Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1935)
- Date
- 1935-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sott« 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 23. VIII. 1935 Ben Gurions Referat Am kommenden Diinstag beginnen wir mit dem Abdruck unseres neuenRomans in der furchtbaren Zeit einer großen politischen, ökonamisehen, geistigen Weltkrise, die wir durchleben, hat die zionistisehe Bewegung •drei Aufgaben zu erfüllen: das Tempo des Aufbaus Palästinas zu beschleunigen, unsere historischen Rechte und!innere wachsende Stellung jn Erez jsrae| /u feSEgen und schlicIIIich das ganze jüdische Volk zu vereinigen und zu organisieren. Es sei leicht, — so führt der Redner aus —, dem unglückliehen Volke große Versprechungen zu machen, aber es gibt kein größeres Verbrechen, als leichtfertig mit der Verantwortung zu spielen. Zwar meint Zionismus nicht die teilweise Erlösung־ des jüdischen Volkes, sondern die voiUtändi sehen Volkes. Das ist aber vi rationell, und niemand kann Ziel für das Werk einer Ue und dieses besteht darin, Koto : Archiv •■!... ־!sä4 ge Erlösung des ganzen jüdi- Gleicht eine Sache von (jenedie Zukunft erschauen. Ein neration muß man sich setzen, in Erez, Israel eine Million jüdischer Familien zu verwurzeln. Die Voraussetzungen hierfür sind: Wir müssen viel mehr neue blcdlungsplälzr, neue Arbeit schaffen. Ferner dürfen wir in Erez Israel nicht eine neue (ialuth schaffen, lind das bedeutet, daß wir eine große Anzahl von jüdischen Bauern, jüdischen Arbeitern und jüdischen Handwerkern in Erez Israel brauchen. Das erfordert eine gewaltige Hachscharah-Arbeit, l .111 ׳ s c 111 c!1 f!1 n g Von g roß c 11 j ü d i s c ii e 11 M a s s e 11. Soli das jüdische Volk 111 Erez Israel ein normales und gesundes!.eben führen, dann muß wenigstens ein Drittel fjes, jüdischen Volkes auf dem Lande ansässig sein. Das jüdische Volk hat darüber hinaus die große historisch-kultureile Aufgabe, den vernachlässigten Boden Palästinas frtiehlbar zu machen und die Fruchtbarkeit und ProduktMMft des bereits bearbeiteten Bodens zu intensivieren. In diesem Zusammenhang spricht der Redner von der großen Bedeutung d« Wassers in Erez Israel sowie von dem Erfordernis einer ^Wissenschaft, die die Landwirtschaft Palästinas In bezug aut Fachwissen und Qualität zur höchsten Stufe führt. Das jüdische_ Volk mul) alle seine Wissenschaftler rufen, damit sie all ihr Wissen und Können in den technischen Dienst des Aufhaus von Erez Israel stellen. Eine ungeheure Rolle für den Aufbau des Lundes spult auch, wie Ben Uurion ansfuhrt, das Meer, und dies sowohl in ökonomischer wie auch in politischer Hinsicht. Es ist ein Armutszeugnis für die Bewegung, daß der ganze Schiffsverkehr mit Palästina, einer der größten im Mittelländischen Meer, fast ausschließlich nichtjüdisch ist. Das Meer gibt neue Existcnzmöglichkcilcn für Zehntausende von Familien, und es bedeutet auch einen großen politischen und strategischen Halt für das jüdische Volk ln Erez Israel. Um die riesigen wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben zu׳ erfüllen und die erste Million jüdischer Familien in Palästina anzusiedeln, sind gewaltige finanzielle Mittel notwendig, und zwar nationales Kapital. Nationales Kapital 1t11 weiteren Sinne ist jedes Kapital in Erez. Israel, sei es nationales oder privates, das jüdische Arbeiter beschäftigt. Die treibende Kraft aber, die auch das private Kapital i!1 den Dienst der nationalen Ziele stellt, muß das nationale Kapital im engeren Sinne bleiben, das sich im kollektiven Besitz des gesamten Volkes befindet und durch Keren Hajessod, Keren Kajemcth und die Rank ver* körpert wird. In einem weiteren Teil seiner Ausführungen kommt Ben Clurion auf