Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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r Nr. 66, 16. VIII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite T3 Bei Selma Lagerlöf Von Dr. Erich Steinitz, Dalarna Es kt eigenartig, aber auch zugleich erfreulich, wie einem heute, wo auch immer in der Welt mau hinkommt, Verstehen und Wissen um jüdische Dinge und jüdisches Leben als Selbstverständlichkeit entgegentritt, wie man immer wieder andern Menschen lebendiges Judentum vor Augen bringen kann. Dies kam mir so deutlich zum Bewußtsein, als ich im Spätsommer vorigen Jahres in einem kleinen Oraubiindtier Bergdorfe zu Menschen aus 13 Nationen über jüdische Geschichte und das neue Palästina sprach, so daß einige Tage später der Pfarrer des Dorfes an mich herantrat und mir erzahlte, daß er seine Uebersetzung der Psalmen ins Romanische, die Sprache dieser Gegend, an die Nationalbibliothek nach Jerusalem geschickt hätte. Es wurde mir aber auch deutlieh, als ich in der kleinen dänischen Stadt Odense, der Geburtsstadt des Dichters Andersen, in seinem Geburtshaus unter den vielen Uebersetzungen seiner berühmten Märchen auch die hebräische entdeckte. Und ich erkannte es auf einem etwas nüchternerem Gebiete, als ich in schwedischen Zeitungen vom Aufenthalt des schwedischen Kronprinzen in Palästina las, von der Bewunderung, die dem neuen Aufbauwerk gezollt wurde, von der Freude, so viele schwedisehe Lastautomobile in Verwendung zu finden, erkannte es auch, wenn wir in kleinen schwedischen Orten Jaffa-Orangen alten und die Rede auf ihre Herkunft gelenkt wurde, und ich spürte es deutlich, als ich in einer großen Volkshochschulc in Varmland vor jungen Bauernsöhnen über die Landwirtschaft und Viehzucht im heutigen Palästina redete, ln besonders schöner Weise aber kam es mir zum Bewußtsein, als ich in Selma L a g e r 1 ö f s schönem Landgut ״Marbacka“ vor seiner Besitzerin sitzen durfte und aus ihrem Munde so warme und begeisterte Worte über das alte Palästina hörte und ein herzliches Interesse für das neue fühlte. So war dieser Besuch für mich nicht nur ein Stück lebendig gewordener Literaturgeschichte. Ich war am Morgen am Ufer des von heftigem Frühlir.gssturm bewegten, herrlichen Frykensees — des Löven der ״Gösta-Berlingsaga“ — entlanggefahren, hatte Schloß Ekeby mit seinen berühmten Kavaliersflügeln gesehen, hatte in Sunne, dem sagenhaften Bro, vom Denkmal des Predigers und Dichters Anders Frvxell aus die schöne Aussicht genossen und war dann nach einer kurzen Fahrt mit dem Postauto auf dem Gut angekommen. Und nun saß ich vor dieser Frau, deren Bücher wohl zu den verbreitetsten in der Welt gehören, und es dauerte nur wenige Augenblicke, daß wir mitten in einem Gespräch waren. Von Fragen des Berufs und der Pädagogik, des Problems der Volkshochschulen kamen wir auf die Kirche und Religion zu sprechen. Sie bedauerte, daß die protestantische Kirche sich dem Einfluß der ästhetisehen Eindrücke so ganz entzogen habe, den der Kult der katholischen Kirche vorschreibt. Und als ich einwendete, daß doch aber zur wahren Religiosität solche Eindrücke nicht nötig seien und daß wohl nur östliche Völker sich so weit versenken könnten, daß sie völlig unabhängig von äußeren Einflüssen seien, stimmte sie lebhaft zu und sagte: ״Der Westliehe sucht den Gott, der Orientale aber das ״Göttliche“. Das schlimmste aber, was es gibt, ist die Proselytenmacherei. Ist bei den Juden überhaupt eine Uebertrittsinögliclikcit gegeben?