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Jüdische Rundschau · 1935-08-16 · Heft 66 (16.8.1935) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 66 (16.8.1935)
Date
1935-08-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 16. VIII. 1935 mit groß ausholendem Schwung der neuen Möglichkeiten bemächtigt, der in Td-Aviw zu einem sich überstürzenden Rhythmus der in kleine Einheiten aufgelösten Bewegung führt, hat in Jerusalem de!1 langsameren Gang des Gediegenen, stilleren und immer noch Exklusiven. Mail weiß nicht recht, siegt hier die Beamtenstadt oder — das alte Jerusalem? Neue Türme und Wahrzeichen Wer einmal mit wachen! Auge das Panorama Jerusalems gesehen hat, vergißt es nie wieder. Cs wird immer jene sicli über die Hügel breitenden Türme und Kuppeln, die Linien der Mauern, den violetten Schein der Berge, die herben Zypressen und ()elb.iunie in Gedanken behalten, die Jerusalem eine l,!!Vergeßlichkeit verleihen, wie sie mir wenige Städte der Welt haben. 11! den letzten Jahren sind zu den vielen Turnten und Kuppeln, von denen der Liebhaber der Stadt jede einzelne kennt, einige neue dazugekomnieti. Da wuchs vor einigen Jahren jener Kieseiiturm der V. M. C. A. herauf, der so manchem Anhänger der Stadt das Gruseln cinjagtc, bis er nach einer Zeit der Gewöhnung feststellte, daß die ewige Stadt wie aelisel/uekend auch über diesen neuen Riesen hinwegging 11ml ihn einordnete in das Gesamtbild. Da kam das Schloß des Oberkommissars an den Orcu/cn der Stadt mit ei 11011! der märchenhaftesten Ausblicke in die judiimhe Wüste, das heute wie ein Wahrzeichen der englischen Aera über Jerusalem stellt. Da steht heute in der Nähe des Tempi lp!at/es der weiße riesige Bau des neuen K<k kefdlcr-Muscinu», ein neues Steindokument unter den vielen uralten Bauten der Stadt. Da wachsen in den neuen jüdischen Wohnvierteln die Kuppeln der neuen Synagogen, steht in guter und klarer Einfachheit der große Bau der jüdischen Verwaltung, in den! die Exekutive der Agency und die nationalen Fonds untergebraeht sind; am Wege nach dem Skopus stehen neue arabische Häuser mit Fayencefa.xsade!!. Ihui wahrend man bei Betrachtung des Panoramas der Stadt zu dcnl-.cn versucht war, daß hier nun alles so bleiben müsse, daß die'i-s ein gewachsenes und gewordenes Gebilde sei, daß sich nicht 11011 ז r rühre und ändere, sicht man es mit Erstaunen von tieueiti wachsen, sieht, wie das Bild mit Gelassenheit die neuen Gebäude einbezieht, ihnen trotz aller Verschiedenheit um! trotz mancher geschmacklicher Entgicisungen seinen besonderen Stempel aufdrückt, es umwandelt zu einem neu-alten Ganzen. Die Ringe schließen sich Die Gründling der ersten modernen jüdischen Wohnviertel and den lim׳,-!!! [cn!-.11 eins war ein Wagnis. Die ersten Häuser l.igui sein inzed iniitei! 111 der von Geröll bedeckten Umgebung du״ kahlen I leige, ohne reciite Straßen zum Zentrum und /«einander. Ls entstandet! die ersten Bauten in Recliawiah, das sich damals noch nach dem bcnadibarten Ratisbon nannte, die ersten 1 laüser der Lehrer und Schriftsteiler draußen in Buh 1 fnkcreui, die roten Dächer der wenigen 1 läiiser in Talpiutlu Noch vor wenigen Jahren hatte Rcchawjah, das Vieriei der Intelligenz, nicht viel mehr als drei oder vier Straßen. Heute ist hier eine Art gesonderter Stadt entstanden, mit sehr stattlichen Hausern, sämtlich von Gärten umgeben, die man diesem steinigen Boden nie zugetraut hätte, mit Ausläufern nach dem benachbarten Kirjath Schmiiel, 11.1s bereits mit Hechawjah zu einer Einheit verschmilzt und einem Baiihinn. der fast mit dem von Td-Awiw konkurrieren kann. Freilich hört man hier statt des Geratters der Betonmischmaschinen da-;, metallische Hämmern der Meißel auf Stein, denn Gort sei Dank verwendet