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Jüdische Rundschau · 1935-09-10 · Heft 73 (10.9.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 73 (10.9.1935)
Date
1935-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73, 10. IX. 1935 getreten, als vor der Wahl der Exekutive die Vertreter des ״Hasclumier Hazair“ sich gegen die große Koalition aussprachen. Hier war ein Punkt gegeben, wo zahlreiche Mitglieder der Arbeiterpartei nicht mehr mitkonnten und das Gewissen über die Disziplin steilen mußten. Es zeigte sieh, daß nicht nur die Mitglieder des Haschomer Hazair, sondern noch andere Delegierte der Arbeiterpartei und sogar der Naclibarparteien (/, B. aus Deutschland) die gleiche Haltung wie der ״Haschomer Hazair‘‘ (Stimmenthaltung) einnahmen. Nun bleibt abzuwarten, wie sich das Resultat in Palästina innerhalb der Arbeiterpartei auswirken wird. * Eines der merkwürdigsten Phänomene des Kongresses ist die Tatsache, daß der als entscheidend für die Frage der Koalition betrachtete Punkt gar nicht entschieden wurde. Der Streit wurde lange Zeit schon vor dem Kongreß mit großer Heftigkeit insbesondere um ein Problem geführt, das als das größte Hindernis jeder Koalition galt, nachdem es schon früher die Allgemeinen Zionisten in Gruppe A und Gruppe B zerrissen hatte: die Regelung der Arbeitsbeziehungen in Palästina, die Frage der Histadruth und der Schiedsgerichtsbarkeit. Auch auf dem Kongreß konnte man sich auf diesem Gebiete nicht einigen, sondern hat die Sache dem Aktimis-Comite abgetreten, und das Aktions- Comite hat in seiner ersten Sitzung nach Kongreßsciiluß eine Kommission eingesetzt, die nach zwei Monaten berichten soll. Dennoch aber ist die Koalition der Parfeien, die sich um dieser Frage willen unversöhnlich gegemiber/usfehen schienen, •zustande gekommen. Man weiß nicht, oh mau ilics als einen Sieg des Solidnriüitsbewußtseins über die Parteiintercssen feiern oder aber als eine IiikuiiseqtR'11/ und Unsachlichkeit bekritteln soll. Hier ist ein Punkt, wo die Macht des Parlamentarismus vom wirklichen Lehen abgelöst wird. Die Gestaltung der Arbeitsprobleme ist von unmittelbarem Einfluß auf das Leben taii u/:nk׳r .Menschen in Pa'ästina, und ein ,,Nachbeben‘‘ in ilic-cr oder;euer Richtung ist weit schwerer als m .!.!.;11 in bezug auf einen Sit/ in ׳der Exekutive. Mau muß nur hoffen, daß doch ein Ausgleich gefunden werden wird. * ln ideologischer Beziehung sind eine Reihe von Differenzen auch diesmal nieder offenbar gevvorden. Die Zionisten mancher!.ander befinden sich heute innerjüdiseh insofern in der Defensive, als man ihnen vorwirft, der Zionismus sei ,,Nutznießer der Katastrophe“. Daß man sich von einem solchen Argument treffen läßt, scheint uns ein Zeichen der eigenen zionistischen Schwäche zu sein. Der Zionismus ist nicht ,,Nutznießer“ der Katastrophe, sondern er ist die einzige Milderung der Katastrophe. Es ist begreiflich, daß Leute, deren jüdische Auffassung durch die Ereignisse schwer erschüttert wurden, ihr Ressentiment in parteimäßigen Formulierungen abreagieren. Aber die Zionisten sollten sich nicht auf diese Ebene hinunterziehen lassen. Und am allerwenigsten darf einen Zionistenkongreß die Angst cor diesem Vorwurf von ideologischer Konsequenz abhalten. Der Zionistenkongreß durfte sich nicht eine Handbreit von der grundsätzlichen zionistischen Position abdrängen lassen. Seine Kompetenz für Galuthfragen einzelner I änder war immer schon umstritten: führende Männer wie Brmideis mul Weizmann haben sie klar verneint, mul es ist auffallend, daß in diesem Punkte manche alte Hrundeis-Anlüinger ihrem Führer nicht folgen. I >iese Sache