Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 16. VIII. 1935 Brief aus der Schweiz Die Revisionistenkcmferenz Die Revisionisten haben die Konferenz ihrer ״Neuen Zionistischen Organisation“ für den 7, September nach Wien cinherufen. Anläßlich der bevorstehenden (muidungsversammhing veröffentlicht die Leitung einen Programmentwurf, worin als das Ziel der NZO. folgendes proklamiert wird: ,J)a•• Ziel dr> ZionMnii-. is die vnlUiiimligc Hefreiung der Juden dünn I.JjUidiuriifig der Dia-'pura. indem Palästina zu beiden Sehen dt־> Jordan ein jiidi-clu■!• Sinnt mit jüdischer Majorität.-;• bevdii.i um:; wird, wohin .die Juden, die es wünschen, repatriiert werden. Dieses Ziel sieh׳ in vollem F.inklnng mit den Postulatru der Gerechtigkeit und der Humanität, dient den ideellen und akujillert IfiU'ie-o-n aller Nationen, einschlieblich Großbritanniens ah Mamla!ann.u'ic. taad die auihaebu Gemeiüschüt? im Ganzen näht an, ja bh'et den Aralarn Fulrtjinaa selbst beispiellose Vneo.de. Die Vorbedingung zur Erreichung des zionistischen Ziels k>t eine waiueml dt. r Dauer des NiandaUadmiijhtratioii zu übende S!.1:1׳ •publik, welche eine jüdbehe Kolonisation im West- und t K1 joid.anlr.md durch eine entknochende H uU*nges,‘t/gcUu1ig, duich Schutz der Produktion dt1 ,־ ntrulrs, dmcii hud^etitre. der jiidi- .-du u düemii'hcn Steuer 1* i■>»ung an!M־pahn' /,i1m!u1"w und durch Frieden und *')rdnunp. die kiaM Mit w ii kung jmlisidier K'ui! iitgunk• gesichert werden, weitgehend ionkit. Vor allen Dingen inuti die i'duw;!!.dt 1 un-j 11 <־ i ןןך>י. im,( >Jn!;u die jn di-.eiten Kö1|H:rsd1aften die \'ei an'w oi t ung iur die u i n •ehal f li« he Sicherung der neuen Siedler iihcMiehmen; tu!ncr muß indw?s0!1deie die nadirliche L'elxrluhnmg der Touihnn /u pioduktiveu Siedlern ennutigt werden.“ Im w eiteren Verlauf des sehr umfangreichen Programms wird daun auch die Wirtschaftspolitik der ״Neuen Zionistischen Organisation“ »largeiegt, deren Grundsatz vor allem der ist, dal! nicht das öffentliche, sondern das Privat- Sachgemäße und schleunige Durchführung Ihrer AUSWANDERUNG Spec. Palästina Amtsger.-Rat a. D. Dr. Aschnar Oberreg.-Rat a. 0. R. Kampnep Berlin W IS, MeinekestraBa 9 / Telefon: J 1 B'ttnerck 2858 nobtn dem Palästina - Amt i 9\t bi» 13 Uhr und 16 U> bis 19 Uhr kapital der Hauptfaktor im Aufbau des Judenstaates sein müsse. Die Neue Zionistische Organisation wird auch ihre eigene Arbeiterorganisation und ihren eigenen Fonds haben. 1111 politischen Teil des Programms wird die Politik der Matulatarmacht kritisiert. In diesem Teil heißt 11. a . water: Ja• \/< >. (I״ n eruuhung dar. das irn Ra .iäbt!na-Mandnt *■ I V. A ' v .Kd.־. Vale a! 1 V •ii en neu: 'ü aR ein :u U’ulteinheit!11 i’ , -»•׳-• ,׳..־ rt־־- smiirv-uu, in!' pari.umi Hare-hur Ver* saiu: > 1‘ זני J Ruu:-•; 1ü1fj <li, j<:U.