Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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IRDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 66 16. AUGUST 1935 Das neue Jerusalem Von unserem palästinensischen gl.- Korrespondenten Mit diesem Artikel setzen umV unsere Darstellung der neuesten Entwicklung der modernen palästinensischen Städte fort, die wir in Nr. 54 vom 5. Juli 1935 mit der Beschreibung von Tel-Awiw begonnen haben. — Red. Mit Erstaunen und vielleicht auch mit einer gewissen Beängstigung sprach mar! vor einem Jahrzehnt, als moderner Oeist des Handels und des Bauens in die zeitlose Stadt einzuziehen begann, vom ״neuen Jerusalem". Das ״alte“ war das historische, war die Altstadt mit ihrem Tempelplatz, ihren bogigen Bazaren lind ihr eigenen Gerüchen und Farben, waren die historischen Stätten, waren vielleicht noch jene vor einem halben Jahrhundert außerhalb der Mauer entstandenen W01111viertel, in denen der alte Jischuw der ״Chalukkah“, durch die religiöse Barmherzigkeit der Diaspora unterhalten, sich in langen Häusern mit großen Höfen, in düsteren Steinräumen, die von unendlichen Kindcrscharcn übervölkert waren, eirigerichtet hatte. Die Stcinfekler der alten Friedhöfe auf dem Abhang des Oelberges gehörten zu diesem alten Jerusalem, die arabischen Häuser mit ihren dicken Steinmauern und weiten Hallen, und dieses alte schien so gewaltig und unüberwindlich, daß sich das neue dagegen klein, etwas deplaciert, gedrückt und unsicher vorkam, wie ein neuer und in fremdem Stile erbauter Flügel an einem Gebäude, das durch die Zeit selbst zu einer organischen Einheit zusammengewachsen ist und nun keinen Anbau und keine Reform und Neuerung mehr zu ertragen scheint. Als eben dann, einige Jahre nach der Einführung (her englischen Zivilverwaltung, die ersten Häuser der modernen Wohnviertel entstanden, die ersten Ansätze zu einem modernen Handelsviertel, die ersten Versuche, Moderne und etwas Komfort in die heilige Stadt zu bringen, da herrschte unter denen, die an Jerusalem hingen — und es gab sehr viele solcher unter seiner dünnen modernen Einwohnerschaft — viel Staunen und Beängstigung. Gerade aus der Liebe, die aus der Bekanntschaft mit Jerusalem erwachsen war, stammte diese Angst, sich an eine zu große Aufgabe heranzuwagen, etwas zu gestalten, was dem so stark spürbaren Geist dieser ebenso alten wie lebendigen Stadt nicht entsprach, sich in der Schöpfung des neuen Jerusalem von dem alten beschämen zu lassen. Und zugleich lag auch eine große Hoffnungsfreudigkeit in diesen ersten bescheidenen Versuchen und Plänen, denn es sollte an die schier unübersehbare Reihe Jerusalemer Denkmäler und Wohnstätten ein neues Glied angefügt werden, das die abgerissene Kette der jüdischen Tradition im Mittelpunkt des Judentums von neuem schloß. Man mußte blind gegen historische Perspektiven sein und frei von Ehrfurcht vor dem Begriff Jerusalem, um nicht die große 4 | Verkehr auf dem Julian’s Wag (im Vordergrund ein bucharischer Jude). Foio: Gid.1 Verantwortung zu fühlen, die in der Schaffung eines ״neuen Jerusalem“ lag. Heute scheinen jene Zeiten der Anfänge sehr weit zurück• zuliegen. So wie die Entwicklung des gesamten jüdischen Palästina hat auch das Wachstum Jerusalems an Ausdehnung und Schnelligkeit (vielleicht nicht an Qualität) die kühnsten Voraussagungen übertroffen. Das neue Jerusalem ist längst eine Tatsache und die meisten sind sich nicht mehr be• wußt, daß es jemals in erster Linie als ein Problem und eine Aufgabe empfunden wurde. Und an das neue Jeru• salem schließt sich bereits das neueste, sehr viel moderner, anspruchsvoller und ansehnlicher als das vorhergehende, an Prätension und Stattlichkeit vielleicht das stärkste, was die neue Entwicklung im Städtebauwesen des Landes hervor• gebracht hat. Wega Noch vor wenigen Jahren war