Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 67 (20.8.1935)
- Date
- 1935-08-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653885--27211-2688637- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
y׳ jüdische Rundschau Palästinensische Umschan NR. 67. 20. AUGUST 193* Politische und private Sommerfahrt Von unserem palästinensischen Korrespondenten gf. Tel-Awiw, 12. August 1935 Der High Cornmissioner hat in diesen Tagen seinen jährliehen Sommerurlaub angetreten und hat sich nach England begeben. Es verlautet, daß er bis in den Oktober hinein fort- I bleiben wird. Seine Stelle an der Spitze der Palästina-Administration nimmt Hathorn Hall, der Chefsekretär, ein. Sir Arthur Wauchope wird sich zuerst nach Schottland begeben und später zu Besprechungen mit dem Kolonialamt nach London gehen. Die palästinensische Bevölkerung, Juden und Araber glei- Icherweise, läßt auch bei dieser Gelegenheit erkennen, daß Sir Arthur Wauchope sich in den Jahren seines Amtes viel Vertrauen und Popularität im Lande erworben hat. Das Bemühen des Oberkommissärs, mit allen Teilen der Bevölkerung in Kontakt zu kommen, die Dinge selbst kennen zu lernen, möglichst fair, nach eigener Kenntnis der Verhältnisse und ohne Vorurteile an die schwebenden Fragen heranzugehen, hat seine Wirkung bei den verschiedenen Lagern im Lande nicht verfehlt. Es werden bereits Stimmen laut, die der Hoffnung Ausdruck geben, daß der gegenwärtige High Commissioner noch längere Zeit im Amte bleiben möge, weil man sich davon eine weitere gedeihliche Entwicklung des Landes und vor allem eine relative Stabilisierung der politischen Verhältnisse erhofft. Gerade bei seiner Londonreise wird sich jedoch Sir Arthur Wauchope mit einer Frage zu befassen haben, in der die Bevölkerung Palästinas nicht mit ihm konform geht. Die Gerüchte, daß die Londoner Besprechungen sich vor allem mit der Schaffung des Gesetzgebenden Rates in Palästina befassen werden, halten sich hartnäckig und sind wohl auch nicht weit von der Wirklichkeit entfernt. Beide Lager jedoch, Juden sowohl wie Araber, halten nach wie vor an ihrer negativen Einstellung gegenüber dem Legislative Council fest, und hier ist der Stoff zu einem Konflikt mit der Regierung gegeben. Die Juden haben sich in letzter Zeit nicht zu der Frage geäußert, aber cs besteht kein Zweifel, daß sich an ihrer ablehnenden Stellung nichts geändert hat. Ohne Frage wird die Haltung zum Problem des Legislative Council in den Beratungen des Luzerncr Kongresses eine wichtige Rolle spielen. Die Haltung der Araber ist nicht so eindeutig (vgl. den an anderer Steile wiedergegebenen Artikel der Londoner ״Times“, der die Lage ziemlich zutreffend schildert. — A. d. R.) In letzter Zeit werden aber von arabischer Seite auch negative Stimmen laut, so z. B. wurde die eindeutig ablehnende Stellungnahme des ägyptischen ״Dschihad“ (vgl. ״J. R,“ Nr. 66, S. 8) stark beachtet. * Zur selben Zeit, wo sich Sir Arthur Wauchope nach England einschifft, gehen von den Häfen Palästinas die letzten vollbesetzten Dampfer nach Luzern zum Zionistenkongreß. 111 jedem Sommer spürt man unter den luden in Palästina eine große Reiselust, die die nach Europa kreuzenden Schiffe in den Monaten Juli und August bis auf den letzten Platz füllt. Und in Kongreßjahren pflegt sich die Bewegung noch zu verstärken. Der ״Auszug“ in diesem Jahre übertrifft jedoch alles bisher gewesene. Man schätzt diejenigen, die nach Europa oder nach den Nachbarländern reisen, nach vielen Tausenden (es wird die Zahl von 15 0(10 bis 20 000 genannt!). Der Luzcrner Kongreß veranlaßt zuerst einmal die Fahrt von fast allen offiziellen Persönlichkeiten, gewählten Leitern der verschiedenen Institutionen und der führenden Beamten. Dazu kommt die in diesem Jahre beträchtliehe Anzahl der palästinensischen Delegierten (mit Ersatzdelegierten ist das Hundert weit überschritten), die vielen Interessenten, die in Luzern für die Durchführung der ihnen aufgetragenen Spezialaufgaben zu sorgen haben, und schließlieh die Menge der Zuschauer. Für viele von diesen ist der Kongreß nur einer der Anlässe zu einer Europafahrt. Die Reisen sind sehr billig geworden, es finden massenhaft Gruppenausflüge statt, eine Fülle von Reiseagenturen bemüht sich um das Publikum, und jemand hat es bereits für notwendig gehalten, die Zurückbleibenden