״Ls uiiH-r Kha a oder Partei ad.u ■ 0;■ N/rt ), u'ipl d1< an/a)h AiiukciiiiUi Ufr tüs utkilt״ lu Kulju:! -I :,i'1 wihmgL n, ii ic e. a. bereinigt ist, Zwangsluuu.p; <; U/UM׳.HV־n ui iS! UvLN<■׳ \ . :i;un<l und den einzelnen Rcgi< ■!unie n;1 .kLaUineee V t־rirrt ,tin^N 11 ui ü/UM-1zun." Die ,,Neue Zionistische Organisation“ baut sich bekanntlieh auf einer Mitgliederorganisation auf, die von dem Mitglted nichts weiter verlangt, als ein ״Glaubensbekenntnis“. In der heutigen schweren Lage des jüdischen Volkes in der Diaspora sollen die jüdischen Massen durch prunkende Worte, in denen maximale Ziele dargestellt werden, eingefangen werden, pal! es sich in Wahrheit tim einen Versuch handelt, die Zionistische Organisation, b/w, die Jewislt Agency, die als offiziell anerkannte Instanz die Judenheit beim Aufbau des Nationalheims vertritt und alle die schweren Mühen und Sorgen, einschließlich der nur durch öffentliche Mittel zu bestreitenden Lasten, auf sich nimmt, zu stören, im jüdisehen Volk einen neuen Partei kam pf und Prestige- Kampf zu entfachen, wird natürlich nicht gesagt. Man muß hoffen, daß das jüdische Volk genug Realitätssinn haben wird, um dieses frevlcrisehe Spiel nicht zu unterstützen. Um die Sejmwahlen Im Zusammenhang mit der Nominierung des jüdischen Kandidaten Iur den Wahlkreis Lemberg ist in der Leitung der Zionistischen f andevorganisation für Ostgalizicn ein Ki.mtlikt ausgcbroclicii, der 11.1 zu führte, daß der bisherige Vi/׳. pr.'t-LK nt de, Klubder Jüdischen Sejm-Abgeordneten, Dr. kosmarin, -eine '■amtlichen Funktionen niederlegte. I ■1'er dem \ or.-itz von Dr. •Schrei b e r fand in Lemberg ont Sitzung des zionistischen Parteirats für Ostgali/icn statt, hei der I )r. S!>!11 m e r s t e i n als zionistischer Kandidat für 1 (111 Leig Lei den Sejm-Wahlen bestimmt wurde. Auf (iiuml der neuen Wahlordnung zum polnischen Sejm 111:11 Senat wird die poln!stIn׳ Judenheit im Parlament nur seeh•׳; Vertrete r haben. Von diesen sechs Sejm-Mandattii wer.U 11 den Zionisten voraussichtlich 3, den Agudisten 2 und den jiuli-s h.ett Wirtschaftsorganisationen eines zufallen. Das Zionistische Zentralkomitee für Kongreßpolen teilt mit, daß es beschlossen habe, sich an den bevorstehenden Wahlen /um p_0 in 1 s c 11 e n S e j m n i c h t zu b e t e i - li gcn, da die umie Wahlordnung die Wahl unabhängiger jüdischer Verticier sieh! ermögliche. Irin gleichartiger Beschluß wurde auch \<>n dem I'urteirat 11er Poale Zion gefaßt. Die Leitung der M i s r ,1 c 11 i - <) r g a n i s a t i o n Polens hat auf einer in Kiakau ahgehaltenei! Beratung beschlossen, an den _ Wahlen zum polnischen Sejm t e i 1 /. u n e h m e n. Lin gleichartiger Beschluß wurde in Warschau von der Gruppe B der Allgemeinen Zionisten (Et 11 Libnoth) 'gefaßt. Biahk-Lieder Samuel Ai man ist der Komponist von sieben stimmungsvollen Gedichten Bialiks. Er zeigt sich in diesen Liedern nicht nur als erfindungsreicher Melodiker und I lai moniker, sondern er hat eine scharfe eigene Physiognomik. Jedes Lied hat klaren und typischen Aufbau. Besonders hübsch, wie z. B. למנצח על המחוליח rezitatorisch im ״Andante scherzando“ beginnt, dann bei יש אל גשמים 'TT* in einem wiegenden Rhythmus übergeht, der mit wachsendem Crescendo und Ansteigen der Singstimme in scharf rhythmisierte Drehiertel mundet. Auf dem Höhepunkt des Crescendo setzt nach einer Fermate ein Zweivicrtel-Allegro mit 4cm Refrain ספים וחפים ein. Dieses Lied gehört zu den gelungensten. Neben einigen etwas monotonen sei noch das originelle מנהג חדש und das reiche איך hervorgehoben. Im letzteren ist besonders apart die der Singstimme im begleitenden Klavier entgegengesetzte Melodie — ein von Alman auch an anderer Stelle angewandtes Kunstmittei. Mari merkt dem Komponisten