Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 73 (10.9.1935)
- Date
- 1935-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13 a 1m Nr. 73 / Jahrgang 40 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU Sehfiftleitung, Verlag n. Anmeigenverwaltang 1 Berlin W|5, Meln«fce«tr.lO F«nmtf: Semmel-Nr. Jl Bismarck 3181/82,7165/70, 7240/42. - Bezugspreis einscFL Bestell geld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 539• — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Beriir 71573 (für Groi - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bemgsgehühren. ־— Erscheint jeden Dienstag and Freitag. BERLIN י״ב אלול תרצ״ה DIENSTAG, 10. SEPTEMBER 1935 Anieigenpre tallate Nr• 3 gültig. Dw 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf, (ürt Familiennachrichten 15 Rpi Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kan.» nicht gewährleistet werden. Einzelanzetgen nur bei Vorauszahlung auf Posischeck - Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Donnerstag 9 —18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Armahineschluß Ihr die Dienstag - Ausgabe Montag IO Uhr, Ütr die Freitag - Au#• gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienan zeigen am Tag vor Erscheinen 12 Ulir) Der Zionismus erstrebt für das (Qdlseha Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. 'Baseler Programm) Die Agency-Tagung Von unserem Sonderberichterstatter Nachlese und Kritik Von unserem Kongreß-Sonderberichterstatter. L u z e r n, 8. September Durch das Zustandekommen der ״großen Koalition“ ist das Ziel, das viele, müde der Parteikämpfe, dem XIX. Kongreß gesetzt hatten, erreicht worden, und das erste Gefühl ist das der Befriedigung über diesen Erfolg. Dann fragt man sich, ob der Friede dauerhaft sein wird und ob er schöpferisch sein kann. Das erst wäre die Vollendung des Begonnenen. Da eine Partei fast allein die Mehrheit hatte, wäre parlamentarisch die Einbeziehung anderer Gruppen unnötig gewesen; die Arbeiterpartei gab ein Beispiel der Selbstüberwindung, ohne die ja Einigung divergierender Faktoren nie möglich ist. Maßgebende Führer der Arbeiterpartei, vor allem Ben Gurion, haben von Anfang an auf das Ziel einer Verbreiterung der Basis hingearbeitet, damit die Parole einer nationalen Einigung aller Kräfte einen sichtbaren Ausdruck bekommt, vielleicht auch damit dem Gerede über ״Parteiherrschaft“ die Spitze abgebrochen wird. Es besteht bei den führenden Männern die Absicht, alle Kreise, die noch abseits stehen, für die Unterstützung der neuen Leitung zu gewinnen; dazu gehören nach unserer Meinung vor allem gewisse palästinensische Gruppen, z. B. die dem Landwirteverband angehörenden Pflanzer, die als ein überaus wichtiger wirtschaftlicher Faktor nicht dauernd in einer oppositionellen Haltung bleiben können. Die Wahl von Vertretern der Gruppe B und des Misrachi, die Betrauung Ussischkins mit einem besonderen Amt sind f atsaciiew, ״dwr^ts BtrftcM t!» ändert öOrappen dienen können. Vor allem wird Weizmann selbst sich in den Dienst dieser Sammlung der Kräfte stellen. * Aber bei aller Würdigung des Erreichten kann doch nicht außer acht bleiben, daß bei der Bildung der Leitung wichtige andere Interessen unberücksichtigt blieben, deren Erfüllung wir von diesem Kongreß erwartet haben. Darüber muß ein offenes Wort gesprochen werden. Wir sind nicht so naiv, zu meinen, daß bei einer Koalition, die notwendig einen Kompromißcharakter tragen muß, die Sondcrviinsche oder radikalen Forderungen einer Gruppe erfüllt werden können. Aber auch hierbei müssen gewisse Maßstäbe angelegt werden. Es ist kaum zu bezweifeln, daß manche Kandidaten weniger wegen ihrer persönlichen Qualitäten, als infolge des