen, imstande sein wird, Kredite aui/unehmen mul dadurch unsere Sied'.imgstätigkeit zu erweitern. Es ist rin unhaltbarer Zustand, daß wir von den 2300 Kandidaten, die bereits auf Boden des Jüdischen Nationalfonds sitzen und auf Kredite zu ihrer Ansiedlung warten, nur etwa einem Zehntel aus dem nächstjährigen Budget des Keren llnjessod die Kredite gehen U׳" tuen, während die ubrigen neun Zehntel wei'er auf die ersehnte Ansiedhiug warten müssen. Könnten wir sie ansiedcln, so würden sie viele Millionen Eier, Gemüse, Milch, Obst produzieren und der Jischuw würde nicht nötig haben, diese Produkte von außerhalb zu beziehet!. Industrie kredite In meinem Referate auf dem Kongreß habe ich mich auch mit der Frage beschäftigt, inwieweit die paläs tinensischc Industrie heute bereits genügend mit Krediten oder Finanzieruugsinögliclikeitet! versorgt ist, oder ob auf diesem Gebiete noch etwas zu tun ist. Es ist richtig, daß eine Reihe von Instituten den bereits bestellenden industriellen Unternehmungen Kredite, teilweise auch!angfristiger Art, gibt, oder sich an der Finanzierung industrieller Unternehmungen beteiligt. Es scheint mir aber trotz alledem zweifelhaft, ob damit bereits alle berechtigten Ansprüche der industriellen befriedigt werden. Ich kenne eine Reihe von Fällen, wo Leute mit vieljähriger Erfahrung in einem hestimmten Zweige der Industrie, der auch in Palästina Aussicht hat, nicht zur Verwirklichung ihrer Pläne kommen, weil sie auf Kredit oder auf Betuiigung \!>n Kapitalisten angewiesen sind mul es in Palästina keine autoritative Stelle gibt, welche einen bestimmten Plan prüfen und in seinen wirtschaftlichen Aussichten beurteilen kann. .Mir .-eln-int, daß aus diesem Grunde mancher gesunde Plan unan-gefuhrt bleibt txier in einer so 1111/11r<-־iclicmlcu Form au-geSulirl wird, daß dadurch die Ghamen des Gdingens verriia;cri werden, ich hin mir durchaus bewußt, daß nicht jeder Plan eines Industrieilen Kredithilfe verdient, und daß /wischen seriösen und nichtseriösen Projekten eine sein׳ scharfe Grenzlinie gezogen werden muß. Andererseits sind wir im höchsten Maße daran interessiert, jeden seriösen Plan zur Verwirklichung zu ׳Dringen. Denn nur, wenn zur L.andu ii t-ehalt die Industrie als Erwerbsquelle hinztikominf, können wir Indien, der staudig wachsenden Zahl von Einwanderern Erwerb zu verschaffen. Mir schein! aus all diesen Gründen die Errichtung einer Industrial Development Co., welche industriche Projekte fachmännisch prüfen und für die gut befimdenen die Beschaffung der Mittel übernehmen sollte, durchaus erwägenswert. Holding Company Das Interesse, das sich für Palästina in weiten Kreisen der Judenheit geltend macht, hat einen großen Zufluß v o n Kapital na c h P a 1 ä s t i 11 a zur Folge gehabt. Dieses Kapital sucht Anlage und kauft mit Vorliebe die Aktien und Obligationen palästinensischer (icsellscbaften. Auch im Auslande zeigt sich für Wertpapiere dieser Art wachsendes Interesse. Nun haben wir aber in Palästina bisher kein Emissionsliaus, das die Ausgabe solcher Wertpapiere vornimnit und bei dem Publikum in- und außerhalb Palästinas das Vertrauen genießt, daß die von ihm empfohlenen Wertpapiere wirklich ein sicheres Anlagepapier sind. Das Publihnri ist seihst mir selten in der Lage, eine Prüfung der Sicherheit der Wertpapiere vor/uuehimni. Es besteht deshalb die Gefahr, daß auch unsichere Papiere in den Verkehr gebracht werden. Außerdem haben die meisten palästinensischen Wertpapiere infolge der relativ kleinen F.missionsheträge nicht die Börsen fähigkeil und damit die jederzeitige Eiqtiidierbarkcit. Das hält viele Kapitalisten davon ab, ihr Geld in diesen Papieren anziiiegeu. Heide Schwierigkeiten könnten behoben werden durch die Gründung einer Holding Conipanv, welche unter nationaler Kontrolle steht, und die Gewähr bietet, (lall sie nur solche Wertpapiere auf den .Markt bnngt, die von ihr geprüft und für gut befunden worden sind. Die Holding t .o. konnte sieh bei gewissen FinbMoni’n darauf beschränken, ab Fmixsionshaus /u fungieren und durch I!ergäbe ihres Namens dem Papier ein erhöhte-. Vertrauen zu vorn hat (eil, Sie konnte aber auch -- und das scheint mir licNondcr.s wichtig - die Obligationen oder Aktien der ein/elnen palästinensischen Unternehmungen für eigene Rechnung iihernehmcn und dagegen ihre eigenen Aktien «Hier Obligationen auf den Markt bringen. Sie wurde dadurch ein S t;1 11 d;1 r d - A n 1 a g epapier schaffen, das in jüdbclien Kreisen bekannt werden und von allen am Palästina-Aufbau interessierten Kreisen mit Vorliebe gekauft werden wirrt. I >ie Holding Co., könnte auf diese Weise aus dem (iehlmarkt dauernd Kapital scltöpfen und die 1 0 11 t r a 1 e F i ח a 11 z i e r u 11 g s s t e I I e für alle kreditsuchenden soliden palästinensischen Unternehmungen sein. Wenn wir ein Inventar des nationalen, nicht des privaten jüdischen Vermögens machen, das in Palästina angelegt ist, so kommen wir einsdil. des Bodens des Jüdischen Nationalfonds auf den stattlichen Betrag von 7 8 Millio• nen Pfund. Auf dieser Grundlage und unter Berücksichtigung der Beträge, die jedes Jahr für Keren Hajessod und Keren Kajetmdli einfüeßeti, und der Rückzahlungen auf die von uns gewährten Anleihen ergibt sich, daß wir beide auf dem Kapitalmärkte durchaus nicht mehr als so unbedeutend zu erscheinen brauchen, wie wir noch vor zehn Jahren erschienen. Wir werden entsprechend der veränderten Einschätzung Palästinas auch in unseren finanziellen Plänen in der Zukunft mit ganz anderen Maßen messen, als wir es bisher getan haben. Krisengelahr. Kon vielen Seiten werden wir gefragt, ob nicht zu hefürchten sei, daß die jetzige Prosperität Palästinas bald zu einem Ende kommen und einer Krise Platz, machen wird, wie wir sie in den Jahren 1925 26 in Palästina erleid haben. Ich kann darauf nur sagen, daß sicherlich die jetzige Prospcritat Palästinas nicht ewig dauern wird. Es wird früher oder später auf die wirtschaftliche Hochflut eine Ebbe folgen. Aber wo gibt es heute in der ganzen Welt ein fand, in dem die Wirtschaft nicht von Gefahren aller Art umlauert ist? Ich glaube, daß unsere Wirtschaft heute viel eher einen Stoß Vertreter der Jewish Agency Dr. Werner Senator Maurice B. liexter Vertreter der Nichtzionisten in der Agency-Exekutive Morris Rothenberg Lord Al eichet l Vorsitzende des Councils der Agency Fot״: Ar*k» ■I

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