die Kooperation mit der Mandatarmacht zu sprechen. Die Lösung unserer großen Aufgabe Ist unmöglich ohne eine solche ehrliche und effektive Kooperation. Jeder leichtsinnige Schritt, die politische Kooperatlon mit der Regierung zu untergraben, bedeutet Verrat am Erlösungsstreben des jüdischen Volkes. Aber Kooperation heißt Zusammenarbeit von zwei Partnern, heißt loyale und würdige Zusammenarbeit. Jedem Versuch, Einrichtungen zu schaffen, die in Widerspruch stehen mit dem historisehen nationalen status, den nicht die Juden in Erez. Israel allein, sondern das ganze jüdische Vofk auf Grund seiner historischen Rechte und mit der Anerkennung der Völker erworben hat, müssen wir unserem politischen Partner ein entschtoaiene■ und energische! Nein entgegenrufen. Die nächste Etappe, die Aufgabe der Stunde, sei die Verdoppelung des jetzigen Jisehuw in Palästina. Da* Jahr 1933 wird einen besonderen Platz in unserer Geschichte einnehmen, denn es hat die großen Möglichkeiten für die Aufnahme jüdischer Massen in Erez Israel bewiesen, und es 11at die große chaluzischc Kraft der jüdisehen Jugend zur führenden Kraft im Zionismus gemacht. Die Exekutive übernahm die Leitung mit einer Einwanderung von 10 000 jährlich. In dieser Kongreßperlode sind zum ersten Male in der Jüdischen Geschichte Innerhalb Von zwei Jahren 100 000 Juden nach Erez Israel zurückgokehrt. Zur Ehre der Mandatarmaeht muß unterstrichen werden, daß auch ihr wohlwollendes Verständnis zum Wachsen der Alljah heigetragen hat. Aber die eine schwere Anklage erheben wir gegen sie, daß sie in diesen zwei fahren die ungeheure jüdische Not und die wachsenden Bedü:־'־isse in Erez Israel nicht berücksichtigt hat, sondern künstlich und ungerecht die jüdische Arb e i t e r e i n w a n d e r 1! n g begrenzt hat, so daß wir wichtige Positionen ve-hren haben. Wir erkennen weiter an, daß die Regierung die Ruhe aufrecht erhält, können aber nicht einverstanden sein, daß wir in den Sicherheitsfaktoren ungenügend vertreten sind. Zum Schluß seiner Ausführung weist Ben Ourlon auf die Notwendigkeit hin. die Zionistische Organisation auszubauen. Die Millionen von fuden sind bereit, sie warten nur auf die organisierende Hand, die sie zusammenlassen soll, wir aber haben keine Zionistische Organisation, wir haben KI fl ST!“HS Holei Silvretta vi. Kurhaus KnUllvHl ™ BBÄKIH 200 Betten, M*t«t!«den Komfort. Strandbad Schwaft. 1350 m e'eklrinch tfeheizt. P«n*!on!f>Hfcis fr«. 14.50• «*I Ul...fliLfl.M Einfach und RuU P«ntlon1t>reU fr». II.—־ tiasxitoi mrsenen «!!«ס*"*• w.«..r «!!*ח nur Parteien! Die Zionistische Organisation muß in allen Ländern die großen jüdischen Massen ergreifen, die jetzt wegen der inneren Zersnlitterung keinen Platz In ihr finden. Bei aller Rücksicht auf Meinungsverschiedenheiten, hei voller Ideenfreiheit, die pich in anständigem und ehrlichem idcologischen Kampf äußern kann, muß , die Zionistische Organisation zu jenem Lage• werden, das auch alle jene Massen umfaßt, die nicht den Pa-teien ««gehören. Die Zionistische Organisation muß neu belebt, der zionistische Gedanke vertieft werden. In dieser Zeit der vollständigen Zcrsnlitterung des jüdischen Volkes aus geogranhischen, sprachlichen, sozialen Gründen — wir gehören verschiedenen Klassen an oder meinen cs wenigstens (Bewegung) — stehen wir auch vor der Gefahr der völligen Zertrümmerung des jüdischen nationalen Gedankens. Die Zionistische Bewegung, die trotz großer Meinungsverschiedenheiten eine Gemeinschaft des großen jüdischen Glaubensbekenntnisses zur Renaissance im eigenen Lande ist, sie hat um sich das ganze jüdische Volk Aus dem Hebräischen übertragen v.Dr.Max Mayer, Jerusalem Dieses Werk der aus den Reihen der palästinensischen Arbeiterschaft