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Jüdische Rundschau · 1935-08-16 · Heft 66 (16.8.1935) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 66 (16.8.1935)
Date
1935-08-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 16. VIII. 1935 Ein Alijah-Merkblatt vom Jahre 1650 hingclcitct und übersetzt vor Dr. Kurt Wilhelm (Jerusalem) Die Hebräische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem besitzt die Photographie eines Büchleins in jüdischdeutscher Sprache, dessen einziges Exemplar sich in der Bodlepana in Oxford befindet, Darke Zion von Mosche Borges aus Prag. Der Verfasser zog, anscheinend zu Anfang des 17. Jahrhunderts, von Prag nach Jerusalem und verfaßte zu Nutz und Irommen seiner Zeitgenossen ein kleines Vademecum, das interessante Parallelen zum ״Alijah- Merkblatt“ unserer Tage bietet. Ihr Ort des Druckes ist nicht bekannt, das Erscheinungsjahr ist 1650. Das Büchlein läßt auch verschiedenste Schlüsse auf allgemeine Zustände in Palästina um die Mitte des 17. Jahrhunderts zu. Das Land muß damals noch reich an Wäldern gewesen sein, wenn Pilze zu den billigen Genußmitleln gehörten. Interessant ist besonders der Hinweis, daß das Land nur für alte Leute taugt und die jungen in ihren Ländern bleiben sollen, also genau umgekehrt wie heute. Die Vebersetzung bemüht sich, den naiv-ursprünglichen Stil des Verfassers beizubehalten, vor allem in den poetischen Ergüssen der Einleitung und des Schlusses. Hört mir m. Männer und Weilwr, / das läßt euch wissen Mosche Präger der Schreiber. / Das Huch hali ich mit Gottes Hilfe erdacht / etliche. 'Jage und Nacht. / Sein Name soll sein bedacht, f und wer es will haben gut gemacht, / der lese das Buch mit guter Acht, / es sei Lei Tag'oder Nacht. / Dadurch ihm kein Schaden gcvrlie-hl / und er sk h wohl versieht / ehe er ans seinem Lande zieht. / Da ich lul.e gesehen / was mir Dt geschehen, / weil ich mich nicht habe gut!ungesehen, / was ich hätte lassen sollen stehen, / dadurch hin icli zu viel Schaden gekomme!1. / Ich habe viel Sachen nach Jerusalem milgenommen, / was dort ist wohl zu bekommen, / (ml svas ich in Ihag habe verkauft, / hätte ich dort malt gut ־,״liraocht. / Das und noch mehr bähe ich gesehen, f w.o viel Leuten ist gediehen, / die auch nach Jerusalem wollten gehen. / Sie taten gar nicht dsmaeli trachten, / wde sie zu Jerusalem auf ihre Krnäli' rimp werden aehlen. f tu״! s״ i. ( es gehuiium״׳, / daß sin in Jerusalem sehr: i״n und brmmnrn. j Warum!iahen wir uns den ziug vorgenom!n!m( j um!ich hö־u »0 gern wieder in unsere Länder kommen. / D.iriirn!r.!rhie|e gl, in! 1!! In!■!u Herzen, / daß keiner soll kommen zu •S! h.aden und sclitner/rn. / Lin jeder hedenke in seinem Herzen, - d.d.ä mg! b..,e11!md Tnnken nicht kann ausnier/ri'i, / Dem, m ist 11,״ dm Dell ' auch zu Jerusalem schwer bestellt, / und Jerusalem sieht mitten in d־׳r Welt. / Auch möge sich niemand ilar.nil bringen, / daß ein Handel wird m Jerusalem gelingen, j Spaniel!.( h, araluoh und turLueh muß man dazu könuen vor allen Dingen, / Ks ist das Isc'l״, wenn man sein Geld der Jenwalcmer (,iwiml. leiht, sie gibt zwölf vom Hundert Zinsen zvir Zaat ׳ und dann kam! man tun, w;m ein׳ u freut. / Aller wer große saudeue Knöpfe kann machen / cbm hat gut laelr n. / Er kzmn allezeit gut davon lebe!! j und Hott möge es jedem reichlich geben. Narb Jerusalem luhreu mehrere V r•״••, uw wir noch mit Gottes Hilfe beschreiIku! wollen, Irin Wert geht über Wien, von dort ziehen Bolen nach kon-Uolmupcl oder Kauflrul״ nach Ofen, das liegt auch in der Türkei, le i den Kautba!len kault man sich nui seinen Sachen bis Ofen ־״׳in, (Ins koslof nioht vi־.