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Jüdische Rundschau · 1935-08-23 · Heft 68 (23.8.1935) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 68 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seit« 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 23. VIII. 1935 vor ihm und sprach: ״So segne mich denn, Rabbi Josua!“ Und ich begriff und nahm wahr, daß wirklich und wahrhaftig einer aus unsrer Mitte aufgestanden war und sich an die Stätten begeben wollte, die in meinem Buche be« schrieben waren. Der Schächter josua zieht in das Land, wo der Kundschafter Kaleb und der Richter Otniel ben Kcnas 5ewirkt, wo die Feldherren Amassa, der Sohn des Jeter, und oab, der Sohn der Zeruja, ihre Siege errungen, wo die fesetzestreuen Bene Betcra und der gelehrte Boethos ben enon aus Ludd ihre Grabstätten haben... Dieser Mann, den ich so gut kenne, den ich seit Jahren täglich zu sehen pflege, der fährt in das Land der Väter, und Ich staune und forsche in seinem Gesicht, ob ich da nicht etwas Besonderes entdecken kann. Er wird die Mauer der Gottesstadt sehen, ich aber, ich armer Wurm verbleibe in Tulna, viele tausend Mellen vom Jordan entfernt — diese Vorstellung kam mir wie ein groes, unverdientes Unrecht vor. In der Nacht saß ich ohne Schlat auf meinem Bette, und das Zimmer wurde zum Lande IsraeL mit den Bergen am Horizont. Die Landschaft Samaria, Tekoa, die Heimatstadt des Propheten Arnos, der Fluß Bessor, an welchem David die räuberischen Amalekiter ein- 1holt — alles sah ich in buntem Wechsel vor mir, und zwischendurch kamen mir in den Sinn und klangen mir im Ohr die Sätze der Schrift, die sich auf die Zeit beziehen, da Israel unter seinem Weinstock und Feigenbaum saß. Bald aber drängten sich andere Vorstellungen an mich he.ran und verwirrten mich; die Welt des Exils und der Zerstreuung nahm von mir Besitz. Am Wochenfest war es, daß wir im Gebetbuch lasen: ״Wegen unsrer Sünden sind wir von unserem Lande vertrieben worden.“ Wir sind vertrieben worden, können aber gleichwohl wieder dorthin kommen, denn siehe da: Josua- Nathan fährt ja hin. Wie wird er aber dort in Jerusalem beten, worum den Schöpfer bitten? Was mögen, die dort sind, noch für Wünsche haben? * Ich war außer Rand und Band geraten. In der Schule hörte ich nur halb zu, wenn der Lehrer die Abschnitte aus dem Talmud über Erbrecht und die verschiedenen Arten des Eides mit uns durchnahni. Ich wurde verspottet und hörte ihn zu den anderen sagen: .,Er ist nicht hier, er ist mit josua_-N.1than im Lande der Väter!“ Der Schächter aber begann ernste Vorbereitungen zu seiner Abreise zu treffen. Er, der niemals üeldvorteile im Sinne gehabt halte, war nun gezwungen, mit allen Mitteln aut Geld zu sinnen. Zuerst suchte er das ihm 110dl /!!stehende Schachtrecht zu veräußern, und der neue Anwärter hatte erst lange gehandelt, bis er die geforderte Summe erlegte. Hier lernte der fromme Mann auch zum erstenmal die menschliche Eigensucht und Habgier kennen. Seine Söhne und Schwiegersöhne kamen herbei und baten ihn, ihnen das Erbe noch zu Lebzeiten auszuhändigen; josua aber fühlte, daß er sich wehren mußte, denn mit leeren Händen war «s auch nach dein heiligen Lande nicht gut zu kommen. —׳ Ein Mann aus dem Dorfe kam in die Stadt und kaufte ihm das Häuschen um hundertfünf/.ig Rubel ab. Di« Leute in Tulna behaupteten zwar, es sei mindestens zweihundert wert, dennoch, als auch die Geräte ausgeboten wurden, eilten sie hin, um ja etwas billig zu erhaschen. Viele allerdings bewog dazu der nichteingestandene Wunsch, ein Andenken von dem Mann zu erhalten, der