an, wie sehr er mit der altjüdischen Melodik verwurzelt ist. In ihrer leicht faßlichen Melodik werden die Lieder für Säuger wie Hörer eine wirksame und lohnende Bereicherung sein. Gleichzeitig ließ S, Alman noch drei Lieder nach Texten von Z. Scheinur erscheinen. Von ihnen erinnertאת פל ל3ה etwas an den Ton des östlichen Volkslieds, ebenso גלים• Zürich, im Juli Bei einem gelegentlichen Aufenthalt in ik'r Schweiz fällt das Verhältnis der Schweizer Bevölkerung zu den dort einheimischen Juden auf. Drei Elemente sind cs vor allem, die das Zusammenleben in vorteilhaftestem Sinne begünstigen: die geringe Zahl der Juden, ihr menschlich besonders kluges Verhalten und ihre berufliche Selbstlrschränkung. Die zwölfhundert jüdischen Familien machen kaum (4״» der Bevölkerung aus. Die Art ihrer Herkunft hat sic außerordentlich stark assimiliert. Die ältesten Schweizer Juden stammen aus den Aargaucr Gemeinden, namentlich aus End in gen und Lengenau und ginge״ von dort nach der Emanzipation in die Städte, eine große Anzahl Einwanderer, die noch hinzustießen, kamen aus dem artverwandten Elsaß und Süddeutschland. Soweit Ostjuden in der Schweiz leben, macht sich das gerade hier sprachlich weniger bemerkbar als anderswo, als ja der Schwy/er Dialekt mit seinen reichlich rauhen Kehltönen und das Jiddische sich in der mittelhochdeutschen Vergangenheit noch heute deutlich treffen. Nach außen hin haben die Juden in der Schweiz immer eine besondere Zurückhaltung bewahrt und die Reserviertheit und Distanzhaltung des Schweizers rasch als eigen angenommen. Dazu kam, daß die kaufmännischen Berufe sie roll aufnahmen und der akademische Prozentsatz, normal blieb. Man kann sogar sagen, daß sich keine besonders auffallende geistige Produktivität entwickelte. Ein jüdischer Name in der Presse, wie der des verstorbenen Ludwig■ Bauer, ist geradezu eine Seltenheit. Ein paar berühmte Advokaten, ein paar bekannte Richter, Mediziner und Gelehrte, das ist fast alles ״Prominente“ in diesen friedlich dahinlebeiwlen jüdischen Gemeinden, deren Beziehungen zur Kunst hauptsächlich im Mäzenatentum bestehen. IN ALLER KÜRZE in London soll demnächst eine Beratung stattfinden, an der die englischen Hochkommissäre für Palästina, Aegypten, Bagdad und Dschidda teilnehmen werden. Es scheint sich hier um eine Art strategischer Beratung zu handeln, die mit der Weltlage im Vorderen Orient und insbesondere in der Umgebung des Roten Meeres zusammenhängt. Wie aus dem Halbjahresbericht der Gesellschaft für Ein- Wandererfürsorge ״Hias“ hervorgeht, sind vom 1. Januar bis zum 1. Mai 1935 3222 Juden in die Vereinigten Staateil cingewan.dcrt. Von diesen wurden 1815 Personen als reguläre Immigranten und 1407 als Nicht-Innnigranten registriert. 759 Personen waren teils direkt aus Deutschland, teils aus Ländern, in die sie sich von Deutschland aus begeben hatten, gekommen. Das offizielle Organ der von dem früheren rumänischen NAinistcrpräsidcnten Alexander Vaida Voevod geführten Bewegung zur Einführung des sogenannten ״Numerus valachicus“, der sich gegen alle nationalen Minderheiten in Rumänien, insbesondere aber gegen die Juden richten soll, die Zeitung ״Front«! romanesc“, h at das Erscheinen eingestellt. Es gilt als gewiß, dal! Vaida Voevod selbst für einige Zeit v-on der poljpsehen Bühne abtreten wird. In Bad Carmen Sy Iva (Rumänien) hat eine Polizei- und Ciendarmerieabtcilung ein Lager der national-christlichen Jugend (Vereinigte Cuza- und Goga-Partei) aufgelöst, weil die Insassen die jüdischen Gäste belästigten. Das hauptsächlich von Juden bewohnte Städtchen Sztszcrzew (Polen), 15 km von Lask entfernt, ist fast völlig abgebrannt. 