Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1935)
- Date
- 1935-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 70, 30. VIII 1935 JDDISCHE RUNDSCHAD Soft® 9 Aus Weizmanns Schlußrede Dr. Weizmann: Die Stunde ist spät und ich glaube, ich bin der letzte Redner in der langen Reihe der Redner in der Generaldebatte. Nach einer Unterbrechung von vier Jahren habe ich hier im Kongreß Töne gehört, die mich veranlassen, wenigstens in einigen kurzen Worten nochmals auf einige Gedankengänge zurückzukommen, um einen Standpunkt klarzumachen, der, wissentlich oder unwissentlieh, systematisch mißverstanden wird. Getreu einer Tradition werde ich in diesen Worten, die ich zu sagen habe, nicht über das ״Endziel“ sprechen. Man hat das Endziel zu Tode geredet; es gibt Dinge, über die man deklamatorisch nicht sprechen soll, es sei denn, daß die Reden durch Tatsachen bestärkt werden. Dadurch, daß man fortwährend jahrein jahraus große Redensarten über den ״Judenstaat“ führt, wird der Judenstaat nicht gemacht. Herr Stricker hat in einer sehr schönen, aber an Logik sehr armen Rede auf die (jefahr aufmerksam gemacht, die ein Palästina in sich birgt, in weichem nur die Städte wachsen. Gewiß, aber gerade unser Bestreben nach landwirtschaftlicher Kolonisation, das von einer gewissen Seite so oft bekämpft wurde, gerade unser Bestreben nach organischem Wachstum, nach Verwurzelung im steinernen und undankbaren Boden Palästinas war dazu bestimmt, diese Gefahr zu bannen, vor welcher Herr Stricker uns hier gewarnt hat. Und ich glaub«, die Sicherheit des Jisclutw in Erez Israel liegt nicht in proklamatorischen und deklainatorischen Erklärungen über den Judenstaat, sondern im Aufbau einer normalen gesellschaftlichen Struktur im Lande. i*oto; Lasar Dünner Und die Vorbedingungen dieser normalen gesellschaftlichen Struktur sind zum Teil von viel kompetenterer Seite als ich es bin, uns mitgeteilt worden. Unser alter und bewährter Freund Dr. R u p p i n, der sich die Finger verbrannt hat an einer 25jährigen Arbeit an der jüdischen Kolonisation, eine sehr ehrenwerte, aber keine leichte und angenehme Aufgabe, erzählte uns, w׳ie ungefähr eine normale Struktur aussehen muß. Und in diesen sechs oder sieben Jahren hat inan gerade diese Bestrebungen und die Träger dieses Auf haus auts schärfste bekämpft, im Namen einer proklamatorisehen Formel, die vielleicht schön ist - man kann sich aut die Brust schlagen und sagen, ich will einen Judenstaat und wer darüber schweigt, ist ein Anti-Judeiistaatler —, die vielleicht leicht ist, aber durch die nicht eine einzige Kuh in Palästina einen Liter Milch mehr geben wird. Redner spricht dann nach einem wissenschaftlichen Exkurs von der Bedeutung der prophetisch-jüdischen Ideale, die nach seiner Meinung in manchen Bestrebungen der Histadruth in Palästina fortleben. Die einzige harmonische Synthese dieser Lehren ist nicht in irgendeinem luftleeren Raum, sondern auf dem 11 n - dankbaren Boden Palästinas zur VC i rklichkoit geworden. Und diese Wirklichkeit gibt dein heutigen Erez Israel das Gepräge, sic ist es, welche die Welt auf Erez. Israel aufmerksam gemacht hat. Glauben Sie denn, daß sich die Welt für eine Million Orangenkisten interessieren wird? Man züchtet Orangen auch anderswo. Die Welt lechzt und dürstet nach etwas Neuem, Reinem, nach einer neuen Form, die aus der bestehenden Konfusion herausführen kann. Und die Ansätze zu dieser neuen Form sind durch die Arbeit dieser Generation in Palästina gegeben worden. Wenn ich manchmal ein Gebet auf dem Herzen habe, so ist es dies, daß auch die neue Generation aut diesem Weg weitergehen möge. Dies hat auch einen praktischen Wert. Wenn ich die Siedlungen unseres nationalen Heims betrachte, so sehe ich aut der einen Seite Siedlungen, die vor Jahren durch Männer begründet worden sind, die vielleicht nicht weniger von Idealismus beseelt waren als die Männer, welche die neuen Siedlungen begründet haben. Aber das Resultat ist, daß in manchen Siedlungen