so weithin fortzöge, in das Ursprungsland Israels. Und so drängten sich die Käufer, und jeder nahm, was sich bot; der ein« eiserne Pfanne, der die Holzstampfe zur Zerkleinerung der Mazze, ein dritter den Kupferkessei. Ganz glücklich war ein behäbiger, angesehener Mann, Inhaber des vornehmsten Platzes im Bethaus, als ihm die geflochtene Hawdalah-Kerze zufiel. Eine herrliche Chanukkah-Lampe hatte Josua-Nathan besessen, kunstvoll gearbeitet und mit Oel zu speisen; an der Seite waren zwei Löwen in aufrechter Haltung, die trugen auf den Häuptern den üeikrug. Dieses besonders schöne Stück erwarb ein ganz armer einfacher Mann, der sich nie hervorgetan und niemals von sich hatte reden machen. In der Nacht darauf träumte mir, daß Josua-Nathan durch die Tore Jerusalems ein zog zusammen mit vielen von den Männern der Scharon-Ebene, deren reiche Herden einst das Großteil der Opfer des Tempels bestritten. Ein junger Stier wird zur Opferstatt geführt, und die Flöte ertönt. In allen Fenstern strahlen Chanukkah-üchter, und Priester und Volk, Amtleute und Vorsteher begrüßen die AnkÖmm- Iinge und rufen: ״Willkommen, ihr Bruder!" — Aber plötzlieh drehte ich mich um und befand mich in der großen schrecklichen Waste, ich watete durch endlosen Sand, und über mir war der eherne Himmel. Ich trug auf dem Kopf eine Schale, in der etwas Wasser war. Ich erhob meine Augen und sah einen armen Mann auf einem Esel sitzen, und die nackten Fuße hingen schlaff herunter; er rief mir von ferne zu: ״Komm, lieber Knabe, und gib mir etwas Wasser.“ Ich näherte mich ihm zögernd, nahm mit zitternden Händen die Schale vom Kopfe und verschüttete das wenige Wasser. Ich erschrak mul schrie laut auf und . . . erwachte. Da sah ich meinen Vater vor dem Bette stehen, und er sagte: ״Junge, es ist Zeit, die Morgenandacht zu verrichten.“ Das!laus Josua-Nathans war schon fast leer geworden. Nur der große Tisch stand noch da, und unter Ihm lagen Bündel und Bunde!; die Kissen und die Decken durften ihre Eigentümer begleiten. Und nun zog josua seinen Mantel über, nahm den Stock in die Hand und ging Abschied nehmen von den Brüdern der Gemeinde. Uebcrall wurde er mit Wein und süßem Backwerk bewirtet, und manche Hausfrau reichte ihm noch eine Geldgabe und zerdrückte eine Träne. Eine ganze Woche dauerten diese Besuche. Josua-Nathan ließ kein Haus aus, und keiner war ihm zu gering. Sein letzter Besuch galt einer armen Witwe, der Säckeflickerin Debora. Debora wohnte im untersten Teil des Städtchens, nahe am Fluß. Sie hatte einen ungeratenen Sohn gehabt, der war verschollen. Ihre einzige Tochter lag seit Jahren krank danieder. — Es war Mittag, als Josua das Haus aufsuchte; die Sonne stand hoch am Himmel, und ihre Strahlen spiegelten sich im Wasser und von da in den Glasscheiben der Fenster. Peinlichste Sauberkeit herrschte im Stübchen. Die Bettdecke, die über den kranken Körper des Mädchens gebreitet war, war blendend weiß. Die Tür ging auf, die Witwe, die in einer Ecke bei der Arbeit gesessen hatte, erhob sich und begrüßte den Gast; seit langem war ent so angesehener Mann nicht über ihre Schwelle getreten. Und nun sitzt er jetzt hier, an ihrem Tische, nahe dem Bett ihrer kranken Tochter. Noch sieht sie ihn hier, morgen aber zieht er gen Jerusalem, die Stadt des Königs David, dessen Buch der Psalmen sie auswendig kann. Sic weiß nicht recht, was sie sagen soll, und auch der Gast schweigt. Sie blicken beide auf die Kranke, die wie tot daliegt, die Mutter seufzt, der Schächter möchte der Siechen Trost z«sprechen, aber er merkt, daß sie kaum noch etwas aufnimmt. Ach, wenn doch der Geist des Propheten Elisa über ihn geraten könnte, er seinen Stock erheben und ausrufen dürfte: ״lm Namen Gottes, der hoch im Arawot ein hergeht, im Namen der Propheten, die in dem heiligen Lande geweissagt haben, in dem Lande, das ich jetzt betreten soll — ihr bösen Mächte, verlaßt diesen Körper!