105 Häuser, darunter 90 jüdische, wurden vernichtet. Fast 300 jüdische Familien blieben ohne Obdach. Der Schaden wird auf mehr als eine Million Zloty geschätzt. Die Weltunion der Revisionisten hat dem eng-!!scheu Minister für die Kolonien, Malcolm MacDonakl, und dem High Coininlssioner für Palästina, Sir Arthur Wauchope, ein ausführliches Memorandum übersandt, in dem der Belinruhigung über die offensichtlich erneuten Bemühungen, die Einsetzung eines Legislative Council in Palästina zu beschleunigen, Ausdruck gegeben wird. Das Zentralkomitee der Agudas Jisroel in Polen hat eine Erklärung betreffend die Beziehungen zur ״Neuen Zionistischen Organisation“ (Revisionisten) veröffentlicht, ln dieser Erklärung werden die orthodoxen Juden vor dem Beitritt zur NZO. gewarnt. Wer als Mitglied oder Freund der Agtida, heißt es in dem Aufruf, der NZO. beit ritt, schließe sich seihst aus den Reihen der Agudas Jisroel aus. Der in Brüssel abgehaltene 18. Weltkongreß der Tierscliutzvereine hat einstimmig beschlossen, den Regierungen aller Länder das Verbot der rituellen Schacht11 ״g zu empfehlen. Der bekannte polnische Lyriker und Dramatiker Julian T uw im, Direktor des polnischen Theaters in Warschau, der Jude ist, ist zu einem Besuch nach Palästina abgereist W eltkonf er extz des Haschomer Hazair Prag, 12. August. (JTA.) In Poprad, Slowakei, wurde am Abend des 10. August die IV. Wcltkonfcrenz des Haschoiner Hazair in Anwesenheit von etwa 1000 Delegierten und Gästen aus den verschiedensten Teilen der Welt eröffnet. Fs waren Delegierte aus Polen, Litauen, der Tschechoslowakei, Rumänien, Ungarn, Oesterreich, Jugoslawien, Bulgarien, Aegypten, Belgien, Frankreich und anderen Ländern erschicnen. Besonders groß ist die Delegation aus Palästina. Die Delegierten aus Amerika haben ihr etwas späteres Eintreffen telegraphisch angekündigt. Insgesamt sind 22 Landes- Organisationen auf der Weitkonferenz vertreten. Nach einem eindrucksvollen Aufmarsch jüdischer Jugendlicher durch die Stadt wurde die Konferenz von Meir Jaari eröffnet. Die Konferenz habe drei Fragen zu beantworten: Was ist der erzieherische Weg■ de« Haschomer Hazair? Welches ist die Entwicklung seines kibbuzischen Werkes? Was sind seine Aufgaben innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft? (Haschomer Hazair, der größte zionistische Jugendbund der Welt, Ist hauptsächlich in Osteuropa vertreten, hat aber auch massenhaft Anhänger im Westen und in Uebersee. Er war ursprünglich eine Pfadfinderbewegung mit stark hebraistiseher und radikal zionistischer Tendenz. Nach dem Kriege wurde sein Bundesziel die korporative Uebersicdlung nach Palästina entsprechend der Chaluz-Idee und die Heranbildung eines Nachwuchses für die palästinensische Arbeiterschaft. Seinen ersten Kibbuz — Kollektivsiedlung — gründete der Haschomer Hazair in Beth Alpha im Emek Jesrce], weitere Kibbuzim folgten. Die Zahl der Schomriin betriet heute