der neuen Art auf einer kleinen Strecke Boden von 1000, 1200 oder 140t) Dumm eine starke Bevölkerung lebt, die immer wächst, immer weiter arbeitet und sich materiell und geistig fast in stürmischem Tempo entwickelt. In den anderen Kolonien aber, die viel mehr Boden haben, die ökonomisch viel besser daran sind, geht die Sache nicht weiter. Und ohne irgendwelche vorgefaßte Parteimeinting ist man zu «lern Schluß getrieben, daß auf dem Boden, wo privat wirtschaftlich gearbeitet wird, die Intensität und die Dichte der jüdischen Bevölkerung und damit die Absorptionsfähigkeit Palästinas was ja das Wichtigste ist — eine unendlich kleinere ist als auf dem Boden, wo aut national wirtschaftlich er Grundlage gearbeitet wird. Nicht nur moralische Werte werden also hier geschaffen, sondern vom reinen Standpunkt der Absorption kann ich mir denken, daß diese Formen größere Möglieh ketten geben als jene, die privatwirtschaftlich arbeiten. Es werden im heutigen Palästina auch neue privatwirtschaftliche Ansätze gemacht. Ich denke da an Naharia, das auch privatwirtschaftlich zu größerer Intensität führen wird. So scheint mir der K a m p f, der heute um die H i s t a - druth geführt wird (und ich bin wirklich nicht da, um die Histadruth zu verteidigen, ich glaube, sie kann sich sehr gut und manchmal vielleicht zu gut seihst verteidigen, sie hat es nicht nötig) unberechtigt, parteiisch übertrieben, parteiisch verschärft. Der Kongreß bei der Arbeit Salman Rubaschow während seiner Diskussionsrede Beit Gurion hält sein Referat Ruppin am Rednerpult fr. vlffPS Miß Szold bei ihrem Referat Kurt Blumenfeld spricht Reges Leben herrscht vor dem Kongreßgebäude; Chaluzim Am Pressetisch tanzen Horrah f•!®«; Um Düu« (1), («1*1 (5), SoonufeU (!) ויו;.׳► Die drei Gaben Rabbi Schimon ben Jochaj sagt: Teuer sind die Leiden; denn drei gute Gaben hat der Heilige, gesegnet sei er, Israel gegeben — die Völker der Welt sehnen sich nach ihnen — und nicht anders hat ers ihnen gegeben, denn als Folge von Leiden; diese sind cs: Thora, das Land Israel und die kommende Well. Thora — woher weift idis? Denn geschrieben steht: »Hell dem Manne / den du Gott züchtigst / und aus deiner Thora Ihn belehrst "(Psalm 94,12); des Land Israel — woher weift idis? Denn geschrieben stehl: ״Wie ein Mann seinen Sohn züchtigt / züchtigt dich ER dein Gott", und dann ist gesagt: ״Denn ER dein Gott lefti dich in ein gutes Land kommen" (5. B. M. 8, 5,7); die kommende Welt — woher weift idis? Denn geschrieben stehl: ״Der Weg zum Leben sind die Zurechtweisungen der Leidenszucht" (Spr. 6, 23). Welcher ist der Weg, der den Menschen zur kommenden Welt führt? Antwort: Die Leiden! Sifre Deuteronomium zu 6, S (Unhers. v. N. ■V. Glatter) Vielleicht gestatten Sit־ mir, ein Wort, mir ein kurzes Wort, über die politische Situation zu sagen. Es bestellt kein Zw ei fei, daß die englische Regierung in der I Hircliiubmng des Mandates sich einer Methode befleißigt hat. die nach den Worten des Staats- Sekretärs eine dual ist isehe Methode ist. Und manchmal braucht mail eine sehr scharfe Bcobachtung-gabe und vielleicht Prä/isiertmgsInstrumente, tim zu erkennen, auf welche Seite des I >11alis1nus die Tätigkeit der Mamlatarinaeht in einem gewissen Abschnitt nusschlägt. Man könnte einen sehr intercssanten Vortrag halten und Ihnen erzählen, daß das, was lins in Pal ästin,׳! geschieht, in sehr vielen englischen Kolonien und Besitztumern geschieht, wo g:1t keine Juden vorhanden sind, wo es sieh nicht um Juden, nicht tun Balfonr-I leldaration 11ml nicht um Aufbau handelt. Sie braueben z. B. nur ein Buch über K e!1 v a auf/iun.iehen, und wenn Sie die Geschichte des Verhaltens der englischen Administratiou zu den weißen Siedlern vom Kenya und ihre Beziehung zu den Negern lesen, und wenn Sie an Stelle der weißen Siedler das W ort die Juden setzen und art Stelle von Kenya «las Wort Palästina, denn!iahen Sie fast dieselbe Geschichte. Ich glaube nicht, *laß das eine spezifisch jüdische Erscheimutg