wird noch viel zu denken gehen. Die Tatsache, dal! in Zeiten jüdischer Katastrophen der Aufbau Erez Israels besonders stark vorwärtsgetrieben wurde, bedeutet natürlich nicht, daß der Zionismus ideo* logisch auf solche Katastrophen angewiesen wäre. Wir wären auch dann Zionisten, wenn über die äußere Lag« der Juden nirgends zu klagen wäre. Aber zu verkennen, daß dann wahrscheinlich die Einwanderung und sogar die zionistische Gesinnung einer großen Peripherie weit weniger stark wäre, wäre Blindheit gegenüber der Realität• ♦ Auch die Frage des zionistischen Endziels wurde wieder aufgewärmt und der Redner der Judenstaatspartei, Herr Stricker, hat die ,,Jüdische Rundschau“ in diese Debatte hineingezogen. Leider ist ihm ein Malheur passiert: er hat nicht die ״Jüdische Rundschau“ zitiert, sondern dasjenige, was sein damaliges Organ, die ,,Wiener Morgenzeitung“, in einer Polemik mit der ״Jüdischcn Rundschau“ dieser als Meinung unterschoben batte. Es ist gewiß nur ein Gedächtnisfchler gewesen, aber wir müssen es erwähnen, da wir befragt wurden und da Legendenbildung keine Grenze kennt. Der Kongreß nahm die ganze Angelegenheit recht kühl auf. Die große Mehrheit versteht schon, daß die von der Juden- Staatspartei empfohlene Politik undurchführbar ist. Aber auch von dieser Mehrheit gibt sich nur ein Teil davon Rechenschaft, daß das Problem selbst ein ungelästes ist. Viele halten es für eine Frage der ״Taktik“. Die Tatsache, daß Palästina von 7.wei Völkern bewohnt ist und bleiben wird, wird von vielen Zionisten in ihren Reden und Handlungen ignoriert. So hat denn auch dieser Kongreß dieses politische Hauptproblem so gut wie gar nicht behandelt. Die Wichtigkeit dieser Diskussion liegt aber weniger auf außenpolitischem Gebiet, als auf innerzionistischem• Es ist das Pioblem des Wesens des jüdischen Nationalismus, und das ist sehr aktuell in einer Zeit allgemeiner weltanschaulicher und itieeller Neubildungen. Wahrscheinlich ist < ine Verständigung mit den Arabern heut׳.’ uninögl'ch. A''e au h in iesem F:11י müssen die Zionisten und die Juden die Tatsache, daß Palästina ein Zweivölkerstaat ist und daß das Zusammenleben mit einem anderen Volke Verpflichtungen auferlegt, tiefer erfassen, als es bisher geschieht. Es scheint uns falsch, alle diese Fragen immer nur unter dem Gesichtswinkel der Furcht vor der revisionistischen Danagogic zu sehen. Wenn z. B. der Ehrenpräsident Sokolow am Schluß des Kongresses in einer anscheinend sorgfaltig formulierten Erklärung sich gegen den Vorwurf des ״Verzichtes“ auf zionistische Ziele verwahrte, so fragt man sich, an welche Adresse eigentlich eine solche Erklärung gerichtet ist. Vor der revisionistischen Agitation kann man sich wohl trotzdem nicht schützen, und wichtiger wäre es, dem Volksbewußtsein einzuhämmern, was das Wesentliche im Zionismus ist. Nicht die Formulierung politischer Ziele, sondern das Bekenntnis zu einem neuen Judentum, das gleichzeitig ein neues Menschentum ist• Der freigeborene oder innerlich freigewordene Jude muß auch ein neues und freies V erhält nis zu seiner nichtuhlischen Umwelt finden, in Palästina ebenso wie im Galuth. Hierfür freilich müssen die politischen und seelischen Voraussetzungen geschaffen werden. Daran mangelt es noch auf vielen Seiten; das ist das wahre ״Endziel“ des Zionismus. naupOchriftlcilet: Dr. Robert W e 1 t s c h, Herlin-Chail.menburg 9, Stellvertreter: Kurt Loewcnstein, Berlin W 15. Anzeigenleil« und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Berlin-Tcinpe'hof. Ciihig: Amcigen-PreMiste 3 vom 1. Scpt. 1935. 'erlag und An/cigcnvcrwdtunfj: Jüdische Rundschau, Berlin W 15. Meuiekeitr. 