“ Ich erzählte von dem einzigen historisch bekannten Fall eines gewaltsamen Uebertritts zum Judentum, den streugen Vorschriften, die sonst vor dem Uebertritt warnen. Und da waren wir mit einem Male bei Palästina. Selma Lagerlöf ist heute 76 Jahre alt, und die Last dieser Jahre, wohl aber auch die der heutigen Zeit, scheinen schwer auf sie zu drücken. Aber hier wurde sie in ganz besonderem Maße lebhaft. Ihre Augen leuchten, als sie von dein Lande spricht. Sie reiste damals mit ihrer jüdischen Freundin Sophie Elkan durch das Land. Sie spricht nun mit Liebe und Wärme von der unbeschreiblichen Schönheit dieses Landes. ״Jerusalem, dieses Erlebnis, seine herrliche Lage, die Einzigartigkeit seines Charakters. Und so ist das ganze Land. Trotz tiirkischer .Mißwirtschaft: man fährt eine Straße, benutzt eine Bahn, sie hört plötzlich auf, und man muß aussteigen.“ Man muß bedenken, daß es fast 35 Jahre her ist, daß Selma Lagerlöf in Palästina war, daß es kein Tel-Awiw, keine jüdischen Siedhingen der heutigen Art gab. Sie spricht auch von den damaligen ersten, auf charitativer Grundlage entstandenen An- Pflanzungen. Und dann fragt sie nach dem heutigen Leben, nach der getanen Arbeit und der Zukunft. Sie spricht von der hebräischen Ausgabe der ״Herrenhofsage‘‘ und dem Plan, auch den ״Gösta Berling“ übersetzen zu lassen. Und als ich einwende, daß mir das eine besonders schwierige Aufgabe scheint, und daß wohl der Uebersetzer einige Zeit lang in dieser Gegend wohnen müßte, um völlig die Stimmung zu verstehen, sagt sie: ״Gewiß, man kann sich wohl kaum Unser neuer Roman Demnächst beginnen wir mit der Veröffenllichung des Palästina-Romans DAS WERK IM OEDLAND 11011 EWER HADAN1. rechter Verteilung von Licht und Schatten, von sicherer Hand gekennzeichnet. Die Uebersetzung des Werkes besorgte für die ״Jüdische Rundschau“ Dr. Max M aper, Jerif salem. * Der modernen jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina wird hier ein packendes Denkmal gesetzt. Der Verfasser, selbst aus den Reihen der palästinensischen Arbeiterschaft hervor gegangen, hat mit innerer Legitimation und großem Vermögen des Sehens und Gestaltens den tieferen Sinn eines Lebens der körperlichen Arbeit, seiner Freuden und Leiden, im Material der zu neuem Leben erweckten hebräischen Sprache fektgehalten. Das vor einigen Jahren in der Jordansenke errichtete Ruthenbergsche Elektrizitätswerk dient als romantisch-realistischer M ilieu-Hintcrgrund dieses Hohelieds der Arbeit. Moderne Arbeitsmethoden erscheinen im Kampfe mit der xenophoben Lebensweise und rückständigen Wirtschaft der Söhne der Wildnis. Der Wüste wird neues Kulturland durch jüdischer Hände Arbeit abgerungen. Landwirtschaft und Industrie, nationales und privates Kapital reichen sich die Hände zur Errichtung eines modernen Zivilisationswerkes. Durch diesen Roman geht eine Reihe von scharf charakterisierten jüdischen Gestalten, deren Leben und Schicksal, mit dieser Arbeit verbunden, vor ans ersteht. Unseren Augen entrollt sich ein Panorama größten Ausmaßes, in scharfen Konturen, mit ge- Kwcr llailaui Foto ־- Abramowiky, Tel-Awiw Ewer Hadani, der Verfasser van ״Werk im