Jerusalem immer noch zu einem ganz großen Teile dien schönen Stein seiner Beneidenswertes Dilemma Berge st;! ■ tt <!es fa rblu ec 11 li ■ etons, der sich inune r mehr im Lande einhiii rt. Fre i! i ch י, ,Trkleiu eu viele nur die Fassade mit Stein un, Wj .11 re nd das e igetillic he Gerüst aus Beton gegossen \v ird un d 1! aan kann •auch an manchen St eilen schon reine Bei '1111) aui :en tu! dell, t die *ie 11 neben ihren wuchtigen Nachbarn ui nie f (׳ r 11 t ׳ 1 1: ן ׳fi pe inÜch au-aiuhmun. I diese Baubewtgunp; in :ו rrn, awj; 11׳ ICK 1!Tilg ebung ist nicht nur stark, sondern : nicb; I eile! 1' c wir d sehr komfortabel : p'baut. Die Wohnun;/ OM; bin d!.! mH mit ■vwlm /imment. Es s che int, daß sidl viele l!a ul! ern ■n \ :erre.j uiet 11; dien und die Möglichkeit, diese gm!Sen A pi Kl run. :!eins nt Ver mieten, doch g :erdiger ist, als man an:1; an mm len hat. Die 111 1h; winridittiiig ist überaus komfurta! ■) u I« Ml it l.ic! 1׳t- 11: 1d Kr. dt-troiig Kacli ein. eiligebauten Sc liräi!ki 11, alle] 1׳ nur dellkl);;reu Beijücmlid tkeiten und Erlcichter un:.; D ie Stai!׳>'a rd>HWl •rmig in Wohn tinga! und Geschäfte n \< t in J< ne־. :m;n; in der : Schicht, die sie tragt, noch ausRvpnr; per a! - > in T! 1-Av\ i■ iv und sie wirkt noch eklatanter, weil dies! 1 S i ־. / t H וי 1 cn ft׳ e und gebrauchende Schicht , eben eine dünne ist . du ich in üu eu 1 ehern {(innen .- viell eicht unbewußt — an <1! r 1 :urn um 11 ml den Standard des englischen und infer nal! ״<> den 1 '> t amt vi־. itnille; anlehnt. Wie sich K V. 11 ■'׳wj ah an Kirjat 11 Schmnel schließt, lehnt sich weit!;:rlii:!1 r :• i 1) 1 e 11 ar 1, vidi! eicht heute die anspruclisvollste ( 1uin: an) ji .TUS alcnis, mit breiter Straße, wuchtigen Hausern und ei!KT schien ücy,׳!! olkerung. Man kann heute schon erb :cn n cn, , wi e M ch du 1 durch brochene Kette der Wohn- Steuersenkung oder Ausgabenvermehrung? ״Di e Finanz tu inister aller Länder der Welt müssen hcuteinitgrölltcm Neid nach Palästina sc haue n“ — so. schreibt die englische Zeitschrift ״The Near East and india“; denn Palästinas Lage ist heute ohne Beispiel. Das Staatsbudget hat fahr für Jahr einen gewaltigen Ucberschuß der Einnahmen über die Ausgaben. Nach den Ziffern, die wir in Nr. 65 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlicht haben, beträgt der U cbersehuH im a b g e - lauf e neu Verwaltungsjahr etwa 21/4 Millionen Pfund. Der Gesamtüberschuß, den die Regierung in ihren Kassen hält, beträgt etwa 5 Millionen, mehr als ein ganzes Jahresbudget. Was soll nun mit diesen angehäuften Geldern geschehen? Wie bereits mitgeteilt, hat der Schatzmeister der Palästina-Regierung, Mr. Johnson, erklärt, die Regierung erwäge eine Reduktion der Steuern. Vor einigen Jahren wurde die palästinensische Oeffentliclikcit sehr erregt durch die Ankündigung der Einsetzung einer Untersuchungskomtnission, die die Einführung einer allgemeinen direkten Einkommensteuer vorbereiten sollte. Ist doch Palästina heute das glückliche Land ohne direkte Steuern! Damals befürchtete man sowohl in Jüdischen als auch in arabischen Kreiser! ungünstige wirtschaftliche Rückwirkungen bei der Einführung• einer Einkommensteuer. Obwohl inzwischen ein Sachverständiger aus London nach Palästina gekommen war, ist die Sache anscheinend fallen gelassen worden. Jetzt hören wir, daß die Regierung sogar eine Senkung der bestehenden indirekten Steuern und Gebiihren vorsieht! — Mit der Frage, was mit dem Deberschuß geschehen soll, beschäftigt sich der englische Zionist Josef L. Cohen in der Zeitschrift ״The Near East and India“. Cohen meint, daß wohl begründete Steuerreduktionen auf gewissen Einzelgebieten gemacht werden sollen, sowie es kürzlich z. B. gegenüber gewissen Motoren-Typen geschehen