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Jüdische Rundschau · 1935-08-23 · Heft 68 (23.8.1935) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 68 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 68 23. VIII. 1935 JöDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 Micha Josef Bin Gorion (Berdyczewski) Zu seinem 70. Geburtstag Am 26. August 1 viire Micha Josef Bin Gorion (Berdyczewski) 70 Jahre alt geworden. Bin Gorion ist dem deutschlesenden jüdischen Publikum in erster Reihe aus seinen großen Sagen- und Märchen-Sammlungen bekannt. Die von ihm verfaßten und von seiner Frau übersetzten Legenden- Sammlungen, denen er den letzten Teil seines Lebens fast vollständig widmete, haken auch den HV.sfjuden diesen Teil der Volksüberlieferung wieder zugänglich gemacht und in einem gewissen Umfang auch das Bild, das die Well von einem nur rationalistischen, ßhanlasiearmen Judentum hatte, Itorrigiert. Bin Gorion oder, wie er früher hieß, Berdyczewski nimmt aber in der jüdischen Geistesgeschickte der letzten 50 Jahre und in der Geschichte der jüdischen Renaissance eine ganz besondere, eigenartige Stellung ein. Er hat neben den Ghetto-Geschichten, die er schon frühzeitig zu schreiben begann, in einer Reihe grundlegender Aufsätze, die eine revolutionäre Wirkung hatten, das althergebrachte Judentum und seine einseitig geistige Einstellung, seine Entfernung von Natur und Naturlichkcit kritisiert und unter Anwendung eines Nietzsche-Wortes eine ״Umwertung der Werte“ gefordert. Lauge galt Berdyczewski als der ״Nielzscheaner“ in der hebräischen Literatur, der gegen die rein religiöse ״Moral der Entsagung“ und die Unterdrückung alles Natürlichen Front macht. Das Menschentum, das Volkstum der wirklich lebenden Juderiheit müsse die Suprematie erhalten über die Last der alle freie Entwicklung hemmenden religiösen Tradition und Moral. Gagen Berdvezewshis Kampfruf wandte sich damals Ach ad Ha am, und diese berühmt gewordene Kontroverse zwischen den beiden führt tief hinein in die wirkliche, noch heute aktuelle und nicht überwundene Problematik des jüdischen Nationalismus. Die Arbeit, die Bin Gorion zuletzt durch seine unermüdliche Forschung in den überlieferten geistigen Schätzen des Judentums geleistet hat und deren ['rächte wir heute als kostbares Erbe des Verstorbenen besitzen, steht freilich in einem gewissen Gegensatz zur Theorie seiner Kampfzeit. Wir gedenken dieses Mannes, der uns leider zu früh entrissen wurde, indem wir eine seiner Erzählungen, die uns von seinem Sohn, Emanuel Bin Gorion, zur Verfügung gestellt wird, hier abdrucken. (Red.) AUF ZUR HEIMAT! Ein I'rinncrunKsblatt Von Midi« Josef Bin Gorion (Berdyczewski) Die Erzählung, mit dein hebräischen Titel ״ha-Jeziah“ (der Auszug), erschien zuerst 1009■ Sie spiegelt i Trhällnisse aus dem letzten Drillet des vorigen Jahrhunderts wider, die für das jüdische Leben im ukniinischen Städtchen bis zum Weltkriege charakteristisch gewesen sind. Friedlich und friedfertig glitt das Leben dahin in meiner ,Heimatstadt T11 Ina, gelegen am Flusse Tulisch in der herrlichen Südukraine. In den dreilitindertzwanzig Hau- 5ern, die auf zwanzig Straßen rund um den Marktplatz, verteilt waren, war alles enthalten, was zu einer vollkommenen Israelitengemeinde gehört: da jgab es einen Rabbiner und zwei Schächter, einen Kantor und etliche Bethausdiener, einen Arzt^und einen Bartscherer, Armenpfleger für die Lebenden und eine Brüderschaft zur Betreuung der Toten: außerdem aber zwei Bethäuser, ein altes Badehaus, ein Sicchcnhaus, Lehrstuben für die Kleinen und Kleinsten. Um das Verbot, Gegenstände am Schahhat zu tragen, zu umgehen, besaß die Stadt einen Eruw, eine Umzäunung, die sie gleichsam einengte und