“ — Doch die Worte kamen nicht über die Lippen Josuas, er machte sich zum ״Der Born Judas״ M. J. Bin Gorions Volksbuch Vor den erstaunten Augen der Juden in Deutschland begann von 1916 an Micha Josef bin Gorion das Riesenwerk ״Der Born Judas“ hinzubreiten. Als 1923 der sechste und letzte Band erschien, war bin Gorion bereits to♦. Zugleich mit diesen Bänden gab er ״Die Sagen der Juden“ heraus, die er also abgrenzt von den ״Legenden und Kr/iihlungen, Märchen und Geschichten“, wie sie im ״Born Judas“ gesammelt sind. Ein doppeltes Motiv trieb bin Gorion ־zu seinem Unternehmen. ״Bibel und Talmud sind nicht die einzigen Religionsbücher der Juden“, schrieb er in der Vorrede, auf das ungcheure nachbiblische und nachtahnudischc Schrifttum der Juden in der Diaspora hinweisend, aus dem er viele hundert, oft sehr entlegene, über die ganze Erde verstreute, manchmal nur handschriftliche oder mündliche Quellen nutzte, um diesen Hort volkstümlichen erzählenden Guts zusammenzustellcn. Zweitens aber, von der Volkstümlichkeit dieser Geschichten ausgehend: zu den ״bekannten großen Märchen- und Legendensammlungcn, wie: Der Weise und der Tor, Tausend und eine Nacht, Gesta Romanorum, ״sollte eine bisher noch nicht vorhandene jüdische Sammlung erwachsen, die ihr eigenes Bild hat und die anderen ergänzt“. Aber das Werk wuchs über diese Absicht hinaus, durch Umfang, gelehrte Anlage und gelehrten Apparat; und so war allzu reiche Gründlichkeit gerade der Grund, weshalb dies verdienstvolle Werk noch nicht zu einem jüdischen Volksbuch werden konnte. Rahel bin Gorion, seine fleißige Helferin und vortreffliehe Uebersetzerln, uni! sein Sohn Emanuel haben nun die 330 schönsten, einprägsamsten und aufschlußreichstes Geschichten der Sammlung neu (nach Stoffkreisen und zeitlieber Abfolge der Geschehnisse) geordnet und zu einem einzigen, fast 800 Seiten starken, aber sehr!ländlichen und klar gedruckten Band zusaimnengczogen (Schocken Verlag, Berlin). Als die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ mich aufforderte, über diese Neuausgabe, die nun wirklich ein jüdisches Volksbuch darstellt, zu schreiben, regte sie an, das Buch unter dem Gesichtspunkt zu befrachten: ״Was kann die Kenntnis dieser Sagenwelt für den Juden, der bisher mir oberflächlieh mit jüdischen Dingen zu tun hatte, bedeuten?“ Da erinnerte ich mich, daß ich vor fast zwanzig Jahren, als der erste Band vom ״Born Judas“ erschienen war, bereits über das Buch geschrieben hatte, zu einer Zeit, da ich ״nur oberflächiich mit jüdischen Dingen zu tun hatte“, gänzlich ungelehrt in der jüdischen Literatur und Geschichte. Damals las ich den ״Born Judas“, als Soldat, und verfaßte, in einer Kaserne, ohne wissenschaftliche Hilfsmittel und ohne die Möglichkeit der Aussprache mit jüdischen Wissenschaftlern, einen begeisterten Artikel, aus dem hier einige Sätze stehen mögen: ״Hin vollkommenes und st ralili-ndcs Museum jiid!-<־hcr Heberliefertmg . . . Auallen Ge-eliichieti dieses Horns ragt fordernd, drohend und erlösend in fast erschreckender Starrheit und rtnab-;indeillchkeit. das 1111! ׳ Siitengc-cO und die heilige L'cberiiefettme. Kein Zweifel, kein Alnvcichcn darf entstehen: die Strafe folgt sofort jedem Ver-toß, jedes strenge Befolgen;1!