Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1935)
- Date
- 1935-08-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 69, 27. VIII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Am Sonnabend und Sonntag wurde die Generaldebatte fortgefülirt. Es sprachen u. a. folgende Redner: Barnett Jänner (England), Stricker (judenstaatspartei), Berl Katznclson {Arbeiterpartei, der in einer andcrthalbstündigen Rede die bekannten Argumente der Arbeiterpartei gegen die Einwändc der Opposition vorbringt), Rcv. Gold bl 0 0m (A!lge:n. Zionist, England), Baruch Zucker mann (Ar• beiterpartei, Amerika), Nuri (Arbeiterpartei, Palästina), N a 1• ditsch (Allgem. Zionisten), Dobkin (Arbeiterpartei), Rev. Perl zweig (England), Blumenfeld, Mayer Ebner, E>r. Traub, Kaplansky (Arbeiterpartei), Fish mann (Amerika) und andere. Von diesen Reden ist besonders die Rede Kaplanskys hervorztiheben, der sich scharf gegen Strickers Judenstaats- Formel wandte. Kaplansky erklärte, der binationale Staat in Palästina sei eine Tatsache, da Palästina immer von zwei Völkern bewohnt sein wird, und cs sei daher nur gefährlich, die jüdischen Forderungen in einen Gegensatz zu diesen Tatsachen zu bringen. Rede Blnmenlelds Einen großen Eindruck machte am Sonntag-Vormittag die Rede von Kurt Blumen feld, der ausführlich den Gedanken der nationalen Entwicklung und Solidarität darstellte, der die Grundzüge des Allgemeinen Zionismus bildet. Von diesem Gedanken ausgehend, betonte er, daß es auch übergeordnete nationale Instanzen geben müsse, die im Namen des Zionismus die Entwicklung in Palästina überwachen. Diesen Instanzen müsse auch die Histadruth untergeordnet sein. Sie müssen bei Arbeitsstreitigkeiten und in der Frage der einheitlichen Jugenderziehung ein ausschlaggebcndes Wort mitzureden haben. In der Frage der Histadruth betont Blumenfeld, daß eine einheitliche Histadruth notwendig sei. Sie müsse aber neutral sein und allen Teilen eine gewisse Gedanken- und Entwicklungsfreiheit geben, unter der Bedingung, daß der zionistische (Seist alles durchdringt. Blumenfeld verbreitete sich dann über die große E r z. i e 11 u n g s a u f g a b e, die noch vor dem Zionismus steht. Wenn Ben Gurion gesagt hat, wir svol'len in Palästina eine Million Familien ansiedeln, so sei nicht nur die Frage zu stellen, ob Palästina diese aufnehmen kann, sondern vor allem die Frage, woher diese Menschen kommen sollen. Es ist ein Irrtum anzunehmen, daß sie unter dem Druck von äußeren Katastrophen von selbst kommen werden. Auch solche Katastrophen bringen die Mensehen nicht zum Zionismus, sondern nur durch die Auseinaiidcrsetzung der Judenfrage kann man Menschen zur zionistischcn Entscheidung bringen. Ohne eine solche Arbeit wird auch die Tätigkeit der Fonds auf die Dauer nicht von Erfolg sein können. Die Prosperität Palästinas ist kein Argiunent der zionistischen Erziehung. Daher brauchen wir eine Institution für zentrale Propaganda. Zum Schluß seiner Rede dankt Blumenfeld der Abteilung der Exekutive für Ansiedlung deutscher Juden für ihre Arbeit bei der Einwanderung und Ansiedlung von Juden aus Deutschland und gedenkt der großen zionistischen Arbeit, die hier geleistet wurde. Die Zionisten in Deutschland haben einheitlich gearbeitet trotz interner Differenzen, und sic haben eine erfolgreiche Arbeit geleistet, denn die Durchführung der Auswanderung und der Vorbereitung der Menschen für die Ansiedlung in Palästina ist eine gewaltige Leistung. Blumenfela meint, daß im Laufe der nächsten fünf Jahre 90 000 Juden aus Deutschland nach Palästina gebracht werden könnett, und daß dieser Zufluß von Menschen mit Intelligenz und Arbeitskraft auch dem Lande einen ungeheuren Vorteil byisig«! kann. Auf alle jüdischen Nöte, so sagte er, gibt es nur die eine Antwort, nämlich den Zionismus. * Die Absicht, die Generaldebatte am Sonntag zu beenden, wurde nicht ausgeführt. Die Generaldebatte wird Montag abend fortgesetzt, während der ganze Tag des Montag für Kommissions- und Fraktionssitzungen freigegeben ist. Dieselben Arrangements werden für Dienstag angekündigt, so daß man annehmen kann, daß erst Dienstag abend die Generaldebatte zu Ende geführt wird. Am Schluß der Generaldebatte wird für die Exekutive noch Mosche Schertok sprechen, ferner wird eine Rede von Dr. W e i st m a n n erwartet. Man kann wohl vermuten, daß das Hinauszögern des Schlusses der Generaldebatte damit zusammenhängt, daß vorher auch die Frage der künftigen Exekutive geklärt werden soll, so daß die Rede Dr. Weizmanns, falls er kandidiert, zugleich als Programmrede für die Zukunft aufgefaßt werden kann. Mit der Kamera durchs Kongreßleben Dr. Weizmann unter den Zuhörem Jn der ersten Reihe von links nach rechts; Dr. Siegfried Moses, Kurt Blumenfeld, Ussischkin siiÄI .«/■ciSs*-. Lebhaftes Treiben herrscht in den Berl Katznclson (rechts) in eifrigem Gespräch Wandelgängcn des Kongreßhauses F(lt01; , ,.