zu einem großen Familienhaus machte. Am Marktplatz, selbst gab es einen Ziehbrunnen mit Eimer und Strick zu' allgemeiner Benutzung, und außerhalb der Stadt waren Lehmgruben, denen man das Material zur Erneuerung und Säuberung der Fußböden an den Rüsttagen zum Schabbat entnahm. Auch eine Mühle mit Handbetrieb war zur Seite des Bethauses, in der das Mehl für die extrafeine Mazze der Allerfrömmsten bereitet wurde. Was ging dem Hause Jakobs wohl ab? Die Bürger der Stadt verlangte es nicht nach außergewöhnlichen Ereignissen, sie ließen ihre Kinder nicht in die Ferne ziehen und wunderten selbst nicht von Ort zu Ort; auch heirateten sie meist untereinander. Ein inniges Familiengefiihl umschloß sie alle. Die sozialen und sonstigen Gegensätze traten nicht scharf hervor, und so lebten auf einem Fleck die Schwachen und die Männer der Faust, die Geizigen und die Verschwender, Handwerker und Kr:i- 111er, Kleinbürger und Vornehme: seihst die gottgegebenen Grenzen zwischen dm Einwohnern der im Herzen der Stadt gelegenen Gassen und (lenen der Peripherie waren an den Schabbat- und Festtagen wie verschwunden: der weißgedeckte Tisch, mit den zwei von der Hausfrau brauiigebaekeneu Weißbroten an dem einen Ende, an dem anderen die brennenden Lichter, zieht den Segen des Himmels herab, wo er auch steht. Allerdings in manchen Häusern, und selbstverständlich in den Bethäusern, standen Schränke mit Büchern, und in diesen Büchern konnte man lesen, daß es auch noch andere Dinge gab als die, die das Dasein der Juden in Tulna hetrafen. Da war die Rede von einem fernen und doch heimischen Lande, von einem Lande, da in uralter Zeit die Väter gelebt und gewirkt hatten. Doch kein Mensch wendete dem besondere Aufmerksamkeit zu nicht einmal die, die in den Büchern studierten. An jedem Schahhattage wurde zwar die Thorarolle aufgeschlagen und daraus laut verlesen: ״So ihr in das Land kommt, das ich euch als Erbe geben werde“ , aber der Vers hörte sich nicht anders an als irgendein anderer aus demselben heiligen Buche wie zum Beispiel der: ״Sage den Kindern Israel, daß sie Schatifadeii an ihren Kleidern anhringen...“ Ließ auch der Vorbeier an Werktagen mit lauter Stimme die Worte ertönen: ״Und du wirst durch Gottes Barmherzigkeit nach Jerusalem, deiner Stadt, zurückkchren“ — so fiel es itoclt keinem ein, den Satz wörtlich zu nehmen: die Stadt Tulna, die gewohnte, die vertraute, zu verlassen und den Hort der Gerechtigkeit aufzusuchen. Auch ich, der zarte und behütete Sohn seines Vaters, des frommen Rabbi im Orte, pliantasiebegabt und schon •riih der Lehre kundig■, kannte das Land Israel nicht viel mehr als dem Namen nach, eben so, wie es mir aus den Büchern der Thora entgegentrat, die im Kreislauf des jahres, von Herbst zu Herbst, jede Woche ein Abschnitt, gelesen wurden. Vom ersten Buche Mosis mit seinen Fr/־ vätergeschichteri, das mich in die Bezirke Kanaans Einblick nehmen ließ, gelangte ich während der kurzen Wintertage nach Mizrajim, dem Lande der harten Fron mit Ton und Ziegeln, und ich hörte die rauhe Stimme der Antreiber, die meine firmier drangsalierten und zur Arbeit hetzten. Die schwere Sünde der Anbetung des goldenen Kalbes überschattete in meiner Seele den Eindruck der Offenbarung und Gesetzgebung am Sinai. Dann kam der Tcmpcldienst der Sfiftshütte an die Reihe, inzwischen wurden die Tage lauger, und als der Schnee zu schmelzen begann und die ersten Pfade von der Sonne getrocknet worden waren, da war ich im Lesen der Schrift schon zu den ()pfern vorgedrungeu, zu den Schlacht-, Brand- und (ianzopiern. Den Sommer über erlitt ich die Beschwerden der vierzigjährigen Wüstciiwanderung, ich hörte das Volk vor Mose murren, sah die teilrigen Schlangen ihr Rachewerk vollziehen, mul