Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 72 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JODISCHE RUNDSCHAU Seit« 5 Nr. 72, 6. IX. 1935 DIE NEUE EXEKUTIVE Dr, Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Organisation Jfefvi*! M. M. Ussischkin, Präsident des A.-C., mit beratender Stimme in der Exekutive Suliutn Sultoluw, Ehrenpräsident der Zionisti■ sehen Organisation, Präsident des Keren Ha■ jessod und Leiter der Kulturarbeit mmti David Ben Gurion Mosche Schertok Elicser Kaplan Prof, S. Urodetshv Jizchak Grünbaum ־״ ־״־ ־•׳־״׳־ §§j|||jf 111! Mim gj|1 iStSäi ״Eine Million Pfund für Bodenerl ösung* Ein Tccabcnd mH Ussisdikin Es gibt auch im Getriebe des Kongresses manchmal Augenblicke oder auch Stunden, die den inneren Menschen auflauschen lassen, die Gefühle des Beglücktseins auslösen und neue Perspektiven von Menschen und Ereignissen eröffnen. Sie entstehen dann, wenn das Fluidum einer starken Persönlichkeit aufnahmebereite Herzen findet. Wenn ein belebender Energienstrom über Länder, Sprachen und Weltanschauungen hinweg das Einigende in den Mittelpunkt der Erkenntnis rückt irnd zum einmaligen Erlebnis gestaltet. Und Was konnte für uns einigender sein als der Boden. So konnte der Einpfangsabend des K KI , dieser Oneg Schabbat der Boclenerlösung zu einem wirklichen Erlebnis werden, das wohl keiner der Teilnehmer je vergessen wird. Denn er vermittelte vor allem eine neue Erkenntnis: Daß es eigentlich zwei Ussischkins gibt. Den einen kannten wir bisher in seiner ganzen, scharfprofilierten Persönlichkeit: den konsequenten Mahner und Rufer, der immer wieder mit prophetischer Wucht seinen Ruf zur Bodeuerlösung von der Tribüne der Kongresse in die Trägheit der jüdischen Massen warf. Den Ussisdikin unerbittlicher Kritik gegen sich selbst und die anderen. Diesem denkwürdigen Freitagabend in Luzern jedoch blieb es Vorbehalten, einen überraschend neuen und anderen Ussischkin kennenzulcrnen: Den geistre.1, witzigen Konfcrcnzler und liebenswürdigen Hausherrn, der es verstellt, seinen Forderungen auch die schimmernde Form geistvoller Anekdote zu verleihen. Sic waren wie eine einzige Familie von Kindern und Enkeln, diese Mitarbeiter aus allen Ländern der Welt, die sich, der Einladung folgend, beim Tee zu einer Aussprache über die Verwirklichung von Ussischkins neuem Rufe — ״Eine Million Pf u n d für B o d c n e r I ö s 11 n g in den nächsten beiden Jahren!“ — zusammengefunden hatten, und die ihm gleichzeitig als Geburtstagsgeschenk die bunten Blumensträuße der Versprechungen überbrachten, seinen Wunsch in die Tat umzusetzen. Romantiker mochten wohl bei der ein wenig nüchternen und trockenen Einladung zu diesem Freitagabend nicht wenig erschrecken : Ja waren denn diese vier Tage KKL-Konferenz, in welchen so viel gesprochen wurde, nicht des Guten an Aussprache genug? Und all diese endlosen Kongre/kJehatfcn? Aber die Romantiker hatten eben nicht mit jenem anderen Ussischkin gerechnet, den sic gar nicht kennen konnten, da dieser Abend ihn wohl in seiner besten Form offenbarte. Sollte das vielleicht mit der Oeburtstagstimmung iin Zusammenhänge gewesen sein? Aber es dürfte sicherlich auch die Größe der Forderung gew׳esen ' sein, die diese belebenden Kräfte in ihm auslöste, die sich ür. fischet Hottens!reich itabb. J. L. fischmann Foto» ■ Archiv sehr bald fühlbar airf die ganze Gemeinschaft übertrugen und so diesem1 Abend den Stempel eines einmaligen Erlebnisses aufdrückten. Und man mußte sich immer wieder fragen, ob