Ergebnisses eines Parteienspieles ausgewählt wurden. Ueberdies scheint man nachträglich die Exekutive noch durch ״Unterstaatssekretäre“ erweitern zu wollen, ein System, wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn nicht auch hier wieder reine Parteierwägungen und nicht die persönliche Qualifikation ausschlaggebend wäre. Die Hoffnung, daß die Exekutive auch Persönlichkeiten enthalten wird, die als Führer und Erzieher nach innen im Sinne einer geistigen und moralischen Vertiefung und einer!deenpropaganda in Betracht kommen, hat sich nicht erfüllt. Es ist aber widersinnig, in unzähligen Reden auf dem Kongreß den Zustand der Bewegung zu beklagen und dann sogar den bisherigen Leiter des Organisationsdepartements abzusetzen, ohne einen vollwertigen Ersatz zu bestellen. Vom deutsch-jüdischen Standpunkt ist besonders zu bedauern, daß die Einwanderung aus Deutschland, die in den letzten zwei Jahren einen bedeutenden Aufbaufaktor von spezifischer Eigenart darsteflt und noch weiter eine große Rolle spielen wird, ohne Vertretung in der Exekutive geblieben ist. Daß hierdurch auch eine bestimmte Art der zionistischen Haltung, von der wir eine Umformung des jüdischen Denkens erhoffen, vom offiziellen Einfluß ausgcschaltet bleibt, ist ein Ergebnis, das wir gerade bei dieser Exekutive, die von uns stets befürwortet wurde, nicht erwartet hatten. Der Grund für diese Wendung liegt anscheinend innerb alb der Parteien. * Der Kongreß hat eine eigentümliche Erscheinung gezeigt. Nach außen hin bestand er aus vier oder fünf Parteien, in Wahrheit aber bildet fast jede dieser Parteien für sich einen Körper, der wieder im Innern durch Parteigegensätze gespalten ist. Am deutlichsten für die Außenwelt ist dies beim Misrachi, wo der Rif! schon seit Jahren sichtbar ist und durch die Gründung des ״Misrachi Hawatik“ auch organisationsmäßig zum Aus- Luzern, 8. September (teleph.) Die Sitzung des Agency-Councils wird allgemein als ein Fortschritt empfunden, als der Beginn eines Wiederaufstiegs der Agency. Es handelt sich dabei natürlich vorzugsweise um den n i c h t z io nis t i sc h c n Teil, denn der zionistisehe Teil hat ja seinen Schwerpunkt im Kongreß, der schon zu Ende ist, wenn die Agency beginnt. Aber im nicht/ionistischen Teil, der so lange völlig untätig war, regen sich neue Energien. Es war für uns besonders wichtig, das Urteil des Führers der nichtzionistischen Agencv-Delegation aus Deutschland, Rabbiners Dr. Baeck, zu hören, der sich sehr positiv über die Tagung äußerte. Während die Generaldebatte im Agency-Council etwas abfiel, da dort doch nicht viel mehr als Allgemeinheiten gesagt werden konnten und von den nichtrionistischen Vertretern allgemein gelialtene Versicherungen abgegeben wurden, war, wie Dr. Baeck besonders betont, die Vorkonferenz der Nichtzionisten besonders ergebnisreich, sowohl was die Stimmung und den Arbeitswillen, als auch was die sachliche Aussprache betrifft. Die Nichtzionisten wollen jetzt dazu übergehen, sich straffer zu organisieren, um auch mehr für Palästina leisten zu können. Besonders wichtig ist in dieser Hinsicht Arnerika. Dr. Baeck meint, daß durch die Wahl Karpfs in die neue Exekutive der Jewish Agency eine Voraussetzung für die Aktivierung der amerikanischen nichtzionistischen Gruppe gegeben ist. Wenn diese gelingt, so wäre auch mit weit höheren Ergebnissen der Fonds zu rechnen. Der Tagungs verlauf Luzern, 6. September. In einer unter dem Vorsitz des Präsidenten des Board of Depirties of British Jcwrs, Neville L a s k i, abgchaltenen Sitzung des Council wurde auf Vorschlag des Direktors des Keren Hajessod, Dr. Arthur Hantke, an die Judenheit der Appell gerichtet, innerhalb der zwei nächsten Jahre eine Million Pfund für Kolonisation in Palästina aufzubringen. Die Mittel sollen u. a. dazu verwendet werden, zweitausend Arbeiterfamiiüen auf dem Lande anzusiedeln. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Pr. Werner Senator, betonte in seinen! Referat, daß die Einvandcrung von Juden in großem Stil die Grundlage der jüdischen Arbeit in Palästina sein müsse. Gleichzeitig trat er für die Beibehaltung der gegenwärtigen Politik, eine Selektion der Einwanderer vorzimehmen und jüngere arbeitsfähige Eiemente zu bevorzugen, ein. Auch sei es notwendig, im Interesse der Heranziehung geeigneten Einwanderungsmaterials die Ausbildungsniethoden in den Hachscharah-Zcntren für Jugendliche zu verbessern. Die Bedeutung Palästinas als Einwanderimgsland wurde von Dr. Senator mit dem Hinweis daraut gekennzeichnet, daß Palästina jährlich eine halb so große Zahl von Juden aufnehme, wie die jüdische Ein- Wanderung in die Vereinigten Staaten in dem Rekord jahr 100V betrug, obwohl Palästina gegenüber den Vereinigten Staaten ein verschwindend kleines Land und wirtschaftlich bei weitem nicht so entwickelt ist, wie es die Vereinigten Staaten 1907 waren. druck kam. Die Zustände innerhalb des Misrachi sind für Außenstehende nur mit Mühe zu verstehen. Unmittelbar vor dem Kongreß fand eine Konferenz in Krakau statt, die die alte Leitung stürzte und daher allgemein so aufgefaßt wurde, daß jetzt die a n d e r e, progressivere Riehtung ans Ruder kam. Innerhalb der Kongrefifraktion schien dann bei der Beilegung der ersten Krise gleichfalls die gemäßigte Richtung gesiegt zu haben. Und der Schluß war die Wahl Rabbi Fischmanns, der zentralen Figur der in Krakau gestürzten Misrachilcitung, in die Zionistische Exekutive. Wir wollen gegen Fischmann, mit dessen bisherigen politischen Meinungen wir freilich meist nicht übereinstimmen konnten, nichts sagen, da er jetzt zum erstenmal Gelegenheit zu gesamtzionistischem Wirken hat; aber es drängt sich der Eindruck einer Verwirrung innerhalb des Misrachi auf. Recht uneinheitlich ist auch die ״W e 11 v c rei n igung der Allgemeinen Zionisten“ (״Gruppe A“). Hier spielen Länder- und Herkunftsunterschiede eine große Rolle. Die für den Zionismus Mitteleuropas charakteristische Auffassung wird nur von wenigen arideren Landesgruppen desselben Verbandes geteilt. Vor allem in den angelsächsischen Ländern ist eine mehr ״praktische“ Betrachtungsweise üblich und die sögenannte ideologische Vertiefung nicht beliebt. Die Gruppe A hat bekanntlich bei den Wahlen in Palästina einen großen Sieg errungen, woran ohne Zweifel Kurt B1 umenfeld und seine ״Kidmah“ einen großen Anteil hatten. Als die Partei sich neu bildete, hat sie auch die Gruppe der ehemaligen ״Radikalen“, die nur noch in Polen Anhänger besitzt und sonst mehr Offiziere als Volk hat, absorbiert. Nach dem Wahlsieg in Palästina und Mosche Schertok wies in seinem politischen Referat: auf das Einströmen von Arabern aus den Nachbarländern nach Palästina hin und erklärte, daß die Prosperität des Landes dadurch gefährdet werde. Er betonte die Notwendigkeit eitler Verständigung zwischen Juden, Arabern und En!;- ländern in Palästina. Ls sei durchaus möglich, die Interessen dieser drei Gruppen im Nahen Osten in Ucbereinstimmung zu bringen, und die Bemühungen der Exekutive seien auf dieses Ziel gerichtet. Der Redner wandte -ich sodann gegen den Plan der Einsetzung eines Legislative (lotmcil, der eine Gefahr für die Weiterentwicklung des Nationalheitiis bedeuten müsse, solange die jüdisch-arabische Verständigung nicht erzielt ist. Die Exekutive werde daher unbeschadet ihres Willens der Fortsetzung der Kooperation mit der Mandatarmacht auf anderen Gebieten im