׳I, ahon irm! rnufü >irh oinon kaLorliehen P.tlj der kohlet nuult nicht \iol. In Wien sind fronmin LdhId, ihr sirh m * *Kr Sarlu!!-1uiuühcii und hulien. ln Of^n fragt. m;m nach ׳dnor Knrnwano. drei Luuio mieten sich immer fiimn w zu-ammon. Ris Belgrad jahlt man sechs ReichsUler und man fahrt neun Tage1, von!־**•Israel bis Sophia kostet es auch sechs Taler, von dort his Adrianopel auch sechs Taler und weiter his Konstantinopel wieder sechs Taler. Am besten wird ihr Wagen zu (Jfen bis Konstantinoped gemit tet, unterwegs kann man schwer dazu kommen, hs ist gut, zu Kusch Chodcsch Aw in Konstantinopel zu sein, alle Ro.nh Chodcsch Kllul gelmi viele Schiffe von Konslantinopel gemeinsam mis, da kann man Ixuiuom fortkommen und ist stich Gott sei Dank vor Ilaubern sicher. Das ist der eine Weg bis Konstantmopei. Der andere fuhrt fiber Lemhorg. Gleich nach Feß,׳!ch geht von dort eine große Karawane Kaufleute ab, bis nach Konstantiüopel. Von Komhmtinopel weiter gibt es zwei W׳׳ge, der fine geht übers Meer. Man soll aber nicht auf dem Schiff bis Aegypten fahren, (hum Ae^yphm ID־,! hinl־׳r Jerusalem und \on dort nach Jerusalem ist das K*׳i'C11 sehr Uok.t und s! loser. In einem solchen Schiff סי!! i i'mfundzwan/ig gr«>h*• Kuder, «eim kein Wind das Schilf vurwärUtn■!Id, wir׳l gmithTt. In *die;!! Schiff ist man ganz sicher vor K.01l־״rn (G״it :-oll un<!).•!mt« u j un.l \״r höo'm VNmd, die Sein!!׳• t.ilion nullt \\;1f Aoni L.md׳•. T.tkr und!Nach‘ fährt das Schiff!'!her das 1י10<0ז und man m׳•!!! nur Himmel und Wasser. W< m! rin soh-ht-s S.dnff mal auf der Sein־ geht, biacicht mau nicht erit;hre־׳k|,n; wem! ,h׳r Wind gün^tiL׳ ist, lie״t das Nhiif l;M immer auf d׳-r Seite, (Gott rett־׳ nie;ilho.eil vor No! und h üL'-aiDiLii. Am1׳׳e. Dem S<״!1 ־l'hinaחn gibt jeder seine Sachen, de׳ r!• hm m! h fuhrt und ho ,).;I fa vier buvs en! ,1 |er. Von dort re io.!;dju imii!״־ und einen halb. 1 ז T,«^ nach Jerusalem auf dem Festland. In Jaffa muß jeder beim Aussteigen zehn Lowentaler Kopfgeld zahlen und noch einen Lowentaler der Kompanie, die bis Jerusalem mitreitet. Dafür bekommt jeder einen Esel, darauf zu reiten und seine Sachen darauf zu legen. Wenn man in Jaffa Kopfsteuer zahlt, kommt der Zöllner und besieht einem jeder! das Gepäck. Wenn mm einer etwas bei sich hat. das man Ware nen* neu könnte, so maß er du für Zoll zahlen. Wer darum Leinwand für den Hausgebrauch, nicht zum Verkaufen, mitbringt, der soll die Leinwand in Siücko schneiden, damit der Zöllner sieht, es ist keine Ware. Am besten ist es immer, man vergleicht sieh mit den! Zöllner, dann sucht er nicht durch und man ist nicht behindert. Das ist der Weg von Konstaritmopcl übers Moer, das kostet von Wien bis Jerusalem fünfzig Keiehslaler. Wer über Lemberg fäiirt, braucht etwas mehr Geld. Der andere Weg von Konsiantinopel nach Jerusalem ist zu Lande, er ist weit, sieben Wochen Ibnse, dreihunderlundfünfzig dcutsehe Meilen. In Konstantin()[«‘! läßt man sieb nach einer Stadt übersetzen, die heißt Skutari, dort sammeln sich die Karawanen. Man reitet auf Mauleseln. Aber nicht jeder verträgt das Reiten, narnent■* lieh die Weiher nicht, denn die Füße liegen heim Reiten oben auf ו!)11ו!וווווו!חו1וו!ווווווחו11)(1ו!וווחוחוו0חו!ו)1חווווו!וח1ווו!ו!1וווווח:חוווחוו11ווו1וווווו1ווווו1)1ו1וווו1ווווו(11)1וו1))}1}«ו1!1ו!ו!ו!ו1ווו!!