Oedland“, wurde 1899 in einem Städtchen hei Pinsk (damals Rußland) geboren und erhielt in Pinsk eine intensive hebräische Erziehung. Ln 14. Lebensfahr kam er nach Jaffa ans Hebräische Gymnasium und wurde dort vom Krieg überrascht, der die Verbindung mit dem Vaterhause vollkommen abriß. Ewer Hadani bleibt allein auf sich seihst angewiesen innerhalb des werdenden Lehens im Lande. Als Wächter (Schomer) und Arbeiter kam er in Bcrührung mit älteren Kameraden und schloß sich in den letzten Jahren des Weltkrieges der jüdischpalästinensischen Ereiwilligen-Legion an. Nach dem Weltkrieg trat er in eine Kwuzah ein und blich in den Reihen der Arbeiterschaft. Im 30. Lebensjahr schrieb er seine erste Erzählung ,,Die Uolzbaraeke“. Nach ihr erschienen in den letzten sechs Jahren zwei Romane: ״Das Werk im Oedland“ und ״Dornen“; außerdem schrieb er einige kleinere Novellen und zwei Dramen. Der Schriftsteller seihst äußert sich in einem Brief über seine Arbeit wie folgt: ״ln all meinen Werken wird das werdende Leben geschildert, das ich bis zu der Zeit lebte, da ich Schriftsteller wurde. Wenn ich mich manchmal frage, weshalb ich all das fremden Augen enthülle, was mir und meinen Kameraden heilig war, ant- Worte ich nach Selbstprüfung, daß ich es aas inncrem Zwang tun muß. Möge die Pietät, mit der ich diese Themen behandle, die Sünde sühnen, die ich begehe, indem ich das Gute, Geheime und Teure Zuschauerblicken bloßlege.“ größer« Gegensätze vorstellen, als diese zwei Welten, aber ist es denn nicht hier so, daß der rationale Mensch eine Sehnsucht zum Romantischen hat, die in einer solchen Arbeit seinen Ausdruck finden würde?“ Wir sprechen eine Weile über das Problem der Ueber- Setzung, der Uebertragung im allgemeinen, und sie erzählt mit viel Humor von einer Aufführung von ״Romeo und Julia“ in Kairo, die den Einheimischen wohl Tränen der Rührung, Europäern aber nur Lachtränen entlocken konnte. Und dann sagt sie noch ein Wort, aber es enthält ein Problem, und sie wird dabei sehr ernst, denn sie kennt sehr genau die Bedeutung der Frage: ״Und die Araber?“ Und vidieicht ist diese Frage wie keine andere geeignet, das warme Interesse dieser großen Frau an dem Geschehen zu bekunden, das sich dort unten im fernen Orient abspielt. Man merkt, daß dieser Mensch, dem so viel Ehrungen und Huldigungen aller Art zuteil wurden, noch mit der Welt und ihren schweren Problemen mitlebt, und daß dieses kleine Land Palästina, das sie vor so vielen Jahren gesehen hat, daß sein Geschick auch noch heute einen Platz in ihrem Herzen einniimnt. Da erzähle ich ihr von der Jugend, die dort arbeitet, von der Hoffnung, die auf diese Jugend gesetzt wird, und von den kleinen Anzeichen von Erfüllung, die sich immer wieder und wieder zeigen. ....Wie ich dann durch das lange Tal zurückwandere und noch einmal die herrliche Schönheit von Värmlands Landschaft mit vollen Zügen genieße, lasse ich auch noch einmal diese wunderbare Stunde an mir vorüberziehen, in deren Verlauf ein so weiter aber auch deutlicher Bogen gespannt wurde, von diesem großen Menschen, der schon vor 30 Jahren ein Buch über jenes ferne Land schrieb, das seinen Namen um die ganze Erde fragen sollte, und der jetzt die Geschicke dieses Landes mit warmem Interesse verfolgt, bis hinüber in dieses Land selbst, das wir alle so sehr lieben, zu dem