zu photographieren, vermutlich um sie vor den massenhaft Fahrenden auszuzeichnen und sich zu vergewissern, ob überhaupt noch jemand von den ״Prominenten“ jetzt im Lande bleibt. Dieser Massenauszug ist einer der vielen Spiegel der alästenensischen Konjunktur. Es ist in den letzten Jahren im ande viel Geld verdient worden, und eines der Resultate ist der Wunsch und die Möglichkeit zu großen Reisen. Nicht nur die europäischen Länder werden besucht, auch die Nachbar- Länder sind in bisher unbekanntem Maße zu ״Sommerfrischen“ Palästinas geworden. Syrien, vor allem die Teile des siklliehen Libanon, aber auch der Norden in der Gegend von Tripolis werden von Palästinensern in großer Zahl aufgesucht. Zypern, das vor einigen Jahren als Erholungsstätte für Palästinenser entdeckt wurde, nachdem die um das M ittelmeer stationierten englischen Beamten es seit Jahren wegen seiner Wälder und Höhen schätzten, hat viele Juden aus Palästina zu Gästen. Auch die Inseln der weiteren Umgebung, wie zum Beispiel Rhodos, bewerben sich um palästinensische Gäste. Zum ersten Male sieht man alle diese Nachbarländer mit Plakaten und Annoncen uin Sommergäste werben, und viele von ihnen haben Erfolg. Naturgemäß bemüht sich die einheimische Fremdenindustrie, die in den letzten Jahren einen Aufschwung genonirtien hat, ihrerseits, nicht zu kurz zu kommen. Es iiat sich in dieser Beziehung bereits vieles im Lande gewandelt, es gibt komfortable Unterkunft und aufli Behandlungsmöglichkeiten moderner Art. Ein neu fertiggestelltes großes Sanatoritim auf dem Karmel wirbt jetzt um seine Besucher, wie überhaupt die Hotel- und Pensionsbesitzer auf dem herrlichen Berge über Haifa sich stark um eine Ausbreitung ihrer Möglichkeiten bemühen. Der Norden des Landes, Safed und Metullah, hat in diesem Jahre viele Sommergäste angezogen, und in den AuIJenvierteln von Jerusalem findet man viele Tel-Awiwer, die aus der Luft der Küste, die in diesen Monaten oft genug an ein türkisches Bad erinnert, entfliehen. Was dennoch so grolle Massen ins Ausland lockt, ist neben der Perspektive, einmal ״ganz herauszukommen“, vielfach die Sehnsucht nach Wählerschaften und Wiesengrün, die man in Paliistina kaum finden kann. Die Monate des Spätsommers sind für Palästina fast immer eine stillere Zeit. In Kongreßjahren verschiebt sich der politische Schwerpunkt von Jerusalem nach dein Kongreßorte, wichtige Entscheidungen pflegt man, wenn angängig, bis in den Herbst zu verschieben, wo mit der Rückkehr der leitenden Persönlichkeiten von neuem alle Räder in rasche Bewegung kommen. Die einfache tägliche Arbeit aber, die alles andere trägt, die Arbeit in der Fabrik und auf dem Bau, auf dem Felde und in den Plantagen geht weiter, ununterbrachen, unter der Last der Sommerhitze. Forderungen der Industrie Eine Delegation von Vertretern der palästinensischen Industrie sprach beim High Cornmissioner vor und vertrat folgende drei Forderungen: 1. Einführung eines einheitlichen Zollschutzsystems für alle Gebiete der Industrie, um der Ucberschwemmung mit fremden Waren Einhalt zu tun; 2. Trennung der Zollabtcilung für Industrie von dem allgemeinen Regierungs-Zollamt; 3. Einsetzung einer Regierungs-Kommission, die gemeinsam mit den Vertretern der Bevölkerung die Industrie-Möglichkeiten des Landes untersuchen soll. Der High Cornmissioner versprach, ■die Forderungen zu 1 und 3 in. Erwägung zu ziehen, hielt jedoch die Schaffung eines besonderen Zollamtes für Industrie noch fiir verfrüht. (Palcor.) Ein Stipendium. Frau Florerice Hornik hat auf den Namen ihres verstorbenen Gatten, Dr. Oscar S. Hornik s. A., ein Stipendium von jährlich CP 120 gestiftet, das für begabte jüngere Gelehrte zur Erforschung der Erreger ansteckender Krankheiten sowie der geeigneten Mittel zu ihrer Bekämpfung bestimmt ist. Diese Forschung«- arbeit wird in der Abteilung für Hygiene und Bakteriologie an der Universität Jerusalem gemacht werden. Anträge wegen Erteilung des diesjährigen Stipendiums sind bis zum 15. September 1935 an das Sekretariat der Universität Jerasa lern zu richten. (Palcor.) Interims-Exekutive für Kongreßzeit Jerusalem, 16. August. (JTA.) Chefsekretär Hall, der den High Cornmissioner Sir Arthur Wauchope während seines Aufenthaltes in London vertritt, hat am 16. August den politischen Dezernenten der Palästinaexekutive