״ r bringt den Lohn, oft den materiellsten Lohn, oft sogar Erhöhung rar Heiligkeit mit sich. All diese Geschichten .... .sind :111 tiefsten Grund moralische Geschieh!«!, sind weniger aus der i.ust nun F:tlmlie׳ren erblüht, als aus der I.ust ru moralischer Erziehung- Deshalb ist manches sehr herb, sachlich• nüchtern cr/ah|t, ja, cs ist oft kaum episch erzählt3(1 ״» Sch ■»eigen in morgenlündi-cher, Phantastik unterbleibt, und es unterbleib! noch mehr jede lyrische Srhildeningskniist . . . Hinc breitere, bejiaRÜchero. weniger lehrhafte Epik entfaltet sich erst in einigen der (von orientalischen Nachbarvölkern beeinflußten) größeren Märchen und Kr/ählimgen, die jedoch alle fromm im Sinn der Lehre enden. Dafür aber wird eitle so geschlossene, gesicherte Tradition des rcligiö-en, morallstiu■!!. sozialen Lelrens sieht.- har, wie sie sieh nur in einem Volke entwickeln konnte, welches das Schicksal zu Aii-ocaohcusein, Alrgcschliis-cnhcit und Inzucht trieb. Und wiederum ist die Menge der hist״n«'hen Einflüsse, die auf der Oberfläche <lie-er Geschichten pcrlmutlcrgleich sehimmem, so vielfältig, wie sie nur die IhÜHulieferimg eines Volkes zeigen kann, das wie kein anderes durch seine Wanderungen und Leiden mit den Schicksalen aller Völker de» Osten•! und Westens verknüpft ist. Es sei absichtlich gesagt: nur auf der Oberlläclie sind die liistorischen Einflüsse »iehtbar, denn ob Dariu», Alexander oder Tiberius auf!roten, ob die Erzählung in Palästina, in Spanien oder im ident. seben!Mittelalter vor sieh gellt, —die Historie i״t .-leis neliensiichlich, immer ist die Lehre Ursprung und Ziel, immer ist das, worauf es ankoniim: die Entscheidung zwischen dem Befolgen der Tradition (dem Guten) oder dem Abweielien von ihr (der Sünde).“ — Als Ich jetzt las, wie Ich vor fast zwanzig׳ Jahren, ein völliger ״Am Haarcz“, über den ״Born Judas“ geurteilt hatte, mußte ich mit innerem Staunen, ja Erschrecken, Feststellen, daß Ich heute, ein Baal Teschttwa, ein Heimkehrer, eifriger Schüler der Judentumskunde und jüdischen Geschichte, genau das Gleiche wie damals als das wesentliche in bin Gorions Sammelwerk erkennen müßte. Ich hatte also 1916 schon in- Stinktmäßig formuliert, was ich heute bewußt kaum anders niederschreiben könnte, hatte bereits damals die mir heute gestellte Aufgabe erfüllt .... oder vielmehr das Buch hatte an mir seine Aufgabe erfüllt. Denn mit dieser Erinnerung soll nicht etwa angedeutet sein, was ich, wenn auch damals ״nur oberflächlich mit jüdischen Dingen“ vertraut, doch für ein kluges Kind war, sondern es sei mit dem Beispiel aus persünlichem Erlebnis bewiesen: bin Gorions Sammlung wirkt so überwältigend klar und eindeutig als volkstümliche Essenz des Judentums, seiner Lehre und Geschichte, daß eine andere Bedeutung, gleichviel, ob für den Am Haarez, für den Lernbeflissenen und wahrscheinlich auch für den Gelehrten, gar nicht möglich ist. Aber ich würde dem Wert des Werkes nicht gerecht werden, wenn ich mit den ewigen Sätzen von einst den Leser und das Buch abspeiste. Denn keineswegs ist es nur die Welt des jüdischen Gesetzes, die hier an zahllosen Beispielen offenbar wird, sondern der Leser lernt die jüdische Welt im weitesten Sinn kennen. Diese Geschichten haben ihre im ״Born Judas“ mitgeteilte Fassung allesamt erst in der nachtalmudischen Zeit bis zur Blüte des Chassidismus gefunden, also in den Jahrhunderten des gleicherweise vom Judentum selbst wie von der Außenwelt geforderten Ghettos. Und es zeigt sich, daß die Welt des Ghettos in geistiger Hinsicht durchaus nicht eine enge Welt war, sondem alle Weiten der Erde mit ihren