midi schauderte. Danach aber besteigt der Mann Gottes den Berg Nebo, Gott läßt ihn von der Ferne das ganze Land der Verheißung sehen, und der Prophet stirbt durch den Mund Gottes. Nun hoffte ich jetzt den Einzug ins gi'lobte Land zu erleben und die Verkündigung an Abraham in Erfüllung gehen zu sehen, aber da kamen die Tage des Laubhüttenfcstes und der Gesetzesfreude, die Gebetmäntel wurden aneinander gebtmden und ein Baldachin aus ihnen gebildet, darunter stand das Volk eng aneinander gedrängt, Greise und Jünglinge, Vornehme und Geringe - und es erfolgte ein Ruck im Lesen der Thora: man kehrte zum Anfang zurück! Ehen war Mose verschieden, gegenüber von Jericho, und nun las man wieder: ״Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ - ״Und Gott sprach: Es sammeln sich die Wasser, es werde sichtbar das trockene Land, die Erde lasse aufgehen (iras und Kraut!“ Noch war die Sintflut nicht gekommen, noch war Sem nicht geboren und auch nicht Abraham, der aus Ur in Chaldäa nach Kanaan ziehen sollte .. . Oh, Gott meiner Väter, wie wert, wie lang ist doch der Weg bis zum Ziele! Aber siehe da, der Tag brach an, au dem ich das Land meiner Sehnsucht, zwar immer noch im Geiste, dennoch greifbarer als zuvor, kennen lernen sollte. Zwei Boten führten mich dorthin. Der eine war das Buch von den Taten Josuas und der Richter, der zweite die (jeschichte Samuels und der ersten Könige. Es waren große, schwere Bände, in Dvhcrnfurth gedruckt und von fesselndem Satzbild: den Hauptteil der Seite nahm der biblische Te\t in zwei Spalten ein, die eine Spalte war hebräisch, die andere die getreue Uebersetzung des Inhalts ins Ar.mw'iisehe, Vers lim Vers einander entsprechend; darunter befand sich der Kommentar von Raschi, an den seitlichen Rändern aber stand <1 ie deutsche Uebertragung in etwas ungewohnten, verschnörkelten Lettern. Das Papier war dick, grünlich im Ton, und die Blätter hafteten aneinander; man muhte heim Umwenden den Finger mit den Lippen befeuchten. Die zwei Bücher hatte mein Vater als Erbe von seinem Vater erhalten, der vor der Zeit lieiingcgangen war. Um die eigentliche Erbschaft hatten die Brüder meinen Vater gebracht, indem sie ihm drei Monate lang den Todesfall verheimlichten. Als er endlich davon erfuhr und den Ort aufsuchte, wo mein Großvater ״eicht hatte, da war die Habe schon verteilt, und meinem Vater fielen außer den erwähnten Werken mir noch zwei schadhafte Mischnahhände in die Hand, ein geflochtener Mvrteu/weig, zwei silberne Löffel und ebensolche Gabeln und ein Sciiahbatrock aus Seide. Ich aber nahm mir eines Nachts eines der beiden Hüeher vor, die mein Vater in die Ecke seines Bücherschrnnkes - - denn er betrachtete sie als Stiefkinder - gestellt hatte. Und ich las, wie Josua mit seinen Streitern den Jordan überschritt, Jericho und Ai zerstöitc und mit Schwert und Bogen nach und nach das ganze Land eroberte; keiner von den Königen hatte ihm Widerstand zu leisten vermocht! Fast schmerzte es mich, daß die Städte und Landstreeken so Schlag mir Schlag eingenommen wurden es wirkte heinahe, als sammelte einer von der Heime verlassene Eier ein , daß es kein Auf und Nieder in seinem Siegeszug gab wie sonst in meinen Träumen oder auch im!.eben. Ich las weiter, wie dem Volke Israel Richter zu Hilfe kamen, Dehora, Jeftah und Simson. Dann fing es von neuem an mit der Geschichte des Tempels zu Silo, wo Eli als Hohepriester seines Amtes waltete und den jungen Samuel in den!dienst cinweihte; danach erfuhr ich von Saul und David und ihrem Zwist, von Salomo und ()mit Zugleich mit den Ereignissen wurden mir auch die ()eTlIichkeiten bekannt, die Gebiete Judas und Efraims, die (iebirge Gillioa und Karmel; auf jedem Berge aber und auf jedem Hügel