hervorgegangenen Verf assere ist ein Hohe- Jied der Arbeit, die von jüdieehen Menschen auf dem Boden Palästinas 1m Kamff mit den schwersten äußeren Bedingungen geleistet wurde zu scharen und den jüdischen nationalen Gedanken aufs neue zu vertiefen und zu verstärken, und zwar durch Schaffung von Organen, die um sich das Beste des jüdischen uei• st es in allen Ländern und Sprachen sammeln sollen. Was die gemischte Jewish Agency anbetrifft, sc haben unsere zionistischen Freunde sich während der schwe■ ren politischen Momente sehr loyal verhalten, was uns bedeu• tenden politischen Nutzen gebracht hat. Aber organisatorisch und »k 0 I o n i s a t o r i s c!1 sind unsere Hoffnungen auf die Jewish Agency nicht verwirklicht worden. Die Aulgaben für den gegenwärtigen Moment und für die nahe Zukunft, 80 schließt Ben Gurion seine Ausführungen, sind groß und mit ungeheuren Schwierigkeiten verbunden, aber wir sehen die großen historischen Kräfte, welche alle Schwierigkeiten überwinden können: einerseits die unjfeheure Not, andererseits den chaluzischcn schöpferischen Genius des jüdischen Volkes. (Der Kongreß spendet dem Red■ ner starken, langanhaltenden Beifall.) ¥ In der Nachmittagssitzung wird zuerst das Referat über die politische Arbeit von Prof. Brodetsk y erstattet. Die Inhaltsangabe dieses Referates wer• den wir nachtragen. Nach Brodetskys Rede folgt die Wahl des Präsidiums Hierzu wünscht zunächst der Misrachi eine Erklärung abzugeben. Delegierter Rabbi Brodt: Im Namen aller Teile der Misrachi-Fraktion habe ich folgende Erklärung abzugeben: Mit Sorge betrachten wir den anarchischen religiösen Zustand in Erez Israel. Der Schabbat, das Heiligste der Heiligtümer des jüdischen Volkes, wird in erschreckender Weise entweiht. Die Verletzung der Speisegesetze an öffentlichen Orten wird immer mehr Rund um den Kongreß Man ist mit leisem Widerstreben nach Luzern gefahren — warum muß es!(trade eine so teure Stadt sein? — aber nun, da inan angelangt ist, gewinnt man diesen Kongreßort von Stunde zu Stunde lieber, Die Schweiz im ganzen hafbeiizauhcr des Hochsommers zeigt ihr lieblichstes ' Antlitz. Schon liegt morgens׳ und abends ein Nebelschleier über dem Vierwalastätter Sec timi den Bergen, die ihn timkräuzen, aber wenn diese Nebel (Innח im Laufe des- Vormittags steigen und Bürgen• stock, Rigi. Pilatus und die fernen Schnecgipfcl einer nach dem andern ihr Hnnpl erheben, weiß man kaum, wohin man zuerst schauen soll, besonders die P.iläxtinensiT, die iibersätligt von der grellen Sonne und dem harten Grauweiß ihrer sommerliehen Landschaft herkamen, erquicken ־ich an dem Grün der Wald- und Wiesenhänge und dem tiefblauen See. Wenn man bei uns all die׳)־', Wasser hätte! In der Hitze der Kongreß- -gefechte wird noch mancher sehnsüchtige Bück zu der Land- Schaft vor den Fendern fliegen. Auch die Stadt Luzern’ hat etwas Anheimelndes, Gleich hinter den grollen Kais mit eien Frcmdcuhotels liegen alte winklige Stndhtraflen mit Brücken über die Reuß, mit Häusern, Inschriften und Bildern, die an die alte Volksgcsehichtc gemahnen. Sie ist nicht so alt wie die unsere, aber sic Ist einheitlicher und harmonischer, und manchmal hegt man fast ein wenig Neid, wenn man sich die Uebercinstimmung zwischen der Landschaft ttstd den hier bodenständigen Menschen klarmacht. Die Gestatten der Einheimischen, ihr Arbeitstempo, ihr etwas eckiges Schwyzerdütsch — das alles ist hier gewachsen und von Generation zu Generation vererbt worden. Sie begegnen uns mit großer Freundlichkeit, diese Schweizer —• das entspricht ihrer Tradition, mit der sie von jeher zionistische Kongresse in ihrem Lande herzlich begrüßt haben; außerdem aber bringt dieser Kongreß in das Städtchen, das schwer unter dem verminderten