Jerusalem eine der staubig• sten Städte der Welt. Die Straßen waren eher Eselswege als *tldtisch« Fahrstraßen; man kletterte über spitze Gesteins• brocken bergauf und bergab, so daß man mit schmerzenden Füßen die lustig trippelnden Esel beneidete, im Sommer hüllte jedes vorbeiratternde Gefährt alle Passanten in undurchdringliche Staubwolken, die alles überpuderten und sich mit den feinen Kalkteilchen heißend in die Augen setzten. Im Winter versank man dann dafür nach einem heftigen Regen in knöcheltiefem Schmutz, der sich in tiefen Löchern sammelte und Einkäufe auch in den Hauptgeschäftsstraßen zu einem gewagten Unternehmen machte. Geordneten Verkehr in der weitverzweigten Stadt kannte man kaum. Das Straßenbild wimmelte von Kamelen und Eseln, aber es gab keine Omnibus-Verbindung und relativ wenig Autos. Wenn man sich heute eine Vorstellung von der damaligen Lage machen will, so muß man in diejenigen alten Viertel gehen, die sich in dem Jahrzehnt nur wenig geändert haben. Ihre Seitenwege sind heute noch ebenso abschüssig und spitzig, voller Staub im Sommer und von Schmutz bedeckt im Winter. Aber an den Außenrändern dieser Gegenden wartet auch heute der Autobus, der die Verbindung mit dem Stadtzentrum herstellt, und mitten durch die verwinkelten Gassen läuft die glatt asphaltierte und gut gepflegte Straße, das Zeichen einer neuen Aera. Vom Zentrum der Stadt auslaufend ist jetzt die Hauptstadt von einem ganzen Netz von Asphaltwegen durchzogen, die weit hinaus in die Außenviertel greifen, breit und übersichtlich angelegt sind und von einer Fülle von Omnibussen lind Privatwagen befahren werden. Sie sind gut gepflegt lind haben — außer in den großen Bauzentren — nichts mehr von jenen Staubwolken, die Atmen und Sehen so sehr erschwerten. Der Wegebau ist keineswegs beendet, es liegen neue Pläne vor, die von Regierung und Stadtverwaltung bearbeitet werden. Die so mannigfaltige und weitläufige Stadt wird durch diese wachsenden Verkehrsadern aufgeschlossen und zugleich zusammengezogen, sie verbindet sich in ihren Gliedern, wird übersichtlich lind erst wahrhaft zu einem städtischen Gebilde. Die größten Unebenheiten werden ausgeglichen, gefährliche Ecken abgerundet, alte Verkehrshindernisse, wie z. B. der berühmte Uhrturm an der alten Tost, entfernt. Wenn jetzt noch der Plan ausgcfiihrt werden sollte, den vielen neuen Straßen Bürgersteige zu gehen, so erhält Jerusalem den echten Anstrich einer normalen Stadt. Wasser Ein Wasserhahn auf einem öffentlichen Platze. Vor ihm eine lange Schlange von Wartenden, jeder mit zwei großen Petroleumgcfäßen, die als Wasserbehälter verwendet werden. Die meisten stehen hier von Morgengrauen an, Stunden und Stunden hindurch, bis die öffentliche Wasserausgabe beginnt, um ihren kargen Anteil am Wasser zu ergattern. Bekommen sie ihn nicht, so droht Durst, denn man hat nicht nur kein Wasser zum Reinigen und zum Waschen — in den armen Kreisen Jerusalems im Sommer ein großer Luxus — sondern manchmal auch nicht zum Trinken. Dieses ״Anstehen“ um Wasser war früher in regenarmen Jahren, wenn die Zisternen nicht reichlich gefüllt waren, eine tägliche Erscheinung. Der Wasserträger gehörte zu den üblichen Figuren Jerusalems, er schleppte die kostbare Flüssigkeit auf den Schultern heran, um sie in einem großen Tongefäße vor der Haustür zu speichern. Wasserleitungen waren auch in reichen Häusern eine Seltenheit. Man hatte eine Zisterne, aus der man das Wasser schöpfte oder, wenn es gut ging, eine Pumpe an der Grube, mit der man täglich die nötige Menge ins Haus leitete. Heute hat sich auch in dieser Beziehung sehr viel gcändert. Zwar ist die radikale Lösung der Wasserversorgung immer noch im Werden, Die neue Wasserleitung, die vom Jarkon her die Hauptstadt versorgen soll, ist erst im Bau; ihre großen Röhrenleitungen laufen durch die Ebene