10. i).-A. August 38 350, — Druck: Siegfried Scholem, lierlin-Schöncberg. Die Universität» - Sitzungen Von unserem Sonderberichterstatter. Luzern, 8. September (teteph.) Auch nachdem der Coundl der Agency seine Tagung abgeschlossen hat, blieben in Luzern noch zahlreiche Delegierte und Gäste zurück. Es dauert einige Tage, ehe sich der große Kreis der Teilnehmer zerstreut. י Die neugewählten Körperschaften haben in Luzern noch einige Sitzungen abgehalten, besonders die Zionistische Exekutive. Von der Zionistischen Exekutive sind jedoch mehrere Mitglieder schon abgerrist; Schertok ist nach Palästina gereist, da seine Anwesenheit dort als besonders dringlich betrachtet wird. Inzwischen haben die leitenden Körperschaften der Universität Jerusalem ihre Sitzungen in Luzern begonnen. Das Kuratorium des Judaistischen Instituts tagte seit Mittwoch, und die Sitzung des Kuratoriums der Universität begann am Sonntag. Man erwartet von dieser Sitzung wichtige Entscheidungen auch in personeller Hinsicht. Es ist bekannt, daß seit dem letzten bericht des akademischen Prüfungsausschusses eine latente Kanzlerkrise besteht. Dr. Magncs ist aber für die Universität durchaus unentbehrlich, und er hat Verantwortungsgefühl genug, uni die Sache nicht einfach im Stich zu lassen. Auf der anderen Seite wird die Verwaltung der immer mehr wachsenden Institution komplizierter und bedarf eines erfahrenen Verwaltungsfachmannes. Auch die Finanzierung der immer größer werdenden Aufgaben erfordert einen eigenen Apparat. Außer diesen Probiemen, die die Tagung beschäftigen und hoffentlich einer befriedigenden Lösung zugeführt werden dürften, werden wohl auch einige Dozenten-Ernennungen bzw. Berufungen vorgenommen werden. Frsle Sitzung des neuen A.-C. Luzern, 5. September. Das 11 eugewählte Aktions-Gomit6 der Zionistischen Organisation hat in Luzern seine erste Sitzung abgehalten. Behandelt wurde die Frage der lieberführung der sterblichen Ueberreste Theodor H e r z I s vom Döblinger Friedhof in Wien nach Palästina entsprechend Herz'Is letztem Wunsch. Dr. R e i c h e 11 b e r g, ehemaliger Privatsekretär Theodor Herzls, bekundete vor dem Komitee, daß Merzl häufig den Wunsch ausgesprochen habe, auf dem Karmel hei Haifa, wo jetzt das jüdische Vierte! Hadar Hakarmel sich befindet, begraben zu werden. Das Aktions- Comite beschloß, die Ueherprüfung noch vor Jahresende vornehmen zu lassen. Die Entscheidung über den Beisetzungsort wurde einem Spezialkomitee überlassen. Der Transfer - Beschluß Der zur Transier-Frage angenommene Beschluß des Kongresses lautet: ״Um die weitere Einwanderung von Juden aus Deutschland nach Palästina zu verstärken, wird die Exekutive beauftragt, die gesamte Arbeit der Haavara unter ihre Kontrolle zu nehmen.“ Der von Meir Groß mann eingebrachte Gegenantrag, der vom Kongreß abgelehnt wurde, hatte folgenden Wortlaut: ,.Der Kongreß beschließt, daß es den zionistischen Finan/insfiiutionen, sowie allen unter der Kontrolle der Z. O. stehenden Instituten und leitenden Instanzen untersagt ist, direkt oder indirekt irgendwelche Handelsbe- Ziehungen mit dem heutigen Deutschland zu unterhalten, resp. wirtschaftliche Abkommen welcher Art auch immer ab/uschließen. Die zionistische« Finanzinstitutionen haben ihre Beziehungen zu dem Transfer-Uebereinkommen unverzüglich zu lösen.