״ ״״i1(1) ,״״ s,.rl,{# : Dr. Georg Landauer hört gespannt za Dr. Hans Friedenthal vom Deutschen Makkabikrcis in ernster Unterhaltung mit Ben Gurion _' V־׳*׳ .. (.i ’’»»?י.?*(. Brodetskys Referat Fragen der Palästina-Politik Wie bereits mitgeteilt, erstattete in der Nachmittags- Sitzung vom Mittwoch, 'dem 21. August, Professor Brod e t s k y ein Referat über die politische Arbeit. Immigration, so führt der Redner aus, war die Hauptaufgabe, die der Exekutive gestellt war. Das Ergebnis unserer Arbeit und der verstandnisvollen Haltung des High Commissioners sowie des neuen Leiters des Immigrations-Departments der Regierung war die Erhöhung der Einwanderuug auf die bekannten Zahlen. Unser Erfolg ist aber noch kein vollständiger. Der Arbeitermangel in Palästina hält an und macht sich u.i.ieilvoll bemerkbar. Brodetsky erinnert an die jüngst im Unterhaus gegebene Antwort des Kolonialsekretärs, der die Aeußerun/g des High Commissioners wiedergab, er sei bereit, ״so viele Juden in Palästina willkommen zu heißen als wirtschaftlich möglich ist, in diesem Lande anzusiedeln“. Wenn dem so ist, so haben wir ein Recht auf die Forderung vieler Aenderungen in der Handhabung der Einwanderungsverordnungen und in diesen Verordnungen selbst. Und wenn Aufnahmefähigkeit die Formel ist, warum nur die Aufnahmefähigkeit jüdischer Unternehmungen? So müßte beispielsweise die Regierung selbst viel mehr Juden beschäftigen. Jeder Jude, der nach Palästina kommt und einen Platz im wirtschaftlichen Leben des Landes findet, muß als ״willkommen“ begrüßt werden. Redner wendet sich gegen die Beschränkung der jüdischen Einwanderung, insbesondere z. B. die letzten Einschränkungen für Aerzte. Wenn die letzten beiden Jahre eine beträchtliche Verbessern!!g in bezug auf die Einwanderung gebracht haben, so gilt dasselbe nicht in bezug auf die Bodenfrage. Obwohl das Schreckgespenst der ״verdrängten Araber“ durch die von der Regierung selbst durchgeführte Untersuchung ver- Schwunde!) ist, sind dem Erwerb von Boden durch Juden Schwierigkeiten über Schwierigkeiten gemacht worden. An der Lage sind auch die Juden selbst als Volk mitschuldig, indem sie den Bedürfnissen des KKL zu wenig Rechnung getragen haben. Heute Lst die Lage so, daß unser Bodenbesitz in Palästina nur ungefähr 1/4 des Verhältnisses des jüdischen Anteils an der Gesamtbevölkerung beträgt. Durch den Erwerb der Eiule-Konzession hat unser Bodenbestand eine wichtige Vergrößerung erfahren, wobei wir die Hilfe der Regierung und insbesondere des High Commissioners anerkennen müssen. ln seinen weiteren Ausführungen betont Brodetsky die Notwendigkeit eines gesteigerten Exportes aus Palästina und seiner Begünstigung durch Regierungsmaßnahmen. Alles hängt davon ab, wie man das Prinzip der Wirtschaftliehen Gleichberechtigung, das im Mandat für alle Mächte, die dem Völkerbund beitraten, interpretiere. Zum Schlüsse seiner Ausführungen kommt Brodetsky auf das größte Problem, das mit der Frage des Status der Juden verknüpft ist, den Legislative Council, zu sprechen. Obwohl dieser P!«1 bisher immer weder vertagt worden ist, hat die Exekutive das jüdische Volk doch nie im unklaren darüber gelassen, daß die Angelegenheit nicht von der Tages״ Ordnung verschwunden ist und daß mit ihr als einer Gefahr der nahen Zukunft gerechnet werden muß. Dies ist nun eingetreten. Die Haltung der Exekutive ist klar und fest. Sie hat erklärt, daß wir einem Gesetzgebenden Rate Widerstand entgegenbringen und an ihm nicht teilnehmen können. Diese Haltung fiel der Exekutive nicht leicht, da während der letzten Jahre unter der Leitung des gegenwärtigen High Commissioners und der an der Spitze des Colonial office stehenden Persönlichkeiten ein wesentlich vergrößertes Maß gegenseitiger Kooperation auf der Grundläge eines bedeutend besseren Verständnisses, für das, was wir in Palästina tun, erzielt worden ist. Wir hoffen, daß diese Politik der Kooperation bei allen Eventualitäten unerscliiittert bleiben wird. Die Juden sind nach wie vor bereit, mit der Regierung und den Arabern am Aufbau des Landes zusammenzuarbeiten und würden es begrüßen, wenn sich irgendein Maß von Selbstrcgierimg ergeben sollte. Es ist aber keine Demokratie, wenn man uns eine feindlich« Majorität aufzwingt und die jüdische nationale Heimstätte ge» fährdet, ohne die wir keine Zukunft haben. Unsere Politik in bezug auf die Araber bleibt unverändert, nämlich Palästina zum Vorteil von Juden und Arabern aufzubauen. Voraus• Setzung aber rnuß bleiben, daß uns die [ür die Schaffung der jüdisch-nationalen Heimstätte erforderlichen Grundlagen in vollem Ausmaße zugesichert werden. (Beifall.) läsflna-Brundioflils Keren Haiessoa e.o. Postscheckkonto: Berlin Nr. 104951 Bankkonto: Dresdner Bank, Depositenkasse Kurfürstendamm 181 foto; Archiv