Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1935)
- Date
- 1935-08-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653886--27234-2688661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 68, 23. VIII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 15 Das Tor nach Palästina Kurzer Abstecher ins Palästina-Amt Von Achat Mi-Jodea Das *böse״ Palästina-Amt Alle Wege führen nach Rom — nicht alle nach Jerusafern! Für den gewöhnlichen Sterblichen heißt das Tor nach Palästina: Meinekestraße 10. Oder, ganz präzis ausgedrückt: P a 1 ä s t i n a - A m t. ״Palästina-Amt? — Gehen Sie mir mit Ihrem Palästina- Amt! Ein Schwager von mir, dessen Nichte, und von der der Verlobte, wissen Sie, seit Wochen wartet der Mann auf sein Zertifikat...!“ Fangen wir gleich damit an. Das Palästina-Amt ist eine ganz und gar verwerfliche Institution. Warteräume gibt es da und Nummern. Abwarten muß man, bis man ״rankommt“. Irgendwelche Formulare hat man auszufüllen. Irgendwelchen fremden Leuten hinterm Schreibtisch hat man Auskünfte zu erteilen (da man doch von ihnen Auskünfte haben wollte!). Nach ganz ausgefallenen Dingen wird man gefragt. — Was, zum Beispiel, geht das den Herrp hinterm Schreibtisch an, was ich in Palästina will? Rüber will ich, damit basta! Ganz so schlimm gehe es denn doch nicht zu, meint der und jener. Immerhin... Es scheint doch noch eine erkleckliche Anzahl von Mitmenschen zu geben, die sich unter ״Palästina- Amt“ einen gutfunktionierenden Automaten vorstellen: rechts wirft man das Antragsformular ein, — links kommt das Zertifikat fix und fertig heraus. — Wie anders wäre es möglieh, daß ein Herr aus dem ehrsamen Kaufmannsstande dem Palästina-Amt forsch und eindeutig schriebe: ״Ich bitte um umgehende U ebersendung eines Zertifikats per Nach nahm e.“ Oder, ein ebenfalls unbescholtener junger Mann: ״Hiermit bewerbe ich mich um ein Palästina-Zertifikat, und bitte ich, mir umgehend mitzuteilen, wann ich mit demselben rechnen kann.“ Ja, was ist es denn nun mit dem Palästina-Amt? Es ist also kein Zertifikats-Automat. Es ist auch kein ״grüner Tisch“, hinter dem bitterböse Herren mit feindlich gezücktem Füllfederhalter sitzen, tun über dein Antragsformular mit sichtlichem Behagen ein dickes ״Abgelehnt!“ zu schmieren. Was ist es also? , Es ist — siehe oben! — das Tor nach Palästina. An diesem Tor stehen naturgemäß einige Wächter, die darauf achtgeben, wer da so schnurstracks hindurch möchte. Sie sehen sich den eiligen Passanten ein wenig von der Nähe an, und wenn er allen Vorschriften standhält, öffnen sie ihm nicht nur das Tor, sondern sie weisen ihm auch noch den besten Weg, helfen ihm auf seiner Wanderung ins Land. Diese Wächter sind von einer hohen Instanz eingesetzt, der Jewish Agency, der vom Völkerbund anerkannten Körper- Schaft, die die Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina wahrnehmen soll, insbesondere sein Recht auf die Einwanderung in das Land. Sehr zu ihrem Leidwesen haben sie keinen Zauberkasten bereit, aus dem für jeden geeigneten Bewerber das ersehnte Zertifikat spränge. Sie müssen ganz nüchtern darauf bedacht sein, gut hauszuhalten mit der Portion Zertifikate, die ihnen die Palästina-Regierung alle Halbjahr zuteilt. Sie müssen sich die Menschen ansehen. Da heißt es: prüfen und entscheiden. Nach bestem Wissen und Gewissen. Alle Vorbedingungen untersuchen: Ist der Bewerber für das Land geeignet, bringt er den erforderlichen Beruf, die nötigen Kenntnisse mit, hat er das vorgeschriebene Alter nicht überschritten, wie steht es mit seiner kulturellen Eignung, kann er sich in der