“_ Der Makkabi-Weltkongreß Der Makkabi-Weltkongreß, der wie wir bereits meldeten — am 11. September in Brünn eröffnet wird, sieht u. a. folgende Referate vor: Arbeitsbericht des Präsidenten der Exekutive: Dr. H. Leiewer (Tel-Awiw); Bericht des Geucraisekretariats: Dr. K. F. Jacobowitz (London); Bericiit des Makkabi Hazair: Adolf Jcllinek (Bratislava); Bericht über die Sammlungen für Kfar H,!makkabi: Dr. A. Rosenfeld (Tel-Awiw); Bericht über Kfar Hamakkabi und Chaluziuth: Leo Czuzka (Tel-Awiw). ״Luzerner Hof“ Wenn der Koi Ende -in<l, n :1 :.! Priva'k Lei! /uui. L das gewiß eiguiar hat. War in Hauptijii.ii lii zerncr Hut Drunter um moiliseli-vorncl 1 nie Episode in seiner igrel .!11 : 1 ul die jewish!er I 1!/er ner nadvlcm er seiner Kauitc Agency-Tagung zu Huf so/'.is.i־״ e11־ ins drei Wochen lang (icsehichte durchlebt;n KongrefPngcn die I 11/erncr Kongreßhalle das der /ionisti-elien Be« r p.!ng. so war der Lu- .י.ר Ministe!;um des!:nie; 11 und Aeußcrii, des l וי über. Oh sich dieses solide, ei!1 wenig ait- Hofe! wohl jemals eine so aufgeregte Geschichte vorgestellt hat? Noch dazu in seinen alten 'lagen- Der I u/eriu'r Hut ist eines jener großen Hotels von leicht verblaßt er Megan/, die der I u erner Kai front ihren besonderen Cbankler gehen. Mit seinen ,v'iilen und Schnfirkein, seinen Parkettfußböden und Blumentapeten, mit seiner stattlichen vorderen Freitreppe für Herrschaften und seiner hinteren Hol/sficgc für Dienstboten steht es da als eine Erinnerung an die Zeit, da amerikanische Millionäre, etwas verdrehte l'nglamler, hochadlige Russen auszogen, um in den Schweizer Bergen, an der! Ufern der Schweizer Seen frohe, von Lust und Liehe erfüllte Wochen zu verbringen. Der ganze Turgeniew fällt einem ein, wenn man in einem der tiefen PoLterscssel versinkt und auf den im Sonnenlicht flimmernden See mit seinem Kranz lieblicher Berge hinausblickt. Daß dieses Hotel nur sehr zögernd seine alte liebe Tradition aus ■den Jahren vor dem Weltkriege aufgegeben hat, merkt man an allem: an den Mühein, an den (lick gepolsterten Tirt-11 spielt halien 111 ag, aus der Zeit, als Hotelzimmer gab men sein, seine vertauschen und Streng sachlicher! Und nun nter denen sich mancher Roma« abge- .111 den in Winkel verstauten Wasch tischen es noch nicht fließendes Wasser in jedem Es muß diesem I iotcl schwer angekom- Kronleu Titer mit elektrischen Lampen zu die schönen alten Kachelöfen mH den Röhren der Zentralheizung, nachdem dieses wie so viele andere Schwelzer Hotels in den letzten Jahren stockenden Reiseverkehr* allzu viel Muße hatte, seiner vornehm-fröhlichen Vergangenheit nachzuh,ingcn hat sich die Zionistische Orgunieatkm seiner bemächtigt und einen wahren Bienenstock daraus gemacht. Honig träufelt hier, an der Stätte der Tinten llsser, zwar nicht, aber das Lin- und Ausschwirren, das geschah tige Lummen im Hause rechtfertigt den Vergleich. Hier waren und sind z:11111 Teil noch immer die verschicdenen Departements der Organisation untergebracht: mehrere Zimmcrfiuditen gehören der Exekutive, deren Sitzungssaal einen so herrlichen Ausblick auf See und Berge gewährt, daß es fast schade ist, daß hier niemand Zeit zu stiller Betrachtung hat. In einem, Winkel des Hauses liegen die Zimmer des Keren Hajessod, in einem gegenüberliegenden, von diesem aber sorglich getrennten Winkel di« des Keren Kajemeth. Einzelne Kommissionen haben iiire Büros hierher verlegt, darunter die zum ersten Male aut einem Zionistenkongreß vertretene Kommission für Gesundheit und soziale Fürsorge. In einem der ihm zugewiesenen Zimmer gleich neben der so wichtigen Treasury -• tagt das Kongreßg e r i c 111, Nachdem es streng die Mandate geprüft hat, ahn- <ict es die Beleidigungen, die Rechts und l inks im Eifer des Gefechtes einander zuqeworfen haben, hört die Klagen ungerechter Behandlung einzelner Gruppen in den Landesverbänden und strebt danach, ein echtes Schieds- und Friedensgericht zu sein, das wirklich den