mehr ־als 70 000.) Der Antisemitismus, in letzter Zeit namentlich in der ״Frontenbewegung“ verkörpert, vermochte es trotzdem im ersten Anhieb, gewisse Befürchtungen in der Schweizer Judenschaft zu erwecken. Man kann sagen, daß dieser Zustand der Beunruhigung bereits überwunden ist. Der ״Frontismus“ ist stationär geblieben und hat über seine Anfangserfolge hinaus vorläufig keine weiteren Fortschritte gemacht, ln der Westschweiz etwa und im Kanton Basel konnte er überhaupt keinen Boden fassen, seine Erfolge in den Kantonen Zürich, Aargau und Schaffhausen sind deutlich im Verblassen. Ucber Abwehrschrilten wie die von Kundert und Rusch wurde seinerzeit an dieser Stelle berichtet. Die aus der Vergangenheit und der Drei-Stanmies-Situation des Schweizer Zusammenlebens überlieferte Mentalität prinzipieller völkischer und rassischer Gleichberechtigung ist, verbunden mit einem starken religiösen Gefühl, für den Durchschnitts-Schweizer nach wie vor maßgebend. Auch wurde sie durch keine großen Immigrationen aus andern Ländern auf die Probe gestellt. Es ist bezeichnend, daß zum Beispiel von der Auswanderung aus Deutschland der letzten Jahre nach der letzten Ziffer genau 190 Personen auf Schweizer Gebiet blieben. Aber Gleichberechtigung und Wohlbefinden haben das Schweizer Judentum nicht zu einer bedenkenlosen Assimilation 4 tout prix veranlaßt. Die zionistische Bewegung nimmt einen großen Platz im Schweizer jüdischen Gesellschaft!* leben ein und erfaßt mit Zeitungen, Vereinen und Vorträgen einen großen Teil der Schweizer Juden. Eine aktive Gegen- Bewegung gibt es nicht. Gewisse Ablehnung in älteren Kreisen äußert sich mehr in einer Art passiver Resistenz. Wer sich für die ״Geschichte der Schweizer Juden“ interessiert, findet alles Nähere in der gleichnamigen Broschüre des Genfer Professors Paul Guggenhcimm. p Erziehung zum Hören! ״Sic haben Ohren und hören nicht״ Wer sehr bewußt und eingehend seit 1933 —- und auch darüber hinaus — die Psychologie des jüdischen Publikums ständig zu studieren in der Lage ist, weiß, daß in der Frage •des ״Hörens“, so gering sie auf den ersten Anschein auch dünken möge, tatsächlich einer der wichtigsten Ansatzpunkte zu einer Neuformung des jüdischen Mensehen liegt. Es bedarf wohl keiner näheren Ausführung darüber, daß an der Art, wie Viele Vorträge und auch politische Dinge entgegenzuuehmen pflegen, außerordentlich viel und Schwerwiegendes auszusetzen ist. Es ist eine Erfahrung, die man immer bei jüdischen Veranstaltungen machen kann, daß bei sehr vielen die Lautstärke in höheren» Kurse steht als der Inhalt, und daß in dieser oberflächlichen Art des Aufnehmcns nicht nur eine Mißachtung des Redners, sondern auch die Quelle zahlreicher Mißvcrständnisse liegt. Wir wissen, daß diese Tatsachen das Produkt einer Entwicklung sind. Die letzten Jahrzehnte sind so überreich an Diskussionen gewesen, daß es psychologisch vetständlicli wird, wenn eine innere Abkehr von der gegenseitigen Auseinandersetzung erfolgt ist. Mit dem Aus-der-Mode-komm er. der Diskussion ist aber zugleich eine Verminderung der Abnahmebereitschaft verbunden. Hinzu kommt noch die Ucbersättigung des jüdischen Publikums mit Veranstaltungen aller Art, die ebenfalls zu der Verminderung der Aufnahmebereitschaft und zugleich zu einer