Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-08-20 · Heft 67 (20.8.1935) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 67 (20.8.1935)
Date
1935-08-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653885--27209-2688635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 67, 20. VIII 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 r Saul Tsdiemidiowski / Zu seinem 60. Geburtstag Dieser Tage begeht einer der bedeutendsten hebräischen Dichter der Gegenwart, Saul Tschcrnichowski, seinen 60. Geburtstag. Dem deutschlesenden Publikum ist dieser Dichter weniger bekannt, weil er noch keinen konge-t nialen Uebcrsetzer gefunden hat. Aber in der hebräisehen Literaturgeschichte und in der nationalen Re■ naissancebewegung der letzten 50 Jahre nimmt Tschemichowski einen ganz besonderen Platz ein, nicht nur als einer der größten Meister der hebräischen Sprache und Vershunst, sondern als der Sänger neuer Ideale, die, zwar vorbereitet durch die Literatur der Haskala (Aufklärung), in dieser Weise im jüdischen Kulturkreis bis dahin nicht erhört waren. Man hat Tschernichowski oft als Antipoden Bialiks genannt. Beide begnadete Dichter, sind sie doch in ihrer Grundposition und in ihrem Empfinden entgegengesetzt. Bialik knüpft an die jüdische Tradition an, er sucht eine geradlinige Kontinuität, er will die Renaissance des jüdischen Geistes nur aus den eigensten Urquellen sprießen lassen. Tschcrnichowski dagegen ist ein Revolutionär, der die alten Tafeln zertrümmern und einer bisher ungekannten fremden Schönheit Einlaß gewähren will. Schönheit und Kraft findet er schon im antiken Judentum, und unsäglich verwandt fühlt er sich dem griechischen Geist, von dem vor Koto: Archiv Jahrtausenden das historische Judentum sich abgewandl hat. Suul Tschcrnichowski hat neben seiner Natur- und Liebeslyrik erschütternde nationale Dichtungen geschrieben, heroische Epen, wie das von ״Baruch von Mainz", ein Drama ״Bar Kochba“; dazu kommt die unübersehbare Fülle seiner meisterhaften Idyllen, in denen er auch die Natur Palästinas zu gestalten versucht. Der Dichter sieht in der Vermählung des neuen jüdischen Geschlechtes mit dem Boden einen neuen Mythos hervorwachsen, den er an die Stelle des alten Judentums setzen will. Groß ist auch die Zahl der Ueherseizungen Tschemichowskis aus fremden Literaturen. Er hat u. a. die ״Ilias“ und ״Odyssee“ übersetzt, Sophokles’ ״König Oedipus", Goethes ״Reineke Fuchs" und ״Hermann und Dorothea“, die Lieder Anakreons, das Gilgamesch-Epos, Longfellows ״Iliaivatha“ und das finnische Epos ״Kalewala.“ (bekanntlich hat er vor einigen Monaten in Helsingfors an der Jahrhundert- Feier des Kalewala-Epos teilgcnommen). Tschernichowshi lebt jetzt in Palästina. Sein 60. Geburtstag ist ein Festtag für die hebräische Literatur und für das jüdische Volk, dessen Beziehung zur hebräischen Sprache und Literatur mit der Ausbreitung des zionistischen Gedankens fester und enger geworden ist. Es dürfte auch unseren Lesern, von denen viele erst in längster Zeit, seit dem Jahre 1933, jüdischen Kulturfragen nahegehommen sind, willkommen sein, wenn wir statt vieler Festartikel eine Charakteristik des Dichters wiedergeben. Wir entnehmen sie der ״Geschichte der ncuhebräisclwn Literatur" von Joseph Klausner, die in deutscher Uebersctzung von Hans Kohn im Jüdischen Verlag, Berlin 192!, heraus gekommen ist. Seit jener Zeit hat Tschernichowshi eine große Zahl neuer Arbeiten veröffentlicht, aber