Lande und seinen Menschen. Das Linguaphon-Institut in London kündigt an, daß es einen hebräischen Unterhaltungs-Kurs auf Linguaphonplatten herausbringe. Als Mitarbeiter daran werden Dr. David Y eil in von der Hebräischen Universität in Jerusalem, der Lektor für modernes Hebräisch an der Schule für orientale Studien in London, Dr. J. Wartski, und Dr. Ernst Simon (Haifa) genannt. Auf Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN Schluß Copyright Verlag Erich Rein, Berlin Am 24. Juni waren Hedtla und Fehl in ״er früh aufgebrachen. Sie fuhren bis Grindelwald, überschritten die kleine Scheidegg, standen an der Jungfrauwand, kleltcrten und sahen das Massiv des Mönch und des Eiger vor sich. Sie waren in einer Well von Eis und Schnee, und ihnen war, als ob die Sprache der Ewigkeit gesprochen würde. Sie rasteten, sie sprangen auf, die Eindrücke waren zu stark, sie mußten singen, lachen, jubeln. ״Es ist zuviel“, sagte lledda. Fchlinger stand am Rande einer Senkung. Er sah in die Tiefe, von der ein halber Schritt ihn trennte. Als Fchlinger die Worte llcddas hörte, wandte er sich. Zuviel? Ja, es war zuviel. Alter nicht dieser Tag mit seinen tausend Bestrickungen. Es war zuviel, was er trug. Es war zuviel, so bedrängt zu sein und nicht sprechen zu dürfen. Er helrachlete lledda, deren Augen lachlen, deren Mund halb geöffnet, deren Arme erhoben waren und sich breiteten. ״Es ist zuviel“, wiederholte sie. Sie stand gegen das Blau des Himmels. Noch nie war eine solche Welle der Beglückung von ihr ausgegangen. Fchlinger konnte es nicht länger erlragen, ״lledda, lledda, hilf mir! Ich gehe sonst zugrunde!“ schrie er und eilte auf lledda zu. Er fiel nieder, wo sie stand. Er umschlang ihre Knie. Er rief: ״Ich gehe zugründe, wenn du mir nicht hilfst.“ Heddas Knie begannen zu zittern. Sie ließ sich neben Fehlinger nieder. Sie empfand, du liebst ihn, du liebst diesen guten, reinen Menschen. Sie sagte: ״Mein Leben gehört dir. Was ich bin, gehört dir.“ Fchlinger umschlang sie. stammelte, schluchzte, dankte Gott, dankte ihr: denn es hatte sich so viel auf sein Ilerz gelegt all die Monate, lledda ließ sich umhüllen von Fehlingers übenjucllendom Gefühl. Sie hielt seine Hand, sie empfand, er hatte die Seele eines Kindes. Sie legte seinen Kopf in ihren Schoß, sie beugte ihren Kopf, so daß Fchlinger ihre Augen sali, und mierschöpfliehe Hingabe strahlte auf ihn nieder. Er fühlte sich geborgen, er schloß die Augen: ,,Wie konnte Gott so viel Güte in dich einhidlen? Wie kann ich das verdienen?“ Es wurde Zeit zum Abschied, lledda und Fchlinger st anden Hand in Hand, Sonne überflutete sie, doch ein Wind fegle sausend über sie hin, als ob auf all dies Strahlen irgendwoher ein Antwort käme, und Fchlinger schloß lledda in seine Arme. Erst als es dämmerte erreichten sie Grindelwald. Ein Hotelboy rannte über die Straße, er batte den rechten Arm hoch ausgestreckt, die Finger gespreizt, seine Augen waren weit aufgerissen, und er schrie. Es war nicht zu verstehen, so sehr war er außer Atem. Als sie näher kamen und die Warle verstehen konnten, nämlich daß der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajewo ermordet worden wären, da waren sie im Augenblick verstört und wußlem sich den Sinn der Nachricht doch nicht zu deuten. Es war spät, als sie in Inlerlakon ein trafen, noch ihr Glück und d«n Alem der Berge im Blut. Menschen standen auf den Straßen, Einwohner, Kurgäste, die die Erregung zusammengetrieben halte; sie mußten sprechen, sie mußten sprechen hören. Eine Dame weinte, viele sprachen zu gleicher Zeit. Ein kleiner, dicker Herr drehte erregt an seiner Uhrkette: ״Ich fahre morgen nach Haus. Es gibt einen Krach an der Börse. Die Papiere stürzen.