Entwertung des Dargebotenen geführt hat. Sobald es sich um subtilere Dinge handelt, u!u Belehrungen, Analysen und Probleme, ist es eine große Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit zu finden, die die Voraussetzung zu einer fruchtbaren Diskussion wäre. Wir glauben, daß hier eine Aufgabe für die jüdis che Schule liegt. Das echte Zuhören, das eine Art Selbstentäußerung ist, indem der Hörer sich ganz in den Gedanketigang eines anderen Menschen hmcinzuversetzea sucht, ist ja nicht angeboren. Man muß es lernen. Zahlreiche Erfahrungen zeigen, daß es gerade bei der jüdischen Jugend eine dringende Notwendigkeit wäre, eine solche Erziehung durchzuführen. Dies könnte z. B. geschehen durch die regelmäßige gemeinsame Anhörung eines Vortrages oder vielleicht einer Predigt und eine darauf folgende schriftliche oder mündliche eingehende Wiedergabe des Inhaltes. Dach würde es die Aufgabe der pädagogisch Erfahrenen sein, hier die rechten Wege zu finden. Wir sind überzeugt, daß eine solche konsequente Er• ziehung ,eine weittragende Bedeutung haben könnte. Sk würde vor allen! auch der großen Gefahr entgegenwirken, die uns mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten 1111• ren bedroht: der Gefahr der Verflachung unseres geistigen Lebens, für die bereits jetzt zahlreiche Symptome vorhanden sind. Die Tatsache der Unaufmerksamkeit oder des Nichthörenköiuiens ist auch eine Gefahr für den Redner, der leicht in die Versuchung geraten kann, das Niveau seiner Ausführungen noch mehr als notwendig licrabzuschraubcn. Es ist gewiß kein Zufall, daß Hören und Gehorchen sprachlich die gleiche Wurzel haben. Ein Judentum, das zum echten Hören erzogen wäre, würde auch rascher zum Begriff der Autorität zurückfinden. Der Individualismus, der sich ja gerade iin Nichthörenwollen manifestiert, und der den Menschen sich selbst genug sein laßt, verhindert die Anerkennung und Unterordnung unter eine Autorität. Wir können uns aber den jüdischen Menschen der Zukunft nicht mehr als den Individualisten von gestern und vorgestern vorstellcn, sondern er muß, wenn er den neuen Aufgaben dieser Zeit gerecht werden will, einer sein, der auf sich zugunsten der Gemeinschaft verzichten kann. Das wird aber nur der können, der es gelernt hat, hinzuhören, in sich aufzunehmen, in sich zu verarbeiten, in sich eine Weltanschauung reifen zu lassen — nicht aber, der nur das Ergebnis will und sich um den mühsamen Weg zum Ergebnis nicht kümmert. Die für die Gestaltung des jüdischen Unterrichts ver* antwortlichen Stellen sollten diese Anregung ernstlich rtriifen und zu verwirklichen suchen. Es geht u!m die Schaffung jenes neuen Menschentyps, der allein der Träger unserer Zukunft sein kann, der weniger um das Aeußere als um das Innere besorgt ist, der weniger redet und mehr lernt. Dr. Gerhardt N e 11 in a n n Die ״Hitachduth Ol ei Germania“ widmet die letzte Nummer ihrer Zeitschrift der Frage der Förderung der industriellen Landesproduktion (Tozeret Haarcz). In einer Reihe von sachkundigen und interessanten Aufsätzen wird (largelegt, was die Industrie Palästinas heute schon leisten kann, wie sehr sich die Qualität ständig verbessert und welche Vorteile es für das Land mit sich bringt, wenn an Stelle von importierten Waren Landes- Produkte verbraucht werden.