sein Wesen, das sich schon in seiner ersten Periode offenbart hat, ist im Grunde das gleiche geblieben, (lled.) Tschcrnichowski ist mehr als alles ein Dichter der reinen Kunst. Bei ihm stehen im Vordergründe die alten und ewig-neuen yorwünfe der Dichter aller Zeiten, Natur und Liebe. Der frische Duft der Wälder der gesegneten Ukraine und der bezaubernden Steppen der Krim, deren Sohn er ist (er wurde 1873 in Michailowka, Gouvernement Taurien, gcboren), weht uns aus jedem seiner Verse entgegen. Der unaufhörliche Gegenstand seines Träumens ist: Der flimmernde Glanz in Alleen, Das Rauschen der Quellen im Grunde, Der Nachtigall Lied im Gehölze. Ein Kuli von liebendem Mund. Und Natur und Liebe vereinigen sich ihm wie im Hohen Liede zu einem harmonischen Ganzen in kleinen, entzückenden Liedern, die voll des Duftes von Frühlingswind, Mädchenhebe und Blumengarten sind und in denen die hebräische Sprache neue zarte Ausdrucksmöglichkeiten gewinnt. Besonders harmonisch verbinden sich Naturbilder mit seinen Liebesträumen in seinem eigenartigen Gedicht ״Er- Zählungen des Frühlings“. In klangvollen und biiderreichen Versen beschreibt er in diesen ״Erzählungen“ die Wirkung der ersten Strahlen der Frühlingssonne auf die eben aus dem Scholle der Erde hervorsprießenden Blumen, auf die aus fernen Ländern heimkehrenden Vögel, auf die Insekten, die überall wimmeln und sich regen, und endlich auf den Menschen. Aber hier macht der Dichter plötzlich einen Sprung und schildert nicht den Einfluß des Frühlings auf den Mensehen, sondern die Wirkung der Liebe. Natur und Liebe sind ihm untrennbar verbunden. Er sagt (die Zitate werden von uns in Prosa wiedergegeben): ״Das Auge der Sonne ist Leben und Leben ist Liebe. Wo keine Liebe ist, dort ist Tod, zuin Tode ist das mutterlose Kind verurteilt. In der ganze» Welt ist kein Ort, wohin die Strahlen der Liebe nicht gedrungen wären, diese Strahlen des Lichtes und der Wärme. Und fällt nur ein solcher Strahl in die Seele eines Menschen, dann quillt aus ihren geheimnisvollen Tiefen ein lockendes wunderbares Lied. Wie der furchtbare Held mit mächtiger Hand in die vielsaitige Leier fällt, und einen alten Kriegstanz spielt, wie hundert rauschende Quellen plötzlich an einem sonnigen Maientage den Kampf inmitten der_ Beete des stolzen Gartens anhehen — und dieser Wettstreit ist ein zartes Lied, in dem man Seligkeit und Leiden fühlt, in dem Welt und Zauber und berückender Traum zusamrnentließen, lichte Jugendträume, in denen man Himmel, Erde und Meerestiefen im Kusse umfängt.“ Und nach einer beispiellosen Schilderung aller feinen und kaum festzuhaltenden Empfindungen, die diese Jugendträume hervorrufen, fährt der Dichter fort: ״Und der einmal einen solchen Traum gesehen, vergißt ihn niemals mehr. Er erkauft ihn um den Preis aller seiner lebensspendenden Säfte und prägt ihn für immer seinem Herzen ein. Und nur wenn seine Seele sich vom Körper löst, nur dann wird dieser Traum in der trauernden Seele erlöschen.“ Und solchen Traum hat der Dichter gesehen: ״Die Frühlingssonne vergoldete das Meer und am Himmel schwammen rote Wolken, aus denen es gleichsam tropfte wie Blut. Und die Erde wurde immer trüber und trüber, bis sie endlich ganz in Dämmerung verhüllt war: und zugleich verdunkelten sich auch die Wolken und der Garten... In dieser Stunde stand vor mir die Beherrscherin meines Herzens und ich träumte der Erscheinung entgegen. Meine Augen hafteten an dem Mädchen und mein Blick fiel auf einen Kranz von leuchtenden Käfern, der, einer hellen Strahlenkronc gleich, ihr Haupt gcsäumt. Der weiche Glanz geheimnisvollen Lichts hellflimniernd lockt auf ihrer zarten Haut. Und ihre großen Trau nies au gen blicken noch tiefer denn die Meere: es verschwimmt in ihnen Himmel, Zaubernachfgeheimnis und Meeresleuchten in eins.