“ Ein anderer lächle nervös, an seiner Aussprache erkannte man den Wiener. ״Mein guter Herr, die Papiere stürzen? Da stürzt was anderes. Wissen Sie, was dieser Mord bedeutet? Krieg bedeutet er, Krieg!“ Mehrere Frauen kreischten auf: ,,Krieg? Krieg?“ Es war, als ob man schon das Marschieren der Bataillone hörte, and die Dame, die geweint halte, stieß zu dem Kreis. ״Was“, rief sic, ,,der Krieg ist ausgebrochen? Vater im Himmel, mein Sohn dient. Er wird sterben.“ Und sie begann nun, sehr laut zu weinen. Es war, als ob der Vorhang eines Theaters aufgezogen würde und auf der Bühne alles dunkel wäre. Das Licht der Straßenlampen spielte um die Gesichter und verzerrte sie, und die Menschen sahen einander an, als wollte jeder vom anderen Gewißheit haben. Ein großer Herr mit strammer Haltung sagte: ״Unsinn, was heißt Krieg? Serbien wird zur Knison gebracht. I)as ist ein Pap|>enstiel. Dos ist in 24 Stunden erledigt.“ Man atmete erleichtert auf; für 24 Stunden konnte man einen Krieg hinnelimen. Fchlinger zog lledda aus dem Kreise fort: ״Wir wollen unseren Verstand beliallen.“ Aber immerhin, man begann, mehr Zeitung zu lesen, lledda erhielt eine Drahtnachricht. von ihrem Vater: Reise verschoben. Kurgäste reisten ab. Lieberlieh. Es wird sich alles einrenken. Die Kurkapelle spielte, wie immer. Es war lustig wie immer. Es wurde geflirtet, es wurde getanzt, die Bars waren besucht. Traumhafte Tage kamen über lledda und Fchlinger. Sie blieben nicht in Interlaken, sie, wandrrten durch Täler, sie stiegen auf Höhen, Und überall, wo sie standen, wo sie gingen, wo sie waren, war das Glück, war die Freude, da zu sein, zu leben, dies zu leben, gemeinsam zu leben. Sie lasen keine Zeitungen. Sie hielten sich fern von den Gesprächen der anderen. Sie standen auf dem Gornor Gral, und der Anblick der Bergriesen ringsum mit ihren Schnecliäuptem überwältigte sie. Eine erhabene. Ruhe schien vom llimmcl auf die F.tdo zu sinken. 1״,aß mich 111 rückgehen, mein Herz“, seufzte lledda auf, als sie an einem der letzten Oktobertage dieses Schicksalsjahres ihre Tagebuch-Aufzeichnung machen wollte, und sie ließ die Hand sinken, die den Federhalter hielt. Und sie begann zu blättern, sie verspann sich in die Erinnerung, an die kaum vergangenen und schon so fernen Erlebnisse. Der Mord von Sarajewo, von dem sie noch in den Bergen erfahren hatten, war wie ein Blitz eingeschlagen, und die Zeit bis zum Ausbruch des Wellbrandes verging beklemmend und verwirrend langsam wie die Sekunden zwischen Blitz und Donner, und erst in der Sicht der Erinnerung war es ein klarer, gerader Weg. Könnte ich diese Tage festhalten, begann eine Eintragung von Anfang Juli, und nun war sie zugleich beglückt und wehmütig, daß sie es damals schon so empfunden halte, wie jeder von diesen Tagen in ihr Leben leuchten würde. Sie hatte früher zurückfahren müssen als Fehlinger: da war es ihr zun», erstenmal (ranz bewußt, daß sie ohne ihn nicht leben konnte,