Relseverkafcr in den letzten Jahren gelitten hat, neues Lclxm und viel Geld. Am Abend der Kongreßcröffnung begrüßt uns die ganze Kaifront mit einer Illumination der öffentlichen Gebäude, der großen Hotels, der Springbrunnen und Brücken und mit offenen lodernden Feuern in den Steinhecken vor dem Kongreßhause — dieser festliehe Empfang tut uns — und gerade uns — besonders wohl. Dagegen sind die blauweißen Fähnchen, welche die Dampfer schmücken, nicht gerade als Huldigung für uns gedacht, wie viele Kongrdlteilnchmcr meinen, sondern verkörpern die Luzern er Stadtfarben. Die ganze Stadt ist jetzt durchaus beherrscht vom Kongreß, Noch vorige Woche waren die meisten Gäste in den halb■ leeren Hotels Engländer oder Deutsche — jetzt sind alle diese Hotels vollgepfropft mit Jude*. Und nicht nur die Hotels — die großen am Kai sowohl wie die kleinen und kleinsten — auch Zimmcrvemiicter und sonstige Privatfamilien haben Logiergäste erhalten, ln einem der kleinbürgerlichen Vorstadtviertel trafen wir zwei jemenitische Delegierte aus Palästina, die mit ihrem Quarticrzettcl in der Hand ihr Logis in einem Bürgerhause auf Hebräisch erfragten. Uebcrhaupt die h e b r ä i s c 11 e Sprache! sie spielt auf diesem Kongreß eine überragende Rolle, In den Wandclgängcn, in der Straßenbahn, auf den Schiffen — allenthalben hört man Hebräisch. Es scheint, daß es auf diesem Kongreß üherwiegt, und man freut sich dieser Feststellung, Daneben werden natürlieh von den vielen Menschen mit Kongreßabzeichen, welche die Stadt füllen, die verschiedensten anderen Sprachen geredet. Ganz Luzern ist belebter, lauter, etwas greller geworden als es je zuvor war. Sogar die Kellner, Schaffner, Zimmermädchen werden aus Ihrem von jeher gewohnten beschaulichen Tempo durch uns aufgcschreckt. Es zeigt sich allmählich, daß dieser Kongreß viel stärker besucht ist als man anfangs glaubte. Ganz besonders stark ist Palästina vertreten, nicht nur durch die zahlreichen Delegierten und einen großen Stab von Beamten, sondern auch urcli eine ganze Reihe von Menschen, die hier ihre Interessen wahrnehmen oder einfach einmal dabei sein wollen. Da ist z. B. ein alter Kolonist, der schon 50 Jahre im Lande lebt und seitdem nicht ein einziges Mal nach Europa gefahren ist. Da ist eine in Palästina geborene Sephardim, die noch nie weiter als bis nach Libanon über die Landesgrenzen hinausgekommen ist. Es ist auch viel Jugend aus dem Lande da, die zum ersten Male in die große Welt hinausfliegt. Viele Leute haben den Kongreß und die Im Lande bestehende Prosperitv zum Anlaß genommen, um auch ihre Frauen und Kinder einmal nach Europa zu bringen. Es gibt überhaupt sehr viele Frauen auf diesem Kongreß — von den elegantesten, bis zu dem Mädels ln blauer Chaluzblusc und Nagelstiefeln. Interessant Ist die große Fülle der verschiedenartigen Typen unter den Menschen in und vor dem Kongreßhause: al!e Gesichter und Gestalten tragen den gemeinsamem Stempel des Judentums, aber daneben hat jedes Land seinen Bewohnern ein gewisses Etwas aufgedruckt, so daß man im allgemeinen die Kongreßbesucher nach ihren Herkunftsländern auf den ersten Blick unterscheiden kann. Eines ist bemerkenswert: die großen jüdischen Bärte sind offenbar im Aussterben begriffen — wo man sie sieht, ist der Besitzer meistens ein Misrachist — und das glattrasierte jüdische MännerantHtz scheint vor allem bei den jüngeren Leuten eine gewisse Veränderung erfahren zu haben: es ist kühler, gedämpfter im Ausdruck geworden, und der Bück geht weniger nach innen als nach außen in die Welt. Auch aie Gestalten erscheinen gestraffter, und besonders unter den jungen Leuten gibt es gestählte Sportgestalten, über die sich vielleicht die sehr frommen Juden der Luzern er