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Jüdische Rundschau · 1935-08-23 · Heft 68 (23.8.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 68 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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jüdische Rundschau Palästinensische Umschau NR. 68 23. AUGUST 1935 Karmel •Entwicklung Aus dem Alltag des Arabers , Von Anselm Bing ,, P.'c..ers*c Voraussetzung für die von vielen erstrebte Verständigung mit den arabischen Lamlcsbcwohnern ist Kenntms des arabischen Volkes, seiner Religion, seiner sozialen Schichtung und seiner volkhaften Wirklichkeit. Wem! man mit einzelnen Arabern in engere Berührung kommt, entdeckt man Fehler und Werte an ihnen. Erst eine Fühlungnähme von Mensch zu Mensch ergibt die Basis einer kiinftigen Verständigung. Ich möchte einige Beobachtungen wiedergeben und würde es für wichtig■ halten, wenn aus allen Kreisen des l.andes Berichte über Erlebnisse und Beobachtungen in der arabischen Umwelt gesammelt werden. Am Scliabbiit-Mittag liegt das Dorf ruhig in der prallen Sonne. Ein Polizeiaiito fährt schnell, lärmend und staubaufwirbelnd i!1 den Hof. Die Kinder springen auf, laufen neugierig näher, sehen zwei Polizisten aussteigen, die hinter sich einen ge fesselten Araber führen. Alis dem Auto werden Decken geholt, die auf dein Rasen ausgebreitet liegen bleiben, damit jeder sehen kann, ob sie etwa sein Eigentum sind. Die beiden Uniformierten wollen mit den Leuten des Dorfes sprechen und den Diebstahl der Decken aufklären. Bevor sic ins Haus treten, geht der eine auf den Araber zu, heißt ihn niederhocken und bindet ihn mit den Händen auf dein Rücken an eine Holzsäule. Der Oefangene sieht elend aus, sehr schmutzig, mit Lumpen bekleidet. Die umstehenden Neugierigen sehen jetzt, daß er aus einer Fußwunde blutet. Wahrscheinlich ist er angescliossen worden. Er hat den Diebstahl offensichtlich in großer Not begangen. In dein eisigen Schweigen der Menge zeigt sich nur Verachtung, kein Funke verständnisvollen Mitleids. Mail bringt ihn ins Krankenhaus. Vor dein S t a a t s k r a n k e n h a u s in Jaffa sitzen etwa vierzig arabische Männer und Frauen. Sie hocken auf dem Sand, die meisten ziemlich ärmlich gekleidet, aber auch einige mit dem Seidentuch um den Fez, dem Zeichen, daß sie Mekka als Pilger besucht haben. Der Scheich ihres L)orfes ist krank und jede Familie hat einen Abgesandten hingeschickt, daß er sich von seinem Wohlergehen überzeuge und ihm Geschenke bringe. Drei verschleierte Frauen tragen einen Bastkorb mit Früchten, ein Glas Oliven ist von der Seite zu sehen. Mahmud, der Torwächter, läßt immer nur vier auf einmal herein, wacht, trotz heftigen Protestes, streng über diese Anordnung. Die Besucher kommen mit glücklichen Gesichtern und sehr lauten Reden zurück. Gesprächsstücke sind zu hören: ... Er hat mich hochgeiobt ... Aber seine Augen sind trübe ... er hat eine Frau zur Pflege am Tag und eine andere zur Nacht ... er sieht rot im Gesicht aus wie sein Vater, als er alt war. Die Tore werden geöffnet, das Auto des englischen Arztes fährt auf dem betonierten Weg scharf an das Hauptgebäude heran, an das der gläserne Operationssaal angeklebt scheint. Drinnen haben die beiden Pfleger und die Schwestern einen Jungen