Sprache des Landes verständlich machen? — da warten viele Fragen aut Antwort. Palästina-Amt einst und jetzt Früher, vor dem Umschwung von 1933, war die Auswähl nicht so schwierig. Damals war das Palästina-Amt gewissermaßen nur eine Vcrteilungsstelle für Arbeiter-Zertifikate. Den Auswanderern von damals, den Chaluzim und Chaluzoth aus den zionistischen Jugendverbänden, war die Erfüllung der Fragebogen-Forderungen eine der vielen Selbst- Verständlichkeiten, die zu ihrer Hachscharah, der Vorbereitung aut Palästina, gehörten. Das war die Zeit vor den Riesen- Sprechstunden, vor dem Andrang im Warteraum, die Zeit vor den dicken Karfotheken und gefüllten Aktenschränken. Gewiß wurde auch schon damals Ratsuchenden Bescheid erteilt, aber wer wußte um jene Zeit etwas von einer ״Wirt- Schafts-Beratung“, wer sprach von einer ״Kategorie A 1“, wer träumte von einer ״Jugend-Alijah“. Das ״Sonderkonto“ war noch nicht gefroren, ja, selbst das heute vielgebrauchte Wortchen ״Transfer“ schlief noch im Lexikon seinen gerechten Fremdwörtcr-Schlaf. Seht euch das Palästina-Amt von heute an! Da rasseln Telephone, da klappern Schreibmaschinen. Da wird registriert und kartothekisiert, numerlert und aussortiert. Da rasen inappenschwingende Kontoristmnen durch die langen Korridore. Da werden Fragebogen verteilt, Auskünfte gegeben, Beratungen abgehalten. Da findet ein regelrechter ״Betrieb“ statt mit allen guten Seiten des Kontor-Patrons St. Bürokratius. Ja, gewiß: auch mit seinen bösen Seiten. Man weiß auch um die Schattenseiten jenes Aktenteufels, und man kämpft gegen sie. Aber das ist nun einmal so mit wachsenden Betrieben: vier Besucher täglich erfordern eine andere Bürotechnik als vier Dutzend, und es ist schon ein nicht zu unterschätzender Segen, wenn die tadellos funktionierende Registratur auf die Zauberformel: ״Aktennummer 13 456“ mit dem Schnellhefter des Zertifikats-Anwärters Gold- Schmidt, Joachim, geboren am soundsovielten antwortet, darin denn verzeichnet steht, daß Herr Goldschmidt, Joachim, ehemals Baurnwollwaren-Vertreter, sich zur Zeit in der Hachscharah befände. — Daß hier die Menschen dennoch nicht als Nummer behandelt werden, spürt man, wenn man sich in eine der Sprechstunden eingeschlichen hat. Da weiß diese Beamtin wahrhaftig die ganze Auswanderungs-Vorgeschichte der Frau, die jetzt vor ihr sitzt. Sie hat den gesamten ״Vorgang“ im Kopf, ״kennt den Fall“, und fühlt sich dennoch nicht veranlaßt, nach Schema F zu verfahren. Die Beratung ist ganz persönlich und eingehend. Man unterschätze das ja nicht, was eine Palästina-Amt-Beamtin zu wissen hat. Vom I frogim-Anbau und Rolijalousicn ״Kann ich meine Laube mitnehmen? Gibt cs dort Gleichstrom oder Wechselstrom, sind 220-Volt-Apparate verwendbar?“ — ״Wie ist es drüben mit der Schallplatten-Pro- Auktion?“ — ״Glauben Sie, daß eine Luftpumpen-Erzeugung sich rentieren würde?“ — ״Was halten Sie von der Oelkuchen-Fabrikation“ — ״Und wie stellen Sie sich zum Bier- Import?“ — ״Ist der Etrogim-Anbau rentabel?“ — ״Wie wäre cs denn mit Rolljalousien?“ Von solchen Fragen wimmelt es in der Wirtschafts-Abteilung. Da werden Verbindungen angeknüpft, Marktanalysen herbeigeschafft, Ziffernmaterial und der sachliche Bericht von Fachleuten angefordert; seitenlange Expertisen mit Statisfiken und Informationen kommen an vom American Economic Committee for Palestine, der zentralen Informationsstelle in Tel-Awiw. Da werden Auskünfte erteilt und Neugründungen besprochen, von denen sich manche Schulweisheit nichts träumen äßt. Ein echter Palästina-Amt-Mann muß auf alles gefaßt sein. Er hat über die