ist, aber eine allgemeine Reduktion würde nur Verwirrung stiften. Viel wichtiger sei die Forderung nach einer produktiven Verwendung der Gelder durch Ausgaben der Regierung für wichtige Arbeiten. Dadurch könnten eine Reihe von dringenden Bedürfnissen des Landes erfüllt werden, z. B. Aufforstung, Drainage, Straßenbau (die längst überfällige Straße Tel-Awiw—Haifa!), Verbesserung des Post- und Telephonsystcms. Ferner sollten der Gesundheitsdienst und das Erziehungswesen viel reichlicher von der Regierung unterstützt werden als dies jetzt der Fall ist. Weiter müßten die großen Städte Palästinas Anlagen und Parks bekommen, eine Aufgabe, für die die Regierung einspringen könnte. Alle diese Ausgaben würden nicht nur das Land wesentlich verbessern, sondern lassen sich auch vom Stand- Punkt einer gesunden Finanzpolitik rechtfertigen. — Die Redaktion der Zeitschrift wendet gegen Cohen ein, daß es nicht Sache einer Regierung sei, Ausschau zu halten nach neuen Ausgabemöglichkeiten. Die Anlage von Parks z. B. in den Städten müßte den Stadtverwaltungen Vorbehalten bleiben. Um die Weiterentwicklung Palästinas ln einer Zuschrift an die Londoner ״Times“ vom 14.8. weist Sir Robert Waley Cohen unter dem Titel ״Die Entwicklung in Palästina“ darauf hin, wie stark durch die jüdische Einwanderung der Lebensstandard in Palästina gehoben worden sei, und daß es Großbritannien gewesen sei, das zuerst erkannt habe, daß allein die Juden den Enthusiasmus und die Fähigkeit besitzen, das Land zum Wohlstand zu führen. Aber, so sagt Cohen, wenn diese Prosperität sich ausbreiten oder sogar andauern soll, so muß Großbritannien zu seiner Politik der Freiheit halten. In den gegenwärtigen Beschränkungen der jüdischen Einwanderung sei ein zeitweiliger Abfall davon zu erblicken. Jede Aktivität werde zurückgehaltcn und die Gründung neuer Industrien behindert. Solch eine Politik müsse ernste Folgen für die weitere Entwicklung und für die augenblickliche Prosperität haben; ihre Auswirkungen würden hauptsächlich von den Aermstcn im Lande, den arabischen Fellachen und den ärmsten der jüdischen Einwanderer gespürt werden. Und sie müsse in Palästina bald eine ernste ökonomische Reaktion hervorrufen. Gerade in der gegenwärtigen Lage der Judenheit sei es aber nötig, Palästina zu fördern. Auch der arbeitende Araber habe seinen Anteil an dieser Entwicklung sowohl als Produzent wie als Konsument. Es wird eine wachsende Wirtschaftliehe Zusammenarbeit zwischen Arabern und ihren jüdischen Mitbürgern geben. Diese Notwendigkeit werde gewisse künstliche politische Gegensätzlichkeiten überwinden. ״Manchester Guardian“ veröffentlicht am 10. 8. einen setir ausführlichen Artikel über die Entwicklung Palästinas, worin er das ständige Wachstum insbesondere in der Industrie und Landwirtschaft darstellt. Der Korresponcient kommt zu dem Ergebnis, daß dieser Fortschritt auch in Zukunft anhalten wird, da seine Ursachen gleichfalls beständig sind: die geordnete britische Verwaltung, das Aus- Wanderungsbedürfnis der Juden Mittel- und Osteuropas, das wachsende Vertrauen der Gcsaintjudcnschaft zu dem Aufbauwerk und schließlich die Zukunft von intellektuellen und materiellen Kräften, die das Land immer mehr entwickeln. Siedlungen zu schließen beginnt und ineinander übergehende Blocks bildet, die sich über die Jerusalemer Hügel ziehen. Am stärksten ist die Ausdehnung der Wohnviertel jedoch im Anschluß an die Gegenden des alten Jischuw, wo ganz neue große, von Straßen durchzogene Viertel entstanden sind, Keren Abraham, Me kor Baruch und ihre Nachbar- Siedlungen. Hier sind im Laufe der letzten zwei Jahre riesige Steinfekkr, die früher zwischen bewohnten Gegenden lagen und nur von weidenden Ziegen und Eseltrupps aufgesucht wurden, in