von 7 Jahren schon zur Operation vorbereitet. Auf der Wartebank in der Vorhalle sitzen seine Mutter, sein Vater und sein Großvater. Der sieht grau und verfallen aus, wiegt sich nach vorne, zurück, immer wieder vor und zurück, betet weltabgcwandt mit geschlossenen Augen fast immer dieselben Worte. Der Arzt tritt im weißen Kittel mit aufgekrempelten Aermeln aus seinem Ankleidezimmer. Plötzlicht macht die Frau eine heftige Wendung, fällt auf die Knie, erfaßt die Hände des Arztes, küßt sie schnell mehrere Male, immer abwechselnd die rechte und die linke, immer rascher um! aufgeregter, sieht ihn aus tränenüberströmten Augen an und ruft: Diese Hände werden ihn retten! Zuletzt nur noch das Wort: Hände! Der Arzt vergißt in seiner Bestürzung, daß es richtiger wäre, verlegen auszusehen; in seinem Gesicht steht ein leicht hochmütiger Zug, als ob ihm diese gottähnliche Verehrung nicht so sehr mißfalle. Aber das dauert nur Sekünden, daun macht er sich leicht ärgerlich frei, die Schwestern helfen der Frau beim Aufstehen, führen sie zitr Bank, wenden sich schnell zum Operationszimmer, die Tiire aus Milchglas schließt sich endgültig. Die drei auf der Bank sind jetzt wie zu einem Wesen /usamniengewaclisen, schauen in unsäglicher Trauer und übergroßer Spannung immer diese Türe an, den blanken Griff und die graue Politur, rühren sich nicht vom Platz. Der Alte ist verstummt. Im Vorraum steht noch ein jüdischer Besucher, der den Arzt sprechen will und dein die Verzweiflung der drei sehr nahe geht. Der Alte kommt auf ihn zu, flüstert aber so rasch und erregt, daß der andere nur ungefähr den Sinn seiner ängstlichen Frage begreift: Ob er glaubt, fragt er, daß das Kind gerettet wird. Der Jude möchte ihn so gern trösten und sagt ihm, was ihm Propaganda für Palästinas Erholungsorte Von Dr, J. Adler, Tei-Awiw Der Fremdenverkehr ist ein Sorgenkind der palästinensisehen Zahlungsbilanz. Eine kurze Statistik macht das klar, die sich — in Schätzungswerten, da amtliche Berechnungen, auch für frühere Jahre, leider nicht vorliegen — auf das in dieser Hinsicht heute schön gut zu beurteilende laufende Jahr 1935 bezieht: Ausgaben ausländischer Touristen in Palästina CP 500 000 Ausgaben palästinensischer Touristen im Auslande ■CP 900 000 Passiv-Saldo zuungunsten Palästinas CP 400 000 Gegenwärtig gleicht diesen Fehlbetrag, ebenso wie auch das noch uin ein Vielfaches höhere Defizit der Handelsbilanz, der mit der Immigration verbundene Kapital-Import aus. Wird aber hierauf dauernd zu rechnen sein? Die weitere Erörterung dieser Frage kann man sich sparen, wenn man daran denkt, dall es sich ja nicht nur um ein theoretisches Problem der Zahlungsbilanz, sondern auch um ein höchst praktisches Interesse eines wichtigen palästinensischen Erw e r b s z w e i g e s handelt. In den letzten Jahren haben an den landschaftlich hervorragenden Punkten Palästinas, an der Mittelmeerküste, in den Bergen und ganz, besonders auf dem Karmel-Gebirge bei Haifa, das die Vorzüge von Meeresnähe und Höhenlage vereinigt, wagemutige und großenteils auch fachkundige Unternehmer ein modernes Hotel- und Pensionswesen aufgebaut, das nach den investierten Kapitalien einen nicht zu ignorierenden Teil des palästinensisch-jiidischen Volksvermögens darstellt. Auf dem Karmel (Zentral-Karmel, West-Karmel, Achusah) gibt es gegenwärtig 22 Hotels und größere Pensionen, mit insgesamt rund 550 Betten.' Außerdem wird noch an mehreren Neubauten gearbeitet. Dazu ist in der Achusah soeben das neue ״Karmel-Sanatorium“ eröffnet worden. Aut dem Karmel, wie auch in Tiberias, in Safed und an den anderen Plätzen Palästinas, wo man heute Hotels und Pensionen nicht nur für Passanten und Immigranten, sondern speziell auch für Erholungsuchende zu errichten beginnt, sehen sich die Interessenten vor zwei Notwendigkeiten gestellt: Hebung der Kurort-Qualität und Besucherwerbtirig im In- und Auslände. Was die Entwicklung unserer palästinensischen Erholungsplätze zum modernen Kurort-Typ betrifft, so fehlt es nicht an drängenden Aufgaben; da müssen Verkehrsanschliisse verbessert und Autostraßen gebaut, Parkanlagen, Sporttmd Spielplätze geschaffen, Fußwege zu den Aussichtspunkten hingeführt, Ruhebänke aufgestellt, Natur- Schönheiten geschützt werden. Und was die Propaganda angeht, so versteht es sich von selbst, daß Palästina gegenüber den Bemühungen der benachbarten Reiseländer wie gerade einfällt, den einen Satz aus der Schrift: Gott ist viel größer als alle andere Macht. Der Araber ist ganz beglückt, er strahlt über sein ganzes braunes Gesicht, wiederholt immer diesen einen Satz und drückt mit beiden Händen ganz stark den Arm seines Trösters. Dann geht er zurück zu den beiden andern. Die starren immer noch geradeaus. Nach etwa einer Stunde öffnet sich die Tür, zwei Pfleger tragen auf einer Bahre den Jungen vorüber, die drei erheben sich automatisch und wollen folgen, der Arzt hebt den Arm und sie starren ihm ins Gesicht, drei Augenpaare mit einer Spannung, für die es keine Steigerung mehr gibt. Der Arzt sagt: ״Gut iibersianden.“ Unvorstellbar rasch verwandeln sich die drei Gesichter, lächeln breit und glücklich, nur die Tränen rollen, ohne daß sie jemand darum gebeten hat, ganz selbständig und im Widerspruch zu dem Lächeln immer weiter. Am anderen Tag sitzen auf derselben Stelle im Kreis etwa zwölf jüngere und ältere Frauen und warten darauf, daß ihre Verwandte, die eben hinter dem eisernen Tor verschwunden ist, bald wiederkommt und ihnen Bericht gibt von dem Befinden ihres schwerkranken Mannes. Es dauert sehr lange, bis sie zurückkehrt. Es ist eine ziemlich junge Frau, der man jetzt das Tor öffnet, sie trägt keinen Schleier Aegypten und Libanon, Griechenland und Rhodus, Italien und lugoslavvien nicht Zurückbleiben darf. All das kann an sich von der Fremdenindustrie selbst kaum geleistet werden. In Europa und auch im Libanon beschäftigen sich mit dem Ausbau der Kurorte zu wirklichen Erholungszentren teils kommunale, teils staatliche Behörden, in der Regel spezielle Kurverwaltungen, und ihnen, meist in Verbindung mit den Eisenbahnverwaltungen, obliegt auch die Propaganda. Ganz anders in Palästina! Zwar findet man auf dem Bahnhot in Jerusalem ein Werbeplakat für Norwegen und auf dem Bahnhof von Ras-el-Ain bei Tel-Awiw eines von Britisch-Malaya, aber für Palästina wirbt die Mandats- Verwaltung und Eiseiibalm-Generakiirektion weder im Innoch im Auslande; auch hat sie bisher weder Prospekte noch Plakate drucken lassen, und trotz ihres Reservefonds hat sie bisher für den Ausbau der Kurorte weder selbst etw׳as Wesentliches getan, noch die betreffenden Kominunalinstanzen dazu angehalten. In dieser Situation haben sich die Verkehrs-Interessenten des Karmel-Gebirges zur Selbsthilfe entschlossen. Die ״C11 ew rat Har Hak arm e!