Schfelah, klettern die judäischcn Berge hinan, münden in die vier großen Pumpwerke, die das Wasser den Berg hinaufheben sollen. Die Arbeit geht langsam, sic zieht sich bereits Jahre hin, auch dieser Sommer wird für die Hauptstadt die übliche Wassernot bringen und erst im Winter verspricht die Regierung die Vollendung des lebenswichtigen Werkes. Danach wird eines der größten zivilisatorischen Probleme der Hauptstadt sich lösen. Wasser bedeutet größere Bequemlichkeit, Antrieb für Gewerbe und Fremdenverkehr, erleichterte Lebensbedingungen. Ls wird noch darauf an■ kommen, dieses neue Wasser so billig zu gestalten, daß es für alle Kreise der Bevölkerung in größerem Umfange zugänglich wird. Teures Wasser ist für die ärmsten Schichten, die cs am nötigsten haben, ebenso schlimm wie gar kein Wasser. Das muß man der Regierung und den Verwaltern Jerusalems immer wieder klarmachen. Obwohl also erst im nächsten Sommer das Wasser nach Jerusalem fließen wird, haben die letzten Jahre auch in der Wasserversorgung eine wahre Revolution gebracht. Keine Zisternen mehr in den modernen Häusern, keine Pumpen und kein Wasserträger. Moderne Badezimmer, Wasserleitung, die von den Tanks auf dem Dach gespeist wird, jenen runden Behältern, die jedes moderne Dach in Jerusalem krönen. Freilich!null man auch hier sparen, die Tanks werden nur spärlich atifgefüllt, aber der Unterschied im Komfort kann Schilder an einem modernen Haus in Jerusalem. ׳ fm סגולר y1«w 1 D״AR0HSAR01M' Foto: Gidal nicht stark genug betont werden und viele der Bewohner des ״neuesten Jerusalem“, die über Wasserknappheit klagen, haben keine Vorstellung davon, daß eine solche Wasserknappheit, wie sie heute in den Vierteln der Reichen besteht, vor einem halben Jahrzehnt als ein paradiesischer Zustand angesehen worden wäre. In den Armenvierteln sieht es auch heute noch böse aus. Hier schöpft man nocli aus den Zi- Sternen, trägt das Wasser in Blechen und Ziegenschläuchen, spart und sorgt sich, bis — vielleicht — die große Leitung auch hier Erlösung bringen wird. Handel Auch nach Jerusalem ist der Geist des modernen Handels gelangt. Er bat eine der neuen schön asphaltierten Straßen im Zentrum der Stadt an sich gezogen und eine Reihe von ebenso eleganten wie vornehmen Geschäftsräumen geschaffen, die mit ihren sorgfältig dekorierten Auslagen an europäische Großstädte erinnern. Es sind zu einem guten Teil dieselben Firmen, die in Tel-Awiw die Nachlath Benjamin und Allenby, in Haifa das neue Handelszentrum versorgen. Aber entsprechend dein besonderen Charakter der Stadt tragen sie in Jerusalem ein besonders gewähltes anspruchsvolles und gewichtiges (iepräge. Sie stellen sich auf den Charakter dieser Stadt ein, die international ist, die ihren To,1 bekommt von dem Beamtentum der veschiedeiien Bevölkerungskreise, ihrer Neigung zu Haltung und Qualität, die einen leichten Zug ins Snobistische mitbekommt. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man in einer Entfermmg von zehn Minuten von diesen Läden voll der moderiisten Waren die alten Bazare findet mit ihren Matten aus Huteh, ihren rauhen Teppichen aus dem Nedjed, ihren bunten Gläsern aus Hebron -. freilich auch ihrem Massenschmuck aus Gablonz und ihren Damas/enerwaren aus Oesterreich. Ost liegt liier sehr nah neben West, aber der Westen macht im neuesten Jerusalem Riesenfortschritte, er bringt seinen Geschmack, seine Lokale, seine Geschäfte, seine Wege, seinen Konifort. Derselbe Westen, der sich in Haifa FIN IVFITFR ^TADTTFIf B JL X- X .WL*d %J mL-jA M JL / ». JL4^ JL .B. -B. JL-j »*־w .isäwSa Das IM Ul zeigt einen i'eU der Jerusalemer Avusludi, das neue süd.t e-i/itAe I ierlel Jerusalems mit der Haupt reruchrssi rafHt St. Julian’s Wag, die zu dem Gebäude der Y.M.C.A. (mit dem Turm) hinauf führt. Links oben das King David-Ilolel. Foto : Herbert Sonnenfeld