waren Heiligtiimer, wo man anbetete, und .Aitäre. wo man Schlachtopfer darbrachte. Und alle diese Schmierungen waren Zeugnisse menschlicher Kraft und Macht und zugleich der Einfalt des Cieist es. Ach. warum lebte ich nicht zur Zeit der Heroen Israels, seiner Richter, Könige und Priester! Alle Güter der Welt hätte ich hingehen mögen, damit dieser Wunsch mir erfüllt wiirde. Was hätte ich nicht geopfert, wenn mich jemand von der Erde, auf der ich saß, einporgehohen und nach Sidon am Meer oder gar 11.ich dem Hochlande Judäas gebracht hätte, daß ich die kunstfertigen Baumeister des Tempels und die Träger des Efod mit Augen hätte sehen dürfen! Wie groß aber war mein Erstaunen, als mir das kleine Büchlein ״Die Freudenhotin Zions“ in die Hand fiel und ich aus ihm entnahm, daß alle diese Plätze und Ortschaften noch heute realiter vorhanden waren: Jerusalem und Akko, Sichern und Hebron, dasselbe Hebron, in dem die Höhle Machpela mit den Gräbern der Erzväter sich befand! Die heiligen Plätze auf den Höllen und die Altäre seien allerdings abgetragen, stand in dem Büchlein, und es gäbe nur noch Gräber... AVer heute dorthin käme, könnte die Grabstätten א uns, des Vaters Josuas, die des Propheten Hosea, die Gräber Millels und Schammais, das des Jochanar! ben Sakkai und das große gemeinsame Grab der Märtyrer von Bene Berak in Augenschein nehmen. Eine namenlose Sehnsucht erfaßte mein Gemüt, und es verlangte mich stürmisch danach, dorthin zu ziehen, auf die Berge hinauf- und in die Höhlen hinah/usteigen, und das ganze Land noch als Lebender zu sehen; allzu ferne dünkte mir die Zeit, die auch an mich herankommen würde, wenn dereinst die Leiber, die in der Fremde begraben sind, auf unterirdischem Wege nach dem heiligen Lande rollen, um hier aufzuerstehen . . . Wie ich so voll war von diesen Gefühlen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht in der Stadt: Josua- Nathan, der alte Schächter, zieht in das Land Israel! % Josua-Nathan war ein guter Siebziger, klein vog Wuchs und etwas zur Fülle neigend. Line alte Wotlnmtze bedeckte sein Haupt an kalten und heißen Tagen, und immerwährend war er geschäftig, obwohl seit langem schon ein‘ junger Schächter seine Nachfolge übernommen hatte und die Ochsen zu schlachten pflegte. Das Schächten der Hühner und Gänse ließ er sich aber noch angelegen sein, außerdem ■ upd hauptsächlich jedoch bestand seine Mühewaltung darin, daß er seinem Schöpfer diente und ihn pries. Täglich rezitierte er alle fiint Bücher der Psalmen, las von den Gebeten auch die, die nicht vorgeschriebe!! sind, studierte in der Bibel und in den späteren Gesetzbüchern . . . Fr w ar der früheste Frühaufstc'lier, aß man bedenke: als Schächter . die Woche über kein Fleisch, und es gab kein Gebot, ob groß oder klein, das er nicht auf das peinlichste Befolgt hätte; ebenso gab cs keine Bestimmung oder A'eror-dn 1111g der späteren Gesetz es!nanuer, die er nicht in- und auswendig gekönnt und gehütet hätte. Und auch in seinem sonstigen Betragen war er eine Ausnahme und ein Exempcl unter seinen Mitmenschen. F.r verbreitete kein übles Gerücht und trug nicht weiter, was ihm zu Ohren gekommen war, er kannte keinen Neid und dachte niemals an den Lohn, der im Jenseits seiner harrte, denn auch im Paradies würde er sich scheuen, mit den Großen zusannnenzusitzen! Die Werke der Nächstenliebe verrichtete er still und schlicht und ohne viel nachzudenken, denn was hat der Mensch groß zu grübeln über das, was Gott befiehlt! Das Haus Josua-Nathans war das älteste und unscheinbarste der Stadt. Es war bis zu seiner Mitte in die Erde eingesunken und stieß mit dem schadhaften!)ach, ebenso mit der einen Wand 'an das Bethaus. Es war im gewissen Sinne auch ein Teil desselben