Widerstand gegen diesen Plan verharren. Die Wahlen Die bisherigen Mitglieder der Exekutive, Dr. Werner Senator und Maurice B. H e x t c r, wurden wiedergewählt; neu hinzugewähh wurde Dr. M. j. Karpf, New York, der als Vertreter der Jewish Agency in Amerika fungieren wird. Zu Vorsitzenden des Councils wurden Lord Meichett und Morris Rothenberg, der Präsident der Zionistischen Organisation in den Vereinigten Staaten, gewählt. Leonard Stein wurde zum Ehrenanwalt, Nahuna S o k o 1 o w zum Ehrenpräsidenten der Jewish Agency gewählt. Ferner wurde ein Administrative Comittee mit Prof. Speyer als Vorsitzendem und Neville L a s k i und Berl Locker als Mitvorsitzende ernannt. ln der letzten Sitzung verabschiedete sich der Ehrenpräsident der Agency und der Zionistischen Organisalion, Nahum So ko low, in seiner Eigenschaft als bisheriger Präsident dieser beiden Körperschaften von dem Council, indem er die Fortsetzung seiner Arbeit mit tnivermitiderier Intensität aut propagandistischem und kulturellem Gebiet ankündigte. Das Schlußwort hielt Dr. Cltaitn Weiz m a n n. Er erklärte, es sei ein schwerer Weg, der nach Palästina führt, und es müsse noch harte Arbeit geleistet werden, ehe das Ziel des Zionismus, die Lösung der Judenfrage, erreicht werden könne. Zum Schluß erklärte Dr. Vei/mann, der Verlaut der Counciltagung habt■ ge zeigt, daß es keine wesentliehen Unterschiede zwischen Zionisten mul Nicht ׳ionisten in der Agency gebe. Damit sei ein guter Anfang fiir eine bessere Kooperation /wischen den beiden Partnern gemacht. Nach der Rede Dr. Wei/inanns wurde die Tagung unter dem Gesang der Hatikwali geschlossen. * Der neu in die Agcncy-Exekutive gewählte Dr. M. J. K a r p f, New York, ist aut dein Gebiete der jüdischen und allgemeinen Sozialarheit in Amerika führend tätig, kr kt Direktor der Schule für jüdische Sozialfürsorge und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher und pädagogischer (jewlbclinften. Dr. Karpt stammt ursprünglich aus Oesterreich. nach dem Echo, das die Gedanken dieser Gruppe auch anderswo fanden, hätte man erwartet, daß der Kongreß diese fruchtbare Entwicklung zum Nutzen der Gesamtbewegt! ng auswerten wird. Aber die Kongreßtraktion ging andere Wege. Sie entsandte in die Exekutive gerade die zwei ehemaligen Radikalen, einen als Mitglied, den zweiten zur Sondertnission. Es hat sich gezeigt, daß eine äußerliche Organisierung nicht den Effekt hat, den sich manche davon versprochen haben. Die .Mehrheit der Gruppe A hat keine besondere Sympathie für die von der Kidmah vertretenen Gedanken. Es bleibt also noch viel Ueber/eugungsarbeit zu leisten, wenn man die Qedanken eines progressiven und intensiven Zionismus in der Bewegung durchsetzen will. Das merkwürdigste Gebilde dieses Kongresses war die Arbeiterpartei mit ihren nahezu 250 Delegierten. Infolge der Disziplingrundsätze, die gerade in dieser Gruppe gelten, wird den Außenstehenden nicht immer so klar, daß auch in dieser Partei eine Fülle von Gegen- Sätzen vorhanden ist. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die von Ben Gurion und anderen vertretene Parole einer nationalen Einheitsfront notwendigerweise auf Widerspruch in seiner eigenen Partei stoßen mußte. Diese Gegensätze sind nicht neu, sie zeigten sich kraß frei der Abstimmung über Ben Gurions Vereinbarung mit den Revisionisten. Damals war die Mehrheit seiner eigenen Partei gegen ihn. Nun liegt die Sache diesmal nicht so schwer, aber die Grundtendenz ist die gleiche. Ben Gurion hat in seiner Schlußrede, die in ers'er Reihe an die Adresse seiner Parteigenossen gerichtet war, seinen Standpunkt gerechtfertigt. Aber auch im Kongreß selbst ist die Unhomogenität der Fraktion in Erscheinung