“ (Gesellschaft firr das Karme!-Gebirge) ist kürzlich gegründet worden, aus der sich der erste wirkliche Fremd enverkehrsve rein Palästinas entwickeln soll, und in ihrem Rahmen wiederum als besonders aktive Verfechterin der Karmel-Belange die Sektion der Hoteliers und Pensionsinhaber, der es gelungen ist, in auch für Palästina vorbildlicher Solidarität sämtliche Betriebe des Beherbergungsgewerbes auf dem Karmel zu Mitgliedern zu gewinnen. Die Bestrebungen dieses Verbandes, der ein wichtiger Baustein zu einer Oesamtorganisation der palästinensischen Fremdenverkehrs-Industrie werden kann, erscheinen aussichtsvoll. Gute Beziehungen /tun nordpalästinensischen Distrikts- Kommissariat und zur Munizipalität Haifa lassen erwarten, daß die Anregungen des Verbandes zur weiteren Verk e 11 r s e r s c 111 i e li 11 n g <1 e s K a r in e 1 und zur Schaffung aller für einen Kurort notwendigen Einrichtungen die gewünschten Folgen haben werden. Es kommt darauf an, den Aufenthalt in dieser Bergwclt — denn der Karmel ist ja nicht bloß ein einzelner Berg, sondern ein ganzes Gebirge für sich -- bequem und genußvoll für jedermann zu gestalten, für den ausländischen Touristen sowohl, der einen Teil seines Palästina-Aufenthalts nach anstrengenden Studien und Rundreisen der reinen Erholung widmen will, als auch für den Palästinenser, der künftig kostspieligen Auslandsreisen ein besseres Kennenlcrnen der eigenen Heimat vorziehen möchte. Um den Karmel noch volkstümlicher als bisher zu machen, wird man sich besonders auch um die Vor- und Nachsaison bemühen; namentlich sind preiswerte Pauschalkuren vorgesehen. Als erste propagandistische Arbeit wird der Verband demnächst ein Karmel-Plakat herausbringen; weitere zeitgemäße Werbemaßnahmen sind noch geplant, vor allem unter der Devise, daß auch die Förderung der einheimischen Fremdenverkehrs - Interessen dem ״Tozereth- Haarez“-Prinzip entspricht. vor dem Gesicht und man kann ihr in die weit abgerissenen, dunklen Augen sehen. Langsam tritt sie genau in die Mitte des Kreises der wartenden Frauen, steht einen Moment unbeweglich. Die Sitzenden erheben sich genau gleichzeitig und stehen wortlos. Die Frau hebt ihre Hände, man sieht ihre dürren braunen Finger, die fallenden Aermel und drei silberne Reifen am rechten Arm. Sie wirft den Kopf zurück und schreit mit einer rauhen, grellen und überlauten Stimme das entsetzliche Wort: ״Tot!‘‘ Schreit es dreimal. Der Kreis wiederholt es. Sie schreit es immer wieder, immer rascher, schlägt sich gegen die Brust, reißt sehr heftig an ihren Haaren, zerrt ihren Kopf damit herüber und hinüber. Die Frauen im Kreis schreien, springen hoch, schlagen sich Brust und Schenkel, stürzen auf die Erde, krallen die Hände in den Sand. Immer wieder klingen ihre harten, schrecklichen Rufe: Tot, tot! gellt es immer wieder. Die Witwe liegt jetzt ausgestreckt auf der Erde, den Kopf auf dem rechten Arm, die Frauen um sie herum, hocken kniend und werfen sich, den Oberkörper weit vorschnellem!, immer wieder zur Erde, biegen sich