ו:ו An einen, der hinüberging Wie Ist do<h dein« Zärtlichkeit 50 fremd. So voller Abschledssdimerz und letzter Stunde — So slörmlsch, und «loch voll geheimer Trauer. Wöbt Ich Ihn ntdvt, den Namen deiner groben Geliebten, Ich konnte glauben, eine fremde Frau Habe dein Blut vergiftet. Um dich mir zu rauben ,.. So aber ist mir deine Sehnsucht ein Gebot. Denn die dich ruft, Dt lieber als die allerliebste Frau Und grober ab die allergrößte Stunde- Edith Rothschild dem Esel und der Rücken bricht einem sehr, denn man kann sich nicht anlehnen. Die Wcilier sollen sich darum zu Konsiantinopel eine Sänfte oder einen Stuhl machen, den bindet man seitlich am Esel an und so ist es ganz gut vorvvärtsziikommen. Aber das kostet viel Geld, weil immer einer den Esel führen muß. Da muß man auch ein« lederne ■Flasche bei sich haben, damit man auf dem Esel immer Wasser hat. Audi ein« große Decke!,einenliich soll man mitnehmen, wie ein klein« Zelt, und fünf hölzerne Stangen dazu. Da kann man in der Hitzo auf dem Felde dnmtersitzen. Die Karavvane liegt meistens am Tage slill und wandert in der Nacht, wegen der großen Ililz.e. An Dcttzeug soll man nur mitnehmen, was unterwegs gebraucht wird. Federn bekommt man zu Jerusalem l>ü> der deutschen Genie inde billig. Züchen, Hemden. Schleier, Tischtücher, Handlüdisr und sonstiges Weißzeug inehr kann man nicht genug mitbrmgen, ilemn in Jerusalem sind solche Sachen teuer und nicht sehr gut. Außerdem ist es in Jerusalem im Winter kalt, wem! es auch nicht friert. Audi soll sich jeder ein Paar gute Schuhe milnehmen, auch wollene Wintcisncken. Auch ein Paar gestrickte wollene Handschuhe nehme jeder mit, man wandert doch bei Nacht und da ist cs sehr kalt. 111 ttfen kaufe sich jeder etwas um de״ Kopf zu wickeln, wie die Türken gehen. Ist das Tuch aber ganz weiß, so nähe man einige farbige 1' iiden hinein, nur keine grünen. Jeder sei gewarnt, kein grünes Kleid mitzubringen, auch vverm nur ein einziger grüner Faden daran ist. Manchmal ist auch diu Borte de* Gebetmauteis grün, das muß vorher geändert werden. Die Gefahr ist sehr groß für jeden, der etwas Grüne» trägt. Grün ist Juden in der ganzen Türkei und in Jerusalem ve*• holen. ln Jerusalem gebraucht man viel kupferne Gefäße, die hia* •selir teuer sind. Jeder bringe sein kupfernes Knetlxtcken mit, denn das Brot wird im Hause gebacken, auch die (V'äscho zu Hause gewaschen. Kupferne Töpfe, kleine und große, die innen verzinnt sind, *oll inan mitnehmen. Auch einen eisernen Dreifuß, auf den man die Töpfe beim Kochen stellt. Ebenfalls eine Pfanne, um Fische darin zu sieden, einen kupfernen Kessel, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen, den jeder an seinem Hause hat. Dann ein Becken, da! man mit ins Bad nimmt. Die Bäder sind gottlob ganz gut und gesund. Silber und Gold nehme man nicht viel mit, auch wenn man reich ist, das macht nur großes Aufsehen. Aber eiserne Hänge- Schlösser sind gut mitzunclimen, um Zimmer und Kästen damit zu verschließen. Bücher sind in Jerusalem nicht toller, darum soll man sich wegen der linkosten nicht belasten. Eine gute Wirtin wird sich spanische Nähnadeln mitnehmen, auch große und kleine Stecknadeln, wie man sie im Hause braucht, Gewürze sind allerlei vorhanden, sehr billig. Nur Muskatblüten sieht man wenig. Die meisten Nahrungsmittel verkauft man in Jerusalem nach Gewicht. Man hat nur Weizenmehl, in einem Durrhschiiillsjalir kostet das liotl fünf Kreuzer. Hammel fleisch kostet im Sommer das Rotl zwanzig Kreuzer, im Winter gibt es nicht viel Fleisch, es ist dann um ein Viertel teurer. Rindfleisch