Frieden zwischen den Parteien fördert. ln einem Zimmer hat die Universitätsbehörde ihr Büro, das die große Universitätssitzung vorbereitet, in einem anderen bearbeitet die Palestine Land D c v e - I o p m e n t Co. das Projekt der Huleh-Besiedlung, das eine der Hoffnungen dieses Kongresses bildet. Die Hitachduth 01 e i Germania hat für die Kongreßzeit einen Teil ihrer Tätigkeit hierher verlegt und wird in ihren Sprechstunden mit Fragen bestürmt. Auch der Kongreß film hat sein Büro, ebenso eine Schweizerische Zentrale für Handelsförderung. Die führenden Männer und Rtiroleiter haben ihre Finzel ׳immer — wenn man sich vergewissern will, wer im Leben der Organisation eine verantwortliche Rolle spielt, braucht man nur die Namenschilder an den Türen des Luzcmer Hofes zu lesen; nicht viele der ״Prominenten" fehlen hier. Alles Ist säuberlich in hebräischer und lateinischer Schrift verzeichnet — nur der Misrachi hat auf das Latein verzichtet. Die Presse allerdings wohnt nicht im Luzerner Hof, sondern hat sich wie ein Maulwurf unter der Bühne des Kongreßsaales eingewülilt. was Im Kongreß;-ai mündlich beschlossen wird, das wird kn Luzerner Hol schriftlich niedergelegt•, was <bü* bei! ein Beschluß ist, wird hier zur Ausführung. Ein für die Kongreßzeit bestelltes kleines Motorboot pendelt unaufhörlich von einem Hause zum anderen über den See. Hier ist wenig von der aufgeregten, festlichen Stirnmung des Kongresses zu spüren; hier sitzen die aus Palästina, London, Berlin usw. hergekommcneii männlichen und weihllchen Beamten und erfüllen so getreulich wie an ihren gewöhnlichen Arbeitstagen ihre Pflicht. Vom Kongreß genießen sie weder die spannenden Verhandlungen im Saal noch die herrliche Alpen weit vor demselben, sondern haben nur gesteigerte Büroarbeit, Unbcciucmlichkcit und Nervosität. Dabei allerdings das befriedigende Bewußtsein, daß in diegen Arbeitszimmern ein ungeheures Maß an Arbeit geleistet wird und daß alles, was das Hauptquartier in diesen Tagen schafft, unwirksam bliebe, wenn die ״Ministerien“ nicht sofort die Beschlüsse in praktisciie Arbeit Umsetzen. Ein Glück, daß es bei diesem Riesenmaß getreulicher — airt dem Kongreß selbst un sicht barer — Arbeit wenigstens du von Luzerner Damen geführtes Buffet gibt, das Fluten von Tee und Unmengen belegter Brötchen in die Arbeit*״ ziminer liefert. Am Schalter des ״Luzerner Hofes“, dort, wo sonst ein stattlicher Portier mit würde die eleganten Gäste des Hotels empfing, sitzen ein paar junge Ordner, die unermüdlich zum Treppauf-, Treppab-Springen bereit sind. Nur mittags, wenn der Arbeitsmut ein klein wenig erlahmt, können sie einmal stillsitzen und von jungen Palästinensern hebräische Lieder zur Klampfe singen lernen. Noch durchschwirrt dieses eigenartige Leben die Zimmer des Luzerner Hofes. Bald wird alles wieder nt seiner früheren Ordnung zurückkehren. Die verstauten Möbel werden wieder in die Zimmer, in denen sie ihren angestammten Platz hatten, ztmicU.ehren und sich wohl noch jahrelang von den Tagen erzählen, da in jeder Stube neben Waschtisch und Kleiderschrank ein paar Arbeitstische mit ratternden Schreibmaschinen standen und da nach Sitzungen in den Departements-Zimmern ein schreckliches Durcheinander von Stühlen herrschte: neben dem ehrwürdigen Samtfauteull weißlack feite Rohrstühle und — honibile dictul — ordinäre bratene Holzstühle aus einem Möbel-Verleih geschah! Und gar — aber das darf «n vorn.I.mer Hatdrimmersessel kaum aussprechen — von den Herren in reifen Jahren, die gelegentlich auf den Tischen und Wasdrtfschen saßen. — — Helene Hanna Thon

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