“ So vereinigen sieh bei Tschcrnichowski Liebe und Natur. Aber das ist nicht der wesentliche auszeichncndc Zug seiner Liebeslyrik. In diesem Gebiete dichterischen Schaffens unterscheidet er sich von allen anderen hebräischen Dichtern dadurch, daß bei ihm nicht eine Spur Sentimentalität und Tränenseligkeit ist. Die Liebesgedichte Tschcrnichowskis atmen Frische, Gesundheit, Lebensfreude. Die Leidenschaft, die er besingt, ist stark, feurig, unbezwinglich. Sie berauscht, aber gleichzeitig erhebt sie, macht sie gesund, stark und vollblütig. Und kein besseres Gegengift gegen den Jahrhunderte alten Asketismus des Ghettos gibt es als dieses!•euer der Leidenschaft, dem Preis und Ruhm nicht nur im ״Tatarisehen Liede“ gezollt wird. Und dieses Streben zu einem vollen Ausdruck der Lebenskrälte, zusaminengeschmicdet durch gemeinschaftliche Wege, fühlt man nicht bloß in den Liebesgedichten Tscheniichowskis. ״Nicht die Augenblicke des Traumes oder der Traumerscheinung liebe ich in der Natur“, sagt er in einem seiner Gedichte, ״sondern Bewegung und erbitterten Kampf.“ Ihn Lugano PARKHOTEL AM SEE Da• kultiviert« Haue der guten «reite iiluatr.Pro«p.kostenles. Fam. Zähringer begeistert alles Mächtige und Großartige in der Natur. Der Prophet Mohammed, der nicht zuckte, sogar wenn ein Löwe in der Nähe brüllte, ruft in ihm einen andächtigen Schauer hervor. Der in ungleichem Kampfe gefallene, aber gigantisch mächtige Bar Kochba, d'er infolge des Mißerfolges der Seinen den wenig schmeichelhaften Beinamen ״Lügensolin“ oder ״Lügenmessias“ erhielt, bleibt für ihn nichtsdesfoweniger der ״Sternensohn“. Die mittelalterlichen Schlösser und Türme, die Jahrhunderte überdauert haben, erwecken in ihm Ehrfurcht vor den ״stolzen Geschlechtern“, ״groß in ihrem Glauben und in ihren Verbrechen“, und den Wunsch, alles, was ihm in den Sinn kommt, ebenso zu verwirklichen, wie diese freien Geschlechter alle ihre Pläne verwirklicht hatten, vor nichts zurückschreckend: ״Hammer sein, der auf dem Amboß lebenfornicndes Wesen schlägt.“ Oft wendet er sich an die Elemente der Erde und nennt sie ״Brüder“, die in unvordenkliehen Zeiten sich vom Menschen gesondert haben und nun in ihm nicht mehr den Bruder erkennen — nicht mehr erkennen, daß die Wurzel des Lebens beim Menschen und bei der anscheinend leblosen, in Wahrheit ewig lebendigen und ewig jungen Natur ein und dieselbe ist. In einem seiner stärksten Gedichte ״Notturno“ wendet er sich an die Elemente der Erde und bittet sie, ihm, wenn auch nur einen Teil ihrer eigenen Kraft zu verleihen: ihm die Möglichkeit zu geben, ״die Sehnsucht des Wesens zu befriedigen, das ganze Meer des Leidens bis auf den letzten Tropfen zu trinken, aber auch im Sturmwind flatternder Leidenschaft zu wirbeln, trunken zu sein vor Macht und doch ihre Harten zu spuren und der Gottheit in all ihrer Größe ins Antlitz zu sehen. Und wenn der Sturm des Lehens zur Ruhe kommt und sein losen vorstunimt, — daun die Kraft zu haben, ganz mul ohne Furcht sieh dem Nicht-Sein an/uvertrauen und hei dem ewigen Kreislauf aller Formen und Zeiten eine einzige Masche zu sein 1m Netz aller ewigen Weltenkräfle, die im Geheimen spinnen und im Offenen weben, tlas niemals geböte Rätsel des Lebens ...