der Jewish Agencv, Mosche Schertok, vor seiner Abreise zu der Tagungen iri Luzern empfangen und mit ihm eine Reihe von Palästinaproblemen eingehend erörtert. Für die Zeit des Zionistenkongresses und der Tagung der Jewish Agency, zu denen sich sämtliche Mitglieder det Pakts.i:!ae;c!; tive he •eben haben, wurde eine Interimsleiftmg der Aemter der Exekutive, bestehend aus dem Vorsitzenden des Waad Leumi, Jizchak Ben Zwi und Felix R o s c n h I ti 111, eingesetzt. Beilegung des Arbeitskonfliktes im Emek Sebulun Jerusalem, 16. August. (JTA.) Der im Emek Sebulun ausgehroeliene Konflikt zwischen Arbeitern der Histadruth Haoxvdim und der misrachistischen Arbeiterorganisation ist durch ein Schiedsverfahren heigclegt worden, zu dem die beiden Parteien von dem Distriktsgouverneur für den Norddistrikt, Major Keifh Re,ich, veranlaßt worden waren. Fs wurde eine Vereinbarung getroffen, durch die die Poaie Misrachi sich bereit erklären, in Zukunft gemeinsam mit der Histadruth zu arbeiten. Kurze Nachrichten Im September!935 wird in Haifa eine neue Fabrik f ii r M cd ik a m e n t e mit dem Namen ״liilei“ eröffnet werden. Die Fabrik wird in enger Verbindung mit der Arbeiter-Krankenkas.se stehen und fiir sie .Medikamente herstellen, die .sowohl qualitativ als auch bezüglich ihres Preises der ausländischen Produktion nicht nachsndmt werden. Bisher wurden in dieses Unternehmen t: -1590 investiert. Die pharmazeutische Fabrik ״/ori“ in Tel- Awiw hat ihr Grundkapital von •1009 am 7000 Pfund erhöht. In Tel-Awiw wurde eine Fabrik mit dem Namen ״Ooinc“ errichtet, in der Strohhalme zur Benutzung beim Genuß kalter Getränke hergestellt werden sollen. In Haifa wurde von den Herren Wilbuschewitz und Seidel eine Eisfabrik eröffnet, die mit Hilfe moderner Metlioden täglich 2500 Blocke Eis produzieren wird. Die Fensterglas fabri k ״Phoenizia“ in Haifa hat bereits alle erforderlichen Maschinen im Verte von 13 500 Pfund angeschafft und wird innerhalb der nächsten Monate ihre Tätigkeit beginnen. Eine jüdische Privatfirma errichtet jetzt in Haifa auf einem Areal von 3000 qm Warenlagerhallen. Der Bau dieser Hallen wird im Oktober <1. J. beendet sein, und es wird mit der Einlagerung verschiedener Waren begonnen werden. Die Gesellschaft wird auf diese Waren Darlehen zu niedrigem Zinssatz gewähren. Bisher ist in diesen Bau ein Kapital von CP 10 000 investiert worden. Der Keren Hajcssod hat mit 42 landwirtschaftlichen Siedlungen in Palästina ein Abkommen getroffen, durch das sie sich verpflichten, im Jahre 1936 mit der Rückzahlung eiries Teilbetrages von 800 000 Pfund von den 1 250000 Pfund_ betragenden Gcsamtanlagekosten zu beginnen. Die Amortisatiansquote wird im ersten Jahr durchschnittlich 1 °0 der Darlehenssuinme ausmachcn und von Jahr zu Jahr steigen. Das Einwanderungsdepartement der Jewish Agency teilt mit, eiaß die Zertifikate für Angehörige von in Palästina lebenden Personen erschöpft seien. Bis die Regierung die Schedule für das nächste Halbjahr (Oktober 1935 bis März 193(1) bestätigen werde, würden Anträge aut Ge- Währung eines Verwandten-Zertilikats nicht mehr bearbeitet werden. Die in Beirut erscheinende Zeitung ״Alriad“, das Organ der Maroniten, veröffentlichte einen Leitartikel über die jüdische Ein \v a n <! e r u n g n a c h d e m L i b an o n. Die Bewohner des Libanon - so schreibt das Blatt — b e t e n tagtäglich um Einwanderung von Juden, damit die schreckliche Not gemildert werde, in der sieh die dortige Bevölkerung befindet. Die Maroniten -• so schreibt die Zeituiig -., betrachten die Juden als ein Volk, das Kultur, Energie tm<l Kapital ins Land bringen und imstande sein werde, die wüsten Gebiete des Libanon in ein Land, wo Milch und Honig fließt zu verwandeln. (Palcor.) Bialik Schule in Tel-Awiw Das neueste und modernste Schulgebäude der Stadt Tel-Awiw ist die Bialikschule im Stadtteil Neu>e Schalom. Das Gebäude ist nach modernsten architektonischen und hygienischen Gesichtspunkten errichtet worden. Das Bild links zeigt einen Blick in den Schulhof. In der Mitte unten sehen wir das Treiben der Schuljugend, die die Schule verläßt. Rechts oben ist eine Klasse bei Freiübungen in der überdachten Veranda der Schule zu sehen, rechts unten eine Aus- Stellung im Zeichensaal. Foto•-. t>r. M>u»t H«nbarg «PCWstESt, »lilillS iiisnsii —- ׳. ־MV'.,