hat man nicht, ab und zu Büffclfleisch, das schmeckt nicht so gut. Gänse, Eulen, Hühner und Tauben gibt es in Mengen und billig. An Oel hat man zwei Sorten, das eine ist Sesamöl, ganz billig und besser al» Gänseschmalz und Butler. Das andere ist Baum öl, billiger als Sesamöl, aber nicht so gut. auch nicht zum Brennen. Junge Retlige, allerlei Zwiebeln, Petersilienwurzel, das ist alles ganz billig und das ganze Jahr zu haben. Möhren, Hüben, Weißkraut gibt es ein halbes Jahr lang und sehr billig. Große Zitronen zum Kinrnaehen, Pomeranzen, Lemonen kommen während des ganzen Winters auf den Markt. Manchmal gibt es 8 Pomeranzen für 1 Kreuzer. Kleine Lemonen kosten 100, grüne 5 Kreuzer, zu Zeiten gibt man sie noclt billiger. Man macht Limonade daraus und hält den Saft in Gläsern frisch, indem man ein wenig Baumöl obenauf tut. Pilze, auf deutsch Pfifferlinge, sind sehr billig. 1111 Winter hat man frisrho Fische, große und kleine, aber andere Arten als im Ausland. Man fängt die Fische im Meer und bringt sie ein und oinhalb Tage lang nach Jerusalem herauf. Deshalb gibt es im Sommer keine frischen Fische, weil sie unterwegs schlecht werden können. Für ein großes Wohngcvvölbe zahlt man acht Lowentaler jährlieh Miete, für ein kleines fünf, auch sechs. l)io Leute, die im Svtiagogeuhof wohnen, wo die Löbsclml und die zwei I-ehrhäuser sind, leben beengt und haben oft Wassermangel. Dafür können sie täglich ganz früh in die Synagoge geben. Der Sjnagogenhof wird nämlich gleich nach dem Abendgebet abgeschlossen und vor Tagesanbruch nicht wieder aufgemacht. Nachts über die Straße zu gehen, ist gefährlich. Wer nicht im Synagogenhof wohnt, hat genügcml Platz und auch mehr Wasser am Hause. Das Wasser ist nur Hegonwasser, kein Quollwasser. Jedes Haus hat ein großes, gar schön ausgekalktes Gewölbe unter der Erde, oben befindet *ich eia kleines Dich, wo das Wasser eiuiäuft und herausgeschöpft wird. Ist das Jahr regenarm gewesen, muß man Wasser vom Türken kaufen. Der bringt das Wasser in ledernen Säcken ins Haus. Allzeit soll sich jeder wohl versehen, / ehe er tut aus seiner Gemeinde gehen. / Und soll sieh nicht seihst betrüben, / wie ich in der Einleitung habe beschrieben. / Junge Menschen sollen nicht nach Jerusalem kummen, / sie tun hier nur schreien und bruram!>n. / Der Bräutigam muß die Mitgift!!ergeben, / er kann sonst nicht in Jerusalem leben. / Es sei einer arm oder reich, / er muß finden seincsgleicli, / er sei ein Nichlswisser oder ein Lerner, / ist ihm sonst alles Distel und Dürner. / Darum sollen junge Leute bleiben wo ihre Länder / und alte sollen kominon mit ihrem Geld« behender. / Einem Jungen wird man keine Unterstützung geben, / er konnte schon hundert Jahr in Jerusalem loben. / Junge müssen aus Jerusalem wieder wegriehen, / drum ist es besser, daß sie‘ '!Ich nicht vergebens bemühen. / Sie sollen sich ihre jungen Jahre nicht «!!schneiden / und nicht Schmerz und Kummer erleiden. / Ist einer reich, sollte es ihm doch gelingen / noch auf drei Jahre Zehrung mitzubringen. / Manchmal tut sich viel Zeit hinrrnden, / ehe man seinen Besitz aus seinem Lande tat senden. / Allezeit soll jeder Jude wissen / wenngleich Kiez Israel ist ob unserer großen Sünden wüst und zerrissen, / dennoch ist cs in nllerloi Gestalt über alle Maßen gut, / wie auch der große Lehrer B. Mosche hon Naehman an seinen Sohn schreiben tut. / Wer es nicht glaubt, soll den Brief lesen. Lugano PARKHOTEL AM SEE Das kultiviert« Hau! der guten Krnie• iituatr.Prnag.kosten!