es denn möglich sei, daß die Quelle dieser starken, sprühenden Energien bereits das 72. Lebensjahr erreicht habe. Vom blumengcschnitickten Präsidiumtischc aus, an welchem die Mitglieder des Direktoriums des KKL Platz genommen hatten, begrüßte der Hausherr seine Gäste, die den intimen Raum füllten. Man sah unter den Gästen auch Lady Erlcigh, das Mitglied des englischen Unterhauses, Mister Jauner, den Oberrabbiner von Stockholm, I)r. Ehrenpreis, und viele andere. Sodann hielt Salman Schocken ein sehr interessantes, ausführliches Referat, welches die Probleme des KKL vom soziologischen Standpunkte aus aufzeigte. Die Ausführungen dieses Redners wurden mit größter Aufmerksamkeit und vielem Beifall aufgenotmnen. Und n :1 begann ein ungemein reizvoller Gang durch die Länder der Welt, bei welchem sich Ussischkin als rin ebenso geistreicher wie vvohlinfonnicrter Conferencier und Cicerone erwies. — Er selbst rief die Mitarbeiter der einzelnen Länder der Welt zimt Wort und stellte die betreffenden Länder in knappen, klaren wohlpointierten, oftmals sehr witzigen, immer aber treffenden Ausführungen der versammelten Familie der Mitarbeiter vor. Ein ungemein buntes, fesselndes Mosaik von Ländern, Temperamenten, Sprachen (cs wurde in hebräischer, jiddischer, englischer, französischer, italienischer und deutscher Sprache gesprochen), die jüdische Gallith in ihrer ganzen Ausdehnung. Trotz allen Schwierigkeiten und kritischen Situationen, in denen sich das jüdische Volk fast in allen Ländern der Welt befindet, war der Tenor der Ausführungen aller Redner, das Versprechen, die Kräfte nicht nur zu verdoppeln, sondern zu vervielfachen und den Wunsch Ussischkins von heute zur neuen Wirklichkeit von morgen zu machen. — Dieser Opti״ tnismus der Arbeitsfreiidigkeit aus dem Munde jener, die ül der täglichen harten Werbearbeit stehen und die sich dessen bewußt sind, daß Versprechen nicht leichtfertig gegeben werden dürfen, dieses Ja sagen zur Forderung, das wie ein starker Ruf durch alle die vielen, zum Teile auch sehr geistvollen Ausführungen der Mitarbeiter aus der ganzen Welt ertönte, sie waren wohl das schönste und würdigste Geschenk, das dem jugendlichen Geburtstagskinde gemacht Werden konnte. -- Zum Schlüsse der Veranstaltung sprachen Oberrabbrner Dr. E h r e 11 p r e i s und Mr. Barnett J anncr. Sie fegten ein starkes Bekenntnis zum Keren Kajemeth und zum Werke Ussischkins ab. Mitternacht war schon lange vorüber, als sich die große Familie von ihrem Patriarchen verabschiedete und ihm nochmals Glück, Gesundheit und Kraft wünschte, sein Lebenswerk zu vollenden und zu krönen. Dr. Oskar Netimana Die neuen Exekutivmitglieder Die neue Exekutive enthält zwei Mitglieder, die zum ersten Male dieses Amt bekleiden. Als Vertreter der Allgemeinen Zionisten Gruppe B ist Dr. Fische! Rottenstreich, ein Bührer der gali/ischen Zionisten, in die Exekutive gewählt worden. Dr. Rotlenstreich ist im Jahre 1882 in Colomeia geboren, seit 1922 zuerst Senator und dann Abgeordneter ini polnischen Sejm und gilt als besonderer Fachmann in Wirtschaftsfragen. Dr. Rottenstreich übersierteilt jetzt nach Palästina und durfte wahrscheinlich «in Ressort für städtische Kolonisation übernehmen. Rabbi J ehtida Lob F i s c 11 m a 11 n vertritt den Misrachi in der neuen Exekutive. Rabbi Fischmann wurde im Jahre 1875 in Markulesei (Bessarabicn) geboren, war Rabbiner in Ungenie und übersiedelte 1913 nach Palästina. Seit 1921 gibt er die misrachistisehe Zeitschrift ״Hator“ heraus,