Völkern, alle Weiten der Universalgeschichte mit ihren Ereignissen und Helden umfaßt. Und auch das war noch nicht genug: die Unendlichkeiten des Kosmos, das Jenseits, vom Himmel bis zur Hölle, mit Engeln, Geistern, Dämonen und Teufeln wurden einbezogen. Wiewohl dem Juden die Beschäftigung mit anderen Scliritteil als der Bibel und ihren Auslegungen verboten war, wird im ״Born Judas“ ersichtlich, wie dennoch Lehre, Literatur und Geschichte der anderen Völker den Erzählern bekannt ist. Aber alles wird so erzählt, als ob alles, was geschah, nur eschah, um das jüdische Gesetz und spätere Lehren, wie die ahbala, zu erhärten. Und so ziehen denn vor uns auf: nicht allein die Gestalten der biblischen Bücher, die tahnudischcn Lehrer, die Märtyrer, die falschen Messiasse, die großen Gelehrten der nachtalmtidischen Zeit, Golem, Dybuck und der durch alle Zeiten schweifende Elia als Sendbote und Notheifer, sondern, sozusagen im jüdischen Kostüm, das mit den Maßen der Lehre gefertigt ist: Alexander der Große, römische, mittelalterliche und orientalische Fürsten, die bekanntesten Typen der asiatischen und europäischen Volkserzählungen. Diese Menschen alle werden belehrt und lernen, — auch der weise Salomo, an dessen Prachtliebe und kosmischen Umgang in zahllosen Legenden (die Edmond Fleg itt ־unseren Tagen zu seinem Salomo-Roman verwob), sich der veraYiflte Jude des Golus ebenso ergötzte wie an den Weltabenteuern Alexanders, der zu den verlorenem jüdischen Stämmen reist und dem der Philosoph Aristoteles seine Bekehrung zum Judentum berichtet. So kehren diese Erzählungen aus Jahrhunderten und Jahrtausenden wirklich, nach dem Willen der Herausgeber, als ein Hausbuch des jüdischen Märchens zu den Juden von heute zurück (mit Wilhelm Grimms Widmung seiner Märchen an die judenfreundliche Bettina von Arnim gesprochen): ״wie eine ausgeflogene Taube die Heimat wieder sucht und sich da friedlich sonnt.“ Die Märchen aus dem ״Born Judas“ quellen wie ein großer Roman, ein Roman von den Juden in der Welt; und die Geschichten werden zur Geschichte des jüdisehen Volkes. Kurt P i n 111 u s Weggehen bereit, und die Mutter fühlte: wenn sich jetzt die Tür hinter ihm schlosse, würde alle Hoffnung endgültig begraben sein. Aber da kam ihr ein Gedanke, und sic sagte: ״Wartet noch ein wenig, Rabbi Josua!“ Und sie lief in den Hof, fing ,die letzte Henne ein, die ihr übriggcblieben war und die sie für die Feiertage gemästet hatte, und gab sie dem Schächter mit den Worten: ״Schachtet sic mir mit euren Händen, mit den Händen, die bald die Mauersteine Jerusalems berühren werden! Ich koche daraus eine Brühe für meine Tochter. Wenn es euch recht ist, gehe ich in die Stadt und hole das Schächtmcsser.“ Der Mann war es zufrieden; Debora band dk Füße der Henne zusammen, streute Sand vor die Tür, raunte zur Stadt und war bald zurück mit dem Messer. Josua-Nathan prüfte die Schneide an seinen Nägeln und hob das Huhn vom Boden, das traurig dreinblickte und seinen Tod kommen sali. Der Schächter rupfte dem Tier ein paar Federn am Halse aus und fuhr mit dem Schächtmcsser über die Stelle. Ein Blutstrahl schoß in die Höhe, er warf das Huhn zu Boden und deckte das Blut mit Erde zu. Das war die letzte Schichtung Josuas nach fünfzigjähriger Ausübung des Berufes! * Und nun kam der hohe Tag, der Tag des Auszuges! Der Bethausdiener und Alicrweltsvcttcr Dow-Arje, halb Spötter und halb reuiger Sünder, klopfte schon am frühesten Morgen wie zur Zeit der Bußetage an die Fenster der Bürger und rief: ״Stehet auf, Brüder, eurem Schächter das Geleit zu geben!