«. Fant. Zähringer Dann kam jener Iraurige Brief von Madeleine, ihr \ aler, der frptimllielie Herr Julien, w ar giofoiLm. Endlich war Fehlinger zuriickgekchrt, und sie 11:11ton ,,Braklischcs“ gesprochen, ln drei Motialeti wurde er fe-l ,׳ingO'Irlll werden, und dann kiinie die Verlobung. 1 nd lledda hatte!1:0 den Eltern geschrieben. Am 14. Juli hatte sie notier(: Brief von Weller.“ Er hatte mit herzlicher Offenheit geschrieben, er zögerte nur wegen der allgemeinen Lnsicherlieil, sich mit Ellen zu verloben. Und sied lledda halte nur die Tatsache notiert. Und dann war die empörte Antwort der Ellern gekommen, der Vater 11,alte geloht, sie mußte soforl nach Hause kommen. Aber sie, mein (mit, wie fern das seimn lag, sie war nicht nach Hause gekommen. .Sie balle mit -Nathan gesprochen, der sehr erregt war und ihre kleinen Sorgen m! seiner großen Weltuntergangsstinnmirig gemessen hälfe. Wie seltsam, daß sein Pessimismus bererhiigt war. Allerdings hatten damals, in der *weilen Julih&lftc, die Gerüchte und Dementis einander schon gejagt. Schließlich halfen die Ereignisses, Gerüchte, Meldungen, Aufregungen einander zu übersehlagen begonnen. Oesterreich- Ungarn sandle die. Note an Serbien, Serbien wandte, sich an Rußland, es wurde mohili-ierl, ein Fieber kroch in die Mensehen ein, und die Reniliigimgs-ilullclms, die die Regierung auagab, schienen es nur zu steigern. An den Erken sammelten sich die Menschen und zogen plötzlich, vaterländische Lieder singend, in kleineren und größeren Trupps durch die Straßen. Und an jedem dieser schönen, heißen, unheimlichen Tage hatte sie Fehlinger gesehen, und seine Halm, sein Vertrauen hatte auch sie immer wieder beruhigt. Dculsclihmd will den Frieden, hatte er immer wieder gesagt, und würde der Kaiser •— der auf See war — nicht nach Berlin zurückkehren, wenn —- Fehlinger hatte den Satz nicht zu Ende sprechen können, denn es wurde ein Extrablatt ausgesclirien: Kriegszustand *wischen Oesterreich-Ungarn und Serbien. Und dann halle der Vater geschrieben: Unser Herz hängt an dir, komm. Und sie halte nicht kommen können, weil sie zu Fehlinger gehörte. Und Schrill für Schritt, unglaubhaft und gegen alle Hoffnung und Vahrsrbeinlichkeit karn der Krieg, und man lebte nicht mehr als Einzelner, man ging in der Gemeinschaft auf. Am 2. August hatte sie Weiter» freiwillige Meldung verzeichnet, am 3. August wurde Fehlinger gemustert, und sie selbst war in ein ivriegsiazarett gekommen. In den ersten Oklobertageii kam die, Mutter zu ihr, und lledda halle notiert, (laß sie ,,Ich verstehe dich“ gesagt hätte: ,,zum erstenmal höre ich dieses Morl“, und doch hatte sic das ohne Bitlerkeit geschrieben. Und der Rabbiner, hatte die Mutter erzählt, war iin Felde, und der Lehrer Levi vertrat ihn. Besringcr ging öfter in den Tempel, Ellen Grailinger besuchte Lazarelte, Weiter war leicht verwundet, aber schon geheilt und wieder an der Front. Dann hatte lledda wochenlang Nachtdienst, sie las, sie horchte auf das Stöhnen der Verwundeten und las jüdische Bücher. Am 25. Oktober kam Fehlinger ins Feld. Er halle morgens nicht mehr zu ihr kotnmen können, nun niußle sie zum Bahnhof gehen. Noch einmal sah sie alles vor sich: Ich kaufe, schrieb sie, erst vier Tage später, da sie früher nicht zum Schreiben gekommen war, Taliak, Zigarren, Schokolade. Eßwaren. Es wird mm wöchentlich geschehen. Ich trage das Paket gelassen. Ich mac1״e, ein Geburtstegsgeschenk, ich schlendere aus Neugier zum Bahnhof, so rede ich zu mir. Dann bin ich auf dem Bahnsteig. Ich sehe den Zug, der