merkwürdigsten Branchenkenntnisse zu verfügen und muß auf den erdenklichsten Gebieten beschlagen sein. Wenn, wie kürzlich, einer schon am frühen Morgen in das Beratungszimmer stürmt mit dem Angebot: ״Ich möchte Ihnen Pferde verkaufen, für Palästina nämlich“, darf er nicht mit der Wimper zucken, sondern hat sachlich über Möglichkeit oder Unmöglichkeit zu verhandeln; auf die Frage, ob ein Pferd aus Europa das Klima vertrage, darf er nur ernsthaft und korrekt antworten und an die in Befracht kommenden Stellen weiterverweisen. Er hat auf dem Gebiet der Pferdezucht ebensogut Bescheid zu wissen w׳ie über die Verwendbarkeit europäischer Staubsauger für palästincnsische Steckdosen. Sturm auf die Sprechstunden Wußten Sie, daß im Frühjahr 1933 täglich etwa 270 Menschen mit ihrem Dutzend Fragen und Sorgen pro Person das Palästina-Amt aufsuchten? — Wissen Sie, wieviel Ratsuchende von damals bis heute hier oben, in der Meinekestrafie 10, vorgesprochen haben? Nicht viel weniger als 45 000 Personen. Das heißt fünfundvicrzigtausendmal Frage und Antwort. Bei den 400 Vertrauens- und Zweigstellen im Reiche dürften es zusammen ebensoviele gewesen sein. Haben Sie eine Vorstellung davon, was diese 45 000 Menschen für Fragen gestellt haben? Nein. Vertrauensleute aus dem Reich empfangen Informationen bei der Berliner Zentrale. Chaluzim erhallen Ratschläge über alle mit ihrer Ausbildung und Alijah zusammenhängenden Fragen Koto•: Son״»nteU Da wurden Ansicdluugsprojekte bearbeitet, Probleme der Einwanderungsteclinik geregelt in der Allgemeinen Beratung. Da ist die Berufsumsäiiehtung eingeleitet und durchgeführt worden. Da verwandelten sich Rechtsanwälte in Landwirte, wurden Maurergesellen aus Biiroaiigcstellten. Da wurde Aus- Wanderern Hilfe geleistet bei der Uebersicdlung, da wurden Abkommen getroffen mit Speditions-Gesellschaften zugunsten der Auswanderer. Da sind schwierige Steuer- und Devisenfragen geregelt worden in der Juristischen Abteilung, da wurde der Transfer eingeleitet und durehgeführt, da wurden Visa besorgt und Bescheinigungen ausgestellt. Das war ein Kommen und Gehen, ein Türenöffnen und Stühlerücken, ein Telephongerassel und Bridschreiben. Das hieß: Sitzungen um Sitzungen, Referentenbesprechung, Tagung der ״kleinen Kommission“, Beratung der großen (Paiästina-Amts-)Konimission. Das hieß ferner: Bewilligung und Ablehnung, Protest der Abgewieseucn, Erbitterung und Vorwurf, empörte Briefe. Das hieß aber auch: Freude und Befreiung, dankbare Briefe von ״drüben“, das Bewußtsein, wieder einmal einigen Menschen zum Neuaufbau einer Existenz verholten, der Ent- Wicklung des Landes gedient zu haben. Das gab einen Riesenbetrieb in der Zertifikats-Abteilung, eine eilige Geschäftigkeit in der Passage-Abteilung. Da mußten Gruppenreisen organisiert, Reisecrmäßigungcn durchgesetzt und Fahrtzuscluisse beschafft werden. Es war soweit. Die ,,Zufriedenen“ (denen das Zertifikat bewilligt worden war) reisten fort. Hierblieben die ״IJnzufriedenen“. Die Unzufriedenen Was tun ״Unzufriedene“? Sie schimpfen. Auf die bürokratische Organisation, das böse Palästina-Amt, das alle Zertifikate ungerecht verteilt. Jeder hofft, zu den Glücklichen 711 gehören, die ,,rankommen“, jeder ist davon überzeugt, daß kein Zweiter sich in gleicher Notlage befindet, jeder ist erbittert, wenn er abgewiesen wird, und cs gibt nur weiß di undankbare AufmW!■ , sk 1 SPRJECH STMI1DE 'HmI MONT Aq MITTWOCH DonnQQSTAq 'bmMO-lSLiUft, im Vt'arteraum herrscht stets lebhafter Betrieb. — Oben rechts: Ein vielen wohlverlrautes Straßenschild. Latin rechts: Die i ür nach Palästina.