zurück zur einen Seite und zur anderen. Die Trauernde wacht von neuem aus ihrer Erschöpfung auf, und wieder beginnt von neuem der erschütternde Jammer. Von Tel-Awiw nach Jerusalem Fahrt durch klassisches Gebiet Gibt cs eine bessere Chaussee als die von Tel-Awiw nach Jerusalem? Sie strahlt in der Sonne wie poliert, kein Chauffeur braucht sich durch Besorgnis vor Unebenheiten Hemmungen aufzuerlegen. Und doch wird die Geschwindigkeit gelegentlieh herabgesetzt. Man darf nicht vergessen, daß in der kurzen Fahrt von Tel-Awiw nach Jerusalem nicht bloß fast 70 km Weg, sondern auch fast 800 m Stei g u n g überwunden werden. Diese Steigung bedeutet an sich schon Verminderung der Geschwindigkeit, aber der Höhenunterschied wird vor allem bezwungen durch ein System von Kurven, das auch den Laien zur Bewunderung zwingt. Der erste Teil der Strecke, etwa ein Drittel, verläuft noch in der Küsten ebene, in der Hauptsache von Westen nach Osten. Hier sind wenig Krümmungen, und der Autobus entfaltet eine Schnelligkeit, die nicht weiter denunziert werden soll. Dann aber erschließt sich das Gebirge Juda. Oder besser gesagt, es erschließt sich sehr ungern. Ein paar Kilometer irrt die Chaussee an der Gcbirgsmaiier entlang, bis sie sich durch eine Lücke plötzlich in die Berge hineinzwängt. Es gibt dort nirgends bequeme Längstäler, die dem Motor freien Lauf lassen. Das Gebirge Juda ist ein eigenwilliges Stück Erde, wie ja das ganze Land in keine Formei paßt. Manche Berge ragen, knapp an der Straße beginnend, bedrohlich in die Höhe, dann wieder öffnet sich ein weites Tal, vom Horizont abgegrenzt durch allmählich aufsteigende Bergsättel. Ein andermal erblickt man unmittelbar am Autobus einen tiefen senkrechten Fetsabsturz, tief unten ein Araberdorf, dann wieder weit ausgedehnte üelbaumwäkler. Einsame Polizeistationen, malerische graugelbe Araberdörfer aus Naturstein, Anfänge jüdische: Siedlung schieben sich dazwischen. 40 km lang ist die Straße cingesäumt von den für die Wasserversorgung Jerusalems bereit liegenden Rohren. Dieses Gebirge träumt noch in die Jahrtausende zurück, verlegte vorsätzlich der Chaussee die gerade Linie und zwingt sie zu zahlreichen Windungen. Dadurch entsteht eine Strecke, die jedesmal für den Chauffeur eine Staatsprüfung bedeutet. Trotzdem hat noch keiner beim Lenken seinen inneren Frieden verloren. Im Gegenteil, mancher pfeift unausgesetzt fröhliche Lieder. Am gewaltigsten sind die Kurven kurz, vor dem Arbeiter- Sanatorium bei Moza. Das ist auch der höchste Punkt der Fahrt, fast 1000 m; von hier erblickt man, wie in der Schweiz, ein kunstvolles, zusammenhängendes System von Biegungen, die den Weg mit stärkster Neigung auf kurzer Strecke 150 m herabfiihren. Stets sieht man von oben Autos in gleicher und entgegengesetzter Richtung, übersichtlich wie auf einer Landkarte, sich gegeneinander Bewegen. Mail vergißt alle Stimmung und bewundert nur die technische Leistung. Aber abgesehen davon kommt es einen hart an, im Fluge so alte eigene Geschichte und Kultur durcheilen zu müssen. Hier müßte das Auge mit der Zeitlupe aufnehmen. ״Das ist das Land“ heißt es in Alt-Neuland. Während jedoch Haifa, auf das sich die Worte Herzls beziehen, vom Leben vor 3000 Jahren nur gestreift wurde, führt dieser Weg von Jaffa