mit frischen Birkenreisern geschmückt ist und lustige Auf- Schriften trägt. Es wird eine lustige Fahrt »ein. Ich sehe Soldaten. Es flimmert vor meinen Augen, die Sonne ist zu grell. Da höre ich einen Schrei, mich umschließen zwei Arme, Worte stürzen auf mich ein; ich kann sie nicht wiederholen, ich müßte aufschreiom Ich darf nicht daran denken, ich könnte es nicht ertragen. Ich kann mein Herz nicht zerreißen mit meinen Gedanken, niit den aufspringenden Empfindungen. Die Worte überschütten mich, man hat sich »o viel zu sagen, es geht nicht, es bleibt ungesagt. Er stellt mich mit seinen Annen vor sich hin, sangt meinen Anblick in sich ein, preßt mich wieder an sich, und mein Herz schlägt unerträglich, ich kann kaum atmen. Man ruft: Einsleigen. Es schreit, in mir: nein, nein. Er umschlingt mich und küßt mich. Ich muß die Augen schließen. Man ruft: Einsteigen, einsteigen. Er ist in einem der vorderen Wagen untergebraeht. Er rennt nach vorn. Und das Paket! Und die Blumen 1 Er läuft zurück. Die Türen werden geschlossen. Das Abfahrtszeichen wird gegeben. Der Zug setzt sich in Bewegung. Er läuft nach vorn. Ich laufe mi 1. Der Alem scheint zu »locken. Der Zug fährt. ״Leo“, rufe ich. Er springt auf den Zug, slcigt ein, ruft zurück, ich höre einzelne Worte, seine Lippen bewegen sich, ich höre nichts mehr. Ueher alle Rufe aus hundert Fenstern, aus Hundprien von Kehlen der Ausfallenden tönt gleichgültig das Geräusch der rollenden Rüder, über alles Meinen und Schluchzen der Zurück-bleibenden tönt gleichgültig wie die Unabwendbarkeit (las Geräusch der Räder. Alan steht auf dem Rahnsteig und winkt. Man sieht aiis allen Wagenfcnslern winkende Arme. Der Zug fährt um eine Biegung. Ganz fern hört man den Zug. Und man sieht allein. Ich gehe durch die Straßen. Ich wundere mich, daß das I.chen unverändert ist. Hunderte, tausend Menschen stellen im Schmerz da, und alles läuft weiter, als wäre nichts geschehen. Ich komme auf mein Zimmer. Ich sehe die Bücher, die er mir gegeben hat, betaste sie: er hat sie in Händen gehabt. Es ist mir, ich berührte seine Hand. Ich sehe einen Brief auf dem Tisch mit einer mir unbekannten Handschrift. Ich öffne den Brief. Es ist ein kurzer Brief, er enthält noch nicht zehn Worte. ,,Milhelm Meller ist am 18. Oktober gefallen. Ellen Grailinger.“ Ich sinke in einem Sessel zusammen. Ich presse das Taschen!urh in den Mund, um nicht aufzuschreien. Ich beiße meine Zähne ein in das Taschentuch. Ich drohe zu ersticken. Ich siche auf. Ich gehe durch das Zimmer. Ich sehe Weiter vor mir, jung und stark, — Weller liegt unter der Erde. Leo fährt zu dieser Erde. Ich höre noch die Räder, die ihn hintragen. Worauf steht die Welt? Ich reiße ein Buch an mich. Ich schlage es auf. Meine Hände zittern. Meine Lippen spreche!» Worte, es ist ein Gebet, Ich bete. Ich werfe mich über das Sofa hin. Meine!(Sude suchen und finden sich und pressen׳ sich aneinander. Sehnsucht ist in mir. Es ist Sehnsucht, es ist. Verlangen, cs ist Hingabe. Was ich dachte und fühlte, fügt sich zusammen. Ich sehe die Irrungen lind Wirrungen, und ich sein*, daß ich, 90 fern ich mich glaubte, slels an SEIN Eil Seile war. M'cr um sich ringt, ringt um Gott. Das Antlitz des Heute ändert sich. Schicksal, Bestimmung und Sinn des Seins verbinden sich unlösbar. Leber allem Schmerz sieht ein Dennoch! Tausend Jahre werden ein Sekundenschlag. Und aus diesem Sekundenschlag spricht es: Auf drei Dingen stellt die Welt in Ewigkeit, ׳׳End•j

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