Gemeinde wundem. Sitzungen und große Vorkonferenzen haben bereits dem Kongreß einen Auftakt und eine gewisse Stimmung gegeben: auf der Tagung des Keren Kajemeth ist schon der Notschrei nach mehr Land erhoben worden, und die Keren Hajessod- Tagung hat im voraus einige der wichtigsten Aufbauproblcme aufgeworfen. Die Vorführung des großen neuen Keren Hajcssod-Filmes in der feierlichen Schlußsitzung hat das Land und seine Menschen den Hunderten von Kongreßbesuchern greifbar nahegebracht. Zu diesen Vorkonferenzen sind die Führer der Bewegung schon eingetroffen, und die dort noch fehlten, erscheinen allmählich am Tage vor der Kongreß-Eröffnung: über der Keren Kajcnieth-Tagung thronte Ussischkin — immer noch׳ voll gesammelter Entschlossenheit und Zielbewußtheit. In eigentümlichem Gegensatz zu ihm steht der introspektive Blick des Keren Hajcssod-Direktors Leib J a f f e. Umgeben von dem kleinen Hofstaat seiner Angehörigen und Getreuen erscheint der Präsident der Zionistischen Organisation, Nahum Sokolow, dem man so gut wie gar nichts von der Last der Lebensjahre anslcht. Weizmann ist bei Beginn des Kongresses noch nicht da — erst am ersten Sitzungstage zeigt er sich auf der Tribüne. Das markante Haupt unbedeckt, mit einem Baedeker in der Hand, streift in den lagen vor Kongreßbeginn der kämpferische amerikanische Kan/.clrcdner Stephen Wise durch die Straßen der Stadt. Ruppin erforscht mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Umgebung der Kongreßstadt. Das Fanatikergesicht des Arbeiterführers und Exekutive-Mitgliedes Ben Gurion mit den strengen Zügen und den Seheräugen taucht aus dem Gewühl auf. Auch die feine, von Geist durchstrahlte Gestalt von Henriefta Szold, der Schöpferin der amerikanisehen Frauenorganisation Hadassali, gellt mit noch immer beschwingtem Schritt durch die Straßen von Luzern. Sie sind alle alt geworden im Laufe ihrer zionistischen Lebensarbeit, diese Führer, und wenn auch Jüngere sich in die Pflichten mit ihnen teilen: Schcrtok, der politische Vertreter der, Palästina-Exekutive, Kaplan, ihr treasurer und andere — so verkörpern sie doch noch immer in den Augen des Kongreßpublikums den traditionellen Zionismus. Einige sind schon aus den Reihen der alten Kämpfer geschwunden. Es scheint einem manchmal, als müßte nun Shmarya Levins mächtiges Tatarenhaupt erscheinen, als ertönte wieder M o t z k i n s Stimme, die 90 viele Kongresse als die des Vorsitzenden beherrschte, als käme einem lieben«- würdig, mit Dipiomateneleganz, Victor Jacobson — der Vertreter der Organisation am Sitz des Völkerbundes — entgegen. Aber man sucht sie vergebens, und mit ihnen ist der Begabteste der jüngeren zionistischen Generation, Ariosoroff, von der Bildfläche verschwunden. Die Schatten dieser Dahingegangenen geben zusammen mit dem Bewußtsein des furchtbaren Druckes, der auf einzelnen Teilen des jüdischen Volkes liegt, der Kongreliatmospliiire einen Hauch von Schwermut. Nicht in ganz so strahlender Freude wie in früheren Jahren begrüßt man sich mit seinen — ebenfalls gealterten — zionistischen Freunden aus aller Welt. Aber dann begegnet man wieder auf Schritt und Tritt der Jugend, die auf diesem Kongreß reichlich vertreten ist: den Burschen und Mädchen in Arbeitstracht, die ihre Ehrentracht ist; junge Leute ans Luzern selbst — die jüdische Ocmeinde hier hat alle ihre Kräfte aufgeboten —, aus anderen Orten der Schweiz, aus den übrigen europäischen Ländern und aus Erez Israel — und der Anblick dieser jungen, kraftigen, in Sport und Arbeit gestählten Gestalten, dieser erwartungsvoll geöffneten Augen gibt einem die Hoffnung, daß es an Nachwuchs für das Land, über dessen weiteren Aufbau auf dem Kongreß beraten werden soll, nicht fehlt. Helene Hanna Thon