nach dem alten Jebus durch den Kern des alten Judenlandes. Drei Hauptstraßen gehen von Tel-Awiw aus. Nach Norden über Petach Tikwah bis Haifa. Das ist keine Chaussee mehr. Von Tel-Awiw bis Bnei Brak, unmittelbar vor Petach Tikwah, Fabrik an Fabrik, eine fast schon städtische Straße, mit stärkstem Lastairtoverkehr. Dann der Weg nach Gazah über Rischon le Zion, in deutlicher Entwicklung. Aber das Land zu beiden Seiten der Chaussee nach Jerusalem ist noch zu erschließen. Dieses Ackerland der ersten Alijah vor über 3000 Jahren sieht man noch genau so wie zu jener fast sagenhaften Zeit. Auf den Wegen «kennen wir Gestalten, in Tracht, Haltung und Beschäftigung keineswegs unterschieden von den wohlvertraut eil Bildern aus der Doreschen Bibel. Frauen im faltenreichen langen Oewande, malerisch einen Krug oder einen breiten, flachen Korb auf dem Haupte tragend, weitausschreitende Araber, denen die Mittagshitze nichts anhaben kann, ein schw erbeladen es Kamel führend oder eine Herde gelber Lämmer oder tiefschwarzer Ziegen vor den vorbei■ sausenden Autos sichernd, andere weit im Felde arbeitend, oder zur gegebenen Stunde sich im Gebet neigend, dann wieder Männer, ruhend unter einem Baum oder vor dem Zelt, das manchmal nur aus einem Stück Segeltuch auf vier dünnen Aesten besteht. Die im Auto vorbeisausen, wissen meist nicht, daß sie im lebendigsten Film ihr Lehen vor Jahrtausenden Wiedersehen, und sie wissen nur, daß ein vorwärtsdrängendes seit Jahrtausenden in ihnen lebt, daß sie dorthin zuriickkehren, von wo sie ansgegangen sind, aber vollgesogen mit der Weisheit des Wcltwandcrers und entschlossen, das Land, das auf sie gewartet hat, aufzubaucn. Bis R a m 1 e h mit seinem großen Militärflugplatz reicht noch der jüdische Boden, große Pardcssitn, in ihrer Mitte das schloßartige Mikweh Israel mit schöner Palmenallee als Zufahrtsweg. Von Ramleh an bis zum Gebirge nur Aecker und Gemiiseland, einfachste Bodenbestellung und biblische Art der Ernte: Vieh wird in einer Reihe immer wieder im Kreise über die platt auf der Erde liegenden Garben getrieben, bis die Körner vom Stroh getrennt sind. Dann wird mit der Schaufel die Ernte gewürfelt, und die Spreu scheidet sich vom Weizen. Lämmer und Ziegen weiden auf den Stoppelfeldern. Das Land ist schwach bevölkert. Die Fruchtbarkeit des Bodens überrascht auch den Städter: der Mais hat eine ganz frische tief grüne Farbe, die Wassermelonen, die auf freiem Felde gezogen werden, sind von erstaunlicher Größe und Süße. Allmählich beginnt jüdisches Interesse sieh hierher zu richten. Mit modernen Methoden wird hier Bedeutendes für die Land- Wirtschaft in der Ebene, für die Obstzucht im Gebirge geschehen. Bescheidene V'ersuche sind im Gebirge mit der Forst- Wirtschaft begonnen worden, aber die jungen Zypressen haben sich durchgesetzt, sie stehen schlank und feierlich im Winde; man ahnt, wie schön dies« Gebirge einst durch Zypressenwälder werden wird. Kommt der Abend und seine Dämmerung, so tritt die Erinnerung vor die Gegenwart, die Stimmung vor die Betrachtung. Der Mond jedoch, noch strahlender als in der Ebene, lenkt den Blick auf die Konturen des Gebirges und zeigt die Landschaft nun wie in der alten Zeit ... Bcz alle! I

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