Stadtviertel verwandelt worden. Große mehrstöckige Steinhäuser, zu einem Teil von neuen Einwanderern bewohnt, Läden, erste Anfänge von Garten. Man sieht mitten durch frühere Geröllliaklen die neuen weiträumigen Straßen gehen und bekommt die sonderbarsten Gegensätze vor Augen, wenn man aus einem der neuen Viertel in den alten Marktplatz, von Beth Jisrael einbiegt, wo sich wie in früheren Zetten die grünen Berge der Melonen häufen, das armselige Gemüse auf dem Boden ausgebreitet ist, sich die Gestalten der persischen und buch arischen Juden gegen die alten Bogenpfeiler abheben, das Pflaster spitz und ungleich den Boden bedeckt Es ist wie ein Anschauungsunterricht über das Frühere und das Heutige, wobei sich die neuen zweckgemäßen Bauten, die neuen Läden, die Straßen und — vielleicht — auch die Anschauungen immer stärker in die alten Viertel schieben, sie ins Unscheinbare und fast Unsichtbare hineinsinken lassen. Beim Stichen findet man jedoch an der alten Steile die berühmten Elendsquartierc von Jerusalem, jene Häusergruppen aus alten Steinen, Holzbrettern, Leinwandfetzen und Petroleumblechen phantastisch zusammengeflickt, wo sich die ärmste Bevölkerung zusammendrängt, in großen Familien, mit einer unbegrenzten Kinderzahl. Für diese Menschen gibt es keine Entwicklung Jerusalems, keine Acnderung ihrer Lebensweise, oft keine Erziehung für ihre Kinder, nur das stete Sichmühen um das nackte Leben, um ein zerlöchertes Dach über dem Kopfe und einen Bissen Brot für den Hunger. Anschließend an die alte Gegend von Machnc Jchudah, durch die man bei der Einfahrt nach Jerusalem kommt, findet man weitere Teile des neuesten Jerusalem. Hier ziehen sich Viertel, mit Häusern der verschiedensten Stil- und Spielarten über die Hiigcl, überziehen hier und dort ein anliegendes Tal und deuten in die Gegend von Beth Hakerem, das heute zu einer Art von Sommeraufenthalt für die schwitzenden Tel-Awiwcr wird. Und angenehm genug ist es in diesem Ocrlchcn, das sich unterhalb des Prachtbaus des Lehrerseminars mit seiner schönen Bogenfassade in seine Gärten lagert. Beth Hakerem sicht fiepte so ähnlich aus, wie sich die Gründer Tcl-Awiw vorgestellt haben mögen. Kleine Häuser, jedes von seinem Garten umgeben, mit einem großen Ausblick. Die vor ungefähr einem Jahrzehnt gepflanzten Bäumchen haben sich gestreckt, sie geben ein labendes Grün in der herben Stein- und Bcrglandschaft und langsam fügen sich die jungen Wipfel zum Schatten zusammen, unter der sengenden Sonne des Julihimmels eine Gottesgabe. Beth Hakerem wächst vielleicht nicht so stürmisch wie andere Orte, aber cs weitet sich doch aus und ein paar neue größere und kleine Pensionen ziehen Fremde an, die liier Stille und Bergluft suchen. Von Beth Hakerem sieht man hinüber auf die Ränder von Rechawjah, auf die roten Dächer von Talpioth, auf das benachbarte Bajith Wcgan und bekommt erst so recht einen Begriff davon, wie umfassend das Weichbild dieser Stadt ist, über wie große Strecken sie sich zieht. Aber man lernt zugleich, wie sich von den einzelnen Außenvierteln Glieder über die Hügel zu ziehen beginnen und er- HOTEL SfauK OU $06 ZÜRICH Lage, Einrichtung und Führung begründen seinen Weltruf Zimmer ab Fr. 9.— Pension ab Fr. 16.