“ Es gab bald ein Retinen und ein Hetzen in jedem Hause, das Morgeugebet wurde halb verschlungen, das Frühstück in aller Eile liinuntergewürgt. Die Kinder brauchten nicht in die Schule zu geben, die. Händler ließen den Handel ruhen, und viele Krämer vollbrachten etwas noch nie Dagewesenes: sie hielten ihre Läden an einem Wochentage geschlossen! Vor dem Hause Josuas aber stand ein Heer von Mensehen; alle Altersstufen und Stände waren vertreten, Frauen mit Säuglingen auf dem Arm standen da, auch Bauern mischten sich unter die Juden und wollten dem ungewohnten Vorgang zuschauen. Ein Bauernwagen mit zwei Ochsen, bespannt, auf dem das Gepäck schon verladen war, wartete auf die Reisenden. Und nun trat Josua in schwarzem feierlichem Gewände tränenden Auges aus der Tür seiner Hütte und kitfite zum letztenmal die Mestisa seines Hauses im Exil. Nach ihm kam seine Ehegefährtin heraus in dunkelgrünem Kleide, und den beiden folgten ihre Söhne und Töchter, Schwiegersöhne, Sohnesfrauen und deren Kinder. Mein Vater, der Rabbi des Ortes, der Kantor, die übrigen Wächter der Frömmigkeit und die Armenpfleger befanden sich in nächster Nähe der Helden des Tages. Der Bauer ermunterte die Ochsen durch einen Pfiff, der Wagen rückte von der Stelle, und der Zug der Menschen setzte sich in Bewegung. Die Zahl der Begleitenden nahm immer mehr zu; den Honoratioren und Vornehmen gesellte sich bald auch das einfache Volk, Handwerker, Fuhrleute, Metzger und Lastträger. So ging es durch die Stadt, vorbei an Häusern, an deren Türen und Fenstern die Neugierigen sich drängten. Es war der Monat Aw, der Monat der Trauer, an dessen erstem Drittel man es dem lieben Gott täglich Vorhalt, daß er einst um diese Zeit die Zerstörung Jerusalems nicht verhindert hat. Doch bald ertönt in den Bethäusern der Ruf: ״Tröstet, tröstet mein Volk!“ Der Aufenthalt im Exil wird wieder zur Regel, und alles Leid ist vergessen. Die Menge aber, die jetzt zum Stadttor schritt, war ganz erfüllt von der großen Vergangenheit und trug im Herzen die lange Sehnsucht der Geschlechter nach dem kleinen Lande im Vorderen Orient, wohin jetzt einer aus ihrer Mitte zog. Es war ein Augenblick, da keiner an sein Hab und Gut dachte und keiner an seine Not. Und wäre jetzt, wie sie so dastanden, unvorbereitet und ungerüstet, der Ruf des Freudenboten erschollen: ״Der Erlöser ist gekommen!“ — sie wären zusammen mit Josua-Nathan dorthin gepilgert! Doch der Bauer pfiff zum zweiten Male, und die zwei alten Leute mußten den Wagen besteigen. Eine beklemmende Stille trat ein. Und ich, der ich die ganze Zeit über das Gefühl gehegt und genährt hatte, es sei meine einzige Pflicht und Bestimmung, mit diesen Leuten ins Land der Väter zu ziehen — ich betete im •stillen zu Gott, er möge mich aus der Nachkommenliste meines Vaters streichen und zu etwas wie einem Enkelsohne Josuas machen, zu seinem Lieblingsenkel, von dem er sich nicht trennen könnte und den er ins heilige Land mitnehmen müßte. Ich vermochte kaum an mir zu halten vor Erschütterung und glaubte bis zum letzten Augenblick, das Wunder würde emtreten, und ich würde mich auf den Wagen schwingen und mitfahren. Nun aber stand ich da auf der alten Erde, und der Wagen mit dem glücklich«! Paar rollte fort; ich schrie aus Leibeskräften: ״Laßt mich mitkommen ins Land der Väter, Rabbi Josua, sonst muß ich sterben!“ Ein Strom von Tränen entquoll meinen Augen, alle Umstehenden begannen zu weinen, die ganze Schar weinte. Ach, Zion, frage nicht nach der Gefangenen Los! ( Lieber setzt von Rahel bin Gorion)

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