und wurde als Retraum benutzt, wenn während der Festtage oder zu einer Zeit, wo im Orte viele Hochzeiten stattfanden, der Hauptraum überfüllt war, vor allem aber dann, wenn der Tempel frisch gestrichen und erneuert werden mußte. Die Arme״, die in die Stadt kamen und für die der Platz im Bethaus nicht reichte, übernächteten hei Josua-Nathan. In der Stube stand ein großer langer Tisch aus rohem Holz, und der war sozusagen1 allgemeines Eigentum. Die Tür des Hauses stand immer offen, und die Jungen schnitten mit ihren Messern in die Tischplatte oder zeichneten mit Bleislift darauf die seitsamsten Fratzen ans dem Tier- und Pflan zenreiehe, denn Papier war dazumal ein rarer Artikel in Tulna. Es machte auch niemandem etwas ans, wenn mit dein Pfriem ein l.och in den Tisch gebohrt wurde. I Sorh nicht allein der Tisch stand zu allgemeiner Benutzung da, an der Wandu 11 r wurde das Räderwerk bloßgelegt und untersucht, im Schlafraum wurde Versteck gespielt, auf dem Dach 11erumspaziert. Hie Frau Josua-Nathans glich in ihrem Wesen ihrem Galten und kannte weder Zorn noch Ungeduld. Und jetzl kam, wie gesagt, die überraschende Kunde, daß die zwei Insassen dieser Hütte nach Jerusalem ziehen wollten1 Die ganze Stadt widerhallte von der Nachricht, im Betlians, auf dem Mario und in den Kaufläden wurde sie diskutiert: ein Gesprächsthema wie dieses hatte die Stadt Tulna seit ihrem Bestehen nicht gehabt! Nun traf es sich gerade zu dieser Zeit, daß der Eruw der Stadt, der ein Menschen,alter lang existiert und die Bürger vor der Entweihung des Schahhats bewahrt hatte, Scliaden erlitt. Die Sache kam so. Der Priester der christlichen Gcmeimle wurde anderswo!unversetzt, und ein neuer kam an seine Stelle. Da starb kurz darauf ein reicher Bauer, und es gab ein prunkvolles Begräbnis mit Fahnen und funkelnden Kreuzen. Der Priester schritt im weiten goldstrotzenden Gewand mit dem hohen Hut auf dem Haupte und saug mit rauher Stimme den Tr.iuersang. Wie der Zug aber an dem Eruw vorbeikam, das heißt an dem an Pfählen befestigten Strick, stieß ein Fahnenträger mit der Fahnenstange an den Pflock, und die Flagge fiel zur Erde. Der Priester meldete die Sache der Behörde in Kiew und gab den Juden die Schuld an dem Vorfall; sogleich kam der Befehl, den Eruw ahziisehaffen. Also wurde Tulna zur Stadt mit offener Grenze. Die Leute hatten sich schon daran gewöhnt, ihre Betmäntel, Gebetbücher und Taschentücher am Schabhat frei mit sich 'hcrumzutragen, und nun war es nicht mehr statthaft, sie aber konnten nicht so bald davon lassen. So kam es zu vielfachen Uebcrtrctungen des Verbots, und dem konnte der Schächter Josua-Nathan nicht kaltblütig zuschauen. Das war auch, so meinten etliche, eine der Ur- Sachen, warum er die Stadt verlassen und in das Land der Vater ziehen wollte. Andere wiederum behaupteten, er hätte einmal, als er krank war, das Gelübde getan, falls er das debzigste Jahr erleben würde, die Fahrt nach Jerusalem zu unternehmen. - ich seihst hatte mir noch eine andere Erklärung zurcclitgelogt, und die lautete so: Gott sei dem Schächter ini Traume der Nacht erschienen und habe zu ihm gesprochen: ״Geh aus deinem Heimatlande Tulna und zieh in das Land der Kinder meines Bundes!“ Diese Deutung teilte ich meinen Freunden mit, und sie staunten ob des Wunders. Was uns danach 1mbcgrcifiich blich, das war, daß der Schächter die Erlaubnis zu semem ,Auszug sich noch hatte besonders erbitten müssen z״•׳«‘ von seiner betagten Hausfrau, dann von seinen E G! <1 e auf dem benachbarten Friedhof schlummerten, uni z1׳'!■: auch von dem Rabbiner, meinem Vater. Mein Vater, der damals noch nicht halb so alt war wie Josua-Nathan, neigte sein Haupt

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