— innert sich an den alten Plan, der bei der Gründung von Talpiath und Beth Hakerem auftauchte und diese entgegengesetzten Gegenden, als Endglieder eines großen Ringes betrachtete, der einmal das neue Jerusalem bilden sollte. Man kann heute bereits beobachten, wie die einzelnen Glieder wachsen, sich einander nähern, durch Straßen und Verkehr miteinander verbunden werden. Man sieht im Oeiste die Ringe sich schließen. Die Tracht verschwindet Es gibt viele unter der wachsenden neuen Einwohnerschaft der Hauptstadt, die in den modernen Vierteln leben und nur in ihnen. Das historische Jerusalem, das alte, das bunte liegt neben dem täglichen Leben, seinen Ansprüchen, seiner Arbeit und seinen Vergnügungen. Auch heute ״och gehört neben dem europäisch gekleideten Juden und Araber die Tracht des Fellachen und des Beduinen, die Kutte der verschiedenen Mönchsorden zum Straßenbiid, so daß sie nur in den Augen der Touristen besondere Aufmerksamkeit erwecken. Aber es ist sehr stark zu spüren, wie Jerusalem dual! seine Europäisierung und seinen tnoderneeren Lebensrliythm!« von seiner Buntheit verliert. Viele der jungen Araber kleiden sich in europäische Tracht und auch unter den orientalischen Judengemeinden verschwinden immer mehr die bunten Gewänder, die früher eine Selbstverständlichkeit waren. Wenn inan durch die Torbogen in die unter den Schutzdächern dämmernden Straßen der alten Stadt tritt, so trifft man noch die Farbigkeit des alten Jerusalem, mit den gestickten Kleidem der Fellachinnen, den trottenden Eseln, den Priestern mit ihren langen Zöpfen, den Fruchtverkäufern und mit ihren Messingschalen klingelnden Limonadenhändlern, dem Wasserträger mit dem Ziegenschlauch, den dunklen Buden mit ihren Sätteln, Kupferpfannen, Gewürzen, Kamelketten und Wasserpfeifen. Aber aus dem normalen Stadtbild verschwindet diese Buntheit immer mehr. Der andersartige Lebensrhythmus zieht immer weitere Kreise in seinen Bann, die europäischen Faliriken verdrängen die einheimischen Waren selbst aus den Bazaren der Altstadt. Die Europäisierung der Kleidung erfaßt am schnellsten die jüdischen Kreise, die sich bisher orientalisch trugen, ob es nun persisch war oder bucharisch oder jemenitisch. Und auch die Araber schreiten in der Europäisierung der Kleidung vor, schrittweise, indem erst eine europäische Jacke über die ״makedonischen Pluderhosen“ gezogen wird und dann auch diese und schließlich Mütze und Hemd Europa angepaßt werden. Der Prozeß ist unaufhaltsam itn Lande, wie er auch in anderen Gegenden des Ostens unaufhaltsam war. Die Liebhaber der alten Buntheit beeilen sich, heute noch soviel davon einzufangen, wie ihnen geboten wird. Die ewige Stadl Es gibt viel Staunenswertes in dem neuesten Jerusalem, in seinem Wachstum, seinem eigenartigen Charakter, seiner Verschiedenartigkeit. Aber das Erstaunlichste bleibt die unerschütterliche Ruhe und Unveränderlichkeit der ewigen Stadt Auf einem der umliegenden Hügel stehend, wird man in dem immer wieder erregenden und altvertrauten Bilde neue Türme, neue Häuserblock, neue Wahrzeichen erkennen. Man spürt bei den Wanderungen über das alte Gelände die neuen glatten Wege unter den Füßen, man durchquert die Stadt mit bisher ungeahnter Mühelosigkeit, man hat die Auswahl, in den rauchigen Garküchen der Allstadt oder in einem modern aufgemachten Lokal des Zentrums zu speisen, aber man spürt denselben Hauch über der Stadt, der nur Jerusalem eigen ist und keinem Erdenfleck sonst. Es riecht nach Geschichte und man wird diesen Geruch nie los, auch wenn man sich in den modernsten Teilen der Stadt befindet So wie die alte Jebusiterburg dem Bau des Tempels zusah und später der Aufrichtung des Haram, wie sie Regierungen und Völker vorüberziehen sah, so betrachtet sie heute das neue Gewand, das sie erhält, die neuen Flügel, die ihrem Gebäude angefiigt werden, und sie bleibt sie selbst. Ihre Ruhe und strenge Haltung, die Gelassenheit ihres Gchabens, ihr ins graue Altertum reichendes Gedächtnis gestalten sie trotz allen Neuerungen und Aendcrungen zur ewigen Stadt. Die Forderung der Stunde — Neuer Boden lür neue Kolonisation Spenden an den KEREN KAJEMETH LEJISRAEL, BERLIN W15, MeinekestraBe 10 * Poetacheckkonto: Berlin 28247

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