“ In dem Gedichte ״W a I (I e s z a 11 f> e r” schildert er die Vcrwandtschaft der Seelen, die zwischen dem Mens׳.heu und den beseelten, ja sogar nicht beseelten Bewohnern des Waldes besteht. Die mit :Moos bewachsenen Steine und die aus dem Schoße der Erde sieh schlängelnden Bachlein, tlas Lager des Hasen und die Höhlung des .Maulwurfs, der Ameisenhügel und die Familien der Pilze, alle sind ihm gleicherweise teuer. Dies ist das Verhältnis Tscheniichowskis zur Natur. LHc Elemente der Erde, der Wald, das Feld, das Bächlein, Eidechse und Pilze, das alles sind seine Blutsbrüder, all dies hat eine Wurzel, einen Grund, einen Lebensqiiell, das Ein und All (sv xa! ׳דד/.), welcher der Eckstein in den Weltanschauungen der großen hellenischen Deuker war, und das den nicht minder großen Denkern Judas völlig ferne lag, deren einzigem Gotte die Natur nur ״Lehm in der Hand des Töpfers“ war... Und die grenzenlose Liebe Tscheriiiehowskis zum Griechenland Homers lind Anakreons zeigte sich in einer ganzen Reihe seiner nietzscheanischeii Gedichte. In seiner wahrhaft großartigen ״Dejanira“ zeichnet es jenes idealisierte Hellas: ״...Ein Land um gürtet von azurblauen Meeren, umspült vom Tanze heiterer lockerer Wogen. Ein Land mit Hügeln gekrönt von Fichten- und Oelbaumhainen. Lin Land, wo Quellen und Bächlein aus tiefstem Marmorschoße .quellen, den Felsgrotten entspringen und reiner sind als Tränen. In diesem Lande blickt der Himmel träumerisch wie das Auge tiefer Fernen. Dort sind von Wunder und Geheimnis uunvobte Tannen- und Lorbeerbaum, geheiligtes Reich des Schweigens, Haine, in deren Schatten groß und still marmorne 1 einpcl stehen wie Dichterträunie, erstarrt und zu Stein geworden. Und in diesem zauberhaften Lande wandeln herrliche Göttinnen, die ihre Schönheit Jahrhunderte lang bewahren, im Blütenglanze ewigen Frühlings, Göttinnen, die das irdische Leben mit reinen stürmischen und zärtlichen Leidenschaften lieben und Liebe zu ilun wecken. Auf ihrem Antlitz steht die strenge Schöne des Marmors, aber in ihrem Herzen lodert das Feuer. Und im Vereine mit ihnen walten dort mächtige (iötter-Titanen und erwecken ehrfürchtige Schauer und licrrsehen mit großer Kraft und Macht, ihre Muskeln gleichsam aus Stahl gehauen. Und sie sind nahe dem ,Meimeheiiherzeii, dem sie Glück und Lebensfreude \ erheillen. Die Sohne des Landes aber sind frohe, starke, schone .Menschen, in denen Klugheit und Kraft sich harmonisch vereint, und sie seihst sind göttcrgleieh. Ein Geschlecht, das reine Begierden kennt und sich der Ausbrüche seiner Leidenschaften nicht sehamt, das stark ist in seiner flammenilen Liebe und den Leimten furchtbar in seiner Rache.“ Das ist das hellenistische Ideal Tscheniichowskis, ein Ideal, das dem judaistischen zu ferne liegt, als daß es nicht mit ihm zusammengestoßen wäre. Und tatsächlich der jüdische Das Schwarze Brett im Kongreß-Gebäude gibt aber die Br. Mechner führt Gäste durch die vom Keren Das Präsidium auf der Konferenz des Keren einzelnen Veranstaltungen Auskunft Kajemeth veranstaltete Palästina-Ausstellung llajessod. Von links nach rechts: Leib Jaffe, Dr. Arthur Uanthe, Josef Sprinzak --' "־־ בווד30ד גוי“30ר 0“tmu mftun n-ruirt ■*nwwnnTuin StWaiwiEippn wti יט*תי5ח aMx»(p3 HMkontcmnz ■ היוידר, הזמין diu הזמוווד׳ס in! ItttMMTtlt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.