ist. Ls handelt sieh vielmehr lim eine Erscheinung, die auf etwas anderes /urückzuführen ist: aut eine gewisse Müdigkeit des Britischen Imperiums. Wie dem auch sei: ich hin überzeugt, die Mandatarmaclit könnte mehr tun, als sie bisher getan hat. Sie könnte auch weniger tun. Und die Einführung des Legislative Council gerade in der jetzigen Zeit, gerade in der Zeit, wo Palästina sieh in einer aufstcigcndcu Periode der Ent- Wicklung befindet, würde nur dazu beitragen, die Zwistigkeiten, Diskussionen, Aergernisse, Reibungen in eine Zeit liiiietrmibniigen, wo wir arbeiten wollen, Emigration leiten wollen, Kolonisation!eilen wollen, und ich betrachte das als ein Uebel, alter Arbeit, Stärke, Mut und die jüdische Hartnackigkeit werden uns auch über dieses Uebel hinweghelfen. Das jüdische Nationaiheim steht nicht und fällt nicht mit dem Legislative Council. Ich hin überzeugt, daß der Legislative Councii an seinem eigenen Gewicht ziisnininenbreelien wird, genau so, wie er in Ceylon oder Cypern <Kler in anderen englischen Besitztümern arbeitsunfähig wurde. AJter gleichzeitig!11 ächte ich sagen, elaII wir uns davor hüten müssen, unsere Niclit-Beteiligung am Legislative Council zu einer allgemeinen Politik der Non-Cooperation mit der englischen Regierung aus/iidehnen. W ir haben mit dieser Regierung zu arbeiten und zu leben, Es gibt temporäre Reibungen, aber ich hin überzeugt davon und glaube׳, jeder Jude ist davon überzeugt, dal! er sieh von diesen temporären Schwierigkeiten auf ein höheres geschiehtliebes Niveau zuriickzielien werde, daß in dieser Welt, wo wir nicht zuviei Freunde haben, e-, die englische I? e gierung war, die es überhaupt ermöglicht hat, in Palästina weiterzukommen. Und das darf mein vergessen werden, Wir stehen jetzt vor großen Aufgaben mul vor sehwicri• gen Zeiten. Außenpolitisch, denn über die imierpoiitischen Schwierigkeiten werden wir vielleicht selber hinwegkominert, ein Anfang dazu ist vielleicht heute nacht gemacht worden. Das Mittel nt e e r wird w ieder, w ie in den alten klassi.se 110■ Zeiten, ein Gebiet, wofür sich sein• viele Kräfte in Europa heute interessieren. Wir befinden uns au einem Punkt des Mittelmeere.s, der in kolonisatorischer und strategischer Be- Ziehung sich in einer Schlüsselposition befindet. Es wird für unsere politische Leitung ein Lest der Weisheit sein, in diesen schwieligen Zeiten, die anbrechen vielleicht ver• ziehen sich die Wolken und es gibt wieder klaren Ifinitnel - ruhig und stabil in unserer Arbeit weiter zu gehen. Ich glaube, daß die einzige Garantie dieser Stabilität die Fortsetzung jener schwierigen, undramatischen, aber sehr einfachen Politik ist: mehr Dunam, mehr Bäume, mehr Häuser, mehr Menschen. Dadurch wird unsere Kraft stärker. Von allen Rezepten, die uns vorgeschriebe!! worden sind, ist das das einfachste, das schwierigste, vielleicht das lang, weiltgste, das undraniatiselieste, aber das sicherste, weil es doch am meisten in unserer Hand sich befindet. Iclt weiß, man wird sagen, es ist schwer, Boden zu erwerben, aber wir erwerben ihn doch. Es ist schwer, die Immigration so zu leiten, _ wie wir es möchten, aber wir wachsen doch und wir sind in diesen letzten zwei Jahren stärker gewachsen als früher. Und das ist der Weg zur Verwirklichung des jü• dischen Nationalheims. Ich möchte noch ein Wort über ein Thema sagen, das in der Rede meines Vorredners (Dr. Wise) berührt worden ist. Es ist verständlich, geehrter Kongreß, daß der Druck, der im Innern von uns allen lastet wegen der Diffamierung eines Teils «1er Judenheit seinen Ausdruck in dieser oder jener oiatorisclien Form finden muß. Ls ist menschlich verstündlich, daß diesem Druck auch in Worten ein Ventil gegeben werden muß. Aber die «fnzige würdige und effektive Antwort ist ein großer, schöner und gerechter Bau in Erez Israel, Ein starker Bau. Das ist das einzige, was eine wirkliche, riehtige, t r 0 s t - und heilbringende Antwort auf diese Tragödie sein wird. Und mit dem Einmarsch der Kinder